Landschaften, die sich in den Weg stellen

Unbesiegbar von Werner Herzog

Von Stefan Steinberg
2. Februar 2002

Nachdem er sich beinahe ein Jahrzehnt lang Dokumentarfilmen und Opernproduktionen gewidmet hatte, hat der Regisseur Werner Herzog einen neuen Spielfilm geschrieben und gedreht, der jetzt in deutschen Kinos zu sehen ist. Unbesiegbar wurde bei den Filmfestspielen in Cannes im Sommer letzten Jahres zum ersten Mal gezeigt und bekam allgemein schlechte Kritiken, so dass die Produzenten und der Regisseur noch auf den ihrer Ansicht nach richtigen Moment gewartet haben, um den Film einem deutschen Publikum vorzustellen.

Der Film handelt von einem deutschen Varieté-Agenten und seiner Entdeckung, einem starken Mann, der als Schmied in einem jüdischen Schtetl in Ostpolen arbeitet. Es ist das Jahr 1932, ein Jahr vor der Machtübernahme der Nazis. Der junge Schmied Zische Breitbart ist nach Berlin eingeladen, um in einem beliebten Varieté zu arbeiten, das von dem Hypnotiseur und Scharlatan Erik-Jan Hanussen betrieben wird. Da das Publikum vorwiegend aus Nazi-Sympathisanten besteht, überzeugt Hanussen den dunkelhaarigen Zische, eine blonde Perücke und einem Helm mit Eisenspitzen zu tragen, damit er wie der arische Sagenheld Siegfried aussieht. Nach Hanussens Aussage soll Zische durch seinen Bühnenauftritt das Bedürfnis der Deutschen nach "einem starken Mann, einem Helden, einem Führer" erfüllen.

Der naive Zische macht dieses Spiel eine Zeit lang mit. Dann aber, in einem Anfall von Bewusstwerdung und konfrontiert mit der Bewunderung seines kleinen Bruders, nimmt Zische inmitten der Vorstellung seine Perücke ab und erklärt stolz seine jüdische Identität. Die Nazis im Publikum sind schockiert und Zisches Karriere im Varieté ist effektiv beendet. In einer Auseinandersetzung mit Zische enthüllt Hanussen, dass er selbst seine jüdischen Wurzeln unterdrückt hat, um Karriere zu machen, und tatsächlich wird Hanussen später von den Nazis verhaftet und verfolgt. Eine Beziehung zwischen Zische und der Pianistin in Hanussens Cabaret scheitert, bevor sie richtig begonnen hat. Zische kehrt in sein Dorf zurück, um die älteren Menschen dort vor dem deutschen Faschismus zu warnen. Kurz danach stirbt er tragisch an einer Wunde, die er sich bei einer seiner Kraftdemonstrationen auf der Bühne zugezogen hatte. Der Film soll an einer wahren Geschichte angelehnt sein.

Gemeinsam mit Wim Wenders, Rainer W. Fassbinder, Volker Schlöndorff und anderen war Werner Herzog ein führendes Mitglied der Generation von deutschen Regisseuren, die sich als deutsche "Neue Welle" verstanden. Die Bewegung entstand Mitte der 60-er Jahre und produzierte beinahe zwei Jahrzehnte lang die Mehrheit der interessantesten und nachdenklichsten deutschen Filme. Die Regisseure der Neuen Welle beschäftigten sich in sehr unterschiedlichem Maße mit der deutschen Geschichte und der Erfahrung des Faschismus im 20. Jahrhundert.

Rainer W. Fassbinder griff die Frage des Faschismus und seiner Nachwirkungen auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft wiederholt und mit unterschiedlichem Erfolg in seinen Filmen auf (Lili Marleen, Die Ehe der Maria Braun, Lola und andere). Wim Wenders ignorierte die Frage weitgehend. Schlöndorff beschäftigte sich mit der Nazi-Zeit in seine Kinobearbeitung von Günter Grass‘ Werk Die Blechtrommel.

