Die Weltwirtschaftskrise: 1991 - 2001

Erster Teil ( )

Von Nick Beams
2. April 2002

Im Folgenden veröffentlichen wir den ersten Teil einer Vorlesung von Nick Beams, dem nationalen Sekretär der Socialist Equality Party (Australien) und Mitglied in der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site . Nick Beams hielt seine Vorlesung am 16. Januar 2002 im Rahmen einer internationalen Schulung der Socialist Equality Party in Sydney. Der zweite und dritte Teil dieser Vorlesung werden am 3. und 4. April veröffentlicht.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) stellte vor zehn Jahren angesichts des Zusammenbruchs der Sowjetunion und der stalinistischen Regimes in Osteuropa die folgende Frage: Hat das Ableben dieser Regimes die Bedingungen für ein neues kapitalistisches Gleichgewicht geschaffen oder ist es der erste Ausdruck eines Prozesses, der die Stabilität des Weltkapitalismus als Ganzem unterhöhlt?

Aus den beiden möglichen Antworten ergeben sich sehr unterschiedliche Perspektiven. Wenn der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete, dass dem Kapitalismus sozusagen neues Leben eingehaucht wurde, dann hätten wir sagen müssen, dass der Sozialismus vielleicht nicht tot ist, aber die Aussichten auf eine sozialistische Revolution auf unbestimmte Zeit in der Zukunft verlagert wurden.

Wir behaupteten aber ganz im Gegenteil, dass das Ableben der UdSSR in letzter Analyse der politische Ausdruck umfassender Veränderungen der Weltwirtschaft war - Veränderungen, die die politischen Strukturen unterhöhlt hatten, auf denen die Stabilität der bürgerlichen Herrschaft beruhte. Angesichts der Globalisierung der Produktion, verbunden mit weitreichenden technologischen Entwicklungen auf der Basis des Computerchips, hatte sich die nationale ökonomische Perspektive des Stalinismus, die in seinem Programm des "Sozialismus in einem Land" zusammengefasst war, als völlig ungangbarer Weg erwiesen.

Der Zusammenbruch der stalinistischen Regimes war lediglich der erste Ausdruck eines erneuten Aufbrechens der Widersprüche zwischen der Entwicklung der Weltwirtschaft - der globalen Ausdehnung der Produktivkräfte, die vom Kapitalismus vorangetrieben wird - und dem Nationalstaatensystem, auf dem die Herrschaft der Bourgeoisie beruht. Wir bestanden darauf, dass das erneute Hervortreten dieses Widerspruchs weitreichende ökonomische und politische Konsequenzen mit sich bringt.

Die theoretische und politische Arbeit des Internationalen Komitees im letzten Jahrzehnt konzentrierte sich darauf, die Konsequenzen dieser neuen Stufe der historischen Entwicklung des Kapitalismus gründlich zu studieren und auf der Grundlage dieser Analyse die notwendigen Veränderungen in der Form unserer eigenen Arbeit vorzunehmen.

Von Beginn an waren wir uns darüber im Klaren, dass der Zusammenbruch der stalinistischen Regimes - der größten und mächtigsten Bürokratien der Arbeiterbewegung - weitreichende Folgen für die Entwicklung der Arbeiterbürokratien in allen größeren kapitalistischen Ländern haben musste. Wir bestanden darauf, dass die Verwandlung der Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien nicht nur das Ergebnis der verräterischen Politik ihrer Führer war, sondern ein organisches Produkt ihrer Struktur selbst. Es war die Reaktion von nationalen Organisationen auf die neue Situation, die sich aus der Globalisierung der Produktion ergab.

Die Globalisierung der Produktion erforderte auch eine kritische Neuuntersuchung und eine Überarbeitung der Perspektive der nationalen Selbstbestimmung. Diese Forderung hatte zwar in einer früheren Epoche insofern einen historisch fortschrittlichen Charakter, als sie sich gegen den Imperialismus richtete. Doch die umfassenden Veränderungen in der Weltwirtschaft bedeuteten, dass sich dies nun geändert hatte. "Selbstbestimmung" war zur Forderung verschiedener Teile der nationalen Bourgeoisie und des Kleinbürgertums geworden, die damit ihre eigenen Beziehungen zum globalen Kapital zu etablieren versuchten.

Die Analyse des Internationalen Komitees entwickelte sich im Gegensatz zu den verschiedenen kleinbürgerlich-radikalen Tendenzen, die behaupteten, dass die Globalisierung in Wirklichkeit nichts anderes sei als eine Propagandakampagne der herrschenden Elite, dass der Nationalstaat so stark wie eh und je bleibe und daher die politischen Perspektiven auf ihn auszurichten seien. Der Angriff der Spartacist League auf unsere Analyse im Jahre 1994 fasste die Anschauung all jener zusammen, deren politische Perspektive letztendlich darauf beruht, den Nationalstaat unter Druck zu setzen.

Wenn der Nationalstaat nicht von der globalen Entwicklung der Produktivkräfte unterhöhlt worden ist, wie die Radikalen behaupten, und weiterhin die herausragende politische und ökonomische Einheit darstellt, dann wäre die gesamte marxistische Perspektive nichts weiter als eine ethische oder moralische Idee. Die sozialistische Perspektive, die auf der Abschaffung von Nationalstaat und Privateigentum beruht, wäre dann lediglich eine Utopie.

Dies war die wichtigste politische Frage, die sich aus der Protestbewegung gegen die Globalisierung ergab. Nach den Demonstrationen in Seattle 1999 erklärten wir, dass man eine Unterscheidung treffen muss zwischen der Globalisierung der Produktivkräfte - einer vollkommen progressiven Entwicklung und letztlich der Grundlage für die Errichtung des Weltsozialismus - und dem globalen Kapitalismus - dem veralteten und reaktionären politischen System, das sich auf das Privateigentum und den Nationalstaat stützt, die die Produktivkräfte in ihrer Entfaltung hemmen. Diese Unterscheidung lag unserer Polemik mit Professor Michel Chossudovsky vor zwei Jahren zugrunde.

Auf der Grundlage unserer Analyse hat das IKVI wichtige Veränderungen vorgenommen: in den Jahren 1995/96 die Umwandlung unserer Bünde in Parteien und im Jahre 1998 die Gründung der World Socialist Web Site.

Wir können nun die Frage stellen: Hat unsere Perspektive dem Test der Ereignisse standgehalten? Anders ausgedrückt: War es dem Kapitalismus möglich, ein neues internationales Gleichgewicht zu finden, auf das sich eine weitere globale Ausdehnung stützen kann? Weisen die Entwicklungstendenzen gegenwärtig darauf hin, dass dies in der Zukunft möglich sein wird? Sind die Stürme und Spannungen der letzten zehn Jahre lediglich die Geburtswehen, die einer neuen und stabilen internationalen Ordnung vorausgehen? Oder repräsentieren sie ganz im Gegenteil eine Verstärkung der Ungleichgewichte, was durch den Zusammenbruch der UdSSR bereits angedeutet wurde? Ich werde in meiner Vorlesung versuchen, auf diese Fragen einzugehen und sie zu beantworten.

Drei von den Vereinigten Staaten geführte Kriege

Die politische Ökonomie des vergangenen Jahrzehnts zeichnet sich durch zwei hervorstechende Merkmale aus: den Ausbruch von drei Kriegen, die vom amerikanischen Imperialismus geführt wurden, und wachsende Turbulenzen im internationalen Finanzsystem. Dem Golfkrieg von 1990/91 folgten 1999 der Krieg gegen Serbien und nun der Krieg gegen Afghanistan mit dem gleichzeitigen Versprechen von Bush, dass das Jahr 2002 das "Jahr des Krieges" würde. Mit dem Beginn des Jahres 2002 werden wir Zeuge der schwersten globalen Rezession des letzten Vierteljahrhunderts und möglicherweise der gesamten Nachkriegsperiode.

Der Golfkrieg von 1990/91 fiel nicht zufällig mit dem Zusammenbruch und Auseinanderbrechen der Sowjetunion zusammen. Beide waren Aspekte desselben Prozesses - des Zusammenbruchs des Nachkriegsgleichgewichts des Weltkapitalismus. Wir stellten damals fest, dass die Position der Vereinigten Staaten höchst widersprüchlich war. Zur gleichen Zeit, als sie ihren Sieg über die UdSSR feierten, kämpften die Vereinigten Staaten für die Aufrechterhaltung ihrer globalen Hegemonie über ihre Rivalen. Das Manifest des IKVI von 1991, Gegen imperialistischen Krieg und Kolonialismus, bemerkte: "Das Streben des amerikanischen Imperialismus, seine Vormachtstellung in der Welt zurück zu erlangen, [bildet] eines der explosivsten Elemente in der Weltpolitik." Für die USA war die Möglichkeit, ihre militärische Macht international zu demonstrieren, viel wichtiger als die "Befreiung" Kuwaits.

Die Stellungnahme des IKVI vom Mai 1999, Weltpolitische Macht, Öl und Gold, stellte heraus, dass die wahren Gründe für den amerikanischen Krieg gegen Jugoslawien im Kampf der kapitalistischen Großmächte um die Neuaufteilung der ehemaligen UdSSR und die Aneignung ihrer Ressourcen lagen.

"In den früheren Sowjetrepubliken am Kaspischen Meer (Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan) werden die größten unerschlossenen Ölreserven der Welt ausgemacht. Diese Ressourcen werden jetzt unter den wichtigsten kapitalistischen Ländern aufgeteilt. Das ist es, was den wiedererwachenden Militarismus befeuert und zwangsläufig zu neuen Eroberungskriegen der imperialistischen Mächte gegen Gegner vor Ort sowie zu immer stärkeren Konflikten unter den Imperialisten selbst führen muss.

Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der kriegslüsternen US-Außenpolitik während der vergangenen zehn Jahre. Die Bombardierung Jugoslawiens schließt sich an eine ganze Serie von Angriffskriegen rund um die Welt an. Obwohl jeweils gewisse regionale Erwägungen eine Rolle spielten, bildeten diese Kriege doch insgesamt gesehen die Antwort der USA auf die Möglichkeiten und Herausforderungen, die sich mit dem Ende der UdSSR auftaten. Washington betrachtet seine militärische Stärke als Trumpf und spielt sie aus, um sich im kommenden Kampf um Ressourcen gegen alle seine Rivalen durchzusetzen."

Die Analyse des IKVI sah den derzeitigen Krieg in Afghanistan voraus, der lange vor den Ereignissen des 11. September geplant worden war. Die terroristischen Anschläge lieferten der amerikanischen Regierung den Vorwand, um ihre lang gehegten Kriegspläne in die Tat umzusetzen.

Die Stellung der Vereinigten Staaten in der Welt war im letzten Jahrzehnt Gegenstand vieler Diskussionen. 1992 sickerte beispielsweise Material des Pentagons durch, in dem erklärt wurde, dass die Aufrechterhaltung von Amerikas globaler Hegemonie die Schlüsselfrage der amerikanischen Außenpolitik sei.

Im Jahre 1997 legte Zbigniew Brzezinski, ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater unter Präsident Carter, seine Position klar dar: "Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hat sich die Weltlage tiefgreifend verändert ... Mit dem Scheitern und dem Zusammenbruch der Sowjetunion stieg ein Land der westlichen Hemisphäre, nämlich die Vereinigten Staaten, zur einzigen und im Grunde ersten wirklichen Weltmacht auf."

Aber die Frage war, wie diese Dominanz aufrechtzuerhalten ist? Brzezinski schreibt dazu: "Inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können, hängt davon ab, wie ein weltweit engagiertes Amerika mit den komplexen Machtverhältnissen auf dem eurasischen Kontinent fertig wird - und ob es dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann" (Zbigniew Brzezinski, Die einzige Weltmacht, S. 15).

