Das Haager-Tribunal: Milosevic wirft der NATO Kriegsverbrechen vor

Von Chris Marsden
9. März 2002

Am Dienstag, den 12. Februar 2002, begann der Prozess gegen Slobodan Milosevic vor dem Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal für das frühere Jugoslawien (ICTY) in Den Haag.

An den beiden folgenden Tagen formulierte die Anklagevertretung unter Leitung von Chefanklägerin Carla del Ponte ihre Anklage gegen den früheren jugoslawischen Staatschef wegen Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien und im Kosovo. Im Anschluss daran widerlegte Milosevic in seiner Verteidigungsrede juristisch einwandfrei die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen, was für das ICTY und die westlichen Mächte politisch offensichtlich höchst kompromittierend war. Milosevic wandte sich gegen seine Ankläger und argumentierte schlüssig, dass die Vereinigten Staaten, Deutschland und die anderen NATO-Mächte die Hauptverantwortung für den Ausbruch ethnischer Konflikte auf dem Balkan trügen, und dass eigentlich sie wegen Kriegsverbrechen auf die Anklagebank gehörten.

Milosevic wollte sich begreiflicherweise in einem möglichst günstigen Licht präsentieren, und kein objektiver Beobachter der Ereignisse auf dem Balkan während der letzten beiden Jahrzehnte wird leugnen, dass er für die tragischen Ereignisse der 90er Jahre politische Mitverantwortung trägt. Tatsache bleibt aber, dass seine Version der Geschehnisse weit mehr Wahrheit enthält als die gleichermaßen vom Eigeninteresse diktierte Darstellung westlicher Regierungen, die die politische Grundlage dieses Prozesses bildet.

Zur Eröffnung der Beweisführung der Anklage erklärte del Ponte, dass sich das ICTY auf die Anwendung des "internationalen Menschenrechts" gründe. Milosevic sei "auf der Grundlage seiner individuellen kriminellen Verantwortung" angeklagt, und: "Kein Staat und keine Organisation stehen hier vor Gericht." "Dies ist ein Strafprozess", fuhr sie fort, und die Anklage werde Milosevics' Versuch, "Einwände politischer Art zu machen", nicht beachten.

Diese Wendungen sind sehr ungewöhnlich. Wie kann Milosevic als Einzelperson vor Gericht stehen, wo er doch gerade deshalb angeklagt wird, weil er früher Staatschef war? Mehr noch, muss man nicht bewusst den Naiven spielen, um diese Nicht-Existenz einer politischen Dimension des hochkarätigsten Gerichtsverfahrens der heutigen Zeit zu akzeptieren?

Del Ponte lastete die ganze Tragödie des jugoslawischen Zusammenbruchs dem persönlichen Ehrgeiz von Milosevic an. Ihr Versuch, dies zu tun, erreichte ein groteskes Ausmaß. Milosevic sei weder Nationalist noch Rassist gewesen, sagte sie. Sondern: "Hinter dem nationalistischen Vorwand und dem Horror der ethnischen Säuberung, hinter der hochtrabenden Rhetorik und den abgedroschenen Phrasen war es das Machtstreben, das Slobodan Milosevic motivierte."

Die leitenden Staatsanwälte Geoffrey Nice und Dirk Ryneveld schlossen sich mit einer ausführlichen Darlegung der Beschuldigungen gegen Milosevic an und listeten Beispiele für Morde und Gräueltaten in Kroatien, Bosnien und im Kosovo auf.

Um Milosevic direkt für Verbrechen verantwortlich machen zu können, die zum großen Teil serbischen Freischärlern und nur zu einem geringen Teil den Soldaten der regulären Armee zugeschrieben werden, behauptete Nice einfach, dass Milosevic von den Geschehnissen gewusst haben musste und deswegen schuldig sei.

Nice begann mit der Anklageverlesung zum Kosovo und beschuldigte Milosevic, die politische Atmosphäre durch repressive Maßnahmen und nationalistische Hetzreden vergiftet zu haben. Nice gestand ein, dass sich in den späten achtziger Jahren eine separatistische Bewegung unter der albanischstämmigen Bevölkerung entwickelt habe. Aber die terroristische Gewalt der Kosovo-Befreiungsfront UCK entschuldigte er, indem er die Meinung vertrat, es sei eher überraschend, dass "die Reaktion des Kosovo, oder der Kosovo-Albaner lange Zeit eher zurückhaltend war".

Nice zeigte ein Video einer Rede Milsovics vom 28. Juni 1989 zur Feier des 600. Jahrestags der Schlacht auf dem Amselfeld, aus der er nur den einen Satz hervorhob: "Sechs Jahrhunderte später - heute - kämpfen wir wieder und stehen vor neuen Kämpfen. Es sind keine bewaffneten Kämpfe, obwohl es auch dazu wieder kommen könnte." Die Tatsache, dass Milosevic "bewaffnete Kämpfe" nicht ausschloss, sollte ihn mit den Ereignissen der nächsten Jahre in Verbindung bringen.

Nice gab dann eine sehr lückenhafte Chronologie des darauf folgenden Zerfalls Jugoslawiens und der beginnenden Konflikte. Als den durchgehenden roten Faden in den Konflikten in Kroatien, Bosnien und im Kosovo bezeichnete er Milosevics Einsatz ethnischer Säuberungen, um "mit unterschiedlichen Mittätern, die alle Teil eines gemeinsamen Planes waren, sein Ziel der Kontrolle und der Herrschaft der Serben über das Gebiet zu erreichen." Was immer die Armee, die territorialen Verteidigungseinheiten der Krajna, Slawoniens, Serbiens und Montenegros und "eine Vielzahl von paramilitärischen Gruppierungen" in Kroatien taten, soll alles "einem Plan" Milosevics entsprungen sein. "Die Beweise zeigen, dass die Kräfte, die ich genannt habe, gemeinsam unter der Anleitung des Angeklagten ein einziges Ziel verfolgt haben", behauptete Nice.

Was Bosnien und den Vorwurf des "Völkermords" betrifft, stellte Nice sicher, dass jede vorstellbare Grundlage für die Anklage abgedeckt war. Um nicht die umstrittenen Zahlen serbischer Gräueltaten zitieren zu müssen, behauptet Nice einfach: "Der Angeklagte beabsichtigte, die bosnisch-muslimische und die bosnisch-kroatische Volksgruppe teilweise zu vernichten, was die Definition von Völkermord erfüllt." Er fuhr fort: " Alternativ: dass Völkermord die natürliche und voraussehbare Folge des gemeinsamen kriminellen Unterfangens war, Nicht-Serben gewaltsam und für immer aus dem kontrollierten Gebiet zu entfernen. Alternativ: der Angeklagte war ein Komplize und wusste, dass einige der Täter Völkermord begingen und er unternahm Schritte, die sie in die Lage versetzten, die Taten zu begehen. Weiter oder alternativ: als Vorgesetzter im Sinne des Artikels 7(3) unseres Statuts wusste er oder hätte er wissen müssen, dass Völkermord begangen wurde oder begangen worden war und hinderte die Täter nicht daran und bestrafte sie nicht." [Alle Hervorhebungen hinzugefügt]

Mit einer solche Liste sehr unterschiedlicher Alternativen ist es nicht nötig zu beweisen, dass Milosevic für jegliche Gräueltaten persönlich verantwortlich sei. Er hätte wissen sollen, dass sie die unvermeidliche Folge seiner Politik sein mussten, selbst wenn die Taten von anderen begangen wurden, die formal nicht seinem Kommando unterstanden. Indem das Verbrechen des Völkermords als ein Volk "teilweise" zu vernichten definiert wird, wird die unangenehme Frage vermieden, wie viele tatsächlich getötet wurden - wie groß dieser Teil sei, oder auf welche Weise sie tatsächlich getötet wurden; ob es etwas irgendwie Vergleichbares zu den Konzentrationslagern der Nazis oder den umfassenden ethnisch motivierten Morden in Ruanda gegeben habe.

Als letzte Absicherung dagegen, irgendeine tatsächliche Verbindung Milosevics zu irgendeinem der angeblichen Kriegsverbrechen nachweisen zu müssen, erklärte Nice schließlich: "Die Anklage wird nachweisen und weist nach, dass dieser Angeklagte sich sorgfältig bemühte, seine Beteiligung an diesem Unternehmen zu verschleiern. Führung und Armee der bosnischen Serben hätten aber niemals tun können, was sie taten, ohne seine ständige wissentliche Unterstützung." Denn, gab Nice später zu: "Es ist richtig, dass sich unsere Beweise gegen diesen Angeklagten - wenigstens im Moment - und für seine Beteiligung an diesen schrecklichen Ereignissen auf seine Unterstützung der Republik Srpska [die serbische Enklave in Bosnien-Herzegowina], seine Unterstützung für ihre Armee beschränken. Wir schließen natürlich nicht die Möglichkeit aus, im weiteren Verlauf in der Lage zu sein, weiter zu gehen." Mit anderen Worten, die Anklage hat keine anderen Beweise als die Behauptungen ihrer Zahlmeister in Washington und den westlichen Regierungen.

Als weiteren Beweis für Milosevics Kriegsverbrechen zitierte diese angeblich unpolitische Anklagevertretung dann eine Presseerklärung des US-Außenministers Eagleburger vom 16. Dezember 1992. "Der serbische Präsident Slobodan Milosevic und die Führer der bosnischen Serben werden sich ‚hoffentlich vor einem Gericht' für die Gräueltaten verantworten müssen, die von Militärpersonen und von Kommandeuren von Gefangenenlagern im zerfallenen Jugoslawien begangen worden sind.... Tatsache ist, dass wir wissen, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, und wir wissen, wann und wo sie begangen wurden. Wir wissen weiterhin, welche Kräfte diese Verbrechen begangen haben und unter wessen Kommando sie operierten."

Und die Schuldigen, machte Eagleburger in der gleichen Presseerklärung klar, waren Milosevic und Karadzic, der Führer der bosnischen Serben. Nice fügte hinzu: "Nun, dieses Tribunal ist höchstens ganz am Rande mit politischen Fragen befasst. Es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass: Erstens dieser Angeklagte schon als Komplize identifiziert war, eindeutig identifiziert; aber: Zweitens - und dieser Punkt ist in diesem Fall von zwingender Bedeutung - war er von höchster Stelle auf seine Verpflichtung hingewiesen worden, die internationalen Gesetze zu beachten." Das ist erstaunlich, weil es klar macht, dass Milosevic beschuldigt wird, nicht das getan zu haben, was Eagleburger ("die höchste Autorität") von ihm verlangt hatte, und dass er als schuldig anzusehen sei, weil Eagleburger dies behauptet! Und das von einem Mann, der eben noch beteuert hat, frei von politischen Vorurteilen zu sein.

Milosevic war 1995 einer der Garanten des Abkommens von Dayton, mit dem der Bürgerkrieg in Bosnien beendet wurde, und arbeitete bei seiner Umsetzung eng mit den USA zusammen. Deswegen hatte sich die ursprüngliche Anklage ausschließlich auf das Kosovo konzentriert. Andernfalls hätten die USA und einige europäische Mächte Probleme gehabt, zu erklären, warum sie so eng mit einem angeblichen Kriegsverbrecher zusammengearbeitet hatten.

Unglücklicherweise für den Westen stand die Anklage gegen Milosevic hinsichtlich des Kosovo auf so schwachen Füßen, dass hastige Anklagepunkte zu Kroatien und Bosnien hinzugefügt wurden. Aber das bedeutete, dass die offensichtliche politische Anomalie wieder ins Zentrum rückte. Und wie geht Nice damit um? Mit unverfrorener Spitzfindigkeit: "Mag sein, dass er in der Lage war, die internationalen Unterhändler mit Charme oder sogar scheinbarer Vernunft und Mäßigung zu beeindrucken, selbst wenn die Fakten vor Ort eine andere Sprache sprachen... Aber natürlich haben seine Entscheidungen von 1995 nichts mit dem zu tun, woran er selbst beteiligt war..."

Die amerikanischen und europäischen Politiker und ihre obersten Militärführer waren also nur die naiven Trottel des verschlagenen Milosevic, der sie mit seinem unerschöpflichen Charme wie ein moderner Gary Grant hinters Licht führte.

Schließlich wandte sich die Anklage dem Kosovo zu, und hier wurde der Krieg einzig und allein als Ergebnis von aggressivem serbischem Nationalismus und exzessiver Repression Milosevics gegen die UCK dargestellt. Als Beispiel griff Nice das sogenannte Racak-Massaker heraus, das zum Vorwand für die Intervention des Westens wurde, gab aber dann zu, dass der Vorfall "nicht in der Anklageschrift auftaucht". Diese Auslassung hat den einfachen Grund, dass es keinen konkreten Beweis, gibt, dass überhaupt ein Massaker stattgefunden hat!

Der andere Vorwurf der Anklage war, dass Milosevic die "innerstaatliche Vertreibung" von 200.000 Kosovo-Albanern als eine spezifische Form der ethnischen Säuberung organisiert habe. Das heißt, Milosevic soll die albanischstämmige Bevölkerung nicht einmal aus dem Land getrieben haben, sondern die Tatsache von Fluchtbewegungen der Bevölkerung in einem Bürgerkrieg soll als Beweis für ethnische Säuberungen herhalten.

Nice schloss mit einer Behauptung, die so bizarr ist, dass selbst Chris Carter sie als Story für seine "Akte X" dankend abgelehnt hätte. Milosevic habe einen Krieg mit der Nato "provoziert", weil dieser "ihm die Gelegenheit bot", die Albaner aus dem Kosovo zu vertreiben, "und dabei für sich in Anspruch zu nehmen, sein Land zu verteidigen". So hört es sich nach Nices verdrehter Logik an: "Selbst wenn es keinen solch listigen Plan gegeben hätte, wie ich ihn umrissen habe - dass nämlich, wie viele glauben, Gewalt von außen auf das Kosovo gelenkt wurde, um die Vertreibung der Albaner zu rechtfertigen - könnte man dennoch die Tatsache, dass es geschah, durch nichts entschuldigen oder rechtfertigen, und es wäre immer noch ein Verbrechen, wie es in der Anklageschrift beschrieben ist."

Darauf ergriff Ryneveld das Wort und versicherte: "Im heutigen Prozess geht es in erster Linie um Vertreibungen." Damit meinte er, dass "mehr als 800.000 kosovo-albanische Zivilisten von serbischen Truppen gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen und in die Nachbarländer zu fliehen." "Serbische Truppen" ist dabei ein Sammelbegriff für "die Truppen der FRY [Bundesrepublik Jugoslawien]; der Republik Jugoslawien; natürlich des Innenministeriums; der Polizei; und verschiedener paramilitärischer Verbände."

Er sprach von Tausenden von Toten, schränkte das aber mit dem recht seltsamen Eingeständnis ein: "Es muss gesagt werden, dass im Kosovo ein bewaffneter Konflikt zwischen der jugoslawischen Bundesarmee und serbischen Kräften auf der einen und der Kosovo-Befreiungsarmee UCK auf der anderen Seite im Gange war. Weiterhin muss gesagt werden, dass bei bewaffneten Konflikten, so bedauerlich und beunruhigend das auch ist, unvermeidlich Menschen getötet werden. Zweifellos wurden in diesem speziellen bewaffneten Konflikt bestimmte bewaffnete Kämpfer auf beiden Seiten als legitime Kriegsopfer getötet. Dass Menschen in Kriegszeiten sterben, ist nicht notwendigerweise ein Zeichen dafür, dass Kriegsverbrechen begangen wurden."

Diese Formulierung ist so defensiv wie nur vorstellbar. Statt mit Völkermord haben wir es hier mit "Vertreibungen" und dem Zugeständnis zu tun, dass im Kosovo viele der Opfer auf allen Seiten im Kampf getötete Soldaten oder Kriegsopfer waren, und nicht Opfer serbischer Kriegsverbrechen (und natürlich gab es keine Bezugnahme auf Kriegsverbrechen irgend einer andern ethnischen Gruppe).

In Erwägung der Rolle, die die NATO-Bombardierungen dabei spielten, den folgenden Massenexodus ethnischer Albaner zu erzwingen, bestanden die Ankläger einfach darauf, dass albanische Zeugen, d.h. die politischen Feinde Milosevics, schon bestätigen würden, dass die große Mehrheit der Flüchtlinge wegen der Angriffe serbischer Soldaten ihre Häuser verließen und nicht wegen der Bomben der NATO. Um die Behauptung zu unterstützen, dass serbische Truppen eine systematische Vergewaltigungspolitik betrieben hätten, sollten Zeugen "in geschlossener Sitzung oder mittels eines Pseudonyms und verändertem Gesicht" auftreten können, was bedeutet, dass es keine Mittel gäbe, um den Wahrheitsgehalt solcher Beweise zu überprüfen.

Angesichts der Armseligkeit des Falls, den die Anklage dem Haager Gericht vorgetragen hat, seiner durchsichtigen politischen Motivation und seiner offensichtlichen Widersprüche ist es nur mit dem unterwürfigen Charakter der Massenmedien zu erklären, dass er kritiklos aufgenommen wurde. Jede fromme Erklärung wurde gläubig wiedergegeben und mit Beleidigungen Milosevics verstärkt, die nur noch deutlicher machen, dass es für ihn unmöglich sein wird, einen fairen Prozess zu bekommen. Dass Milosevic die Anklage derart zerpflücken konnte, ist deshalb gleichzeitig auch eine vernichtende Entlarvung der Massenmedien, die nichts dergleichen getan haben.

Vor dem Haager Gericht macht Milosevic eher den Eindruck eines geschickten bürgerlichen Politikers, als den eines geifernden Ideologen, als der er in den Medien dargestellt wird. Er ist zwar ohne Zweifel ein Nationalist, aber keineswegs der rechteste in Serbien oder den anderen jugoslawischen Republiken. Seine früheren Bemühungen, eine Verständigung mit den amerikanischen und europäischen imperialistischen Mächten zu erreichen, und seine intimen Kenntnisse ihrer Manöver hinter den Kulissen geben seinen Angriffen auf sie eine gewisse pikante Note. Einmal erklärte Milosevic seine Absicht, folgende Zeugen zu laden: "Clinton und Albright und Kinkel und Kohl und Dini und Vollebaek und Kofi Annan und Scharping und Dole und das amerikanische Team bei den Verhandlungen in Dayton und alle diejenigen, die bei der Unterzeichung des Abkommens in Paris anwesend waren, mit Ausnahme von Blair und Schröder, mit denen ich nicht gesprochen habe."

Milosevic begann, in dem er die Legalität des Verfahrens in Den Haag und die Anklage gegen ihn selbst in Frage stellte. Dazu führte er folgendes aus:

Erstens, da der UNO-Sicherheitsrat "ein Recht, das er gar nicht besaß, auch nicht an dieses Tribunal übertragen konnte, hat dieses Tribunal auch kein Recht, einen Prozess zu führen".

