Buchbesprechung

Wie Stalin deutsche Kommunisten verfolgte

Reinhard Müller "Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung" Hamburg 2001

Von Alexander Boulerian
1. März 2002

Für viele Kommunisten, die auf der Flucht vor den Nazis in die Sowjetunion emigrierten, erwies sich das vermeintliche Exil als tödliche Falle. Stalins Hass auf die alte Garde Lenins machte auch vor den "Politemigranten" nicht Halt. Am Beispiel der fingierten "konterrevolutionären trotzkistisch-terroristischen Organisation" um Erich Wollenberg und Max Hoelz hat Reinhard Müller in seinem aktuellen Buch "Menschenfalle Moskau" Strukturen, Mechanismen und Funktionsweise der Verfolgung von Kommunisten in der UdSSR ausführlich dokumentiert.

Bis 1989 ließen sich die "weißen Flecken" in der Geschichte des Stalinismus wegen der verschlossenen russischen Archive nur unzureichend erforschen. Obgleich über Strukturen und Methoden der stalinistischen Herrschaft Wesentliches bekannt war, war es häufig nicht möglich, den Verlauf der Untersuchungen und die dabei angewandten Methoden detailliert nachvollziehen. Als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten in Osteuropa die Archive geöffnet wurden, kamen zahlreiche bis dahin unbekannte Details über Intentionen, Umfang, Struktur und Formen der Säuberung zu Tage. Zugleich enthüllten die nun zugänglichen Akten die erschreckenden Dimensionen des Terrors - insbesondere der stalinistischen Folterpraxis. Im Wesentlichen bestätigen die seither bekannt gewordenen Fakten, was bereits früher vor allem Leo Trotzki in seinen fundierten Analysen über die Funktion und die Mechanismen der stalinistischen Säuberungen ausgeführt hatte.

Es ist ein entscheidendes Charakteristikum des Stalinismus, das unter seiner Herrschaft vorrangig Mitglieder, Führer und Funktionäre der herrschenden (kommunistischen) Partei verfolgt und ermordet wurden. Der stalinistische Terror richtete sich jedoch nicht allein gegen Kommunisten mit KPdSU-Parteiausweis. Auch die Mitglieder und Funktionäre ausländischer kommunistischer Parteien, die auf der Flucht vor den Schergen Hitlers in der Sowjetunion Asyl gefunden hatten, wurden Opfer von Stalins Verfolgungen. Wer hoffte, in Stalins Reich vor Verfolgungen und Nachstellungen in Sicherheit zu sein, der erlag einer oft tödlich endenden Täuschung. Permanente Überwachung, gegenseitige Bespitzelung und traumatische Angst bestimmten den Alltag der Moskauer "Politemigranten". Eine erste Verfolgungswelle unter deutschen Kommunisten richtete sich 1934/35 gegen bereits zuvor als Versöhnler stigmatisierte Parteimitglieder. In den Konstrukten der stalinistischen Geheimpolizei NKWD wurden diese dann als "Rechte" mit den "Trotzkisten" zu einem fiktiven "rechtstrotzkistischen Block" vereinigt. Gleichzeitig gelang dem NKWD die "Aufdeckung" angeblicher "faschistischer Verschwörungen" zum Beispiel in der Redaktion der Deutschen Zentral-Zeitung.

Nach einer Anordnung des späteren Volkskommissars für Innere Angelegenheiten, Nicolai I. Jeshow, verschärfte das NKWD Mitte 1935 die Verfolgung der "Trotzkisten". Dabei sollten sämtliche "ehemaligen Trotzkisten" aufgespürt und "liquidiert" werden. Die nun anlaufende Verhaftungswelle diente auch dazu, angebliche Mittäter und "Geständnisse" für die Vorbereitung des geplanten Schauprozesses gegen das "trotzkistisch-sinowjewistische" Zentrum vorzubereiten, der schließlich im August 1936 stattfand. Nach verschiedenen von Stalin und dem Politbüro initiierten und bestätigten NKWD-Direktiven Anfang 1936 wurde auch unter den deutschen Politemigranten in der Wolgarepublik verstärkt nach Trotzkisten gesucht. Im Frühjahr 1936 glückte dem NKWD schließlich auch hier die "Aufdeckung" einer "trotzkistischen Verschwörung". Dem Konstrukt einer anfänglich aus zehn Personen bestehenden "konterrevolutionären, trotzkistisch-faschistischen, terroristischen Organisation" um Willi Leow wurden nach erfolterten Geständnissen und dem Prinzip der Kontaktschuld schließlich 47 Personen und 6 Gruppen zugeordnet. Ähnliche Gruppen deckte das NKWD in Leningrad, Moskau und der Ukraine auf. Im März 1938, in der Hochphase des Großen Terrors, hatten bereits 70 Prozent der KPD-Mitglieder in der Sowjetunion ihre Exil-Unterkunft mit einer Gefängnis- oder Kerkerzelle der stalinistischen Geheimpolizei vertauscht.