Brzezinski widmet ein Kapitel seines Buches dem, was er als "eurasischen Balkan" bezeichnet, wozu grob gesagt die Anrainerstaaten des Kaspischen Meers und deren Nachbarn gehören.

"Im Kampf um die Vormacht in Europa winkte der traditionelle Balkan als geopolitische Beute. Geopolitisch interessant ist auch der eurasische Balkan, den die künftigen Transportwege, die zwischen den reichsten und produktivsten westlichen und östlichen Randzonen Eurasiens bessere Verbindungen herstellen sollen, durchziehen werden. Außerdem kommt ihm sicherheitspolitische Bedeutung zu, weil mindestens drei seiner unmittelbaren und mächtigsten Nachbarn von alters her Absichten darauf hegen, und auch China ein immer größeres politisches Interesse an der Region zu erkennen gibt. Viel wichtiger aber ist der eurasische Balkan, weil er sich zu einem ökonomischen Filetstück entwickeln könnte, konzentrieren sich in dieser Region doch ungeheuere Erdgas- und Erdölvorkommen, von wichtigen Mineralien einschließlich Gold ganz zu schweigen" (ebenda, S. 182).

Brzezinski stellt fest, dass das Streben nach Weltherrschaft und Demokratie im Innern nicht miteinander zu vereinbaren sind. "Da Amerika im eigenen Land strikt auf Demokratie hält, kann es sich im Ausland nicht autokratisch gebärden. Dies setzt der Anwendung von Gewalt von vornherein Grenzen, besonders seiner Fähigkeit zu militärischer Einschüchterung. Nie zuvor hat eine volksnahe Demokratie internationale Vormachtstellung erlangt. Aber das Streben nach Macht wird kein Volk zu Begeisterungsstürmen hinreißen, außer in Situationen, in denen nach allgemeinem Empfinden das nationale Wohlergehen bedroht oder gefährdet ist" (ebenda, S. 59f).

Prägnanter könnte man die Rolle der Ereignisse des 11. September wie auch die treibende Kraft hinter den Angriffen auf demokratische Rechte innerhalb der Vereinigten Staaten selbst wohl kaum darlegen.

Ein Artikel, der am 7. Januar in der australischen Zeitung Sydney Morning Herald erschienen ist und sich auf die Los Angeles Times und die Nachrichtenagentur Reuters stützt, weist auf die Aufrüstung der amerikanischen Streitkräfte im vergangenen Jahrzehnt hin:

"Hinter einem Schleier von geheimen Abkommen haben die Vereinigten Staaten einen Ring von neuen und erweiterten Militärstützpunkten geschaffen, die Afghanistan umgeben und ihre Möglichkeiten verstärken, große Teile der muslimischen Welt ins Visier zu nehmen. Pentagon-Quellen zufolge sind seit dem 11. September provisorische Militärbasen an 13 Orten und in neun Ländern rund um Afghanistan entstanden, wodurch das Netz von Stützpunkten in der Region bedeutend erweitert wurde. Von Bulgarien und Usbekistan bis zur Türkei, Kuwait und darüber hinaus sind mehr als 60.000 US-Militärangehörige in diesen Außenstützpunkten stationiert."

Nach dem Krieg gegen den Irak, bemerkt der Artikel, bauten die Vereinigten Staaten ein Netz von Einrichtungen in sechs Staaten am Persischen Golf auf. Seit dem 11. September haben die Vereinigten Staaten neue Abkommen zur Stationierung von Truppen in Kirgisien, Pakistan, Tadschikistan und Usbekistan getroffen.

Die Ereignisse des 11. September haben zweifellos scharfe Veränderungen in der politischen Lage herbeigeführt. Hätten sie nicht stattgefunden, wäre der Krieg gegen Afghanistan bei einer anderen günstigen Gelegenheit begonnen worden.

Ein eigentümlicher zehnjähriger Konjunkturzyklus

Was die ökonomische Situation betrifft, so hatte die Rezession in den Vereinigten Staaten und der gesamten Welt bereits einige Zeit vor dem 11. September eingesetzt. Und ähnlich wie die militärischen Ereignisse war dies das Ergebnis von Prozessen, die sich über das ganze Jahrzehnt hinweg entwickelten.

