Die Weltwirtschaftskrise: 1991 - 2001

Zweiter Teil ( )

Von Nick Beams
3. April 2002

Im Folgenden veröffentlichen wir den zweiten Teil einer Vorlesung von Nick Beams, dem nationalen Sekretär der Socialist Equality Party (Australien) und Mitglied in der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site . Nick Beams hielt seine Vorlesung am 16. Januar 2002 im Rahmen einer internationalen Schulung der Socialist Equality Party in Sydney.

Die 1990er Jahre wurden mit dem Börsenzusammenbruch von 1987 eingeleitet. Obwohl dieser Zusammenbruch von der Wall Street ausging, war er in jeder Hinsicht ein globales Phänomen. Konflikte zwischen US-Regierung und Finanzbehörden mit der Deutschen Bundesbank über die Festsetzung der Zinssätze hatten zu Ängsten vor einer rasanten Abwertung des Dollars geführt, die Geldabflüsse aus dem amerikanischen Finanzsystem nach sich zogen.

Nur die massive Intervention der amerikanischen Zentralbank und anderer Zentralbanken verhinderte eine globale Finanzkrise. Diese Institutionen pumpten enorme Geldmengen in das globale Finanzsystem - und das nach einem Muster, nach welchem während der gesamten kommenden Dekade immer wieder derartige Maßnahmen zur Bekämpfung von Krisen durchgeführt wurden, die jedoch gerade die Bedingungen für immer schwerwiegendere Probleme schufen. In diesem Fall führte die Zuführung von Liquidität zu einem weiteren Aufblähen der schon angewachsenen japanischen Finanzblase.

Die Entstehungsursachen für die japanische Finanzblase gehen auf den sogenannten Plaza-Akkord zurück. Während des Wirtschaftsgipfels der G-5 im September 1985 im New Yorker Plaza-Hotel hatten sich die Zentralbankvertreter auf eine Aufwertung der übrigen Weltwährungen gegenüber dem Dollar geeinigt. Die Dollar-Abwertung und die Aufwertung des Yen hatten zwei unmittelbare Konsequenzen zur Folge. Erstens verteuerten sich japanische Exporte, worauf japanische Hersteller mit einer Verlagerung ihrer Produktion in die Länder Ostasiens reagierten, in denen die Währungen an den abgewerteten Dollar gekoppelt waren. Zweitens bedeutete das eine Abwertung japanischer Geldanlagen, woraufhin es zu einer Explosion der japanischen Immobilienpreise und an der Tokioter Börse zu Kurssteigerungen nie dagewesenen Ausmaßes kam. Bis Ende 1989 kletterte der Nikkei-Index auf über 40.000 Punkte (er bewegt sich gegenwärtig um 12.000). Aber dieses Aufblähen konnte sich nicht endlos fortsetzen. Der Zusammenbruch Anfang der 90er Jahre löste in Japan eine Schuldenkrise aus, von der sich das Land nicht wieder erholt hat.

Das sollte tatsächlich eines der Hauptmerkmale der 1990er Jahre werden: die Unfähigkeit der zweitgrößten Wirtschaft der Welt, dem Teufelskreis zu entkommen, der Ende der 80er Jahre in Gang gesetzt worden war. Der Absturz der japanischen Immobilienpreise führte zu einem Anwachsen fauler Kredite in den Büchern japanischer Banken und zur Erosion deren Kapitalbasis. Das wiederum führte zu einer verringerten Kreditvergabe und zum Zusammenbruch von Finanzunternehmen. Der anschließende wirtschaftliche Abschwung führte zu weiteren Kurseinbrüchen an der Börse und Preisrückgängen auf dem Immobilienmarkt, was eine weitere Schwächung der Banken zur Folge hatte.

Vom Zusammenbruch des EWS zur US-Finanzblase

Die erste große Krise der 1990er Jahre war der Zusammenbruch des Europäischen Währungssystems (EWS) 1992. Das britische Pfund - unter massivem Druck von Hedgefonds - wurde aus dem EWS ausgekoppelt, und das skandinavische Bankensystem war mit Tagesgeldsätzen von über 100 Prozent konfrontiert.

1994 folgte der Zusammenbruch des mexikanischen Peso und die anschließende Rettung des Landes mit 50 Milliarden Dollar, die die Clinton-Regierung Anfang 1995 organisierte. "Rettung des Landes" ist allerdings eine etwas euphemistische Bezeichnung. Es hätte präziser eher als Rettung jener US-Finanzinteressen bezeichnet werden müssen, die in mexikanische Anleihen investiert hatten.

Diese Rettung erfolgte gerade noch früh genug, als sich bereits eine weitere Krise anbahnte. Der Plaza-Akkord von 1985 zielte auf eine Abwertung des US-Dollars und eine Ankurbelung amerikanischer Exporte ab. Ende der 1980er und in der ersten Hälfte der 1990er Jahre beruhte etwa ein Drittel des gesamten US-Wirtschaftswachstums auf dem Anstieg der Exporte. Der schwache Dollar übte jedoch starken Druck auf das internationale Finanzsystem aus und führte zu einer Krise der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und Japan.

Bis zum April 1995 fiel der Dollar auf ein Rekordtief von 79 Yen pro Dollar. Der Yen stand gegenüber seinem Wert von 1991 um 60 Prozent und gegenüber seinem Wert Anfang 1994 um 30 Prozent höher. Aber der Anstieg des Yen war Gift für die exportabhängige japanische Wirtschaft. Bei diesem Stand des Yen deckten japanische Exporteure nicht einmal mehr ihre variablen Kosten, ganz zu schweigen von Profiten bei Verkäufen auf dem internationalen Markt. Die Clinton-Regierung konnte die Auswirkungen dieses Dollar/Yen-Kurses nicht ignorieren, obwohl sie eine extrem aggressive Politik gegenüber Japan betrieben hatte. Für die USA bestand die Gefahr darin, dass ein weiteres Absinken des Dollars zu einer Finanzkrise in Japan, einem massiven Abzug von japanischen Geldern aus dem US-Finanzmarkt und letztendlich zu einem Anstieg der US-Zinsen und einer Rezession in den USA hätte führen können. Das war gerade zu der Zeit, als sich die USA von der Rezession von 1990/91 erholt und einige wenige Jahre geringen Wachstums hinter sich hatten.

Im April 1995 wurde eine Einigung erzielt, wonach der Yen ab- und der Dollar aufgewertet werden sollte - eine Art Anti-Plaza. Aber diese Einigung, die eine unmittelbare Dollar-Yen-Finanzkrise abwendete, hatte langfristige Konsequenzen. Der Anstieg des Dollars löste das Entstehen der US-Finanzblase aus, die sich bis zum April 2000 immer weiter ausdehnte. Der Anstieg des Dollars und der US-Wertanlagen führte zu einem Liquiditätszufluss in die USA aus allen anderen Teilen der Welt. 1995 kaufte die übrige Welt US-Staatsanleihen im Wert von 197,2 Milliarden Dollar. Das war das Zweieinhalbfache der vorangegangenen vier Jahre zusammengenommen. 1996 wurden 312 Milliarden Dollar angelegt und 1997 186,9 Milliarden. Insgesamt wurden in nur drei Jahren mehr als eine halbe Billion Dollar angelegt!

Das hatte unmittelbare Auswirkungen auf den Aktienmarkt. Der S&P 500 Index, der 1994 um nur 2 Prozent gestiegen war, stieg 1995 um 17,6 Prozent und 1996 um weitere 23 Prozent. Im Dezember desselben Jahres sprach Alan Greenspan seine Warnung vor "irrationalen Übertreibungen" aus. 1997 stieg der S&P 500 um weitere 30 Prozent.