Ein besonders monströses Ausmaß erreichten die vom NKWD nach Vorgaben Stalins fabrizierten Verschwörungskonstrukte im Fall der imaginierten "konterrevolutionären, trotzkistisch-terroristischen" Organisation um Erich Wollenberg und Max Hoelz.

Anhand der Moskauer Kaderakten und der Untersuchungsakten des NKWD hat Reinhard Müller, Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, die Geschichte der "Wollenberg-Hoelz"-Verschwörung nachgezeichnet und das Schicksal der Menschen rekonstruiert, die vom NKWD mit dieser Verschwörung in Verbindung gebracht wurden. Was ihnen widerfuhr, ist nicht nur beispielhaft für das Geschick der Politemigranten in der UdSSR, sondern zugleich auch charakteristisch für das Vorgehen der miteinander verflochtenen Verfolgungsbürokratien von NKWD, Kommunistischer Internationale und KPD gegen oppositionelle Kommunisten.

Die "Wollenberg-Hoelz"-Verschwörung

Am 5. März 1933 besiegelte der Sieg Hitlers und seiner deutschnationalen Verbündeten bei den Wahlen zum deutschen Reichstag die Niederlage der Arbeiterbewegung in Deutschland. Noch am selben Abend traf sich in der Moskauer Wohnung von Elsa und Hermann Taubenberger ein Kreis von KPD-Mitgliedern, um am privaten Radio des Ingenieurs Taubenberger die Ergebnisse der Wahl zu verfolgen und zu debattieren. Zu den Teilnehmern gehörten: der KPD-Wehrexperte Erich Wollenberg, der wolgadeutsche Musiker Konstantin Siebenhaar, Werner Rakow, 1923 Leiter des illegalen Nachrichtenapparats der KPD und ehemaliger Anhänger der Linken Opposition, sowie die KPD-Mitglieder Hans Schiff, Peter Schiff, Karl Schmidt und Erich Tacke. Werner Rakow (Parteiname Felix Wolf) war bereits 1928 in der Sowjetunion verhaftet, nach einer Reueerklärung zusammen mit der "Gruppe der 38" im Juni 1929 aber wieder in die Kommunistische Partei aufgenommen worden.

Einige der Teilnehmer der Wahlnacht kannten sich bereits aus der Münchner Räterepublik, die von der SPD-Führung mit Unterstützung der Reichswehr und den faschistoiden Freikorps blutig niedergeschlagen wurde. Allem Anschein nach wurden in dieser Nacht auch kritische Töne gegenüber der bisherigen Politik der Berliner Parteiführung angeschlagen. Jedenfalls erstatte einer der Teilnehmer, Hans Schiff, eine ausführliche denunziatorische Meldung über den Verlauf der Debatte und über die angeblichen Äußerungen seiner früheren bayerischen Kampfgefährten. Schiffs Denunziation gab den Ausschlag für eine parteiamtliche Untersuchung, in deren Folge 1935 mehrere Teilnehmer der Wahlnacht ins Visier des NKWD gerieten. Bereits im April 1933 waren Wollenberg und Rakow aus der KPD ausgeschlossen worden.

