Japanische Arbeiter leiden unter wirtschaftlicher Not

Von James Conachy
18. Januar 2002

Die Arbeitslosigkeit in Japan hat den höchsten Stand seit 50 Jahren erreicht. Die Folgen sind entsetzlich. Unter dem äußerst restriktiven Sozialsystem des Landes wird jeder, der staatliche Hilfen in Anspruch nimmt, mit einem Stigma belegt. In den Medien und in der offiziellen Politik ist das Thema Armut tabu. Unter diesen Bedingungen bringt die hohe Arbeitslosenrate extreme Entbehrungen für Millionen mit sich. Immer wieder berichtet die Presse - im kühlen Nachrichtenstil - von arbeitslosen oder in finanzielle Not geratenen Menschen, die in ihren eigenen Wohnungen verhungerten.

Im vergangenen August berichteten die Medien über zwei Brüder in Kashimadaimachi, einer Stadt im Verwaltungsbezirk Miyagi. Beide waren Mitte dreißig, hatten ihre Arbeitsplätze bei einer örtlichen Fabrik bzw. der Post verloren und waren hoch verschuldet. Sie gingen kaum noch aus dem Haus. Ende Juni meldeten Nachbarn der Polizei, dass das Haus ungewöhnlich ruhig sei, und wiesen nachfolgend die Behörden darauf hin, dass sie die Geschwister seit einigen Monaten nicht mehr gesehen hatten und der Briefkasten überquoll. Als die Behörden sich schließlich um die Angelegenheit kümmerten, fand man die Brüder in ihrem Schlafzimmer, wo sie an Hunger gestorben waren.

Im Juni fand man in der Stadt Kitakyushu zwei Schwestern Ende dreißig verhungert in ihrem Haus. Sie hatten ihr einziges Einkommen verloren, als im Jahr zuvor ein Untermieter ausgezogen war. Strom und Wasser waren abgestellt worden, was die Nachbarn vermuten ließ, dass die beiden Schwestern ebenfalls ausgezogen waren. Die beiden arbeitslosen Frauen, eine von ihnen war Lehrerin, starben in ihren Betten.

Solche Tragödien sind Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Krise. Die offizielle Arbeitslosenquote betrug im Oktober 5,4 Prozent, das sind in absoluten Zahlen 3,52 Millionen. Die wirkliche Zahl wäre dreimal so hoch, wenn in der Statistik jene Millionen Menschen erfasst würden, die die Arbeitsuche aufgegeben haben und sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. In der offiziellen Statistik werden alle als beschäftigt gezählt, die in der Woche, in der die monatlichen Daten erfasst werden, zumindest eine Stunde lang gearbeitet haben.

Während der gesamten 1990-er Jahre und besonders seit der Asienkrise 1997/98 haben japanische Unternehmen das System der Beschäftigung auf Lebenszeit aufgegeben, das nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt worden war. Die Einstellung auf Lebenszeit wurde zwar hauptsächlich von großen Konzernen und den öffentlichen Diensten praktiziert, aber diese sicherten vielen Arbeitern eine dauerhafte Arbeitsstelle, Krankenversicherung, Unterstützung bei der Baufinanzierung, Rente und eine Reihe weiterer Sozialleistungen. Angesichts der anhaltenden Rezession in Japan und dem Konjunkturrückgang in den Vereinigten Staaten und Europa versuchen große und kleine Unternehmen, die fallenden Profite auszugleichen, indem sie Angestellte entlassen oder Betriebe ganz schließen.

Allein in den letzten sechs Monaten haben große Unternehmen in Japan mehr als 400.000 Vollzeitarbeitsplätze vernichtet. Vom Oktober 2000 bis zum Oktober 2001 fiel die Anzahl der Beschäftigten auf 64,05 Millionen, dies bedeutet einen Rückgang um 1,03 Millionen. Einen solchen Niedergang erlebte Japan zu letzten Mal in den Jahren 1973/74, als das Land durch den starken Anstieg der Ölpreise für kurze Zeit in eine Wirtschaftskrise geriet. Heute schätzt das Arbeitsministerium, dass auf 100 Arbeitsuchende nur 55 freie Stellen kommen. Ende Oktober letzten Jahres waren 49,3 Prozent der Schulabgänger, die im Juni ihren Abschluss gemacht hatten und aktiv auf Jobsuche waren, noch immer arbeitslos - das höchste Niveau von Arbeitslosigkeit unter Schulabgängern, das jemals registriert wurde.

