Amoklauf von Zug erschüttert die Schweiz

Von Peter Schwarz
5. Oktober 2001

Am vergangenen Donnerstag, den 28. September, kurz nach zehn Uhr vormittags drang der 57-jährige Friedrich Leibacher in das Parlament des Schweizer Kantons Zug ein und richtete ein Blutbad an. Von sieben Zuger Regierungsmitgliedern wurden drei getötet, ein weiterer schwerverletzt, von den achtzig Mitgliedern des Kantonsrats elf erschossen und zahlreiche weitere verletzt. Außerdem wurden zwei Journalisten schwer verwundet.

Leibacher betrat das direkt am See gelegene Zuger Regierungsgebäude in einer Armeejacke mit der Aufschrift "Polizei". Er hatte neben einem Sturmgewehr 90 auch eine Pistole SIG-Sauer, eine Remington und einen Revolver Smith & Wesson bei sich. Er lief die Treppe zum Kantonsratssaal hoch und rief "Achtung Polizeieinsatz". Dann schoss er auf drei Personen, die vor dem Saal standen, drang in den Saal ein und schoss etwa vier Minuten auf die Parlamentarier, Regierungsmitglieder und anwesenden Journalisten, die er zugleich beschimpfte. Insgesamt gab er über 90 Schüsse ab.

In seinem Wagen hinterließ er einen Bekennerbrief mit dem Titel "Tag des Zornes für die Zuger Mafia". Der Abschiedsbrief enthält wilde Vorwürfe gegen die Behörden. Die "gesamte Zuger Justizmafia" wird darin beschuldigt, sie bekämpfe Leibacher mit "illegalen und kriminellen Mitteln".

Ein überlebender 65-jährige Journalist der Zuger Presse berichtete: "Der Täter war wie ein Polizist gekleidet, meistens sah ich aber nur seine Stiefel. Zuerst richtete er sich auf die andere Saalseite. Danach aber kam er schiessend zurück und stieg aufs leicht erhöhte Regierungspodest. Dort schoss er auf die Regierungsräte und auf den Kantonsratspräsidenten. Vielleicht hat er einige schon beim Eintreten in den Saal tödlich getroffen. Noch vom Podest aus rief er zu uns Journalisten, er werde auch uns, die wir nie berichteten, wie es wirklich ist,,fertig machen'. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte."

Schließlich verließ Leibacher den Saal, kehrte aber zurück, um einen Sprengkörper hineinzuschleudern. Anschließend erschoss er sich den Berichten zufolge auf dem Flur.

Bei dem Amokschützen von Zug handelte es sich offenbar um einen Waffennarr und kleinkriminellen Psychopathen. Leibacher war 1944 im Kanton Zug geboren worden und zog in den vergangenen 30 Jahren in einem unsteten Leben rund um die Welt. Zeitweilig arbeitete er als kaufmännischer Angestellter in Zürich, wo er seit einigen Monaten eine Invalidenrente bezog.

Die Auseinandersetzung, die er mit den Behörden des Kantons Zug führte, ging auf einen Wirtshausstreit im Oktober 1998 zurück. Nachdem er im Gasthaus mit einem Busfahrer der Zuger Verkehrsbetriebe in Streit geraten war, hatte er diesen mit einem Revolver bedroht. Der Busfahrer verklagte ihn deswegen, worauf Leibacher innerhalb von sechs Monaten fünf verschiedene Klagen gegen den Busfahrer und weitere Beschwerden gegen verschiedene Amtspersonen des Kantons Zug, darunter einen Regierungsrat, einreichte. Im Lauf der letzten Woche - also kurz vor seinem Amoklauf - hatte man ihm mitgeteilt, dass die von ihm angestrengten Verfahren nicht weiter verfolgt würden.

1970 war Leibacher im Alter von 26 Jahren zum erstenmal strafrechtlich registriert worden. Er wurde vom Strafgericht Zug wegen "wiederholtem bandenmäßigem Diebstahl, gewerbsmäßiger Hehlerei, gewerbsmäßigem Betrug, und Unzucht mit Kindern" zu achtzehn Monaten Haft verurteilt. Darauf wurde er in eine Arbeitserziehungsanstalt eingewiesen.

Zwischen 1976-85 wurde ihm neben weiteren kleineren Delikten zweimal "Verletzung des Kriegsmaterialgesetzes" vorgeworfen, weil er Handfeuerwaffen illegal in die Schweiz einführte. Außerdem wurde er wegen Körperverletzung verklagt. Leibacher hatte am 15. September 1982 in Zürich nach einem unbedeutenden Wortwechsel einen Passanten und dessen Begleiterin in ein Wortgefecht verwickelt und im Verlaufe dessen den Passanten und dessen Begleiterin mit hölzernen Nunchaku-Sticks (asiatische Kampfwaffe bestehend aus zwei aneinandergeketteten Holzstöcken) geschlagen und verletzt.

Als er für kurze Zeit im Kanton Uri lebte, fiel er auf, weil er die Angestellten des regionalen Arbeitsvermittlungszentrums massiv bedrohte.

Die krankhaften und kriminellen Züge des Täters haben viele Kommentatoren zu der Schlussfolgerung veranlasst, dass es sich bei dem Amoklauf um einen Einzelfall handle, dem keine tiefere politische Bedeutung beigemessen werden könne. Diese oberflächliche Einschätzung übersieht, dass es eines bestimmten politischen Klimas und Umfelds bedarf, bevor ein krankhaft aggressiver Mensch - von denen es nicht nur in der Schweiz viele gibt - eine Bluttat von derartigem Ausmaß begeht.