Die damals noch von Jagoda geführte Geheimpolizei nahm die Moskauer Wahlnacht zum Anlass für das monströse Konstrukt einer "konterrevolutionären, trotzkistisch-terroristischen Organisation", als deren zentrale Führer der KPD-Militärexperte Hans Wollenberg und der Arbeiter-Heros Max Hoelz figurierten. Der "proletarische Robin Hood", wie Hoelz in Parteikreisen genannt wurde, war bald nach seiner Ankunft in der UdSSR mit dem Parteiapparat in Konflikt geraten. Viel zu sehr Individualist und Rebell, vermochte sich Hoelz der ständigen Bevormundung durch die stalinistische Bürokratie nicht unterzuordnen. Nachdem er sich zunächst erfolglos um seine Ausreise aus der UdSSR bemüht hatte, beging er die "Todsünde", Kontakt mit der deutschen Botschaft in Moskau aufzunehmen. Er kam bald darauf im September 1933 bei Nishni Nowgorod unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Als Zentralgestalt aller konspirativen Verbindungen erscheint in den Denunziationsberichten und Konstrukten des NKWD der KPD-Militärexperte Erich Wollenberg. Sohn eines patriotischen Sanitätsrats und Militärarztes, Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, mit Orden hoch dekoriert und zum Leutnant befördert, nahm Wollenberg im November 1918 als Chef des Sicherheitsdienstes und Leiter des Marinevolkswehr in Königsberg aktiv an der deutschen Revolution teil. Nach dem Ruhrstreik avancierte er im September 1923 zum "Militäroberleiter" des M-Apparates der KPD in Südwestdeutschland. Da Wollenberg nach dem Scheitern des "deutschen Oktober" steckbrieflich wegen "Hochverrat, Mord und Sprengstoffvergehen" gesucht wurde, kommandierte ihn das ZK der KPD 1924 in die Sowjetunion, wo er u. a. dem Generalstab der Roten Armee zugeteilt war.

Infolge einer Amnestie nach Deutschland zurückgekehrt, fungierte er von April 1931 bis November 1931 als Mitglied der Bundesführung des verbotenen Rotfrontkämpferbundes (RFB) sowie als Leiter der Agitprop-Abteilung des RFB und Redakteur der RFB-Zeitung Rote Front.

Bei seinem Auftritt in einer Naziversammlung in den Berliner Pharussälen am 2. Juni 1932 wurde Wollenberg von der SA zusammengeschlagen und schwer verletzt. Nach seiner Genesung kritisierte Wollenberg in mehreren Schreiben an das ZK der KPD die "verbrecherisch-unfähige Vorbereitung" seines Schutzes durch die KPD und den RFB. Sein Protest, der sich auch gegen den Politischen Sekretär der Berliner KPD, Walter Ulbricht, richtete, hatte zur Folge, dass Ulbricht und der ZK-Funktionär Herbert Wehner gegen Wollenberg eine "Untersuchung" einleiteten, die nach einer Parteirüge zur Entlassung aus der Redaktion der Roten Fahne führte. Wollenberg wohnte daraufhin im Herbst 1932 vorübergehend bei Erich und Zenzl Mühsam in Berlin, die er aus seiner Münchner Zeit und seit der gemeinsamen Festungshaft mit Erich Mühsam in Niederschönenfeld kannte. Mit der Fürsprache Wilhelm Piecks erhielt er schließlich Ende 1932 eine Einreisegenehmigung in die Sowjetunion.

In Moskau arbeitete Wollenberg als Redakteur für die deutschsprachige Leninausgabe, richtete aber bereits Anfang 1933 Gesuche zur "baldigen Verwendung" und Rückberufung nach Deutschland an die KPD-Führung, die jedoch abgelehnt wurden. Ende Februar 1933 kam es zu einem Zusammentreffen Wollenbergs mit dem Trotzkisten Karl Gröhl in Moskau. Kurz darauf verließ Gröhl fluchtartig die Sowjetunion. Unmittelbar vor seiner Abreise hatte Gröhl noch einen Brief an Stalin und Pjatnitzki in der Poststelle der Komintern abgegeben, in dem er scharf mit dem ZK und der Moskauer Vertretung der KPD und deren verfehlter Politik gegenüber dem Nationalsozialismus abrechnete. Bald nach seinem Ausschluss aus der KPD gelang auch Wollenberg 1934 die Flucht nach Prag, was nicht unwesentlich zu seiner Dämonisierung als führender trotzkistischer Staatsfeind in der UdSSR beitrug.

Im November 1933 veröffentlichte Gröhl einen weiteren Brief an Pjatnitzki (zusammen mit einem Nekrolog auf Max Hoelz) in der in Prag erscheinenden trotzkistischen Zeitschrift Unser Wort. Darin übte Gröhl erneut scharfe Kritik an der Politik der KPD, der Komintern und der Sowjetunion und verkündete öffentlich seinen Bruch mit der offiziellen Kommunistischen Partei und der Komintern. Unverblümt nannte er auch die Gründe für den Ausschluss Wollenbergs und Rakows aus der KPD: "Beide Genossen stimmten gegen die Resolution des EKKI über die Lage in Deutschland. Sie erklärten, dass nicht nur die KPD, sondern auch die Komintern auf neuer Grundlage aufgebaut werden müssten."