Zweitens, sei seine Verhaftung illegal gewesen "und der Repräsentant des Tribunals war daran beteiligt. Sie fand in Belgrad statt, sie verstieß gegen die Verfassung von Serbien und von Jugoslawien, die jugoslawische Regierung hat deshalb ihren Rücktritt angeboten und Strafprozesse in Jugoslawien waren die Folge. Sie sind beantragt worden."

Er erklärte, jedes Gericht sei verpflichtet, "sich mit der Habeaskorpusfrage zu befassen, bevor der Prozess beginnt... Sie hatten die Pflicht, eine Anhörung zu veranlassen hinsichtlich meiner rechtswidrigen Verhaftung und hinsichtlich der Tatsache, dass ich auf der Grundlage eines Verbrechens hierher verschleppt worden bin..."

Schließlich bezweifelte er, dass er ein faires Verfahren bekommen könne. Insbesondere eine unvoreingenommene Haltung von Seiten der Anklage sei nicht gegeben. Er zitierte die von der UNO-Vollversammlung 1990 angenommenen "Vorschriften hinsichtlich der Anklage und des Anklägers... die verlangen, dass es keine Vorurteile geben darf und Unvoreingenommenheit herrschen muss. Nach allem, was wir hier bisher gehört haben, ist es mehr als klar geworden, dass das Tribunal nicht nur parteiisch ist, sondern dass Ihr Ankläger mein Strafmaß und Urteil festgelegt hat, und dass die Anklage eine Medienkampagne initiiert hat. Es gibt ein paralleles Tribunal in den Medien, die im Einklang mit diesem rechtswidrigen Prozess die Rolle eines parallelen Lynch-Prozesses übernommen haben..."

Milosevic nannte das Haager Tribunal "ein Verbrechen gegen einen souveränen Staat, gegen das serbische Volk, gegen mich. Sie wollen mir für Taten den Prozess machen, die ich in der Eigenschaft als Staatsoberhaupt durchgeführt habe, zur Verteidigung dieses Staates und dieses Volkes gegen den Terrorismus und die größte Militärmaschinerie der Welt... Die ganze Welt weiß, dass dies ein politischer Prozess ist, der mit Recht und Gesetz überhaupt nichts zu tun hat."

Er fügte hinzu: "Es gibt nicht den Hauch eines fairen Prozesses oder der Waffengleichheit zwischen den Prozessparteien... Auf der einen Seite gibt es einen enormen Apparat, dazu eine gewaltige Medienstruktur, der alle denkbaren Hilfsmittel zur Verfügung stehen... Ihre Seite hat alles zu ihrer Verfügung. Was gibt es auf meiner Seite? Ich habe nur einen öffentlichen Fernsprecher im Gefängnis. Das ist das einzige, was ich habe, um mich gegen die furchtbarsten Verleumdungen gegen mich, mein Land und mein Volk, gegen all das, was Sie hier vorgebracht haben, zu verteidigen."

Am 14. Februar begann Milosevic seine eigentliche Verteidigung mit einem Video über die Auswirkungen der 78-tägigen Bombardierung des Kosovos und Serbiens. Darin wurde der Gebrauch abgereicherter Uranmunition durch die westlichen Mächte dargestellt, die Behauptung widerlegt, dass bei Racak albanische Zivilisten und nicht UCK-Kämpfer getötet worden seien, und erklärt, wie dieser Vorfall einen Vorwand für den Nato-Angriff lieferte.

Milosevic bemerkte, dass die Behauptung, albanischstämmige Bewohner hätten den Kosovo aufgrund ethnischer Säuberungen durch Serben verlassen, wesentlich dazu beitrug, den Widerstand gegen den Krieg in Deutschland und anderen westlichen Staaten zu überwinden. Aus diesen Gründen wurde nicht anerkannt, welche Rolle die Bombenabwürfe der Nato im Kosovo und die UCK - zum Zwecke der eigenen Propaganda - dabei gespielt hatten, viele Menschen zum Verlassen der Provinz zu zwingen. Der Westen wusste, so betonte Milosevic, dass sich beim Beginn der Bombardierung eine enorme humanitäre Katastrophe entfalten würde.

Schließlich wurden 6.000 Luftschläge gegen Serbien geführt, ohne UNO-Mandat und im Widerspruch zur defensiven Zielsetzung der Nato-Charta.

Milosevic war in der Lage, die offenkundigen Ungereimtheiten der US-Außenpolitik auszunutzen, nachdem die Bush-Regierung einen internationalen Krieg gegen den Terrorismus erklärt hat. Er wies darauf hin, dass die USA die UCK ursprünglich als terroristische Organisation betrachtet hatten und dass diese erwiesenermaßen Verbindungen zu Drogenhandel und Prostitution besitzt. Auch Osama Bin Laden unterhalte Verbindungen zu verschiedenen albanischen islamischen Fundamentalistengruppen. Dazu kommentierte er: "Die Amerikaner gehen um die halbe Welt, um gegen den Terrorismus zu kämpfen, nach Afghanistan, im gegebenen Fall, das am entgegengesetzten Ende der Weltkugel liegt. Und das soll logisch und normal sein, während der Kampf gegen den Terrorismus mitten im eigenen Land, im eigenen Heim, ein Verbrechen sein soll."

Er machte einige bemerkenswerte Punkte zu den Übertreibungen der Anklage. "Sie behaupten sogar - wir haben das in den letzten zwei Tagen gehört -, dass ich absichtlich die Nato-Aggression und den Krieg gegen Jugoslawien herbeigeführt hätte, mit all dem damit einhergehenden Leid für Millionen seiner Bürger, einzig aus dem Grund, einen Vorwand zur Ermordung von Albanern zu haben." "Im Gegenteil," betonte er, "unsere Verteidigung war eine heroische Verteidigung, eine heroische Verteidigung gegen eine Aggression der Nato."

Als Antwort auf die Beschuldigung, er habe die ethnische Säuberung der Kosovo-Albaner betrieben, sagte er, Kosovo sei das Ziel von "Bombenangriffen bei Tag und bei Nacht, 24 Stunden, rund um die Uhr, jeden Tag, 78 Tage lang" gewesen. "Jetzt wollen Sie diese Tatsache wegwischen, indem Sie Zeugen auffahren, die sagen, dass sie vor den serbischen Kräften, wie Sie die Armee und Polizei nennen, geflüchtet sind.... Ich frage mich wirklich, ob wir ein Gericht haben, das sich mit einer 78-tägigen Bombardierung befasst oder ein Gericht, das diese Tatsache zugunsten von Zeugenaussagen ignoriert."

Milosevic gab offen zu, dass von "einigen Individuen oder Gruppen" kriminelle Akte begangen worden seien, fragte aber, ob eine offizielle Politik der ethnischen Säuberung "besonders in solch massiven Ausmaßen, ohne einen Befehl oder eine Organisation durchgeführt worden sein kann?"

Dem hielt er entgegen, dass "Ihre Vorgesetzten [die Nato-Länder] Jugoslawien zerschlagen haben, ebenso wie das Jugoslawien im Kleinen [Bosnien-Herzegowina]. Jetzt wollen sie alle drei Völker in Bosnien-Herzegowina die Rechnung bezahlen lassen, alle Menschen, die sie in einen Bürgerkrieg getrieben haben, um die wirkliche Verantwortung dafür so weit wie möglich von sich abzuwälzen. Warum haben sie denn Bosnien gezwungen, Jugoslawien zu verlassen, wenn sie keinen Konflikt wollten? Als sie Bosnien schließlich aus Jugoslawien geworfen hatten und alle drei Parteien den Cutilheiro-Plan zur Organisation Bosniens akzeptiert hatten, warum haben sie dann zu Alija Izetbegovic [Führer der bosnischen Moslems] gesagt, er solle seine Unterschrift zurücknehmen? Der US-Gesandte Warren Christopher, der das zu ihm gesagt hat und es nicht leugnen konnte, hat in seinem Buch geschrieben, er habe vielleicht einen Fehler gemacht, als er zu Herrn Izetbegovic sagte, er solle das tun. Und so begann der Krieg."

Die Anklägerin hatte Milosevics Plan zur ethnischen Säuberung des Kosovo von Albanern "Operation Hufeisen" genannt. Milosevic wies darauf hin, dass im ursprünglichen Anklagetext das Wort "Podkova" benutzt wurde, das aus dem Kroatischen stammt. "Die Serben hätten niemals,Podkova' geschrieben. Sie hätten,Podkovica' für Hufeisen benutzt."

Er fragte: "Was bedeutet interne Vertreibung im Kosovo und was könnte das Motiv für interne Vertreibungen im Kosovo sein, was ist die Erklärung, wenn terroristische Banden und Gruppen Dörfer erstürmen und ihre Bewohner töten? Und sie werden später noch sehen, wie viele Albaner vor dem Krieg getötet wurden, zweieinhalb mal so viele wie Serben, die getötet wurden.... Also werden natürlich die Bewohner dieses Dorfes zu einem Nachbardorf flüchten und dort bei ihren Freunden unterkommen, oder in die Stadt. Oder wenn sie dort keine Verwandten haben, in ein staatliches Sammelzentrum. Interne Vertreibung der Bevölkerung, ich verstehe das nicht. Was könnte der Zweck einer internen Vertreibung der Bevölkerung sein, außer einer bösartigen Interpretation der Tatsache, dass Menschen geflohen sind?"

Milosevic fügte hinzu, dass seine Weigerung, angebliche Kriegsverbrecher wie den bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic auszuliefern, nicht negativ gedeutet werden könne, da "ich Ihnen niemals irgendjemanden ausliefern würde, weil ich dieses Tribunal als illegal ansehe". Seine Regierung habe angeboten, angebliche Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen, wenn die Nato-Länder Beweise gegen sie vorgelegten.

Ausführlich zitierte er aus seinen Reden, welche die Anklage als Beweis angeführt hatte. Selbst wenn man berücksichtigt, dass derartige Reden bei feierlichen Anlässen gehalten werden und dementsprechend ausfallen, und dass die tatsächliche Politik anders aussehen kann, zog er damit doch die Behauptung ins Lächerliche, er habe offen Nationalismus und ethnische Gegensätze geschürt.

Unter den von ihm zitierten Passagen ist die Folgende: "Gerechte Beziehungen zwischen den jugoslawischen Völkern sind eine notwendige Vorbedingung zur Erhaltung Jugoslawiens, damit es sich von seiner Krise erholen und wieder ökonomisch und sozial aufblühen kann. So wird sich Jugoslawien auch nicht von der gesellschaftlichen Atmosphäre der modernen und insbesondere der entwickelten Welt absondern. Die Welt strebt nach nationaler Versöhnung, nationaler Zusammenarbeit und nationaler Gleichheit... Die Bevölkerung Serbiens ist sich in diesem Jahr seines Bedürfnisses nach innerer Harmonie als notwendige Voraussetzung für ihr heutiges Leben und ihre zukünftige Entwicklung voll bewusst geworden."

Im Anschluss an diese Passage hatte Milosevic von Kämpfen gesprochen, was die Anklage angeführt hatte. Tatsächlich hatte er gesagt: "Unser größter Kampf liegt heute darin, die wirtschaftliche, politische, kulturelle und allgemein gesellschaftliche Entwicklung zu realisieren, um schneller und erfolgreicher zu der Zivilisation aufschließen zu können, in der die Menschen im 21. Jahrhundert leben werden."

Er hatte den multi-ethnischen Charakter Serbiens in einer Art und Weise betont, die nicht an serbische Nationalisten appellierte, sondern den Einfluss des albanischen Separatismus zurückdrängen sollte: "Und in diesem Sinne verändert sich die nationale Zusammensetzung von praktisch jedem, besonders der entwickelten Länder der modernen Welt. Zunehmend und immer erfolgreicher leben verschiedene ethnische Gruppen zusammen, Menschen verschiedener Religionen und unterschiedlicher Rassen. Der Sozialismus sollte als eine progressive und gerechte demokratische Gesellschaft nicht zulassen, dass die Menschen auf ethnischer und religiöser Basis gespalten werden... Jugoslawien ist eine multinationale Gemeinschaft und es kann nur überleben, wenn volle und vollständige Gleichheit aller Nationen und Nationalitäten in ihr sichergestellt sind."

Was Milosevic hier zum Ausdruck brachte, war nicht bloße Rhetorik oder ein politisches Täuschungsmanöver, mit dem die extremen nationalistischen Ziele verschleiert werden sollten. Seine Politik war sicher nicht sozialistisch, wie er selbst behauptet, aber er hatte noch nicht vollständig von der alten titoistischen Vision eines vereinten Jugoslawien gebrochen. Er sah sich deshalb nicht so sehr als serbischer, sondern vielmehr als jugoslawischer Nationalist und Gegner des nationalen Separatismus, der von den Westmächten zur Zerschlagung Jugoslawiens benutzt wurde. Sein Festhalten an den alten Formen der Bundesverfassung bedeutete nicht, dass sein Standpunkt unvereinbar mit dem serbischen Nationalismus war. Milosevic wies aber darauf hin, dass er von den extremeren rechten Nationalisten als "Kompromissler" angegriffen worden sei, besonders wegen seiner Unterstützung des Dayton-Vertrages.

An einer Stelle fragte er das Gericht: "Denken Sie, dass es in Serbien keine Stimmen, und zwar laute Stimmen, gegeben hat, die für die Loslösung Serbiens von Jugoslawien eingetreten sind? Besonders von scharf antikommunistischer Seite. Jugoslawien sei ein Labyrinth von Nationen und solle zerschlagen werden. Ich habe auch ihnen geantwortet: Jugoslawien ist im Interesse aller Südslawen, die alle auf der Grundlage von Gleichberechtigung zusammenleben sollten. Das ist auch im Interesse des serbischen Volkes, das ihr zu repräsentieren beansprucht. Ihr wisst gar nicht, was ihr da eigentlich vertretet, weil Jugoslawien die einzige Möglichkeit ist, unter der alle Serben in einem Staat leben können, weil sie in allen Republiken leben. Auch das ist verdreht worden. Die Presse hat das verdreht. Das sei ein Programm für Großserbien gewesen und deshalb sei all das geschehen. Aber ich hatte hinzugefügt, dass so auch alle Kroaten in einem Staat leben, alle Muslime in einem Staat, alle Mazedonier in einem Staat leben. Wissen Sie, dass in Serbien mehr Muslime leben als in Bosnien? Und dass das größte Unglück für die Jugoslawen darin bestand, dass Jugoslawien gespalten wurde."

Milosevic beschuldigte die Nato, die Westmächte hätten Verbrechen gegen den Frieden begangen, indem sie absichtlich den Bürgerkrieg in Jugoslawien anstachelten und dann sein Volk bombardierten: "Das erste und größte Verbrechen war die Aggression selbst, die ein Verbrechen gegen den Frieden darstellt. Und Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen wurden vom 24. März 1999, als die Nato Jugoslawien angriff, bis auf den heutigen Tag begangen."

Er fuhr fort: "Die Aggression gegen die Bundesrepublik Jugoslawien war die weltweit größte Aggression nach dem zweiten Weltkrieg. Zur Allianz gehörten 19 der am höchsten entwickelten Länder, statistisch gesehen 676 mal mächtiger als Jugoslawien.... Die Nato forderte wahllos Opfer. Kinder, Frauen und alte Leute mussten leiden. Alle mussten leiden: Kranke, schwangere Frauen, schwere Dialysefälle, Flüchtlingskolonnen, Journalisten und Kameraleute, die ihrer Arbeit nachgingen, Bauern auf dem Feld, Händler auf dem Märkten, Zugpassagiere, Passanten, die Brücken überquerten. Ganze Häuserblocks wurden zerstört. Ganze Innenstädte wurden zerstört. Das alles wurde getan in Übereinstimmung mit dem Vorsatz - Sie haben es alle in den Zeitungen gelesen -, Serbien in die Steinzeit zurückzubomben."

Milosevics faktische Aufzählung der Folgen des Nato-Bombardements war schreckenerregend und dauerte mehrere Stunden. Dreißig Prozent aller getöteten Zivilisten waren Kinder. Vierzig Prozent der schwerverwundeten Zivilisten waren Kinder. 1.300.000 Kinder konnten nicht zur Schule gehen. Mehr als die Hälfte der Opfer der Nato-Bomben im Kosovo waren albanisch-stämmig, "genau die Leute, zu deren Schutz die Aggression angeblich durchgeführt wurde. Und die Täter nannten diese Aggression eine humanitäre Intervention... Bei allen Bombenangriffen im Kosovo haben sie gerade einmal sieben Panzer zerstört, aber auf der anderen Seite schafften sie es, wesentlich mehr Krankenhäuser zu zerstören. Sie trafen viel mehr Krankenhäuser als Panzer. Sie trafen wesentlich mehr Schulen als Panzer, Sie trafen viel mehr Gesundheitszentren und Kindergärten als Panzer. Sie setzten Splitterbomben und damit verbotene Waffen ein."

Die Nato verursachte eine ökologische Katastrophe, indem sie Ölraffinerien und Chemiefabriken bombardierte und Waffen mit abgereicherter Uranummantelung einsetzte. Milosevic führte eine lange Liste bombardierter medizinischer Zentren an, eine 34-seitige Liste mit Schulen, die innerhalb von nur einem Monat getroffen wurden, ebenso Kulturdenkmäler, Brücken, Fernsehstationen, Radiosendeanlagen, Eisenbahnlinien und andere wichtige Einrichtungen der Infrastruktur sowie Industrieanlagen. Er erwähnte auch die absichtliche Bombardierung der chinesischen Botschaft am 7.Mai.

"Für die begangenen Verbrechen und die Kriegsschäden sind die Allianz und ihre Mitgliedstaaten verantwortlich, die an der Aggression gegen Jugoslawien teilnahmen, sowie alle anderen Staaten, die die Nato dabei indirekt unterstützten," erklärte Milosevic. "Zusätzlich zu den Staaten sind auch Einzelpersonen verantwortlich und rechenschaftspflichtig: die Befehlsgeber, die Staats- und Regierungschefs, die Verteidigungsminister, der Generalsekretär der Nato selbst, die Kommandeure und andere, bis hin zu den Ausführenden."

Über die Motive für den Krieg sagte Milosevic: "Heute ist es mehr als offensichtlich, dass der wirkliche Grund für die Aggression der Nato die Erweiterung ihrer geostrategischen Interessen und ihres Territoriums war und auch der Wunsch, einen Präzedenzfall für den Einsatz von Gewalt unter Bruch der UNO-Charta und ohne die Zustimmung des UN-Sicherheitsrats zu schaffen."

Die Aufzählung von Zwischenfällen, die Milosevic vortrug, sowie die verschiedenen Fernsehdokumentationen und Augenzeugenberichte aus ganz Europa, die er präsentierte, störten den Richter May offensichtlich so sehr, dass er versuchte, Milosevics Vortrag auf zwei Tage zu begrenzen. Die Anklagevertretung überzeugte ihn aber, einen halben Tag zuzugeben, weil ihr eine solche offene Zensur doch einen Schritt zu weit zu gehen schien.

