Enron: Das wahre Gesicht der "New Economy"

Von Nick Beams
20. Dezember 2001

Karl Marx schrieb, dass die Entwicklung des Finanzparasitentums nichts anderes sei als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats (halbkrimineller Elemente) an der Spitze der bürgerlichen Gesellschaft. Eine Charakterisierung, an die man unweigerlich denken muss, wenn man den Zusammenbruch des amerikanischen Energiehandelskonzerns Enron untersucht, gegen den Anfang Dezember nach Kapitel 11 des US-Konkursgesetzes Klage erhoben wurde. Mit einem veranschlagten Gesamtvermögen von 49,8 Milliarden Dollar und Schulden in der Höhe von 31,2 Milliarden Dollar ist Enron die größte Insolvenz in der amerikanischen Unternehmensgeschichte.

Das amerikanische Justizministerium hat eine Untersuchung gegen Enron eingeleitet, um zu klären, welche Rolle Unternehmensvorstand und Firmen-Manager beim Zusammenbruch und den vorangehenden Verschleierungsversuchen gespielt haben.

Unabhängig von den genauen Ergebnissen einer solchen Untersuchung steht ein weiter reichendes Urteil bereits fest. Enron, das auf Platz 7 der Liste der 500 amerikanischen Spitzenunternehmen Fortune 500 stand und in der Finanzpresse, in Regierungs- und Akademikerkreisen hochgelobt wurde, war ein Pfeiler der sogenannten "New Economy", die sich auf das schrankelose Walten des "freien Marktes" stützt. Der Kollaps des Unternehmens hat den Fäulnisprozess und die Korruption offengelegt, die ihr zugrunde liegen.

Gegründet wurde Enron Ende der 80er Jahre durch eine Fusion von zwei Gas-Pipeline-Unternehmen. Es verdankte seinen Aufstieg der Deregulierung der Energiemärkte in den 90er Jahren. 1986 konnte das Unternehmen einen Ertrag von 7,6 Milliarden Dollar vorweisen. Im Jahr 2000 war der Ertrag auf 101 Milliarden Dollar angewachsen und die Marktkapitalisierung des Unternehmens betrug 63 Milliarden Dollar.

Enron hat aber nicht nur die neuen Bedingungen genutzt, die durch die Deregulierung geschaffen wurden. Es hat mittels seiner politischen Beziehungen selbst zu ihrer Entstehung beigetragen. Der Konzernvorsitzende Kenneth Lay soll George W. Bush fast 2 Millionen Dollar gespendet haben und für die Wahlen 2000 gab der Konzern 1 Million Dollar aus. Lay war zwischendurch sogar als Energieminister im Gespräch und galt als wichtigster Berater für Energiepolitik.

Anfang der 90er Jahre gewann Lay als eine der bekanntesten Figuren Wendy L. Gramm, die Frau des Republikanischen Senators von Texas Phil Gramm, für das Unternehmen. Wendy Gramm war in der Regierung von Bush senior für die Warenregulierung zuständig. 1993, nur fünf Wochen nachdem die von ihr geleitete Commodities Futures Trading Commission Energieverträge von der Regulierung befreit hatte, trat sie dem Vorstand von Enron bei.

Die Deregulierung der Energiemärkte erschloss neue Bereiche für die Akkumulierung von Gewinnen, jedoch nicht durch den Bau neuer Einrichtungen und die Versorgung mit Energie, sondern durch Käufe und Verkäufe auf dem Energiemarkt. Enron betätigte sich nicht nur als Zwischenhändler, der zwischen einem Käufer und einem Verkäufer vermittelt und dafür eine Provision erhält. Enron war vielmehr das Äquivalent eines Finanzspekulanten auf dem Energiemarkt: Es handelte mit Energiekontrakten, deren Fälligkeitstermin erst in Monaten oder sogar Jahren liegt.

Innerhalb eines Jahrzehnts war das Untenehmen zu einem der zehn größten US-Unternehmen angewachsen und 20 Prozent des Energiehandels in Europa und der USA lagen in seinen Händen. Der Konzern operierte in etwa 40 Ländern und seine Aktivitäten beschränkten sich nicht nur auf den Energiesektor. Das gleiche Geschäftsmodell übernahm Enron auch für andere Bereiche und ging vom Handel mit Gas und Strom auch zum Handel mit Pulpe, Papier, Wasser und Kommunikation über.

Für ein Unternehmen wie Enron, das seine Gewinne mit derartigen finanziellen Operationen erwirtschaftet, besteht der Schlüssel zum Erfolg in dem ständigen Zufluss von Geldern von Banken und anderen Finanzinstitutionen, um die Hebelwirkung seiner Operationen und damit auch den Unternehmensprofit zu erhöhen. Die Fähigkeit, Schulden im Umfang von zig Milliarden Dollar anzuhäufen, hängt wiederum vom Vertrauen ab - von Publicity, die an den Finanzmärkten den Eindruck erweckt, dass sich eine Investition in das Kredit suchende Unternehmen lohnt, weil es bestimmte Innovationen eingeführt hat.

Publicitykampagne

Enron hätte selbst keine bessere Publicitykampagne organisieren können. Sechs Jahre hintereinander benannte das Magazin Fortune Enron als innovativstes Unternehmen überhaupt und noch im vergangenen August hat es Enron als eine von zehn Wachstumsaktien aufgelistet, die über das ganze Jahrzehnt weitere Wertsteigerung verzeichnen würden. Erst im vergangenen Jahr hat die britische Zeitschrift Economist Enron dafür gelobt, das womöglich "weltweit erfolgreichste Internet-Business aller Unternehmen jeglicher Branche aufgebaut zu haben".

Die Publicitykampagne ging aber noch weiter. Die Financial Times berichtete am 4. Dezember: "In den Büchern verschiedener Gurus wird das Unternehmen als vorbildliches Beispiel für gutes Management hervorgehoben, es wird als ‚Führer der Revolution' (Gary Hamel, 2000) bezeichnet, das ‚kreative Zerstörung' betreibe (Richard Foster und Sarah Kaplan, 2001), eine ‚Strategie mithilfe einfacher Regeln' entwickle (Kathy Eisenhardt und Donald Sull, 2001), das den ‚Krieg um Talente' (Ed Michaels, 1998) gewinne und ‚auf der Straße navigiert, die zur nächsten Economy führt' (James Critin; das Buch sollte im Februar 2002 veröffentlicht werden und wird nun wahrscheinlich überarbeitet werden)."

Hamel bringt den großen Rummel, der um das Unternehmen gemacht wurde, auf den Punkt: "Mehr als jedes andere Unternehmen auf der Welt hat Enron die Fähigkeit zur permanenten Innovation institutionalisiert... (Enron ist) eine Organisation, in der sich Tausende von Beschäftigten als potentielle Revolutionäre betrachten."

Neben guter Publicity sind auch gute politische Verbindungen, die ein günstiges Gesetzesklima schaffen, unbezahlbar. In dieser Hinsicht mangelte es Enron keineswegs. Der Vorsitzende Kenneth Lay hatte enge Kontakte zur Familie Bush und war einer der wichtigsten Leute, um Gelder für George Bush senior in den 80er Jahren aufzutreiben. Als George W. Bush 1994 Gouverneur von Texas wurde, wurde Lay Vorsitzender des Business Council des Gouverneurs.

Diese Verbindungen gewannen als Stellenwert, als Bush in diesem Jahr US-Präsident wurde. In einem Bericht der New York Times vom 3. Juni heißt es: "Mindestens drei Topberater des Weißen Hauses, die die Energiepolitik von Präsident Bush mit ausgearbeitet haben, waren Aktionäre des Unternehmens Enron oder erhielten Geldzuwendungen von dem großen Energiehandelskonzern mit Sitz in Texas, der eine aggressive Lobby führte, um die Politik der Bush-Regierung in Energiefragen zu beeinflussen."

Karl Rove, wichtigster politischer Berater von Bush, Lawrence Lindsey, Wirtschaftsberater von Bush und I. Lewis Libby, Leiter des Mitarbeiterstabs von Vizepräsident Cheney, waren alle Aktionäre von Enron. Lindsey erhielt im vergangenen Jahr von Enron 50.000 Dollar für Beraterdienste, während für die Aktien von Rove ein Wert von zwischen 100.000 und 250.000 Dollar veranschlagt wird.

Wie andere Verfechter des "freien Marktes" war Lay glühender Anhänger der sogenannten "Transparenz". In der obskuren Finanzwelt, in der sich die Bedeutung von Worten so häufig in ihr Gegenteil kehrt, bedeutet Transparenz im Allgemeinen, dass es keine Kontrolle und Regulierungsmaßnahmen von Seiten der Regierung gibt, und dass die wichtigsten Teilnehmer und ihre Machenschaften während ihrer Jagd nach Profit nicht überwacht werden.