Herzog schien abgeneigt, dieses Thema in seinen Filmen direkt zu behandeln. Es gab immer irgendwie vage psychologische Vorahnungen des Faschismus in solchen Filmen wie Aguirre, der Zorn Gottes und Fitzcarraldo, in denen der Filmemacher Charaktere präsentierte, die im deutschen Nachkriegskino kaum gezeigt worden waren. Aguirre ist der wahnsinnige, selbstherrliche spanische Prinz, der von der Eroberung Perus träumt. Fitzcarraldo, der deutsche Unternehmer, der durch den Bau eines Opernhauses im südamerikanischen Dschungel der Urbevölkerung Kultur bringen möchte, erinnert an die Kolonisierungsversuche fanatischer deutscher Nationalisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Herzog kehrte in seinen Filmen wiederholt zu der tragischen Figur zurück, die nach dem scheinbar Unmöglichen strebt und schmählich scheitert, aber seine eigene Beziehung zu diesen Figuren blieb ungeklärt und zweideutig.

Unter Bedingungen, wo nur wenige deutsche Regisseure bereit oder gewillt waren, sich direkt oder indirekt mit dem Erbe des Faschismus auseinander zu setzen, fanden Herzogs romantische und mystische (und irgendwie hysterische) Darstellungen des Aufstiegs und Falls von demagogischen Gestalten eine Resonanz im deutschen Publikum. Gleichzeitig ist Herzog ein Meister im Heraufbeschwören dramatischer Bildlandschaften (siehe z.B. die atemberaubende Kamerafahrt am Anfang von Aguirre). Wenn er seine Filme beschreibt, kommt Herzog immer wieder auf das Thema der Landschaften zurück: "Vielleicht suche ich utopische Dinge, Raum für menschliche Ehre und Respekt, unverbrauchte Landschaften, noch nicht existierende Planeten, geträumte Landschaften. Nur wenige Menschen suchen heute nach diesen Bildern."

Jetzt hat sich Herzog zum ersten Mal als Regisseur dem Nationalsozialismus als Filmmotiv direkt zugewandt. Das Ergebnis ist vollkommen enttäuschend und gar nicht überzeugend. Herzog scheint mehr seinen Instinkten und seinem Gefühl für bildliche Inspiration vertraut als einen wirklichen Versuch gemacht zu haben, die von ihm geschaffenen Charaktere und Situationen in den Griff zu bekommen. Er prahlt damit, dass er das Skript in zehn Tagen geschrieben habe.

An dem Film ist fast alles schlimm. Alle jungen Nazis und ihre Ehefrauen sind wasserstoffblond, blöd, arrogant und aggressiv. Alle älteren Juden im Schtetl tragen stolz ihre wuchernden Bärte, schauen niedergeschlagen drein, haben aber ein Herz aus Gold. Herzog hält uns vollständig unter Kontrolle. Es gibt keine Grautöne, alle Charaktere und Situationen sind in schwarz und weiß gezeichnet. Sein Film vermeidet jeden wirklichen Konflikt, der uns zum Denken und Verarbeiten des Gesehenen zwingen würde.

Herzog war entschlossen, Jouko Ahola als Kraftprotz Zische Breitbart und Anna Gourari als Hanussens Pianistin zu gewinnen. Ahola ist wirklich ein Gewichtheber und Gourari eine vollendete Konzertpianistin. Während der Drehpausen, erzählte sie in einem Interview, habe Ahola Gewichte gehoben und sie Klavier gespielt. Auf ihrem jeweiligen Gebiet, dem Gewichtheben und dem Klavierspielen, zeigen beide lobenswerte Leistungen. Aber hinsichtlich der Dynamik des Films sind sie, ehrlich gesagt, peinlich unfähig, eine Art von Gefühl in ihre Beziehungsversuche zu bringen.

Die periodisch wiederkehrende geträumte Landschaft in Unbesiegbar ist eine Felsspitze, die von roten Krebsen wimmelt. Das Bild taucht an verschiedenen Stellen im Film auf; die Allgegenwart der Krebse erinnert an eine Szene in Aguirre, wo die zentrale Gestalt, gespielt von Klaus Kinski, von einer Heerschar kleiner Affen überrannt wird. Was ein von roten Krebsen wimmelnder Felsen mit Zisches Schicksal in Nazideutschland zu tun hat, wird in dem Film nie erklärt oder auch nur leise angedeutet. Man kann schließlich nur vermuten, Herzog sei bei einer Reise ins östliche Island vom Anblick der Krebse derart beeindruckt gewesen, dass er beschloss, sie in seinen Film aufzunehmen. Im Ergebnis leidet Unbesiegbar darunter.