Den Anstieg des Marktes nachzeichnend, vermerkt Robert Shiller in seinem Buch Irrational Exuberance [ Irrationale Übertreibung ]: "Der Dow Jones Industrial Average ... stand Anfang 1994 bei etwa 3.600 Punkten. 1999 hatte er sich mehr als verdreifacht und überschritt die Marke von 11.000 Punkten, ein Gesamtanstieg um mehr als 200 Prozent. Anfang 2000 überschritt der Dow Jones 11.700 Punkte. Jedoch erreichten die Indikatoren der wirtschaftlichen Fundamentaldaten für dieselbe Periode nicht einmal annähernd eine Verdreifachung ihres Wertes. US-Einkommen und Bruttoinlandsprodukt erhöhten sich um knapp 30 Prozent, wobei fast die Hälfte dieses Anstieges Inflation war. Unternehmensgewinne stiegen um knapp 60 Prozent, und das von einer rezessionsgeprägten Ausgangssituation" (Shiller, Irrational Exuberance, S. 4).

Es gab einen direkten Zusammenhang zwischen dem Anwachsen der Verschuldung, dem Steigen der Aktienmärkte und der Aufwertung des Dollars. Dies war tatsächlich eine Art Teufelskreis, der die US-Finanzblase immer weiter anheizte. Der Zustrom von Kapital, das vom steigenden Dollar angezogen wurde, finanzierte die Schulden, die wiederum zum Großteil für den Kauf von Aktien ausgegeben wurden. Das Ansteigen der Aktienkurse lockte immer mehr Kapital in die USA wegen der höheren Erträge der Finanzanlagen - diese Erträge rührten weniger von Einkommensströmen her als vom Anstieg der Kurse, die klassische Form einer Finanzblase.

Einige Zahlen illustrieren diesen Prozess. 1999 betrug das Verhältnis Schulden/Eigenkapital der Unternehmen des S&P 500 116 Prozent, verglichen mit 84 Prozent Ende der 1980er Jahre. Kreditaufnahmen von Unternehmen aus dem Nicht-Finanzsektor betrugen in der Zeit von 1994 bis 1999 1,22 Billionen Dollar. Davon wurden nur 15,3 Prozent für Kapitalanlagen eingesetzt, während 694,7 Milliarden Dollar davon zum Rückkauf von Aktien dienten.

Bis zum ersten Quartal 2000 - dem Höchststand der Aktienkurse - wuchs der Wert der Unternehmensaktien, deren Marktkapitalisierung, auf 19,6 Billionen Dollar an, von 6,3 Billionen 1994. Aber das war völlig losgelöst von der Realwirtschaft. Die Marktkapitalisierung als Prozentsatz vom Bruttoinlandsprodukt benötigte nur fünf Jahre - von 1995 bis 2000 -, um sich von 50 Prozent auf 150 Prozent zu verdreifachen. In der gleichen Zeit wuchsen die Gewinne nach Steuern um 41,2 Prozent. Zum Vergleich, es dauerte 13 Jahre - von 1983 bis 1995 -, bis sich die Marktkapitalisierung von 25 auf 50 Prozent verdoppelt hatte, während die Unternehmensgewinne in dieser Periode um 160 Prozent anstiegen.

Das "asiatische Wunder"

Die Dollaraufwertung hatte weitere Konsequenzen. Seit dem Plaza-Akkord von 1985 und der Aufwertung des japanischen Yen gerieten die so genannten ostasiatischen Tigerstaaten - Südkorea, Thailand, Malaysia, Singapur, Indonesien und in gewisser Weise die Philippinen - in den Focus japanischer Investitionen. Dann, seit Anfang der 90er Jahre, begannen US-Investitionen ihnen zunehmend Aufmerksamkeit zu schenken, auf der Suche nach neuen profitablen Anlagemöglichkeiten angesichts des schwachen Wachstums innerhalb der USA zu dieser Zeit. Das so genannte "asiatische Wunder" war das Ergebnis des Zustroms dieser Gelder und der Schaffung neuer Produktionsanlagen durch Unternehmen, die den Vorteil dieser Region, die billige Arbeitskraft, auszunutzen suchten.

Das war aber nicht nur eine asiatische Angelegenheit. Die Region begann eine immer wichtigere Rolle in der Weltwirtschaft zu spielen. In der Zeit von 1990 bis 1997 zog sie zwei Drittel der weltweiten Investitionen auf sich und stand für ungefähr die Hälfte des weltweiten Wachstums. Sie wurde zu einem immer wichtigeren Stimulator für die Wirtschaften Amerikas und Europas.

Die folgenden Zahlen demonstrieren die Bedeutung dieser Region hinsichtlich des Zuflusses von Investitionen. Ende 1996 befanden sich drei der dortigen Länder unter den größten Empfängern privaten ausländischen Kapitals. Nach Indonesien floss der weltweit drittgrößte Anteil (17,9 Milliarden Dollar), Malaysia der viertgrößte (16 Milliarden) und Thailand den sechstgrößten (14,6 Milliarden).

Das "Wunder" hatte zweierlei Grundlage: die Fähigkeit der Region, dem Wettbewerb auf den Exportmärkten standzuhalten, und der kontinuierliche Zufluss ausländischen Kapitals. Diese Grundlagen gerieten jedoch mit der Anti-Plaza-Einigung von 1995 unter Druck, als der Dollar gegenüber dem Yen aufgewertet wurde. Die ostasiatischen Wirtschaften, deren Währungen an den Dollar gekoppelt waren, bekamen das sofort zu spüren. Ihre Probleme wurden durch die Tatsache verstärkt, dass die chinesische Währung, der Yuan, 1994 abgewertet worden war und China für Investitionen und die Errichtung ausländischer Produktionsstätten immer attraktiver wurde. Die Bindung an den Dollar zu lösen, war keine wirkliche Option für die ostasiatischen Tigerstaaten, obwohl es die Exporte verbilligt, andererseits jedoch zu einem Rückgang der Investitionen geführt hätte. Einer der Gründe für die Attraktivität der Region war deren Währungsstabilität gegenüber dem Dollar.

1996 begann sich das Exportwachstum der Region abzuschwächen und Probleme mit der Verschuldung kamen zum Vorschein. 1997 wurde die Krise von der Abwertung des thailändischen Baht und dem Zusammenbruch des Immobilienbooms in diesem Land ausgelöst. Zwischen 1994 und 1996 hatten sich die Kapitalzuflüsse in die vier am meisten betroffenen Länder mehr als verdoppelt, von etwa 40 auf 93 Milliarden Dollar. 1997 kam es jedoch zu einem Abfluss von 12 Milliarden Dollar. Dieser Umschwung in der Geldzufuhr von insgesamt 107 Milliarden Dollar 1997 entsprach einem Zehntel der Wirtschaftsleistung dieser vier Länder.

"Die Krise von 1997/98 ... bewirkte bis zum Jahr 2000 einen kurzfristigen Verlust von 10 bis 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Thailand, Indonesien, Korea und Malaysia (vorausgesetzt, dass das Wachstum von 1996/97 sonst hätte beibehalten werden können). Der langfristig kumulierte Verlust ist größer. Die Asienkrise war tiefgehender und schwerer als es Finanzkrisen normalerweise sind. ... Es wird geschätzt ..., dass die Asienkrise und deren globale Auswirkungen die internationale Wirtschaftsleistung 1998-2000 um 2 Billionen US-Dollar verringerten. Das sind vielleicht 6 Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes; bei weitem die schwerste Krise bisher. Es wird auch geschätzt, dass die Asienkrise 10 Millionen Menschen offiziell arbeitslos gemacht hat. Darüber hinaus fielen etwa 50 Millionen Menschen in Asien unter die Armutsgrenze" (Democratising Globalisation, S. 31).

Als die Asienkrise ausbrach, wurde sie von Clinton als "Ausrutscher" abgeschrieben. Nicht viel später jedoch, mit der Zahlungsunfähigkeit Russlands im August 1998 und dem Zusammenbruch des amerikanischen Investmentfonds Long Term Capital Management (LTCM), bezeichnete die Clinton-Regierung die finanzielle Situation als die ernsthafteste der Nachkriegsperiode.

Die Rezession in den USA und die Überakkumulation des Kapitals

Das Eingreifen der US-Zentralbank zur Rettung von LTCM verhinderte ein "systemimmanentes Versagen" des Banken- und Finanzsystems. Aber nicht ohne Konsequenzen. Zinssenkungen Ende 1998 und bis 2000 trugen dazu bei, die US-Finanzblase noch weiter auszudehnen, bis sie ihren Höhepunkt im April 2000 erreichte. Ein Jahr später setzte in den USA eine Rezession ein.