Bei der Bilanzierung von Enron und den veröffentlichen Unternehmenszahlen kann man ganz sicherlich nicht von Transparenz sprechen. In Buchhalterkreisen gibt es ein Sprichwort, dass der Zweck der Bilanzierung häufiger darin besteht, zu verschleiern als aufzudecken. Enron entwickelte sich zu einem wahren Experten in der Kunst des Verschleierns. Wie Lay schließlich selbst zugeben musste, waren die Bilanzen des Unternehmens "undurchsichtig und schwer verständlich."

Solange ein Gewinnzuwachs berichtet wurde, kamen wenige Fragen über die Methoden von Enron auf, am wenigsten von Seiten des Rechnungsprüfers des Unternehmens Arthur Andersen. Auch die amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) verhielt sich ruhig.

Telekommunikation-Aktien sacken in den Keller

Das Rad der Enron-Operationen begann sich erst Anfang dieses Jahres langsamer zu drehen, als die Investitionen sich als Fehlschlag erwiesen. Mit dem Zusammenbruch des Telekommunikationssektors erwiesen sich die Investitionen von Enron in der Faseroptik und anderen Telekommunikationsbereichen als sehr teuer.

Dann kam es, kaum sechs Monate, nachdem man ihn zum Nachfolger von Lay befördert hatte, zum plötzlichen Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden Jeff Skilling. Skilling war am engsten mit der Umwandlung des Unternehmens vom Pipelinebesitzer zum riskanten Teilnehmer an der New Economy verbunden.

Die finanziellen Probleme erreichten Mitte Oktober einen kritischen Punkt, als das Unternehmen einen Verlust von 638 Millionen Dollar meldete. Aber noch entscheidender war die Offenlegung, dass das Eigenkapital des Unternehmens im dritten Quartal aufgrund von Partnerschaftsabkommen, für die der Finanzchef des Unternehmens Andrew Fastow verantwortlich war, um 1,2 Milliarden Dollar zurückgegangen war.

Die Alarmglocken wurden durch die Tatsache in Bewegung gesetzt, dass die Abschreibungen aus der Quartals-Ertragsbilanz nicht ersichtlich waren. Der Grund hierfür waren außerbilanzielle Partnerschaften, die man eingegangen war, um die Schulden des Unternehmens zu verschleiern und gleichzeitig sicherzustellen, dass Bonitätsbewertung und Kreditaufnahmefähigkeit nicht beeinträchtigt wurden. Diese Partnerschaften dienten zum einen dazu, den Endgewinn des Unternehmens aufzublähen. Sie waren aber auch für Fastow persönlich, der an die 30 Millionen Dollar an Gebühren- und Provisionszahlungen erhielt, durchaus gewinnbringend.

Am 8. November reichte Enron eine Berichtigung der Unternehmensbilanzen der vergangenen fünf Jahre bei der SEC-Börsenaufsichtsbehörde ein und meldete einen Verlust von 586 Millionen Dollar.

Während die Unternehmensstruktur sich nun rapide auflöste, wurde ein letzter Rettungsversuch unternommen, als der Rivale auf dem Energiesektor Dynegy anbot, das Unternehmen für 10 Milliarden Dollar zu kaufen und außerdem 13 Milliarden Dollar der Schulden zu übernehmen. Aber nach genauerer Prüfung beschloss Dynegy, diesen Vorstoß nicht weiter zu verfolgen, und Enron war gezwungen einen Insolvenzantrag einzureichen.

Zu den unmittelbaren Opfern des Firmenzusammenbruchs zählen in erster Linie die 21.000 Beschäftigten des Unternehmens. Die meisten von ihnen hatten ihre Rente nach dem Rentenplan 401 (k) abgesichert, der an die nun wertlosen Aktienbestände von Enron gekoppelt ist. Diese Beschäftigten verloren praktisch über Nacht einen entscheidenden Anteil ihrer bisherigen Ersparnisse und mussten zusehen, wie ihre Zukunftspläne zunichte gemacht wurden. Neben ihnen gibt es noch viele Tausend andere Kleinanleger, die dem Rat der Finanzmedien und Investment-Analysten gefolgt sind und für ihre zukünftige Absicherung auf Enron-Aktien setzten. Ihr Schicksal wirft die Frage nach den weitreichenderen sozialen Folgen des Zusammenbruchs von Enron auf.

In den 70er Jahren, als eine Reihe von Zusammenbrüchen und Skandalen die Finanzmärkte in Britannien erschütterten, hat der ehemalige Parteichef der Tories Edward Heath den Begriff "des unakzeptablen Gesichts des Kapitalismus" geprägt. Er wollte die damaligen Ereignisse damit als abnormale Entwicklung und Anomalie abtun und die Aufmerksamkeit von den grundlegenden Prozessen, von denen sie herrührten, ablenken.

Im Falle von Enron wird es zweifellos Bemühungen in gleicher Richtung geben. Es wird Untersuchungen geben. Möglicherweise wird man auch verlangen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, und es wird Forderungen nach strengeren Bilanzierungsvorschriften geben.

Aber Enron kann nicht als Anomalie abgetan werden. Als Heath seine Äußerung machte, standen die Prozesse, auf die er Bezug nahm, gerade erst am Anfang und die Behauptung, dass es sich bei diesen Prozessen um eine Anomalie handele, hatte eine gewisse Plausibilität. Heute ist das jedoch nicht mehr der Fall.

Die Finanzoperationen der Art, wie sie von Enron praktiziert wurden, sind keine Randerscheinung des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems, sondern bilden seinen Kern. Täglich zirkulieren Billionen von Dollar auf den Aktien-, Devisen- und Finanzmärkten der Welt auf der Suche nach Profit. Seit Anfang der 80er Jahre wurden rund 75 Prozent aller Anlagenrenditen aus einer Aufwertung von Marktwerten und nicht aus Profiten und Zinsen erzielt.

Im Interesse des Shareholder Value muss jedes Unternehmen, das nicht untergehen will, Maßnahmen ergreifen, die Anlagekapital anziehen, indem es den Preis der Wertpapiere über das Niveau anhebt, das nach objektiver Bewertung des zugrundeliegenden Vermögenswerte gerechtfertig wäre. Anders ausgedrückt ist Enron nur das deutlichste Beispiel eines "Geschäftsmodells", das heute schon beinahe universellen Charakter hat.

Auch dominiert diese zunehmend auf Spekulationen beruhende Vermögensbildung mit den ihr eigenen halbkriminellen Machenschaften inzwischen die Gesellschaft als ganze. Keine Schicht der Arbeiterklasse, ob Fabrikarbeiter oder Büroangestellte, ist heute noch in der Lage, die eigene Zukunft, die Ausbildung der Kinder und die Gesundheitsversorgung der eigenen Familie abzusichern, ohne die begrenzten Ersparnisse in Investmentfonds anzulegen, die eine der Hauptkomponenten des Finanzsystems bilden.

Aber wie die Erfahrung mit Enron zeigt, gleicht das ganze System heute einem Kartenhaus, das jederzeit in sich zusammenfallen und dabei die über ein ganzes Leben angesammelten Ersparnisse über Nacht völlig ausradieren kann. Auch unzählige Kontroll- und Regulierungsmechanismen könnten diese Situation nicht verbessern, denn die Prozesse, die Unternehmen wie Enron hervorbringen, sind nicht mehr die Ausnahme sondern die Regel für die heutige Funktionsweise der kapitalistischen Wirtschaft.

Die aktuelle politische Aufgabe besteht nicht darin, den sinnlosen Versuch zu unternehmen, die heutige Gesellschaftsordnung zu reformieren, sondern es geht darum, die Gesellschaft von Grund auf zu verändern. Heute ist die gesellschaftliche Existenz der arbeitenden Bevölkerung - der Erzeugerin sämtlicher Vermögenswerte - dem Prozess der Gewinnakkumulierung zu Gunsten einer Minderheit untergeordnet, der zunehmend Charakterzüge des Wahnsinns trägt. Diese Situation muss völlig umgekehrt werden. Die Gesellschaft muss neu organisiert werden. Die Vermögensbildung muss den Wünschen und Bedürfnissen der Produzenten untergeordnet sein und von ihnen kontrolliert und gesteuert werden. Das ist die Lehre aus dem Zusammenbruch von Enron.

Siehe auch:
Kurssturz auf dem amerikanischen Aktienmarkt: ein Wendepunkt in der amerikanischen und internationalen Politik
(22. März 2001)
Der Marxismus und die Globalisierung der Produktion
( 26. Juni 1997)