Das hinduistische Regime in Indien schürt kommunalen Hass gegen Muslims

Von Keith Jones
5. Oktober 2001

Die in Indien regierende Nationale Demokratische Allianz (NDA) hatte es sehr eilig, ihre Bereitschaft zu erklären, einer von den USA geführten Koalition gegen den globalen Terrorismus beizutreten.

Die Mehrheit der indischen politischen Elite war geradezu euphorisch, denn sie betrachteten die durch die Terroranschläge ausgelöste Krise als zweifache Chance für Indien. Sie glaubten, Indien könne, indem es den USA sofort zu Hilfe eilte und einen Schlag gegen den islamischen Fundamentalismus befürwortete, eine neue "strategische Partnerschaft" zwischen Indien und den USA festigen und gleichzeitig seinen langjährigen Rivalen Pakistan als "terroristischen Staat" stigmatisieren. Einige Vertreter der Bharatiya Janata Party (BJP) - der rechten hindu-chauvinistischen Partei, die die regierende Nationale Demokratische Allianz anführt - sprachen in privaten Kreisen von der Herausbildung einer amerikanisch-indisch-israelischen Achse gegen den "islamischen Terrorismus".

Seitdem ist die Stimmung jedoch drastisch umgeschlagen. Als die USA ihre Absicht signalisierten, bei der Durchführung einer Militäraktion gegen Afghanistan mit der pakistanischen Regierung zusammenzuarbeiten, machten sich in Neu-Delhi Besorgnis und Bestürzung breit. Der parteilose Parlamentsabgeordnete und außenpolitische Experte Kuldip Nayar meinte: "Indien hat den Verdacht, dass sich zwischen Pakistan und den USA hinter den Kulissen einiges abspielt, und dass die Regierung in Islamabad daraus einen Gewinn schlagen könnte, der nicht im Einklang mit den Interessen Indiens steht."

Laut Presseberichten haben der indische Premierminister Atal Vajpayee, Außenminister Jaswant Singh und Innenminister L.K. Advani die Kabinettssitzung am Dienstag im Wesentlichen damit verbracht, die Zusicherungen der USA, dass Washington noch keine Vereinbarungen mit der Militärregierung in Pakistan getroffen habe, wiederzugeben. Sie berichteten den aufgeregten Kabinettskollegen, dass führende Vertreter der US-Regierung die Behauptung von CNN, die USA habe drei Bedingungen Pakistans anerkannt (US-Vermittlung im Kashmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan, Ausschluss Indiens und Israels aus der von den USA geführten Koalition und ein finanzielles Hilfspaket), kategorisch zurückgewiesen hätten.

Dennoch konnten laut Berichten des Hindu auch nach Beendigung der Sitzung "viele Kabinettminister ein ungutes Gefühl nicht loswerden, da die USA anscheinend einfach darüber hinwegsahen, dass Pakistan in der Vergangenheit den Terrorismus unterstützt und gefördert hatte" - eine Anspielung auf die engen Beziehungen, die Pakistan zu den Taliban unterhält, und auf ihre Unterstützung antiindischer Guerillas in Kaschmir.

Kurz vor der Kabinettssitzung hat ein langjähriger Führer der Samata Party (eine der kleinen Parteien in der Nationalen Demokratischen Allianz) die Regierung scharf dafür kritisiert, dass sie der amerikanischen Regierung nicht geraten hatte "sich das Regime in Islamabad vorzunehmen". Der Sprecher der Partei meinte weiter: "Pakistan und Afghanistan sind Zwillingsbrüder, was das Schüren von Terrorismus angeht."

Die Situation für die Regierung wird insbesondere dadurch erschwert, dass sich vor allem in den Reihen der BJP, die etwa zwei Drittel der Abgeordnetensitze kontrolliert, eine plötzliche Entfremdung von den USA breit gemacht hat. In der Vergangenheit war die prokapitalistische und scharf antikommunistische BJP die Partei, die zu den glühendsten Anhängern der USA in Indien zählte. Unter dem Einfluss der BJP hat Indien vor kurzem die Raketenabwehrinitiative der USA unterstützt

Aber auch antipakistanischer und antimuslimischer Chauvinismus sind Elemente des Nährbodens, auf dem die BJP entstanden ist. Die große Mehrheit der Parteiführer, darunter auch Premierminister Vajpayee und Innenminister Advani, sind schon ihr Leben lang Mitglieder der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), einer faschistischen Milizorganisation, die Indien als Hindu-Nation betrachtet und fordert, dass Inder anderer Glaubensrichtungen die Vorherrschaft der Hindus akzeptieren.