Da man in Moskau und in der Berliner KPD-Führung allen gegenteiligen Fakten zum Trotz weiter am "revolutionären Aufschwung" im "Kampf für Sowjetdeutschland" festhielt, galt schon die bloße Feststellung einer "Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung", da sie vom "Unglauben an die Kraft der Arbeiterklasse" ausging, als "defätistisch" und parteifeindlich. Kritiker in den eigenen Reihen wurden, wie Müller ausführt, "als,objektive Agenten‘ des Klassenfeindes ausgeschlossen, in Bußritualen diszipliniert oder... in,tagelangen Diskussionen‘ wieder auf Linie gebracht." Noch 1933 und 1934 verbreiteten Komintern und KPD die "Generallinie", dass man in Deutschland der Revolution entgegengehe und propagierten weiter den Kampf gegen die ‚sozialfaschistische Sozialdemokratie‘. Am vehementesten hatte Trotzki 1933 die Politik der Moskauer Komintern-Führung und der KPD-Bürokratie kritisiert: "Sie nennt, Defätisten‘ nicht jene, die die Niederlage herbeiführten - sonst müsste sie sich selbst nennen -, sondern jene, die aus der Tatsache der Niederlage die notwendigen Schlussfolgerungen ziehen."1 Ähnliche Kritik an der von der Komintern- und KPD-Führung mitverschuldeten Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung übten, basierend auf Trotzkis Faschismus-Analyse, die trotzkistischen Zeitschriften Unser Wort 2 sowie die Neue Weltbühne.

Spätestens nach dieser Erklärung Gröhls stand für die stalinistische Geheimpolizei fest, dass es sich bei Wollenberg, Rakow und Hoelz um gefährliche trotzkistische Staatsfeinde handelte. Eine vom NKWD angefertigte Übersicht listete 70 Personen oder "Verbindungen" auf, die seit 1936 nach dem Prinzip der Kontaktschuld als Mitglieder der imaginierten Wollenberg-Hoelz-Organisation verhaftet, gefoltert, in Arbeitslagern interniert oder in Moskau erschossen wurden.

Einer der Betroffenen, der frühere KPD-Funktionär und Chefredakteur der Roten Fahne Werner Hirsch, war bereits am 3. März 1933 in Berlin verhaftet worden und während seiner Odyssee durch die Folterkeller von SA und Gestapo einem qualvollen Martyrium ausgesetzt gewesen. Sofort nach seiner Ankunft im scheinbar rettenden Exil wurde Hirsch (wie viele andere aus dem KZ entlassene KPD-Funktionäre) mit dem Verdacht konfrontiert, als "potentieller Spion", "Diversant" und "Gestapoagent" im Sold Hitlers zu stehen. Eine KPD-Untersuchungskommission, der auch der spätere Fraktionschef der SPD im deutschen Bundestag Herbert Wehner angehörte, konstatierte enge Verbindungen Hirschs zur Witwe Erich Mühsams in Prag, die wiederum in "enger Verbindung" mit dem "führenden Trotzkisten" Erich Wollenberg stehe. In NKWD-Gefängnissen interniert und gefoltert, wurde Hirsch trotz seiner durch die Beichte früherer Parteisünden demonstrierten bedingungslosen Parteitreue nach erzwungenen Geständnissen am 10. November 1937 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Er verstarb am 10. November 1937 an den Folgen der Haft im NKWD-Gefängnis.

Zu den prominentesten Opfern dieses Verschwörungs-Konstrukts gehörten neben Hirsch die Witwe des von den Nazis im KZ Oranienburg zu Tode gequälten Dichters und Anarchisten Erich Mühsam, Kreszenzia ("Zenzl") Mühsam, und die Brecht-Schauspielern Carola Neher. Seit vielen Jahren mit Wollenberg befreundet, stand Zenzl Mühsam, ebenso wie Carola Neher, schon seit ihrer Prager Exilzeit unter Verdacht. Die Aussicht auf die Veröffentlichung des Nachlasses von Erich Mühsam hatte sie nach Moskau gelockt. Hier stand sie unter dem besonderen Schutz von Jelena Stasowa, Leiterin der MOPR ("Internationale Organisation zur Unterstützung der Kämpfer der Revolution").