Im November letzten Jahres verkündete das amerikanische Nationale Büro für Wirtschaftsforschung (NBER) auf der Grundlage einer Reihe von Statistiken und Arbeitsmarktdaten, dass die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession getreten ist. Laut NBER begann die Rezession im ersten Quartal des vergangenen Jahres, exakt zehn Jahre nach dem Ende der letzten Rezession von 1990-91.

Es lohnt sich, diesen Zyklus einer gründlicheren Analyse zu unterziehen. Es handelt sich um die längste Expansionsperiode ohne Rezession der US-Wirtschaft. Nicht einmal während des Nachkriegsbooms der 1950er und 1960er Jahre gab es eine derart lange Periode anhaltenden Wirtschaftswachstums. Aber dieses zehnjährige Wachstum weist einige Eigentümlichkeiten auf.

Wie die Financial Times vom 1. November feststellte, schneidet der Zyklus der 1990er Jahre weit davon entfernt, den Beginn einer "New Economy" zu repräsentieren, im Vergleich zu vorangegangenen Perioden ziemlich schlecht ab. Während die durchschnittliche Wachstumsrate bei 3,1 Prozent jährlich lag, fiel das Pro-Kopf-Wachstum um etwa einen Prozent niedriger aus.

"Historisch gesehen war der letzte Zyklus keineswegs außergewöhnlich. Die Wachstumsrate der 1990er Jahre übertraf die der farblosen späten 1970er nur knapp: Im Wirtschaftszyklus zwischen 1973 und 1980 erzielte die US-Wirtschaft ein durchschnittliches Wachstum von 2,9 Prozent. Es war langsamer als im Zyklus der 1980er Jahre. Und verglichen mit dem Rekordwachstum der 1960er Jahre mit einem Durchschnitt von 4,4 Prozent fiel das jüngste Wachstum in den Vereinigten Staaten armselig aus. Die verbreitete Auffassung, dass die 1990er Jahre außergewöhnlich gewesen seien, kam nur deshalb zustande, weil das Muster des Wachstums im Gegensatz zu vorangegangenen Trends stand. Das Wachstum war am stärksten in der zweiten Hälfte des Aufschwungs. Es ist in jüngster Zeit zu oft vergessen worden, dass die frühen 1990er Jahre als ‚Expansion ohne Arbeitsplätze' charakterisiert worden waren" (Financial Times, 1. November 2001).

Eine andere Studie über den Zyklus der 1990er merkt an: "Selbst die oberflächlichste Überprüfung der Daten zeigt, dass die ‚New Economy‘ zum größten Teil eine Medieninszenierung war. Für den Geschäftszyklus als Ganzen lag die durchschnittliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von 3,1 Prozent viel niedriger als in den Fünfzigern und Sechzigern und nur knapp über dem Tempo der Siebziger" (Dean Baker, The New Economy Goes Bust: What the Record Shows, Center for Economic Policy Research briefing paper).

Wie steht es mit der Weltwirtschaft als Ganzer? Wenn wir die G7-Länder untersuchen, stellen wir fest, dass nur die Vereinigten Staaten und Großbritannien in der Zeitspanne 1993-98 höhere Wachstumsraten vorweisen konnten als in der Periode 1983-93. Und alle G7-Länder liegen weit unter den Wachstumsraten der Zeit von 1964 bis 1973.

Wachstum in den G7-Ländern

Wachstum in den G7-Ländern in Prozent und pro Jahr

   1964-73  1983-93  1993-98
 Kanada  5.6  2.8  2.5
 Frankreich  5.3  2.3  1.7
 Deutschland  4.5  2.9  1.5
 Italien  5.0  2.4  1.3
 Japan  9.6  4.0  0.8
 Großbritannien  3.3  2.3  2.7
 USA  4.0  2.9  3.0

( Tabelle entnommen aus: Eatwell und Taylor, Global Finance at Risk, Politiy Press 2000, S. 107)

Wies steht es mit dem Lebensstandard?

