Hohe Haftstrafen im norwegischen Neonazi-Mordprozess

Von Helmut Arens
25. Januar 2002

Die Mörder des 15-jährigen dunkelhäutigen Norwegers Benjamin Hermansen, Sohn einer norwegischen Mutter und eines aus Ghana stammenden Vaters, wurden am 17. Januar zu 16, 15 und drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Staatsanwältin Berit Sagfossen hatte für die beiden Haupttäter 21 Jahre, in Norwegen die Höchststrafe, beantragt, weil die Tat rassistisch motiviert gewesen sei, was in Norwegen strafverschärfend wirkt. Die Anklage warf den Angeklagten - dem Haupttäter Joe Erling Jahr, 20, dem Mittäter und ideologischen Anführer der Gruppe Ole Nicolai Kvisler, 22, sowie der nicht direkt an der Tat beteiligten Freundin von Kvisler, Veronica Andreassen, 18 - vor, am 26. Januar letzen Jahres den 15-jährigen Benjamin im Osloer Statdtteil Holmlia aus rassistischen Motiven unprovoziert "roh, brutal und feige" ermordet zu haben. Ein Freund Benjamins konnte entkommen.

Alle drei gehören einer als "Bootboys" bekannten Neo-Nazigruppe an. Mehrere Mitglieder der Gruppe waren schon in den Monaten vor dem Mord an Benjamin wegen gewalttätiger Angriffe oder Brandanschlägen auf Farbige festgenommen und später wieder freigelassen worden.

Alle drei Angeklagten hatten sich für unschuldig im Sinne der Anklage bezeichnet. Joe Erling Jahr gab zwar zu, den tödlichen Stich geführt zu haben, das sei aber ein Unfall gewesen, Benjamin sei bei einem Gerangel über einen Zaun in das Messer gestürzt. Eigentlich habe man die Jungen nur erschrecken wollen. Kvisler bestritt, überhaupt ein Messer dabei gehabt und in das Geschehen eingegriffen zu haben. Das Gericht hielt diese Versionen aber für unglaubwürdig, da laut Obduktionsbericht die Leiche Benjamins mehrere Einstiche von unterschiedlicher Größe aufwies, die daher von mehr als einem Messer stammen mussten. Er hätte mehrfach abwechselnd mit der Brust und dem Rücken in verschiedene Messer fallen müssen, wäre Jahrs Version zutreffend. Außerdem hatten mehrere Tatzeugen zwei Männer gesehen, die auf einen Liegenden eintraten und einstachen.

Die Angeklagten machten aus den rassistischen Motiven für ihre Verfolgungsjagd auf Benjamin keinen Hehl. Sie sagten im Prozess aus, dass ihrer Meinung nach "Norwegen für weiße Norweger reserviert sein sollte". Und: "Wir hassen Ausländer". Die Wohnung, in der sie sich vor der Tat durch White Power Musik aufgeheizt hatten, war mit Hakenkreuzen und anderen Nazi-Symbolen ausstaffiert.

Veronica Andreassen hatte vor der Polizei ausgesagt, dass Jahr später, als die drei im Fernsehen erfuhren, dass ihr Opfer tot sei, stolz erklärt habe, jetzt könne er ja rote Schnürsenkel in seine Schuhe ziehen, was in Neonazikreisen als Trophäe dafür gilt, einen Menschen getötet zu haben.

Die Mutter Benjamins, Marit Hermansen äußerte sich enttäuscht über das Strafmaß. Nicht die Höchststrafe zu verhängen, sei das falsche Signal. "Die Richter haben zugegeben, dass es ein rassistischer Mord war, haben es aber nicht wirklich berücksichtigt," sagte Frau Hermansen. "Der Rassismus ist da, aber wir tun nichts dagegen." Sie ist der Meinung, dass "nichts schlimmer ist, als nur wegen seiner Hautfarbe getötet zu werden.... Es ist die Frage, was für eine Gesellschaft wir haben wollen."

Der brutale Mord an Benjamin Hermansen hatte vor einem Jahr großes Entsetzen hervorgerufen. Die zweifellos ehrliche Abscheu großer Teile der norwegischen Bevölkerung über diesen offen rassistischen Mord äußerte sich am 1. Februar in der größten Protestdemonstration seit dem zweiten Weltkrieg. Allein in Oslo versammelten sich über 40.000 Menschen. Norwegen hat nur 4,4 Millionen Einwohner.

Der Schock darüber, dass so etwas überhaupt möglich war, saß tief. "Die Menschen bemerkten, dass Norwegen nicht so ist, wie sie dachten," sagte Nadeem Butt, der Direktor des Zentrums gegen Rassismus. "Die meisten hielten Rassismus nicht für ein Problem. Das hat sich jetzt geändert."