Konfrontiert mit der Hinhaltetaktik der stalinistischen Bürokratie, die kein wirkliches Interesse daran hatte, die Werke des Anarchisten und KPD-Kritikers Mühsam zu veröffentlichen, und abgestoßen von der Realität des stalinistischen "Sozialismus in einem Land", der allgegenwärtigen Kontrolle und Bespitzelung, ging sie zunehmend auf Distanz zu Stalins Staat. Durch ihre im Emigrantenkreis offen geäußerte Kritik geriet sie ins Fadenkreuz der stalinistischen Verfolgungsbürokratie. Trotz heftiger internationaler Proteste wurde sie im Laufe der folgenden 20 Jahre dreimal verhaftet und verbannt, bis sie 1955 in die DDR ausreisen konnte. Hier wurde sie von der SED "betreut" und von der Stasi überwacht.

Nach Denunziationen des prominenten deutschen Regisseurs Gustav von Wangenheim (einem nebenbei bemerkt überaus eifrigen Zuträger des stalinistischen Regimes), in dessen Theatergruppe "Kolonne Links" sie als Schauspielerin engagiert war, wurde auch Carola Neher am 25. Juli 1936 in Moskau verhaftet und ein Jahr später zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Sie verstarb am 26. Juni 1942 im Gefängnis Sol-Ilzek bei Orenburg.

Opposition gegen Stalin

Die Vorgehensweise gegen Oppositionelle im Stalinismus erinnert in vieler Hinsicht an die Praxis mittelalterlicher Inquitsionsprozesse. Auf diese Analogie hatten bereits Trotzki und der 1938 selbst im Schauprozess angeklagte Bucharin hingewiesen. "Anzeigepflicht, Kontaktschuld, Sippenhaftung, ein System von Denunziationen und Spitzeln, umfangreiche Erpressung von Geständnissen durch Tortur, geheime Untersuchungen und öffentliche Schauprozesesse gehören zur mittelalterlichen Inquisition wie zum stalinistischen Terror" (Reinhard Müller). Denunziationsberichte sowie die archivierten Lebensläufe von politischen Abweichlern bildeten die Grundlage für "Dossiers" und schwarze Listen von "schlechten Elementen", die von der Kaderabteilung der Kommunistischen Internationale an die stalinistische Geheimpolizei weitergereicht wurden.

Auch Herbert Wehner, der sich bereits in Prag intensiv mit der Ausforschung von "Trotzkisten" beschäftigt und darüber der Moskauer KPD-Führung ausführlich berichtet hatte, lieferte nach seiner Ankunft in Moskau 1937 sowohl für die KPD wie für das NKWD bereitwillig Meldungen über oppositionelle Elemente wie Zenzl Mühsam, Erich Wollenberg und andere Politemigranten. Mit Wehners Ankunft in Moskau, so Müller, "erhielt die parteiamtliche Verfemung, nicht nur Zenzl Mühsams, eine neue Dimension."

Als "ideologischer Tugendwächter" habe Herbert Wehner "mit der ihm eigenen Penetranz" sowohl die Trotzkisten wie deren "sozialdemokratische Helfershelfer" in mehreren veröffentlichten oder internen Beiträgen verfolgt, die er sowohl für die "Instanzen" der Komintern und die KPD-Führung, aber auch 1937 beim NKWD in der Lubjanka ablieferte. Darin eiferte der spätere SPD-Politiker getreu der von Dimitroff, Pieck und Togliatti ausgegebenen offiziellen Verdammung des Trotzkismus gegen "jene verächtlichen, schmutzigen trotzkistischen Agenten des Hitlerfaschismus..., die versuchen, die Kraft des sozialistischen Staates zu schwächen, wie sie in den kapitalistischen Ländern versuchen, die Arbeiterbewegung zu lähmen und zu zerstören".3

Nach dem Urteil Müllers ist es wenig wahrscheinlich, dass die Zusammenkunft in der Wahlnacht vom 5. März 1933 "als ein konspiratives Treffen von oppositionellen,Trotzkisten‘" organisiert wurde, zu dem "es die Kontrollinstanzen und die trotzkistische Presse für ihren jeweiligen politischen Zweck" stilisiert hätten. Müller schließ indessen nicht aus, dass "aus Enttäuschung über die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung und dem Wunsch der fernab in Moskau kasernierten Militärexperten und Aufstandsstrategen... einzelne kritische Äußerungen über die bisherige Politik der Berliner KPD-Führung entsprungen sein" können. "Weder unter den KPD-Mitgliedern im Prager Exil noch unter den Moskauer KPD-Funktionären" habe jedoch 1933 "eine organisierte Gruppe von Anhängern Trotzkis" existiert.

