Medien benutzen Pearls Entführung um die amerikanische Gesellschaft reinzuwaschen

Von David Walsh
12. Februar 2002

Die Entführung des Wall Street Journal Reporters Daniel Pearl und die Drohung, ihn zu ermorden, sind, wie das World Socialist Web Site erklärte, abscheulich und reaktionär. Solche Taten tragen nichts zum Kampf gegen den Imperialismus bei und stärken lediglich die amerikanische herrschende Elite, indem sie ihr einen weiteren Vorwand liefern, ihre geopolitischen Interessen in Zentralasien zu verfolgen. Pearls Entführung ist ein weiterer Beleg für den Bankrott des Terrorismus.

Pearl ist, wie viele andere in der Region, weitgehend Opfer von Umständen, auf die er wenig Einfluss hat. Scheinbar mit Untersuchungen der Verbindungen des "Schuhbombers" Richard Reid mit islamisch-fundamentalistischen Gruppen in Pakistan beschäftigt, verschwand Pearl am 23. Januar in Karachi. Die Pakistanische Polizei hat mehrere Personen festgenommen und behauptet, die Identität der für die Entführung verantwortlichen Gruppe zu kennen. Es soll die verbotene Jaish-e-Mohammad (Armee Mohammeds) sein. Ein Vertreter von Jaish stritt aber jede Verantwortung für die Tat ab und verurteilte "solche Entführungen".

Freunde und Kollegen haben verständliche Sorge und Zorn über die Entführung geäußert. Seine im sechsten Monat schwangere Frau bot sich selbst zum Austausch gegen ihren Mann an.

Andere Stimmen in den amerikanischen Medien haben dagegen versucht, diesen Fall zu benutzen, um die amerikanische Gesellschaft reinzuwaschen. Die Entführer, das wisst ihr doch, sind "böse" Menschen, die "Freiheit und Demokratie" und "alles, wofür Amerika steht", hassen.

Eine ganze Reihe entsprechende Kommentaren erschienen in der Presse. Einer der schlimmsten im Oregonian, der in Portland erscheint und als führende Zeitung des pazifischen Nordwesten angesehen wird. Unter dem Titel "Die verlorene Perle" (englisch: Pearl) behauptet der Artikel, dass Daniel Pearl "ins Visier dieser Gruppen geraten ist, weil sein Lebenswerk für alles steht, was Gruppen, in denen Hass und Unwissenheit blühen, zuwider ist: Freiheit. Information. Globales Verständnis. Wahrheit."

Weiter unten heißt es in dem Kommentar, dass Gewalt gegen Journalisten "eine brutale und effektive Methode ist, dem Volk Informationen, und deshalb Macht vorzuenthalten. Die Öffentlichkeit tappt im Dunkeln, anfällig für Manipulation und Lügen.... Der nächste Schritt ist die direkte Kontrolle der Presse, die Öffentlichkeit wird von durch die Regierung kontrollierte Medien mit Lügen gefüttert."

Nichts rechtfertigt die Entführung von Pearl oder kann sie entschuldigen, aber sie findet in einem ganz bestimmten historischen und politischen Umfeld statt. Um sie erklären zu können, muss man verstehen, warum die USA und darüber hinaus jeder, der mit ihrer Regierung, ihrem Militär oder ihren Medien identifiziert wird, in der Region derart verhasst ist. Eine solche Untersuchung müsste zumindest die letzten Jahrzehnte der amerikanischen Politik im Nahen Osten, in Pakistan und Afghanistan und das Leiden, dass sie über große Teile der Bevölkerung gebracht hat, in Rechnung stellen.

Man muss sagen, dass die Umstände des Falles auf ihre Weise die Ungleichheit der Machtmittel der beiden Seiten zum Ausdruck bringen. Es ist charakteristisch für die privilegierte Position der USA, dass ihre Massenmedien und Teile ihrer Bevölkerung von dem möglicherweise tragischen Schicksal einer Einzelperson erschüttert werden, während die Pakistaner und Afghanen regelmäßig Massen von Toten zu beklagen haben. Alleine während der Dauer von Pearls Gefangenschaft hat es Berichte über Hunderte von Zivilisten gegeben, die angeblich versehentlich vom amerikanischen Militär in Afghanistan getötet wurden. Niemand in den amerikanischen Medien rührt darum auch nur einen Finger. Scheinbar verdient die Bevölkerung dieses Landes genau das, oder zumindest hat sie sich schon daran gewöhnt.

Aber diejenigen, die angegriffen werden oder einfach nur zwischen die Fronten geraten, fühlen nur allzu deutlich die Gleichgültigkeit des amerikanischen Establishments gegenüber ihrem Los. Entführung und Geiselnahme sind die Antwort der Schwachen, derjenigen, die von einem Gefühl der ohnmächtigen Unterdrückung überwältigt werden.

Wieder und wieder dämonisieren die US-Regierung und die Medien ihre Feinde, vor allem um jede Verantwortung für die Bedingungen von sich zu weisen, zu denen sie selbst beigetragen haben. Die Medien wollen uns glauben machen, dass die USA keinerlei Verantwortung für die Verhältnisse in Pakistan hätten; zum Beispiel für die islamistische Diktatur von Zia ul-Haq, die 1977 an die Macht kam, sich kurz darauf durch die Erhängung des vorherigen Premierministers des Landes, Zulfiqar Ali Bhutto, legitimierte und nach der sowjetischen Invasion 1979 den islamischen Fundamentalismus in Afghanistan anheizte (und dabei großzügig von der Reagan-Regierung unterstützt wurde). Die Medien verschleiern vielmehr die ganze katastrophale Bilanz des amerikanischen Eingreifens in Pakistan und Afghanistan.

Der rücksichtslose Versuch der USA, Zugang zu und Kontrolle über die Ölvorräte der Region zu gewinnen, war das Hauptmotiv einer Politik, die Leid über Massen von Menschen gebracht hat. Die selbstgefälligen und philisterhaften Schreiberlinge des Oregonian verschließen ihre Augen völlig vor diesen Tatsachen.

"Freiheit. Information. Globales Verstehen. Wahrheit." Pearl mag persönlich dafür stehen, aber mit Sicherheit steht Amerika für Millionen von Menschen nicht dafür. Eher für "koloniale Versklavung. Unwissenheit. Imperialistische Gewalt. Lügen."

Die Gleichgültigkeit des Oregonian hinsichtlich der Konsequenzen der US-Außenpolitik geht mit seinem unehrlichen Blick auf das Leben in Amerika und seine eigene Rolle einher.

Selbstkritik sucht man in dem Kommentar vergeblich. Man kann ihm entnehmen, dass in den USA alles eitel Sonnenschein sei. Wo leben diese Leute? Die Vereinigten Staaten sind 2002 von gesellschaftlichen Übeln zerfressen: Armut, Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit und Krankheiten unter den Armen, verbreitetes Analphabetentum, zunehmende rassistische Gewalt und religiöse Bigotterie. Das "soziale Netz" ist zerrissen; alle Maßnahmen, die den Benachteiligten helfen sollen oder ein Hindernis für die Anhäufung von Profit sind, werden angegriffen. Viele Menschen schleppen sich so von Woche zu Woche dahin, immer kurz vor dem gesellschaftlichen Abstieg. Die Kluft zwischen den wenigen Reichen und allen anderen beherrscht das gesellschaftliche Leben.

Die republikanische Partei ist von den Ultra-Rechten übernommen worden, und die Demokraten haben den Anspruch aufgegeben, die kleinen Leute zu verteidigen. Die Bush-Regierung hat eine beispiellose Offensive gegen demokratische Rechte und bürgerliche Freiheiten eingeleitet. Niemand erwartet ernsthaft, dass die Gewerkschaften oder die sogenannten Bürgerrechtsorganisationen einen Kampf gegen die riesigen Konzerne und ihre Vertreter auf jeder Ebene der Regierung führen. Als Folge der wirtschaftlichen Lage und der Krise der Führung in der Arbeiterklasse hat sich bei vielen Menschen ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit breit gemacht.