Es handelt sich um die schlimmste Mordtat an Schweizer Politikern seit 1890, als einige Radikale im Kanton Tessin die konservative Regierung stürzten und den Landeschef erschossen. Zu Amokläufen war es in der Schweiz in jüngster Zeit aber wiederholt und immer häufiger gekommen. So hatte im April 1986 der Chef der Züricher Baupolizei, Günther Tschanun, nach Spannungen am Arbeitsplatz vier Kollegen erschossen. Im Dezember 1999 brachte ein 37-jähriger Familienvater in Marbach seine sechsjährige Tochter, seinen vierjährigen Sohn und sich selbst mit einem Stromstoß um. Und am selben Morgen, an dem Leibacher im Zuger Kantonsrat wütete, erschoss im nahegelegenen Luzern ein 49-jähriger Schweizer seinen 23-jährigen Stiefsohn mit dem Sturmgewehr und richtete sich anschließend selbst.

Die Häufung solcher Bluttaten deutet auf tiefe Spannungen unter der beschaulichen, wohlanständigen und konservativen Fassade der Schweizer Gesellschaft hin. Die Alpenrepublik bildete während der Nachkriegszeit eine Art Sahnehäubchen auf dem Boom der Weltwirtschaft. Verschanzt hinter Neutralität und Bankgeheimnis profitierte sie von den internationalen Finanzströmen und tätigte weltweit lukrative Investitionen, ohne sich - zumindest an der Oberfläche - all zu sehr in die Händel der Welt einzumischen. Lange Zeit belegte sie einen internationalen Spitzenplatz beim Pro-Kopf-Einkommen.

Die Wohlstandsoase barg allerdings schon immer tiefe Gegensätze: ein unterentwickeltes Sozialsystem; eine rückständige Landwirtschaft mit verbreiteter, bitterer Armut; und ein großer ausländischer Bevölkerungsanteil, der sozial und politisch bitter diskriminiert wird.

Der Folgen der Globalisierung und der Zusammenschluss der umliegenden Länder zur Europäischen Union und zur Eurozone haben dem Ausnahmestatus der Schweiz den Boden entzogen. Die sozialen Gegensätze haben sich verschärft, erstmals gibt es ein erhebliches Maß an Arbeitslosigkeit. Der Beitritt zur Europäischen Union, von der Wirtschaftselite heftig betrieben, ist bisher am Widerstand von Teilen der Bevölkerung gescheitert. Auf sich allein gestellt droht die Schweiz im Meer der globalen Wirtschaft zu versinken.

Sich häufende Korruptionsskandale und der Zusammenbruch von Symbolen der wirtschaftlichen Solidität - wie jüngst der nationalen Fluglinie Swissair - haben das Selbstbewusstsein der wirtschaftlichen Elite zutiefst erschüttert. In den Medien findet seit langem eine Diskussion über Zukunft und Perspektiven der Schweiz satt, die teilweise an eine Sitzung auf der Psychiatercouch erinnert. In Verbindung mit der sozialen Krise erzeugt das jene atmosphärischen Spannungen, die sich - übertragen auf das überreizte Nervensystem eines krankhaften Individuums - schließlich in dem irrationalen Gewaltausbruch von Zug entluden.

Der Kanton Zug, an einem kleinen See in der Innerschweiz zwischen Zürich und Luzern gelegen, symbolisiert geradezu das Gemisch von Idyll und Konflikt, das die Schweiz als ganze kennzeichnet. Der mehrheitlich katholische Kanton ist nur 240 qkm groß und hat 93.000 Einwohner. Davon sind 2.000 Millionäre. Dieser hohe Millionärsanteil ist auf die großzügige Steuergesetzgebung zurückzuführen, die den Kanton zu einem Anziehungspunkt für Steuerflüchtlinge gemacht hat.

Die Spannungen unter der Oberfläche sind umso schärfer, als sie sich politisch kaum äußern können. Das durch exzessiven Föderalismus und Referendum geprägte System der direkten Demokratie gibt dem Stimmbürger zwar die Möglichkeit, über das kleinste Detail mitzubestimmen, und sorgt für engen Kontakt zwischen Bevölkerung und Politikern - Regierungsmitglieder sind bisweilen ohne Bodyguards beim Einkaufen oder in der Straßenbahn anzutreffen. Aber über die großen Fragen der politischen und gesellschaftlichen Orientierung gibt es keine Auseinandersetzung, geschweige denn eine Mitbestimmungsmöglichkeit.

Ganz gleich wie die Parlamentswahlen ausgehen, werden die sieben Regierungssitze nach derselben sogernannten Zauberformel unter den vier großen Parteien - Liberalen, Sozialdemokraten, Christdemokraten und Rechtskonservativen - aufgeteilt. Der Regierungsvorsitz wechselt jedes Jahr nach dem Rotationserfahren. Die wichtigen politischen Entscheidungen werden so von den eng verknüpften Seilschaften der politischen Elite unter sich ausgemacht.

Auch Arbeitskämpfe finden in der Schweiz so gut wie nie statt. In den dreißiger Jahren hatten Gewerkschaften und Unternehmerverbände im Schatten der Bedrohung durch Nazi-Deutschland ein Friedensabkommen geschlossen, dass seither regelmäßig alle fünf Jahre verlängert wird.

Nach dem Amoklauf von Zug drückte sich die Besorgnis der Bevölkerung über die politischen Zustände in zahlreichen Leserbriefen aus, die die Funktionsfähigkeit des Staates und die Integrität der Politiker in Frage stellen. Letztere reagierten bisher nur mit der Forderung nach "mehr Sicherheit", eine Debatte, die schon seit den Anschlägen von New York und Washington auf der Tagesordnung steht.

Siehe auch:
Wie die Schweiz Romas und Sintis verfolgte
(22. Dezember 2000)
Rechtsruck in der Schweiz
( 30. Oktober 1999)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen