Der Mord an Daniel Pearl

Von David North
27. Februar 2002

Nicht aus Gründen des Chauvinismus oder gar der Unterstützung für die Kriegspolitik der Bush-Regierung wurde der Mord an dem Reporter Daniel Pearl weithin nicht nur mit Abscheu, sondern auch mit großer Traurigkeit aufgenommen. Schon die ersten veröffentlichten Fotos von Pearl als Gefangenem - gefesselt, eine Maschinenpistole auf den Kopf gerichtet - zeigten einen Menschen in einer verzweifelten Lage, der für Ereignisse zur Rechenschaft gezogen wurde, auf die er keinen Einfluss hatte. Als dann die Nachricht kam, dass Daniel Pearl getötet worden war, wurde er über den unmittelbaren Kreis seiner Familie, Kollegen und Freunde hinaus von vielen Menschen betrauert.

Daniel Pearl war sehr gebildet und ein begabter Journalist. Seine Artikel waren typisch für die Schizophrenie des Wall Street Journal, dessen reaktionäres Gekeife in Leitartikeln und Kommentaren oft von den gewissenhaften Berichten seiner besten Reporter widerlegt wird. Pearl bewahrte eine objektive und unabhängige Haltung gegenüber den Ereignissen, über die er berichtete, und stellte auch Informationen dar, die den Behauptungen der US-amerikanischen Regierung und der Herausgeber des Journal widersprachen.

Nachdem US-Raketen die Arzneimittelfabrik El Shifa im Sudan zerstört hatten, reiste Pearl 1998 an den Ort des Geschehens. Die Clinton-Regierung hatte den Angriff damit gerechtfertigt, dass der Betrieb chemische Waffen hergestellt habe. Die Ergebnisse von Pearls Recherchen widersprachen diesen Behauptungen. Er schrieb daraufhin, manche "Glieder in der Beweiskette der US-Regierung" seien "schwächer, als die bisherigen Berichte vermuten ließen". Die Informationen, mit denen die Regierung den Angriff rechtfertigte, so Pearl, stammten größtenteils von sudanesischen Dissidenten, die ihre eigenen Interessen und eigennützigen Zwecke verfolgten.

In einer weiteren hervorragenden Artikelserie befasste sich Pearl mit den Vorwürfen, serbische Truppen hätten im Kosovo einen Völkermord verübt. Er räumte ein, dass die jugoslawischen Soldaten "Entsetzliches" getan hätten, stellte aber (in einem gemeinsam mit Robert Block verfassten Artikel) zugleich fest, dass "die übrigen Anschuldigungen - blindwütiger Massenmord, Vergewaltigungslager, Krematorien, Leichenverstümmelung - erst in den letzten sechs Monaten, seit dem Einmarsch der NATO im Kosovo, erhoben wurden. Albanische Kämpfer, humanitäre Organisationen, die NATO und die Medien bestärkten sich gegenseitig darin, den Völkermord-Gerüchten Vorschub zu leisten. Doch inzwischen entsteht ein anderes Bild."

Pearls Mörder interessierten sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht im Geringsten dafür, was er geschrieben oder gedacht hatte. Sie legten nicht nur entsetzliche Brutalität, sondern auch politische Idiotie an den Tag. Selbst wenn man alle moralischen und menschlichen Erwägungen beiseite lassen wollte (was in ehrlicher Politik nicht möglich ist), wirkt der Mord an Pearl der Kriegspolitik der Bush-Regierung in keiner Weise entgegen. Der grausame und sinnlose Mord an einem Einzelnen - der außerdem eindeutig keine Verantwortung für das Vorgehen der amerikanischen Regierung trug - ruft nur Abscheu hervor und fördert ein politisches Klima, in dem weitaus schlimmere Gewaltakte der USA an Massen von Menschen in Zentralasien und im Nahen Osten möglich sind.

Die Versuche der US-Regierung und der Medien, Pearls Tod für ihre eigenen reaktionären und militaristischen Zwecke auszunutzen, sind abzulehnen und zu bekämpfen. Die Einsicht, dass der Mord an Pearl auf politische Ursachen zurückgeht, deren Wurzeln weitaus tiefer reichen als die unmittelbaren Motive seiner Entführer, ist keine Entschuldigung oder Rechtfertigung des Terrorismus. Die schreckliche Wahrheit lautet, dass Pearls tragisches Ende, so ungerecht und unverdient es war, eine Folge der Politik des amerikanischen Imperialismus darstellt. "Danny unterscheidet sich nicht von den Tausenden Amerikanern, die am 11. September umkamen", schrieb das Wall Street Journal in seinem Nachruf auf Pearl und gab damit mehr zu, als es beabsichtigt hatte.

Ebenso wie die 3000 Unschuldigen, die bei dem Terroranschlag auf das World Trade Center starben, ist Daniel Pearl ein Opfer der Politik der USA. Diese Toten sind eine Folge der kaltschnäuzigen und reaktionären Entscheidungen, die Washington auf der Jagd nach Öl und im Interesse imperialistischer geostrategischer Interessen während der vergangenen zwanzig Jahre getroffen hat.

Wir wiederholen: Eine Erklärung für die gesellschaftlichen und politischen Wurzeln des Terrorismus ist keine Rechtfertigung. Der Satz des Wall Street Journal, Pearls Tod sei "ein schreckliches Zeichen, wie so vieles seit dem 11. September, dass das Böse immer noch unter uns weilt", ist abergläubischer Unsinn, mit dem man überhaupt nichts erklären kann.

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass die rücksichtslose Gewaltanwendung der USA gegen alle, die ihnen in den Weg geraten, Millionen auf der ganzen Welt in Wut versetzt? Um nur ein kleines Beispiel für die Arroganz und Brutalität der USA anzuführen: am selben Tag, an dem die Meldung über den Mord an Pearl bestätigt wurde, gab Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu, dass US-Soldaten versehentlich 16 afghanische Milizen getötet hatten, die gegen die Taliban kämpften. Er lehnte aber jegliche Entschuldigung ab.

Auch ohne überragende politische Kenntnisse kann man begreifen, dass der Wunsch nach Rache für die Entscheidung, Pearl zu töten, ein starkes subjektives Motiv war. Zumindest in dieser Hinsicht unterscheidet sich die innere Haltung von Pearls Mördern nicht übermäßig von derjenigen der meistgelesenen Kommentatoren in den USA. Erst vor einer Woche brachte die New York Times einen Kommentar von Thomas L. Friedman, der Bushs Rede über die "Achse des Bösen" lobte. Darin hieß es:

"Zum 11. September kam es, weil Amerika seine Abschreckungsfähigkeiten eingebüßt hat. Wir haben sie verloren, weil wir seit zwanzig Jahren niemals Vergeltung übten und niemanden zur Rechenschaft zogen, der Amerikaner getötet hatte... unschuldige Amerikaner wurden getötet, ohne dass wir etwas unternahmen. Unsere Feinde nahmen uns also immer weniger ernst und wurden immer dreister... Amerikas Feinde hielten uns für schwach, und das mussten wir sehr teuer bezahlen."

Man müsste nur ein paar Worte ändern, dann könnten die pakistanischen Terroristen Friedmans Argumentation zur Rechtfertigung ihres Mordes an Pearl verwenden: "Wir haben uns nicht an Amerika gerächt... unschuldige Araber, Afghanen und Moslems wurden getötet, ohne dass wir etwas unternahmen... Amerika nahm uns immer weniger ernst und wurde immer dreister."

Die Denkmuster der großspurigen und kriegslüsternen amerikanischen Kolumnisten und der islamischen Terroristen haben sehr viel mehr gemeinsam, als beide Seiten wissen. Beide denken in ethnischen, religiösen und nationalen Stereotypen. Beide berauschen sich an Gewalt. Und eine Welt jenseits der Niederungen sinnloser Schlächtereien - eine Welt, die soziale Gleichheit und Solidarität verwirklicht und sich von aller Gewalt und Unterdrückung befreit - liegt völlig außerhalb ihres Vorstellungsbereichs.

Siehe auch:
Medien benutzen Pearls Entführung um die amerikanische Gesellschaft reinzuwaschen
(12. Februar 2002)