Das wichtigste Merkmal dieser Rezession ist, dass sie anders ist als die vielen anderen der Nachkriegsperiode. Sie wurde nicht durch Zinserhöhungen der Zentralbank als Reaktion auf einen Anstieg der Inflation ausgelöst. Im Gegenteil, die allgemeine Tendenz der vergangenen Periode waren niedrigere Preise, wenn nicht sogar eine eigentliche Deflation, d. h. fallende Preise.

Der Hauptgrund der Rezession ist der Rückgang der Investitionen im Gefolge des Endes des Aktienbooms. Das führte zu wachsenden Ängsten, dass trotz elfmaliger Zinssenkungen im Jahr 2001, die es nicht vermochten eine Wende herbeizuführen, die US-Wirtschaft in eine Situation ähnlich der Japans geraten könnte, wo Geldpolitik keine Wirkung mehr hat, weil deflationäre Bedingungen entstanden sind. Diese Bedingungen andererseits sind ein Ausdruck für die Überakkumulation von Kapital.

Das Ausmaß dieser Überakkumulation des Kapitals kann anhand der Telekommunikationsindustrie gesehen werden. Die Telekommunikations-Blase war in Wirklichkeit viel bedeutender als die Dotcom-Blase. Ein Artikel in der Financial Times am 4. September 2001 wies auf das Ausmaß der Krise der Telekommunikationsindustrie und deren Auswirkungen hin.

"Für gescheiterte Internetseiten und Internetunternehmen wurden jeweils vielleicht einige Dutzend Millionen Dollar verschwendet, bevor sie bankrott gingen. Aber dem Jahrbuch für Europäische Informationstechnologie zufolge (herausgegeben von der EITO, dem European Information Technology Observatory) addierten sich die Ausgaben für im Telekommunikationsbereich in Europa und den USA für die Zeit von 1997 bis 2001 auf mehr als 4.000 Milliarden Dollar...

Zwischen 1996 und 2001 vergaben Banken, Thomson Financial zufolge, syndizierte Kredite in Höhe von 890 Milliarden Dollar. Weitere 415 Milliarden wurden über den Anleihemarkt aufgenommen und 500 Milliarden über Privateinlagen und die Aktienbörsen finanziert. Noch mehr kamen von profitablen Blue-Chip-Unternehmen, die sich damit an den Rand des Bankrotts oder darüber hinaus gebracht haben, in dem Glauben, dass die explosive Expansion der Internetnutzung eine nahezu unbegrenzte Nachfrage nach Telekommunikationskapazitäten auslösen würde...

Das globale Finanzsystem wurde süchtig nach einem ständigen weiteren Anheizen dieses Feuers. Fast die Hälfte der 1999 vergebenen Bankkredite in Europa ging an Telekommunikationsunternehmen. Moody's, die Kreditratingagentur, schätzt, dass etwa 80 Prozent aller hochprozentigen oder ‚Junk'bonds, die in den USA auf dem Höhepunkt des Booms aufgelegt wurden, zur Finanzierung von Telekommunikationsunternehmen dienten. An fünf der zehn größten Unternehmenszusammenschlüssen in der Geschichte waren Telekommunikationsunternehmen während dieses Booms beteiligt...

Das nachwirkende Erbe all dieses Geldes ist eine Flut an ‚Bandbreiten‘ - der Kapazität für die Übertragung von Daten, des wichtigsten Rohstoffes für alle Kommunikationsnetzwerke. Diese Flut ist so groß, dass, wenn alle 6 Milliarden Menschen der Erde das ganze nächste Jahr telefonieren würden, ihre Worte mit dieser potentiellen Kapazität innerhalb weniger Stunden übertragen werden könnten."

Der Artikel stellt weiter fest, dass der Zusammenbruch der Telekommunikations-Blase auf verschiedene Weise zu spüren war. Faule Kredite an Telekommunikationsunternehmen summierten sich auf 60 Milliarden Dollar; es kam zu Tausenden von überzähligen Stellen in den Investmentbanken; innerhalb von sechs Monaten wurden mehr als 300.000 Arbeitsplätze bei Herstellern von Telekommunikationsausrüstungen und etwa 200.000 Arbeitsplätze bei der Zulieferindustrie und anderen verbundenen Branchen zerstört.