Die Tageszeitung Dagsavisen schrieb. "Das muss den Behörden und all denen die Augen öffnen, die die Existenz von Nazismus und Rassismus in Norwegen nicht wahrhaben wollten." Auch Premierminister Jens Stoltenberg, mehrere Minister seiner Regierung, sowie Kronprinz Haakon und selbst der zufällig im Lande anwesende Nato-Generalsekretär Robertson nahmen an der Demonstration teil. Minister forderten hektisch gesetzliche Maßnahmen gegen den Rechtsradikalismus bis hin zum Verbot von Nazi-Gruppen.

Die offizielle Reaktion war völliges Unverständnis darüber, wie eine derartige Tat überhaupt geschehen konnte.

Aber kam diese Tat wirklich aus heiterem Himmel? Auch wenn das Potential gewalttätiger Rassisten nach Berichten in der Presse nicht mehr als hundertfünfzig bis zweihundert Personen umfasst, so ist der Mord an Benjamin keineswegs ein so isoliertes, überraschendes Ereignis, wie es offiziell dargestellt wird. Das vorherrschende politische Klima gegenüber Einwanderern hat in den letzten Jahren schon zu zahlreichen rassistischen Gewalttaten geführt.

1999 war der 17-jährige indisch-stämmige Arve Beheim Karlsen in den Hafen gestürzt und umgekommen, als er von einer Bande Rechtsradikaler gejagt wurde, die schrien: "Tötet den Nigger."

Das Zentrum gegen Rassismus hat in der Zeit von 1987 bis 2000 1.300 rassistische Zwischenfälle registriert - von Schießereien über Brandstiftung bis zu Vandalismus, Gewalt und Einschüchterung.

Dieses politische Klima wird in erster Linie durch die fremdenfeindliche populistische Fortschrittspartei gefördert, die im letzten Jahr nach Umfragen zeitweise die Unterstützung von 22 Prozent der Bevölkerung hatte und bei der Parlamentswahl im September letzten Jahres 14 Prozent der Stimmen erhielt.

Aber auch Staat und Regierung tragen dazu bei. So hat der Oberste Gerichtshof Norwegens 1999 ein Urteil bestätigt, dass es Vermietern und Maklern erlaubt, Wohnungsanzeigen mit der Einschränkung "Nur für Norweger " oder "Nur für Personen, die eine Vorstellung von norwegischer Kultur und norwegischer Lebensweise haben" aufzugeben.

Die staatliche Medienverwaltung hat dem nationalistischen Lokalradio "Nite Rocket", das Hitler-Reden, rassistische Musik und Gewaltaufforderungen sendet, eine neue Konzession erteilt.

Insbesondere aber trägt die seit den zwanziger Jahren fast ununterbrochen regierende sozialdemokratische Partei die Hauptverantwortung dafür, dass die populistische rechte Fortschrittspartei einen solchen Einfluss erlangen konnte, dass sie seit der letzten Parlamentswahl durch die Duldung der konservativ-christlichen Minderheitsregierung sogar direkten Einfluss auf die Regierungspolitik nehmen kann.

Obwohl Norwegen eines der reichsten Länder der Welt mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen ist, obwohl die Wirtschaft boomt und obwohl der Staatshaushalt auf Grund der enormen Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung über riesige Überschüsse verfügt, verfolgte die sozialdemokratische Regierung von Jens Stoltenberg eine rigide Sparpolitik, um die Interessen der einheimischen Industrie auf dem globalisierten Weltmarkt zu stützen. Diese Sparpolitik führte zu einem Niedergang des Schulsystems, der Krankenhäuser und der Versorgung der Alten. Die schwere Niederlage der Sozialdemokraten bei den Wahlen im letzten September, als sie um mehr als 10 Prozent einbrach und ihr schlechtestes Ergebnis seit 1927 erreichte, war hauptsächlich darauf zurückzuführen, das große Teile der einfachen Bevölkerung nicht einsah, warum sie lange Warteschlangen bei den Krankenhäusern in Kauf nehmen soll, während der Staatshaushalt im Geld schwimmt.

Nach einer kürzlichen Erhebung müssen 126.000 Menschen mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze leben. Trotz der enormen Staatseinnahmen hat die Regierung zugelassen, dass sich in Oslo zwei getrennte Welten entwickelt haben: das wohlhabende West-Oslo mit vornehmen Einkaufsstraßen mit vielen in wertvolle Pelze gekleideten Menschen und feinen Restaurants, und Ost-Oslo, zu dem auch der Stadtteil Holmlia gehört, in dem viele ärmere Menschen und viele Einwanderer leben und um knappen Wohnraum konkurrieren.

"Wir sind mit unserem Sozialsystem nicht mehr zufrieden," sagte Harald Stanghelle, der politische Herausgeber der Tageszeitung Aftenposten. "Es gibt kein Vertrauen mehr in die Sozialdemokratie. Wir waren sehr gute Schulen, Krankenhäuser und Altenversorgung gewohnt. Aber jetzt sehen wir, dass die Qualität dieser wichtigen Einrichtungen nicht mehr gut ist.

Siehe auch:
Die neue norwegische Regierung stützt sich auf die weit rechts stehende Fortschrittspartei
(24. November 2001)

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