Obwohl er selbst eine Reihe von Indizien für die Existenz organisierter Gruppen von Trotzkisten in der stalinistischen Sowjetunion anführt, bestreitet Müller generell die politische Relevanz dieser Zirkel. Die Darstellung Wadim Rogowins, der die Aktivität trotzkistischer Gruppen ausführlich dokumentiert und analysiert hat,4 weist Müller kategorisch zurück, indem er Rogowin bezichtigt, unkritisch die haltlosen Behauptungen des NKWD nachgebetet zu haben: "Die stalinistischen Konstrukte ‚trotzkistischer Verschwörungen‘ wurden jüngst von Wadim Rogowin übernommen, um dadurch die angebliche Realexistenz einer weitverzweigten und aktiven trotzkistischen Opposition zu behaupten".5 Bezeichnenderweise macht Müller keinerlei Anstalten, seine Vorwürfe gegen Rogowin mit Argumenten zu belegen.

Einerseits ist sein Vorwurf insofern falsch, als von einer Übernahme stalinistischer Konstrukte durch Rogowin nicht die Rede sein kann. Indem Rogowin dokumentarisch belegte, dass es auch in der Hochphase des stalinistischen Terrors oppositionelle, von Trotzkis Ideen beeinflusste Zirkel gab, legte er lediglich den realen Kern frei, auf dem der stalinistische Terrorapparat seine monströsen Konstrukte errichtet hat. Die Anschuldigungen betreffs der Kooperation trotzkistischer "Terroristen" mit "deutschen Spionage- oder Nachrichtendiensten" sowie von angeblichen Sabotageakten, stets in letzter Minute vereitelten Gift- und Mordanschlägen etc. wies Rogowin durchweg als paranoide Fiktionen der stalinistischen Bürokratie zurück. Andererseits lieferte der russische Wissenschafler mit seiner Untersuchung über das Wirken von Trotzkisten im Stalinismus die Bestätigung für die ideelle und organisatorische Kontinuität des Trotzkismus in der UdSSR, den auch Stalins exterministischer Terror nicht völlig auszurotten vermochte.

Rogowins Einschätzung hat sich inzwischen auch der renommierte Sowjetforscher Hermann Weber, Professor am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, weitgehend angeschlossen. Weber bezweifelt zwar, dass der Trotzkismus noch 1937/38 eine politische Kraft war, indem er zu bedenken gibt, "dass dieser Begriff für Stalin einerseits das ‚Argument‘ darstellte, jede ‚Abweichung‘, jeden vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner zum ‚Todfeind‘ zu erklären, andererseits ist unter ‚Trotzkismus‘ die Hinwendung von Oppositionellen zu Ideen Trotzkis zu verstehen, und nur drittens gab es organisierte Gruppen tatsächlicher Trotzkisten". Dennoch hält Weber in Übereinstimmung mit Rogowin fest: "Freilich ändert das nichts an der prinzipiellen Bedeutung des ‚Trotzkismus‘ im Stalinismus und es existierten durchaus oppositionelle Gruppen. Rogowins Überlegung, den Terror als radikalen Bruch mit der kommunistischen Ideologie und den Prinzipien Lenins zu bewerten, bleibt ein wichtiger Teilaspekt bei der ‚Historisierung‘ des Kommunismus".6

Müllers ignorante Haltung gegenüber der trotzkistischen Opposition in der Sowjetunion ändert freilich nichts am Wert seines Buches, das einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Schicksals der deutschen Politemigranten im Stalinismus und zur Struktur und Funktionsweise der stalinistischen Säuberungen leistet.

Anmerkungen

1) "Deutsche Perspektiven", in: Die neue Weltbühne, 2. Jg., 1933, Nr. 30, S. 920.

2) Vor allem Willy Schlamm (etwa in "Leninismus und Stalinismus").

3) Kurt Funk (d. i. Herbert Wehner): "Ein 1. Mai der Mobilisierung für den Weltfrieden, gegen die faschistischen Kriegstreiber", in: Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung, 6, 1937, Nr. 17, S. 662.

4) Wadim S. Rogowin: 1937. Jahr des Terrors, Essen 1998; ders.: Die Partei der Hingerichteten, Essen 1999; ders.: Vor dem großen Terror. Stalins Neo-NÖP, Essen 2000.

5) Müller, Menschenfalle, S. 134, FN 31.

6) Im Nachwort des Buches: Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hrsg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936-1953 (erweiterte Sonderausgabe), Paderborn 2001.

Siehe auch:
Die Werke Wadim Rogowins im Arbeiterpresse Verlag

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