Die reichsten 20 Prozent der Welt ziehen heute 86 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts auf sich. Die ärmsten 20 Prozent erhalten nur ein Prozent und die mittleren 60 Prozent lediglich 13 Prozent. Die Einkommen der reichsten 200 Einzelpersonen der Welt haben sich zwischen 1994 und 1998 verdoppelt und betragen nun über eine Billion Dollar. Die reichsten drei Individuen der Welt verfügen über ein Vermögen, das größer ist als das addierte Volkseinkommen der 48 ärmsten Länder der Welt. Dem Weltentwicklungsbericht der Vereinten Nationen von 1999 zufolge bräuchte man 40 Milliarden Dollar, um dem gesamten unterversorgten Teil der Weltbevölkerung eine grundlegende medizinische Versorgung, Ernährung und Schulbildung, sauberes Wasser, Familienplanung und Fortpflanzungsmedizin zur Verfügung zu stellen. Ein jährlicher Beitrag von einem Prozent des Reichtums der 200 reichsten Personen (etwa 7 Milliarden Dollar) würde reichen, um allen Menschen den Zugang zu einer schulischen Grundbildung zu gewähren, und 5 Prozent wären genug, um alle grundlegenden sozialen Leistungen abzudecken.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie bemerkt: "In den Jahren 1998-99, als der Pro-Kopf-Ertrag im Weltmaßstab um 1,5 bis 1,8 Prozent wuchs, hatten mehr als 80 Länder ein niedrigeres Pro-Kopf-Einkommen als ein Jahrzehnt zuvor oder noch früher, und in mindestens 55 Ländern nahmen die Pro-Kopf-Einkommen beständig ab. Die Einkommenskluft zwischen dem Fünftel der Menschheit, das in den reichsten Ländern lebt, und dem Fünftel in den ärmsten lag 1997 bei 74 zu eins, verglichen mit 60 zu 1 im Jahre 1990 und 30 zu 1 im Jahre 1960. Die Ungleichheit beim Einkommen ist auch innerhalb der reichsten Länder stark angestiegen - vor allem in den Vereinigten Staaten und Großbritannien -, und die Armen der Welt sind heute ärmer als sie es im Jahre 1820 waren" (Heikki Patomäki, Democratising Globalisation, Zed Books 2001, S. 100).

Um zur amerikanischen Wirtschaft zurückzukehren: Es gibt ein Gebiet, in dem die 1990er Jahre alle vorhergehenden Jahrzehnte übertrafen - und zwar beim Wachstum der Schulden, insbesondere der Auslandsschulden.

Am Ende des Jahres 2000 betrugen die Nettoschulden der Vereinigten Staaten beim Rest der Welt 2,19 Billionen Dollar. Am Ende von 2001 beliefen sich die Nettoschulden auf ungefähr 2,60 Billionen Dollar. Dies entspricht etwa 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, angestiegen von 16,4 Prozent im Jahre 1999 und neun Prozent höher im Vergleich zu den 12,9 Prozent, die 1997 erreicht wurden. Dies bedeutet, dass die Vereinigten Staaten inzwischen etwa zwei Drittel der Ersparnisse der Welt absorbieren. Mit anderen Worten: Die Vereinigten Staaten sind zu einem gigantischen finanziellen Staubsauger geworden, der das Kapital vom Rest der Welt abzieht. Und dies muss wachsende ökonomische Spannungen hervorbringen, denn in die Vereinigten Staaten gesogenes Kapital kann nicht in anderen Gegenden der Welt für wirtschaftliches Wachstum eingesetzt werden.