Jedenfalls gelang es Milosevic, die politische Voreingenommenheit des Verfahrens zu demonstrieren. Selbst wenn er in allen Punkten der Anklage schuldig wäre, so wäre die unterschiedslose, massive und anhaltende Bombardierung der serbischen Bevölkerung durch die Westmächte - wie auch vieler albanischstämmiger Kosovaren, deren Verteidigung sie angeblich diente - ebenfalls ein Kriegsverbrechen. Dass die Westmächte nicht neben Milosevic auf der Anklagebank sitzen, ist selbst eine Widerlegung der Behauptung, das Haager Tribunal sei ein Instrument zur Durchsetzung universeller Standards der Menschenrechte.

Milosevic fragte: "Wie können Sie über ein Tribunal sprechen, wenn Sie Sich weigern, wegen all dieser Verbrechen Anklage zu erheben, begangen in Jugoslawien von Staatsführern und Regierungen und der Armee der von mir genannten Natobündnis-Staaten? Und Sie nennen Sich ein Kriegsverbrechertribunal für in Jugoslawien begangene Verbrechen. Nicht einmal in der Resolution des Sicherheitsrats, der dieses Tribunal installiert hat - obwohl diese Resolution selbst ungesetzlich war - aber nicht einmal in dieser Resolution werden hinsichtlich der Verbrechen in Jugoslawien Amerikaner, Franzosen oder andere ausgenommen... Auf diese Weise zeigen Sie, dass Sie auf der Seite derjenigen stehen, die die Verbrechen begangen haben, und bei den Verbrechen gegen diejenigen, die ihr eigenes Territorium verteidigt haben, Komplizen sind."

Später in seiner einleitenden Erklärung vor dem ICTY ging Milosevic auf die Bereitschaft der Anklage ein, sich auf umstrittene Vorfälle - wie das angebliche Massaker von Racak - zu stützen und unkritisch Erklärungen von Nato-Politikern und -Militärs nachzuplappern. Er griff erneut die mangelnden Beweise für seine persönliche Verantwortung auf und sagte: "Sie haben gesagt, dass Sie allen den Prozess machen werden, aber mir erklären Sie, ich sei aufgrund einer Kommandokette verantwortlich, die nicht gesetzlich festgelegt ist."

Er wandte sich auch erneut den Verbrechen der UCK zu und der Unterstützung, die die Westmächte dieser Terroristengruppe gewährt hatten, besonders nach dem Kriegsende und dem Beginn der KFOR-Mission der UNO und der UN-Ziviladministration (UNMIK) im Kosovo.

Die UCK habe, während die KFOR im Kosovo war, 3.000 Menschen getötet und 2.500 verschleppt, von denen immer noch 1.300 vermisst werden. Mehr als 360.000 Serben und andere nicht-Albaner wurden laut Milosevic vertrieben. Da das Gericht so darauf beharre, ihn persönlich für alles verantwortlich zu machen, was während seiner Zeit als Präsident Jugoslawiens geschah, fragte er, ob die gleiche Regel auch für die KFOR und für UNMIK gelte. Sie hätten mindestens genau so gut gewusst, was vor sich ging - was nach den Maßstäben des Gerichts ja als Schuldbeweis gelte.

Milosevic beschuldigte die Nato-Staaten, sie hätten "albanische Terroristengruppen gebildet, finanziert, koordiniert und bis auf den heutigen Tag unterstützt". Sie hätten "damit schon vor 1998 begonnen, um einen Vorwand für ihre Aggression zu schaffen". Nach dem Krieg hätten "sie sie zu einer Art neuer Ordnungsmacht im Kosovo gemacht. Und schließlich haben sie nichts unternommen, diese Gruppen an neuen Verbrechen zu hindern."

Er erklärte, dass die UCK Kirchen zerstört, Häuser niedergebrannt, zwei Millionen Bücher nicht-albanischer Autoren vernichtet, ganze Fabriken nach Albanien geschafft und die Einwanderung von 250.000 bis 300.000 albanischen und mazedonischen Bürgern in das Kosovo veranlasst hätten. Mit der stillschweigenden Unterstützung von KFOR habe die UCK dann eine Offensive über die serbische und die mazedonische Grenze gestartet.

"Dieser gesamte Überblick macht deutlich, dass diese enormen Verbrechen heute noch andauern und dass es sich dabei um eine kriminelle Vereinigung zwischen den Mächten, die die Aggression gegen Serbien verübt haben, terroristischen Killern und der kosovo-albanischen Drogenmafia handelt, die heute nicht nur Serben tötet, sondern auch Albaner."

Milosevic erklärte, dass der Westen durch seine Unterstützung für die UCK bewusst das Abkommen von Dayton sabotiert habe. Ursprünglich habe der deutsche Geheimdienst BND die führende Rolle dabei gespielt, "während die USA die UCK bis März-April 1998 noch als eine Terrororganisation behandelten". Die Rolle Deutschlands sei vom damaligen Außenminister Klaus Kinkel verantwortet worden, dem auch die Nachrichtendienste unterstanden. Deutschland habe 1991 als erstes Land auf der Anerkennung der Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien beharrt und bis 1994 Kroatien bewaffnet, um es in die Lage zu versetzen, Bosnien-Herzegowina und die Krajina einzunehmen.

Später hätten die USA ihre Position geändert und die UCK unterstützt, um sie als Vehikel für ihre Aggression gegen Serbien zu benutzen. Sie hätten Deutschland ausgebootet. UCK-Führer Hashim Thaci war der Mann der USA vor Ort, erklärte Milosevic.

Milosevic erinnerte auch an die historische Tatsache, dass der deutsche Imperialismus weit zurückreichende Beziehungen mit den kroatischen und albanischen Nationalisten habe, die während der Eroberung des Balkans durch die Nazis wertvolle Marionettenregime stellten.

Er beschuldigte Deutschland, es habe sich seit dem Gipfel der südosteuropäischen Länder 1987 bemüht, den Kosovo zu destabilisieren. Nach diesem Gipfel habe die albanische Regierung die Frage des Status des Kosovo als eine innerjugoslawische Angelegenheit bezeichnete. Deutschland habe darauf versucht, eine friedliche Lösung zu verhindern, indem es die UCK ermutigte, ihre Angriffe zu verstärken. "Von da an setzte ein Explosion des Terrorismus, so würde ich es nennen, im Kosovo und in Metohija ein. Während des ganzen vorherigen Jahrzehnts gab es sehr wenige Angriffe. Dann, innerhalb eines Monats, und von Anfang 1998 bis zum Beginn der Nato-Aggression gab es 1.068 Angriffe auf Einzelpersonen, auf einfache Bürger, d.h. hundert Mal mehr als in jedem der vorhergehenden Jahre."