Darüber hinaus verlangen die Unternehmer Veränderungen der Arbeitsbedingungen, Lohnverzicht und die Einschränkung von Zusatzleistungen. Die Durchschnittseinkommen sind seit Januar letzten Jahres kontinuierlich gefallen; die Zahl der Teilzeitjobs und der befristeten Arbeitsverträge dagegen steigt rapide an. 1998 waren mehr als 21,5 Prozent aller Arbeitnehmer in Teilzeitjobs beschäftigt, während es 1985 nur 11 Prozent gewesen waren.

Dass viele Menschen in finanzieller Not nur zögernd und widerwillig Hilfe beantragen, liegt größtenteils an den strengen Berechtigungsbestimmungen für Arbeitslosengeld und öffentliche Unterstützung - wie die Sozialhilfe für Arme in Japan genannt wird. Selbst ein 59 Jahre alter Arbeiter, der über 20 Jahre lang seine Beiträge in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, hat nur für 330 Tage ein Anrecht auf Unterstützung. Einem Arbeitslosen unter 30, der ein bis zehn Jahre lang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, wird bereits nach 90 Tagen die Stütze gestrichen.

Die Sozialhilfe oder öffentliche Unterstützung unterliegt einer strikten behördlichen Bedürftigkeitsermittlung, die sich an einem "Lebensunterhaltsminimum" orientiert. Außerdem ist niemand zum Bezug solcher Unterstützungsgelder berechtigt, der als arbeitsfähig eingestuft wird oder nach Ansicht der Behörden Verwandte hat, die ihn unterstützen können. Antragsteller müssen ihr Sparguthaben aufgebraucht und ihr Haus verkauft haben. Eine Studie, die im Juni 2000 für eine Frauenkonferenz in Auftrag gegeben wurde, kam zu dem Ergebnis, dass weniger als ein Drittel der Bedürftigen einen Antrag auf staatliche Unterstützung stellt - unabhängig davon, ob es sich dabei um öffentlich Unterstützung, Beihilfe für alleinerziehende Mütter oder einen Zuschuss zur Rente handelt.

Zunehmende Obdachlosigkeit

Die sichtbarste Folge der fehlenden sozialen Unterstützung ist die wachsende Zahl der Obdachlosen. Bis zu 10.000 Menschen, hauptsächlich arbeitslose Männer zwischen 50 und 64 Jahren, leben in Tokio auf der Straße. In Osaka gibt es bis zu 15.000 Obdachlose, wobei eine Studie herausgefunden hat, dass 80 Prozent von ihnen ehemalige Tagelöhner aus dem Baugewerbe sind, die von den Auftraggebern nicht mehr angeheuert wurden, als sie der harten körperlichen Arbeit nicht mehr gewachsen waren.

Auf weitere Konsequenzen der finanziellen Not verweist die schwindelerregende Selbstmordrate des Landes. Von den 31.957 Menschen, die sich im Jahr 2000 das Leben nahmen, waren mehr als 60 Prozent über 50 Jahre alt. Für etwa die Hälfte der Fälle (15.539) wurden gesundheitliche Probleme als Motiv angegeben, wobei sich in vielen Fällen der schlechte gesundheitliche Zustand mit der Schwierigkeit verband, die notwendigen Medikamente und medizinischen Behandlungen nicht bezahlen zu können.

Im Juni 2000 waren 3,7 Millionen Haushalte nicht in der Lage, ihre Krankenversicherungsbeiträge zu leisten, und 96.849 Haushalten wurden "Einschränkungsbescheinigungen" zugestellt, die sie effektiv aus dem Gesundheitssystem hinauswerfen und sie zur Übernahme der gesamten Kosten einer jeglichen medizinischen Behandlung verpflichten. Im vergangenen Monat verstärkte die Regierung den Druck auf die arbeitende Bevölkerung, als sie einen Haushalt vorstellte, nach dem der Eigenanteil, den eine Familie unter den Bedingungen des staatlichen Krankenversicherungssystem übernehmen muss, von 20 auf 30 Prozent der Behandlungskosten erhöht wird. Der monatliche Betrag, den ein Ruheständler mit Durchschnittsrente bezahlen muss, wird mehr als verdoppelt und steigt von 5.000 Yen (42 Euro) auf 12.000 Yen (100 Euro).