Dies sind wirklich verblüffende Zahlen, wenn man sie im Zusammenhang mit der historischen Entwicklung des amerikanischen Kapitalismus betrachtet. Im Jahre 1917 wurden die Vereinigten Staaten erstmals zu einer Gläubigernation, als die britischen Investitionen liquidiert wurden, um den Krieg gegen Deutschland zu bezahlen, und amerikanische Banken und Finanzhäuser von der Kriegsverschuldung der europäischen Länder profitierten. Gläubigernation blieben die USA bis zum Ende der 1980er Jahre. Aber nun sind sie im Laufe von etwas mehr als einem Jahrzehnt zum größten Schuldner der Welt geworden.

Lasst uns einen Blick auf die Indexe dieser Verwandlung werfen. Von 1983 bis 1990 verdoppelten sich die Gesamtschulden des Nicht-Finanzsektors der Vereinigten Staaten von 5,36 auf 10,85 Billionen Dollar. In den 1990ern stiegen sie um 62 Prozent von 11,31 Billionen im Jahre 1991 auf 18,26 Billionen Dollar im Jahre 2000. In jedem Jahr seit 1992 haben die in die Vereinigten Staaten fließenden ausländischen Investitionen mehr als 10 Prozent zu der Gesamtsumme beigetragen, die auf den Kreditmärkten der Vereinigten Staaten zur Verfügung stand.

Die innere Verschuldung steigt ebenfalls an. Nach den Daten der Nationalbank, der Federal Reserve, über Geldbewegungen ist das Verhältnis aller ausstehenden Schulden zum verfügbaren Einkommen von 87 Prozent im Jahre 1990 auf mehr als 101 Prozent am Ende des Jahres 2000 angestiegen. Die Gesamtsumme der Kreditrückzahlungen erreichte ein Rekordhoch von 14 Prozent des verfügbaren Einkommens. Die Folgen der wachsenden Verschuldung können an den Statistiken über das Konsumverhalten in der amerikanischen Wirtschaft abgelesen werden. Der Anteil des Konsums am Bruttoinlandsprodukt stieg um 2,6 Prozent von 1989 bis 2000. Dies war verbunden mit einem Rückgang der Sparquote um fast 7 Prozent seit 1989. Die Sparquote ist in den letzten Jahren negativ geworden.

Die letzte Periode ist auch durch ein Anwachsen des Außenhandelsdefizits der Vereinigten Staaten geprägt, das nun etwa 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt. Die Vereinigten Staaten benötigen derzeit einen täglichen Zufluss von 1 Milliarde Dollar aus externen Quellen, um ihr Zahlungsbilanzdefizit zu finanzieren.

Das Niveau der internationalen Finanzierungen ist in den letzten anderthalb Jahrzehnten nicht weniger schnell angestiegen. Der weltweite Wertpapiermarkt lag 1970 bei etwa 1 Billion Dollar. 1980 hatte er sich auf 2 Billionen verdoppelt. Dann kam ein scharfer Anstieg: Er sprang 1990 auf 12 Billionen, auf mehr als 20 Billionen im Jahre 1995 und etwa 25 Billionen 1998.

In den späten 1990ern betrug der Umfang des Devisenhandels mehr als 1 Billion Dollar pro Tag. Dies bedeutete einen Anstieg um das Achtfache seit 1986. Im Gegensatz dazu lag der Umfang der globalen Exporte für das Jahr 1997 bei 6,6 Billionen Dollar oder 25 Milliarden Dollar pro Tag.

Der Umfang des Investitionskapitals ist ähnlich gewachsen. Mitte der 1990er Jahre addierten sich alle Investment- und Rentenfonds auf eine Gesamtsumme von 20 Billionen Dollar. Dies war das Zehnfache des Jahres 1980. Gleichermaßen kam es zu einem gewaltigen Anwachsen des Kapitalvolumens für Investitionen während der 1990er Jahre. Nach Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stieg der Wert des Finanzvermögens aller investierenden Unternehmen in den Mitgliedstaaten, zu denen hauptsächlich Versicherungen, Rentenfonds und Investmentunternehmen gehören, zwischen 1990 und 1995 um 9,8 Billionen Dollar oder 75 Prozent. Die jährliche Zunahme um 1,96 Billionen entsprach ungefähr 10 Prozent der addierten nationalen Einkommen in den OECD-Ländern in dieser Periode.