Er beschrieb die Terrorkampagne der UCK: "Jeder musste damit rechnen, in ihr Visier zu geraten, auch Kosovo-Albaner, vor allem wenn sie bei der Regierung beschäftigt waren." Die UCK tötete 387 Bürger, von denen nur 75 ethnische Serben oder Montenegriner waren, aber 196 ethnische Albaner waren. "Parallel dazu gab es die enorme Zahl von 1.642 terroristischen Angriffen auf Einrichtungen und Truppen des Innenministeriums," behauptete Milosevic. "Die meisten davon waren Tötungsversuche, 163 Mordanschläge. 241 Angehörige des Innenministeriums wurden getötet, dazu 28 Zivilisten und weitere 23 Zivilisten wurden verletzt. Weitere 478 Mitarbeiter des Innenministeriums wurden ernsthaft verwundet und 363 verletzt.

In jener Periode wurden 246 Terroristen [verhaftet], acht verwundet und 238 bei Zusammenstößen mit den Truppen des Innenministeriums getötet," gab Milosevic an. Bei 309 registrierten Angriffen auf die jugoslawische Armee seien 40 Soldaten getötet worden.

Zum Abschluss betonte er: "Nicht eine einzige Regierung auf der Welt - meine Herren, es gibt nicht eine Regierung auf der Welt,.... die solchen Aktivitäten bewaffneter Banden passiv zuschauen würde, die in weniger als zwei Jahren bewaffneten Aufstands 152 Personen töteten."

Milosevic wies auf die bekannten Verbindungen der UCK mit Osama bin Ladens al-Qaida Netzwerk hin, um seine Verteidigung in den Zusammenhang mit dem Kampf gegen das internatonale Terrornetzwerk zu stellen, das Präsident Bush zur größten Bedrohung für Frieden und Demokratie ernannt hat, und sich dadurch bei Teilen der europäischen Bourgeoisie in ein günstigeres Licht zu setzen.

Dann versuchte Milosevic, die wachsende Furcht in den europäischen Hauptstädten vor der aggressiven, expansionistischen und unilateralen US-Außenpolitik für sich zu nutzen. Er erinnerte seine Ankläger daran, dass Präsident Clinton "die Zerstörung eines 776 mal schwächeren unabhängigen und souveränen Staates verkündet hatte, 10.000 km von Amerika entfernt, in einem Krieg ohne [eigene] Opfer. Und um die Absurdität auf die Spitze zu treiben, hatte Jugoslawien mit keinem dieser Länder Streit, keinerlei Streit territorialer oder sonstiger Art, hatte niemanden angegriffen und auch keinen seiner Nachbarn bedroht... Die ganze Welt muss die Alarmglocke vernehmen, weil die ganze Welt das Ziel von Neo-Kolonialismus ist, das ziemlich lahme und schläfrige Europa eingeschlossen."

Wieder und wieder sprach Milosevic die Rolle der westlichen Medien bei der Anklage in Den Haag an. Er erwähnte, dass CNN "Milosevics Bilder nicht zeigt, weil sie für die Öffentlichkeit zu grausig seien. Das war ihre öffentliche Erklärung. Sie wollen nicht, dass ihre Öffentlichkeit ihre eigenen Verbrechen zu sehen bekommt; damit bestätigen sie aber nur, dass sie im Dienste dieser Verbrechen stehen und ihre eigene Öffentlichkeit in die Irre führen."

Er schloss mit einer Herausforderung an das Gericht: "Wenn Kriegsverbrechen gegen Jugoslawien verübt wurden, wie Sie und die jugoslawische und Weltöffentlichkeit hier gesehen haben, dann müssen die Verantwortliche für diese Verbrechen auch zur Verantwortung gezogen werden. Sie wollen sie nicht zur Verantwortung ziehen und sie vorladen, weil Sie in ihren Diensten stehen.

Was hier aber dank dieses erbärmlichen Verfahrens ans Tageslicht gekommen ist, stellt alle diese Verantwortlichen vor eine Jury, die aus der gesamten Weltöffentlichkeit besteht, und sie werden sich der Verantwortung für ihre Taten nicht entziehen können. Ich bin davon überzeugt, weil ich überzeugt bin, dass die Mehrheit der Menschen ehrenwert ist. Wenn ich daran nicht glauben würde, wäre das Leben sinnlos... Schließlich wird die Öffentlichkeit sich melden. Sie ist die Jury, weil dieses Gericht keine hat."

Man kann über diese ersten Tage des Prozesse nur in großen Zügen berichten. Tagelange Aussagen sind zu lesen, in denen faktische Argumente dargelegt und beantwortet werden, die sich auf ganz verschiedene Vorfälle in einem Konflikt beziehen, der sich über fast ein ganzes Jahrzehnt erstreckte - es ist unmöglich, so etwas umfassend wiederzugeben. Die verschiedenen Darstellungen, Statistiken und Quellen unabhängig zu überprüfen, wäre eine monumentale Aufgabe. Diese ersten Berichte über den Prozess bemühten sich daher, sich auf die grundlegende politische Ausrichtung der Anklage und von Milosevics Verteidigung zu konzentrieren.

Trotz dieser Einschränkung sucht man in der Presse vergeblich nach einer ähnlichen Berichterstattung über die Verhandlungen des ICTY. Stattdessen wird der Journalismus im Großen und Ganzen zu einer reinen Verbreitung von Propaganda degradiert - wobei das schlimmste Beispiel vielleicht der zynische Beitrag der Washington Times ist, der den Titel trägt: "Was ist gegen Siegerjustiz zu sagen?" Andere Reaktionen entsprangen einfach der nervösen Verlegenheit darüber, dass Milosevic die ihm zugedachte Rolle eines Hanswursts nicht spielte, sondern del Ponte und ihrem Team große Probleme bereitete. Es ist aber weit und breit kein Journalist zu sehen, der die offizielle Version der Ereignisse in Frage stellte. Es ist sicher, dass im weiteren Verlauf des Prozesses noch mehr unangenehme Tatsachen auftauchen werden, die die Bemühungen der Westmächte entlarven werden, ihre Verantwortung für die Tragödie zu verbergen, die sie über die Völkern des Balkan gebracht haben.