Pflegeversicherungen fürs Alter sind selbst für Familien, denen es verhältnismäßig gut geht, einfach unerschwinglich,. Ein Platz in einem Pflegeheim kann zwischen 300.000 Euro und 1,2 Millionen Euro kosten, zu denen laufende Gebühren von 17.500 Euro bis 30.000 Euro hinzukommen. Viele Familien haben keine andere Wahl, als ihre pflegebedürftigen Eltern zu Hause zu versorgen. Wenn alte Menschen den Kontakt zu ihren Verwandten verlieren, kann dies schreckliche Folgen haben. Im letzten Oktober verdurstete eine 71-jährige invalide Frau in ihrem Bett, nachdem ihr Ehemann vor ihren Augen an einem Herzanfall gestorben war. Da sie sich keinen Aufenthalt in einem Pflegeheim leisten konnte, war sie vollständig auf die Hilfe ihres Mannes angewiesen. Das Ehepaar wurde erst gefunden, als ihr Vermieter kam, um die Monatsmiete zu kassieren.

Andere finanzielle Probleme, wie beispielsweise die Unfähigkeit Hypothekenabzahlungen zu leisten, waren der Grund für 6.838 Selbstmorde. Zwar sind die Zinsen gegenwärtig niedrig, doch viele Arbeiter haben in den achtziger Jahren Hypotheken aufgenommen. In den neunziger Jahren brachen dann die Immobilienpreise zusammen. Das Ergebnis ist, dass die Abzahlungssummen den heutigen Wert der damals erworbenen Immobilien weit übersteigen.

Auch die Ausgaben für Bildung und Erziehung verursachen Probleme. Nach Angaben der Lehrergewerkschaft hat sich die Zahl der Familien, die die Schulgebühren nicht aufbringen können, in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Eine Gewerkschaftsstudie fand heraus, dass an jeder Schule durchschnittlich 13 Familien seit mehreren Monaten keine Gebühren mehr bezahlt hatten. In vielen dieser Härtefälle hatte der Vater die Familie verlassen. Das Jahresdurchschnittseinkommen von Familienhaushalten ohne Vater beträgt lediglich 2,16 Millionen Yen (18.000 Euro), wogegen das Jahreseinkommen einer Familie mit beiden Elternteilen im Durchschnitt 6,58 Millionen Yen (55.000 Euro) beträgt. Die Kosten nehmen allerdings weiterhin zu. Die Regierung hat im vergangenen Monat die jährliche Studiengebühr an den allgemeinen Universitäten um 7,2 Prozent auf mehr als 500.000 Yen (4.200 Euro) erhöht.

Jeder Wirtschaftsindikator deutet darauf hin, dass sich die Bedingungen, unter denen die arbeitende Bevölkerung leben muss, noch dramatisch verschlechtern werden. Das Land erlebt offiziell die dritte Rezession in zehn Jahren. Die Industrieproduktion ist auf den Stand von 1988 zurückgefallen und die Exporte sinken. Im Oktober gingen 1.804 Unternehmen mit insgesamt 19.550 Beschäftigten bankrott - es war der 32. Monat in Folge, in dem mehr als 10.000 Menschen wegen Firmenpleiten ihre Arbeit verloren. Eine kürzlich von der Regierung in Auftrag gegebene Studie fand heraus, dass 72 Prozent der Bevölkerung befürchten, sie selbst oder ein Familienmitglied könnten in den nächsten zwölf Monaten den Arbeitsplatz verlieren. Die Binnennachfrage - die 60 Prozent der Wirtschaftsaktivitäten steuert - lässt nach, da die Zukunft mit Unsicherheit und Angst erwartet wird. Die Zahl der Autoverkäufe ist auf dem tiefsten Stand seit 25 Monaten angelangt und Kreditaufnahmen bei Banken gehen bereits seit 46 Monaten kontinuierlich zurück.

Die Regierung von Premierminister Junichiro Koizumi versucht mit neu eingeführten Sparmaßnahmen Japans steigende Staatsschulden unter Kontrolle zu bringen, und die Großbanken stehen unter dem Druck bankrotter Unternehmen, die ihre Kredite nicht zurückzahlen. Kombiniert kann dies zu bis zu vier Millionen Entlassungen führen.

Siehe auch:
Weitere Artikel zu Japan

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen