General Motors wird kurzfristig Tausende Arbeitplätze vernichten

Von Sybille Fuchs
24. Oktober 2001

Mit massivem Druck will der General-Motors-Konzern (GM) angesichts der fortschreitenden weltweiten Rezession das Sanierungsprogramm "Olympia" und den damit verbundenen Arbeitsplatzabbau beschleunigt durchsetzen. Der Autoabsatz geht weltweit zurück und Opel, die deutsche General-Motors-Tochter, wird voraussichtlich in diesem Jahr ähnlich wie im vorigen Jahr Verluste in Höhe von etwa einer Milliarde DM einfahren.

Die bisher genannte Zahl von 3500 bis 4000 Arbeitsplätzen allein in Europa wird wohl erheblich übertroffen, wenn man alle geplanten Maßnahmen zusammennimmt. Darüber hinaus kündigte der Opelvorstand an, dass man einen Einstellungsstop bis 2004 plane und die Arbeitszeit zwischen vier und sechs Tagen flexibilisieren wolle. Außerdem sollten dann bei Bedarf noch Sonderschichten gefahren werden. Auch an weitere Ausgliederungen von Teilen der Produktion ist gedacht, wobei die Arbeiter mit Einbußen bei Löhnen und sozialen Standards rechnen müssen.

Das kanadische Werk in Ste. Therese (Quebec) schließt GM vollständig und entlässt alle 1400 Arbeiter bis zum September nächsten Jahres. In den USA werden in dieser Woche fünf Werke stillgelegt, um die Produktion um ein Sechstel zu kürzen. Davon sind ungefähr 11.850 Beschäftigte betroffen. In GM-Werk in Saragossa in Spanien wird die Produktion des Opel Corsa von 1800 auf 900 Einheiten pro Tag halbiert. In Ellesmere in England wird die Produktion schon in diesem Jahr um mehr als 20.000 Autos gesenkt, im nächsten Jahr sind weitere Einsparungsmaßnahmen geplant. In Eisenach, dem produktivsten Werk in Deutschland, war in der letzten Woche Kurzarbeit angeordnet worden, um die Produktion des Corsa zurückzufahren, dafür soll die Astra-Produktion dort gesteigert werden. Das Werk in Eisenach war erst 1990 mit neustem technologischem Standard aufgebaut worden. Opel konnte dabei auf das dort vorhandene große Reservoir an billigen hochqualifizierten Arbeitskräften zurückgreifen.

Besonders hart betroffen werden die Werke in Antwerpen und in Bochum, in denen kurzfristig jeweils eine ganze Schicht gestrichen und die Fertigung auf eine Produktionslinie mit drei Schichten umgestellt werden soll. Dadurch sollen vor allem die Überkapazitäten in der Astra-Produktion abgebaut, die Effizienz gesteigert und die Kosten gesenkt werden. Aus dem gleichen Grund wurde bereits ein Teil der Fertigung nach Eisenach verlegt. Allein in Bochum werden durch die geplanten Maßnahmen bis Sommer 2002 voraussichtlich rund 1000 Arbeitsplätze wegfallen. Das Bochumer Werk beschäftigt zur Zeit 11.200 Männer und Frauen.

Betriebsräte und Gewerkschaften haben bisher dafür sorgen können, dass jeder Widerstand gegen die Pläne des Konzerns im Keim erstickt wurde oder in wirkungslose Protestaktionen gelenkt werden konnte. Im Sommer war der Bochumer Belegschaft damit gedroht worden, dass eventuell das ganze Werk geschlossen werden könnte. Dieses Gerücht war Teil eines durchsichtigen Manövers zwischen Betriebsrat und Konzernleitung, um vor allem im Bochumer Werk einen Arbeitskampf zu verhindern, der den Konzern empfindlich getroffen hätte. In Bochum wird nicht nur das derzeit am besten verkäufliche Modell Zafira produziert, sondern es werden dort auch wichtige Teile für alle übrigen Werke hergestellt. Daher würde angesichts der weit fortgeschrittenen Internationalisierung ein Streik in Bochum sehr rasch die Produktion in allen europäischen Werken stilllegen.

Der Olympia-Plan war dann im August von den Betriebsräten abgesegnet worden, nachdem sie den Belegschaften als großen Verhandlungserfolg die vage Zusicherung präsentieren konnten, dass kein europäisches Werk geschlossen werden sollte. Auch hatte der Opel-Chef Carl Peter Forster versprochen, dass der Arbeitsplatzabbau "sozialverträglich" durch Vorruhestandsregelungen und Abfindungen stattfinden solle. Aber offensichtlich ist die Konzernleitung in Detroit nicht länger bereit, auf solche Zugeständnisse Rücksicht zu nehmen, und drängt jetzt auf rasche Durchführung des Sanierungsplans.

Vor wenigen Wochen hatten die Betriebsräte von Opel ihr Verhandlungsergebnis mit der Konzernleitung als mühsam errungenen tragfähigen Kompromiss verkauft, durch den sie die drohende Schließung des Bochumer Werks und Massenentlassungen abgewendet hätten. Jetzt gehen sie daran, die Sanierungspläne als Co-Manager an der Seite des Opelvorstands durchzusetzen. Dabei versuchen sie, der Belegschaft weiszumachen, dass dessen Kürzungskonzept im Gegensatz zu den Plänen der Muttergesellschaft das Bessere sei. Sie behaupten, die Arbeitnehmer sähen ein, dass teure Überkapazitäten abgebaut werden müssten, und fordern lediglich ein "Gesamtkonzept" dafür.

Der Bochumer Betriebsratsvorsitzende Peter Jaszczyk bezeichnete die neuesten Ankündigungen von Forster als "gezielte Indiskretion", durch die Druck auf die Belegschaft ausgeübt werden solle. Außerdem werde dadurch deutlich, dass das Olympia-Projekt aus der GM-Zentrale "ferngesteuert" werde. Er ließ ein Flugblatt verteilen, in dem es hieß: "General Motors demontiert Forster". Der Opelvorstandsvorsitzende Forster verdiene das Vertrauen weiter Teile der Belegschaft. Auch der IG-Metall-Bevollmächtigte in NRW Peter Gasse war voll des Lobes über Forster und erklärte, dieser habe auf der Belegschaftsversammlung einen hervorragenden Eindruck gemacht. Als ob es für die Belegschaft einen Unterschied machen würde, ob die Entlassungen aus Detroit oder aus Rüsselsheim angeordnet werden!

Damit nicht genug, macht Jaszczyk den chauvinistischen Vorschlag, die Bochumer Arbeiter zu schonen und dafür die italienischen Arbeiter von Bertoni anzugreifen, die zur Zeit mit der Produktion der Sondermodelle Astra-Coupé und -Cabriolet beschäftigt sind. Diese Politik der Spaltung und des Gegeneinanderausspielens der deutschen Arbeiter gegen ihre Kollegen im Ausland gehört schon länger zu Jaszczyks Instrumentarium. Hatte er doch u. a. damit argumentiert, dass das Bochumer Werk von Kürzungen oder Stillegungen verschont werden solle, da es produktiver sei als das Antwerpener.

Eine Spaltung der Belegschaften bedeutet auch die Vereinbarung für das neue Gemeinschaftsunternehmen von Fiat und Opel, Powertrain. Sie besagt, dass nur die ursprünglich von Opel kommenden Arbeiter ihre bisherigen Sozialleistungen und ihr bisheriges Lohnniveau beibehalten, während die ehemaligen Fiat-Beschäftigten leer ausgehen.

Bei Powertrain werden Motoren und Getrieben entwickelt. Das Unternehmen hat europaweit 16.000 Beschäftigte. Von diesen hatten 1320 früher in Bochum, 1180 in Kaiserslautern und 250 in Rüsselsheim gearbeitet. Nach einem Streik der Opelarbeiter hatte die Konzernleitung, damals noch unter dem früheren Opelchef Robert Hendry, den deutschen Powertrain-Arbeitern eine langfristige Beschäftigungsgarantie und klar umrissene Produktionsumfänge zugesichert.

Wie unsicher derartige - vom Betriebsrat als großer Sieg gefeierte - Zusagen sind, zeigt sich kaum ein Jahr später.

Die Sonderbedingungen sind jetzt nach Ansicht des Opelmanagements nicht mehr zu halten. Damit zeichnet sich ihr Ende ab, auch wenn dementsprechende Vereinbarungen mit den Betriebsräten bisher noch nicht bekannt geworden sind. Forster erklärte jedenfalls bereits im August, dass "auch Auswirkungen auf den Bereich Motoren- und Getriebefertigung" aus heutiger Sicht "nicht ausgeschlossen werden" könnten.

Der Olympia-Plan ist ebenso wie die Gründung des Joint Ventures Powertrain Bestandteil der weltweiten Umstrukturierung der Autoindustrie, die von den multinationalen Konzernen angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden Rezession enorm forciert wird. Infolge der globalisierten Produktion sind während des Booms riesige Überkapazitäten entstanden. Nach neueren Schätzungen aus den Konzernetagen gibt es mindestens 90 Automobilwerke zuviel. In Europa werden von rund 21 Millionen produzierten Autos nur etwa ein Drittel verkauft. Die von den Konzernen geplanten Sanierungskonzepte zur Marktbereinigung werden in allen Werken, einschließlich sämtlicher Zulieferbetriebe, zu Massenentlassungen führen. Gewerkschaften und Betriebsräte haben diesen Plänen nicht nur nichts entgegenzusetzen, sie erweisen sich vielmehr als Hebel, um sie durchzusetzen, wie das Beispiel Opel zeigt.

Siehe auch:
Opel-Arbeiter vor massivem Stellenabbau und Lohnsenkungen in ganz Europa - Teil I - IG Metall und Betriebsräte stimmen dem Restrukturierungsplan "Olympia" zu
(11. September 2001)
Opel-Arbeiter vor massivem Stellenabbau und Lohnsenkungen in ganz Europa - Teil II - Die Rolle des Bochumer Betriebsrats und seines Vorsitzenden Peter Jaszczyk
( 12. September 2001)

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