Ein weiterer Punkt sollte in Bezug auf Herzogs Behandlung des Faschismus und das Jahr 1932 erwähnt werden. Unbesiegbar stellt den deutschen Faschismus so dar, als hätte sein einziger Antrieb darin bestanden, die Juden zu diskriminieren und zu verfolgen. Die Beziehung zwischen Antisemitismus und der Feindschaft gegenüber der sozialistischen Arbeiterbewegung fehlt gänzlich. Tatsächlich war das Jahr 1932 geprägt von Massenarbeitslosigkeit und einer Welle von Demonstrationen der führenden Organisationen der Arbeiterklasse - der sozialdemokratischen und der kommunistischen Partei. Zweimal, im Juli und November, fanden in diesem Jahr allgemeine Wahlen statt. Zwischen den beiden Wahlen verlor die NSDAP über zwei Millionen Stimmen und führende Mitglieder der Nazis verzweifelten, weil sie den Höhepunkt des Erfolgs ihrer Partei für erreicht und bereits überschritten hielten. Im November übertraf die Anzahl der Wählerstimmen für SPD und KPD die der Nationalsozialisten. Die spalterische politische Linie, die von Stalin und der ihm untergebenen Komintern ausging und nach der die Sozialdemokraten und ihre Organisationen als "sozialfaschistisch" gebrandmarkt wurden, war ein entscheidender Faktor, der es den Nazis möglich machte, die Situation umzudrehen und sechs Monate später die Macht zu übernehmen.

Abgesehen von einer Diskussion zwischen führenden Nazis, in der kurz auf die Pläne verwiesen wird, den Reichstag anzuzünden und durch diese Provokation die Kommunistische Partei zu diskreditieren, ignoriert der Film gänzlich die Aktivitäten und Maßnahmen der Nazis gegen die Arbeiterorganisationen. Tatsächlich deuten jüngste Forschungsergebnisse darauf hin, dass Hanussen nicht nur von dem Plan gehört hatte, nach dem der Reichstag angesteckt werden sollte. Sein Wissen über den Plan oder seine Beteiligung daran stellen die wahrscheinlichste Erklärung für seine Verhaftung und Ermordung durch die Nazis im Jahre 1933 dar.

Der Antisemitismus war ein entscheidendes Element der Naziideologie, die von Hitler nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt worden war, aber im Kern verfolgte die nationalsozialistische Politik die Vernichtung der unabhängigen Organisationen der Arbeiterklasse. Wie kompetente Historiker erklärt haben, hasste Hitler die Juden in erster Linie, weil sie Sozialisten waren, und die Sozialisten nicht deshalb, weil sie Juden waren. Die ersten Häftlinge in den Konzentrationslagern der Nazis waren 1933 Mitglieder der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften. Erst nach der Zerschlagung dieser Organisationen und der Unterdrückung jeder Form von Demokratie und Opposition im Innern waren Hitlers Hände frei, um die systematische Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten zu betreiben.

Vor gar nicht so langer Zeit wurden die von Daniel Goldhagen in seinem Buch Hitlers willige Vollstrecker aufgestellten Thesen von einer großen Zahl deutscher Intellektueller und Teilen der deutschen Linken ausgesprochen positiv aufgenommen. Man kann hieran ablesen, in welchem Maße die Faschismusanalyse, die von sozialen und Klassenfragen ausgeht, ersetzt wurde durch eine Vorstellung von Faschismus als einer ausschließlich national-rassischen Bewegung. Nicht nur die Charaktere und die Handlung von Unbesiegbar sind unglaubwürdig, Herzogs auf Inspiration setzende, ahistorische Behandlung der thematischen Fragen spielt auch jenen in die Hände, die die gesellschaftlichen Wurzeln des Nationalsozialismus zu leugnen versuchen.

Siehe auch:
Antisemitismus, Faschismus und Holocaust - Eine kritische Besprechung des Buchs "Hitlers willige Vollstrecker" von Daniel Goldhagen
(April 1997)