"Der Aktienwert aller Telekommunikationsunternehmen und -hersteller fiel um 3.800 Milliarden Dollar seit dem Höhepunkt im März 2000. Um das ins Verhältnis zu setzen: Die gesamten Wertverluste an den asiatischen Börsen während der Asienkrise Ende der 1990er Jahre betrugen nur 813 Milliarden Dollar" (Dan Roberts, "Glorreiche Hoffnungen auf einer Billionen-Dollar-Müllhalde", Financial Times, 4. September 2001).

Das ist nur der anschaulichste Ausdruck der allgemeinen Überakkumulation von Kapital in der Weltwirtschaft. Im Februar 1999 warnte das britische Wochenmagazin The Economist, dass die Welt "aufgrund der enormen Überkapazitäten in überschüssigen Kapazitäten für Computerchips, Stahl, Autos, Textilien und chemische Erzeugnisse schwimmt". Es kam zu der Schlussfolgerung, dass die weltweite Kluft zwischen den industriellen Kapazitäten und der Nachfrage nahe an ihren Höchstständen der 1930er Jahre sei.

Derartige Ansichten kamen auch in dem Jahresbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vom Juni 1999 zum Ausdruck: "Die überschüssigen Kapazitäten in vielen Ländern und Branchen bleiben weiterhin eine ernste Gefahr für die finanzielle Stabilität. Ohne eine umsichtige Reduzierung oder Einstellung der Überkapazitäten werden die Kapitalerträge weiter enttäuschend sein, mit potentiell negativen und langanhaltenden Auswirkungen auf das Vertrauen und die Investitionsausgaben. Überdies wird die Zahlungsfähigkeit derjenigen Institutionen, die diese Kapitalexpansion finanziert haben, immer bedenklicher."

Man könnte mit der Auflistung von Indizien, die die Tiefe der rezessiven und deflationären Tendenzen innerhalb der Weltwirtschaft aufzeigen, fortfahren. Wir sollten auch feststellen, dass immer größere Zweifel an den angeblich steigenden Gewinnen in der "New Economy" aufkommen. Die jüngsten Zahlen zeigen, dass die Gewinne als Anteil am Volkseinkommen seit 1997 in jedem Jahr gefallen sind. Der Zusammenbruch von Enron war symptomatisch für die "New Economy" als Ganzer.

Der wichtigste Punkt ist nicht, dass einfach eine Rezession eingesetzt hat, sondern das Wesen dieser Rezession. Sie stellt keinen Übergang zu einer stabileren Situation innerhalb der Weltwirtschaft dar, sondern ist der letzte Ausdruck eines anwachsenden Ungleichgewichts, das sich seit Anfang der 1990er Jahre entwickelt.

Lasst uns zurückblicken: Das Jahrzehnt begann mit einer Investitionsflut in die Länder Ostasiens - die 1993 von der Weltbank als "Wunderwirtschaften" freudig begrüßt wurden. Der asiatische Aufschwung hatte wesentlichen Anteil am Wachstum der Weltwirtschaft und der weltweiten Investitionen. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts stützten die US-Finanzblase und der Investmentboom weitestgehend die Weltwirtschaft. Es wird geschätzt, dass allein von den USA zwischen 1996 und 2000 knapp die Hälfte der zusätzlichen weltweiten Nachfrage ausging. Das war nur mit der Schaffung einer der wohl größten Finanzblasen in der Geschichte des Kapitalismus möglich.

Wird fortgesetzt

Siehe auch:
Die Weltwirtschaftskrise: 1991-2001 - Erster Teil
(2. April 2002)
Die Weltwirtschaftskrise: 1991-2001 - Dritter Teil
(2. April 2002)
Der Krieg in Afghanistan und die Krise der politischen Herrschaft in Amerika
(14. März 2002)
Der Krieg in Afghanistan und das Dilemma des europäischen Kapitalismus
( 22. März 2002)

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