"Leider sind die von den USA abgegebenen Erklärungen Ausdruck einer Haltung, die sich inzwischen nur noch darauf beschränkt, Osama bin Laden aufzuspüren", beklagte sich der Generalsekretär der BJP, Narendra Modi. "Sollte das geschehen, wird die internationale Gemeinschaft schlussfolgern, dass die USA die Bedeutung des Terrorismus in seinem ganzen Ausmaß gar nicht begreifen."

Die scharfe Stimmungswende der indischen Regierung ist Ausdruck des Grolls, der sich in den herrschenden Kreisen Indiens breit gemacht hat, weil die USA zur Zeit des Kalten Krieges Pakistan finanziell und militärisch unterstützte und sich noch immer weigert, Indien den gleichen geopolitischen Stellenwert wie China zuzubilligen, obwohl Indien Atommacht ist und fast die gleiche Bevölkerungsgröße aufweist wie China.

Noch grundlegender drückt dieser Stimmungsumschwung Beunruhigung aus angesichts der Erklärung der USA, einen langandauernden Krieg gegen unbekannte Feinde zu führen, die in Ländern lokalisiert sind, die bis auf Afghanistan gar nicht benannt werden können. Man hat den Eindruck, dass die USA die geopolitischen Karten Asiens und des Nahen Ostens hoch in die Luft geworfen hat und keiner, nicht einmal die US-Regierung selbst, weiß, wo sie wieder zu Boden fallen.

Der Eifer und die Bereitschaft der indischen Regierung sich mit den USA zu verbünden kam besonders deutlich zum Ausdruck, als die indische Regierung innerhalb von 72 Stunden nach den Terroranschlägen in New York und Washington mit ihrer jahrzehntelangen Politik brach und Bereitschaft signalisierte, den amerikanische Streitkräften indische Militäreinrichtungen zur Verfügung zu stellen. Vertreter der indischen Regierung lassen nun verlauten, dass die USA gar nicht darum gebeten habe, die Stützpunkte der indischen Luftwaffe und Marine zu benutzen. Und nach dem Drängen der Oppositionsparteien und des russischen Außenministers, den USA keinen Blanko-Scheck auszustellen, hat die indische Regierung der US-Regierung öffentlich von übereiltem Handeln abgeraten.

Innenminister Advani, führender hindu-chauvinistische Hardliner, kennt in seinen gegen Pakistan gerichteten Erklärungen keine derartige Zurückhaltung. Vergangenen Samstag meinte er in einer Rede auf der Jahresausbildungskonferenz für Grenzsicherheitskräfte: "Die Welt kann nicht außer Acht lassen, dass Pakistan und nun die Taliban seit mehr als einem Jahrzehnt den Terrorismus unterstützen. Sie haben all denjenigen, die terroristische Gewalttaten verüben, Schutz und Asyl gewährt."

Die ultrachauvinistischen Anhänger und Verbündeten der BJP fühlen sich durch die jüngsten antipakistanischen Äußerungen der Regierung ermutigt. Die Stadt Hubli in Karnataka wurde von kommunalen Unruhen erschüttert, nachdem Anhänger der Vishwa Hindu Parishad (einem Anhängsel der RSS) mit der Forderung auf die Straße gingen, dass die 130-Millionen-köpfige muslimische Bevölkerung Indiens, sich zwischen Osama bin Laden und "Frieden" "entscheiden solle".

Siehe auch:
Putins Besuch in Indien beleuchtet bedeutende strategische Veränderungen
(8. Dezember 2000)
Indien unterstützt Bushs Raketenabwehrprojekt
( 23. Mai 2001)

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