Wenn wir das Wachstum des Finanzkapitals mit den Zahlen des Wirtschaftswachstums in den Vereinigten Staaten und der kapitalistischen Weltwirtschaft vergleichen und zueinander in Kontrast setzen, dann zeigt sich eines der wichtigsten Merkmale des Wirtschaftszyklus der 1990er Jahre - die wachsende Divergenz zwischen fiktivem Kapital auf der einen und dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts auf der anderen Seite.

Die Bedeutung dieser Divergenz liegt in der Tatsache, dass fiktives Kapital einen Anspruch auf Mehrwert repräsentiert, der aus der Arbeiterklasse gewonnen wird. Sicherlich können Teile des Finanzkapitals einen Profit aus rein finanziellen Operationen ziehen - und dieser Prozess kann eine beträchtliche Zeit anhalten, so lange weitere Gelder in die Märkte fließen. Aber an einem bestimmten Punkt muss sich das Finanzkapital einen gewissen Teil des Mehrwerts aneignen, der aus der Arbeiterklasse gewonnen wird. Mit anderen Worten: Um die Stabilität des Systems sicherzustellen, muss die reale Wirtschaft schnell genug expandieren, um die Ansprüche des fiktiven Kapitals zu erfüllen.

Was allerdings jetzt passiert, ist das genaue Gegenteil. Anstatt dass ein Wachstum in der realen Wirtschaft ausreichende Profite zur Verfügung stellt, um die zukünftigen Ansprüche des fiktiven Kapitals zu decken, können wir feststellen, dass Unternehmen in zunehmendem Maße von finanziellen Operationen abhängig sind, um ihre Profite aufrecht zu erhalten.

Wie eine Studie zu dieser Entwicklung bemerkt: "Ein wachsender Teil der gesamten Investitionserträge stammt seit Beginn der 1980er Jahre aus Kapitalgewinnen (eine Erhöhung des Marktwertes der betreffenden Wertpapiere) anstatt aus Erträgen (Dividenden oder Zinsen plus wiederangelegter Gewinne). Dabei machen erstgenannte mehr als 75 Prozent aller Erträge in den USA und Großbritannien aus - verglichen mit (durchschnittlich) deutlich weniger als 50 Prozent in der gesamten Periode 1900-79. Dies lässt klar vermuten, dass die Wertsteigerungen mehr von dem wachsenden Geldzufluss in die Märkte und von Spekulationen auf weiter hoch getriebene Preise angetrieben wurden - was die Beibehaltung (oder Wiederherstellung) günstiger wirtschaftlicher Bedingungen voraussetzt - als von dem tatsächlichen Einkommensfluss, den die Wertpapiere erbrachten" (Harry Shutt, The Trouble with Capitalism, S. 124).

Die Finanzstruktur des Weltkapitalismus der 1990er Jahre ähnelt in zunehmendem Maße einer umgekehrten Pyramide - eine wachsende Masse von fiktivem Kapital ruht auf einer wesentlich kleineren Masse an Mehrwert. Wie eine umgekehrte Pyramide ist eine solche finanzielle Struktur von sich aus instabil.

In diesem Fall ist es allerdings nicht die Schwerkraft, die sie aus dem Gleichgewicht bringen wird, sondern die Gier nach Profit, die dafür sorgt, dass Investmentfonds sich schnell von einem Markt zum anderen bewegen. Hierin liegt der Ursprung der finanziellen Stürme, die im vergangenen Jahrzehnt so charakteristisch für die kapitalistische Weltwirtschaft geworden sind.

Wird fortgesetzt

Siehe auch:
Die Weltwirtschaftskrise: 1991-2001 - Zweiter Teil
(2. April 2002)
Die Weltwirtschaftskrise: 1991-2001 - Dritter Teil
(2. April 2002)
Der Krieg in Afghanistan und die Krise der politischen Herrschaft in Amerika
(14. März 2002)
Der Krieg in Afghanistan und das Dilemma des europäischen Kapitalismus
( 22. März 2002)

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