Für die wohlsituierten Schreiberlinge des Oregonian oder der Dallas Morning News(die darüber predigen, "wie wenig Terroristen freie Gesellschaften verstehen") oder des Kansas City Star("Extremisten beuten menschliches Leid für Propagandazwecke aus") oder, nicht gerade eine Überraschung, des Murdoch-Blattes New York Post("Die Zivilisation als Geisel"), steht die US-Gesellschaft über jeder Kritik.

Die unablässige Beschwörung der "freien Presse" der USA verdient eine eigene Antwort. Die Massenmedien sind Unternehmen im Privatbesitz, die schon immer das Profitsystem verteidigt haben. Die Degeneration der amerikanischen Medien hat aber in den letzten Jahren schnelle und unübersehbare Fortschritte gemacht. Sie haben ihre völlige Unfähigkeit bewiesen, die Grundrechte des amerikanischen Volkes zu verteidigen. In dem von ihnen selbst angeheizten, fabrizierten Sexskandal, der die Clinton-Regierung blockiert und destabilisiert hat, haben die amerikanischen Medien eine schändliche Rolle gespielt. Ebenso bei der Unterstützung des Diebstahls der Präsidentenwahl in Florida, die durch fünf rechte Richter des Obersten Gerichtshofs entschieden wurde. Sie haben im Dienste der rechtesten und autoritärsten Kräfte gelogen und wieder gelogen. Die Bush-Regierung ist teilweise selbst das Ergebnis ihrer Arbeit.

Die Medien sind in ihrer Berichterstattung über die Angriffe vom 11. September und den Krieg in Afghanistan auf einen neuen Tiefpunkt gesunken. Kontrolliert von einer Handvoll riesiger Konglomerate mit den engsten Verbindungen zum Staat haben die amerikanischen Medien ihre eigenen Methoden gefunden, "dem Volk Informationen, und deshalb Macht vorzuenthalten". Die etablierten Medien haben nichts in Frage gestellt oder untersucht, weder die Hintergründe der terroristischen Anschläge, noch das Ausbleiben einer Untersuchung, noch die Rolle, welche die USA in Afghanistan spielen, die Legitimität der militärischen Reaktion der USA oder andere kritische Themen. Die Öffentlichkeit der USA "tappt im Dunkeln, anfällig für Manipulation und Lügen" über den brutalen Krieg in Afghanistan. "Der nächste Schritt", "die Öffentlichkeit mit Lügen zu füttern", findet schon tagtäglich statt, da insbesondere die großen Fernsehanstalten zunehmend als Sprachrohre für die Desinformation und Propaganda des Weißen Hauses, des Pentagon und der CIA fungieren. Man muss auch sagen, dass Pearl selbst für eine Publikation schreibt, auf deren redaktionellen Seiten systematisch die Bombardierung einer endlosen Zahl von Ländern gefordert und die militärische Gewalt der USA enthusiastisch unterstützt wird.

Noch etwas muss gesagt werden. Anstachelnde, provokative und zynische Kommentare, wie der im Oregonian und anderswo, werden Pearls Entführer nur weiter reizen und sein Leben noch mehr in Gefahr bringen. Die endlosen Ergüsse von selbstzufriedenem und chauvinistischem Gift, welche die amerikanische Regierung und die amerikanischen Medien in unverantwortlicher Weise von sich geben, vertiefen lediglich den Hass vieler Menschen auf der ganzen Welt gegen die USA und bringen zunehmend amerikanische Bürger - Journalisten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und andere - im Ausland und, wie der 11. September tragisch gezeigt hat, unschuldige Zivilisten im Inland in Gefahr.

Siehe auch:
Release Daniel Pearl! (Erklärung des WSWS -Redaktion)
(31. Januar 2002)