Israel richtet in Dschenin ein Massaker an

Von David Cohen in Israel
11. April 2002

Gestern bestätigte der palästinensische Rote Halbmond, dass die israelischen Besatzungstruppen im Flüchtlingslager der Stadt Dschenin am Dienstag, dem 9. April mehrere Dutzend palästinensische Zivilisten getötet haben. Augenzeugenberichten zufolge walzten israelische Bulldozer die erste Häuserreihe des Flüchtlingslagers zu Boden, während sich die Bewohner noch in den Gebäuden befanden.

Die 30 Opfer, deren Tod bestätigt wurde, hatten alle in dieser einen Straße gewohnt. Die wirkliche Anzahl der Toten wird aber auf mindestens 100 geschätzt. Viele wurden unter den Trümmern begraben, andere durch explodierende Panzergranaten in Stücke gerissen. Dutzende Menschen verbluteten in ihren Häusern vor den Augen hilfloser, traumatisierter Familienangehöriger.

In den frühen Morgenstunden wurden sechs der getöteten Palästinenser identifiziert. Die übrigen Opfer sind nach wie vor nicht identifiziert worden, und die Zahl der Verwundeten konnte nicht eindeutig ermittelt werden. Man befürchtet jedoch, dass es mehrere Hundert sind.

Seit den frühen Morgenstunden des 9. April bombardieren israelische Apache-Kampfhubschrauber und Panzer das dicht bevölkerte Flüchtlingslager, das auf einer Fläche von einem knappen Quadratkilometer mindestens 15.000 Menschen beherbergt.

Zum ersten Mal in der Geschichte seiner Aggression setzt Israel auch F-16-Kampfflugzeuge ein, um das Flüchtlingslager Dschenin zu bombardieren. Das Ziel kann nur sein, so viele Zivilisten wie möglich zu töten. Laut offiziellen Angaben wurde das Lager in den ersten beiden Tagen der Angriffe von mehr Raketen und Panzergranaten beschossen, als die gesamte israelische Besatzungsmacht in den vorangegangenen anderthalb Jahren gegen palästinensische Ziele eingesetzt hatte.

Nach wie vor lassen die israelischen Truppen keine Krankenwagen in das Flüchtlingslager, nicht einmal, um die Leichen abzuholen. Vor zwei Tagen zerstörten Bulldozer ein provisorisches Massengrab, das die Lagerbewohner im Februar errichtet hatten, um ihre Angehörigen zu bestatten. Die Leichen wurden jetzt von den Bulldozern aus den Gräbern geschaufelt und in den Straßen verstreut. Augenzeugen berichten außerdem, dass israelische Panzer, die in den Straßen patrouillieren, eine Reihe von Menschenkörpern überrollt haben, die von den ärztlichen Einsatzteams nicht rechtzeitig geborgen werden konnten.

In einem Telefoninterview mit dem Fernsehsender "Al Dschasira" schilderte ein Lagerbewohner, Umm Jihad, die verzweifelte Lage:

"Der Beschuss hält an. Wir sitzen alle in unseren Häusern fest. Wir können nicht schlafen, uns nicht rühren und auch denen nicht helfen, die blutend in den Lagerstraßen liegen und um Hilfe rufen. Die israelischen Bulldozer walzen die Häuser ohne Vorwarnung nieder, während sich die Bewohner noch darin aufhalten. Als wir den ärztlichen Notdienst anriefen, um Hilfe zu bekommen, wurde uns gesagt, dass die Soldaten der Besatzungstruppen die Schlüssel der Krankenwagen beschlagnahmt haben, um sie lahm zu legen. Unser Leid und unsere Verzweiflung sind unbeschreiblich, denn niemand greift ein, um unsere Kinder zu retten, die sterben, während wir hilflos zusehen."

Am Dienstag Nachmittag riefen israelische Soldaten eine Feuerpause aus, damit Frauen und alte Leute Wasser holen könnten. Kaum hatten sie ihre Häuser verlassen, wurden sie festgenommen und als menschliche Schutzschilde verwendet - ein beispielloser Verstoß gegen die Menschenrechte.

Da die Lagerbewohner seit Tagen kein Wasser mehr hatten, waren einige Frauen und ältere Männer aus ihren Häusern gekommen. Sobald sie den Eingang des Lagers erreicht hatten, wo israelische Panzer und Mannschaftswagen stationiert sind, wurden sie alle verhaftet. Kurz danach berichteten Bewohner, sie hätten gehört, wie die israelischen Truppen per Lautsprecher alle Widerstandskämpfer und palästinensischen Sicherheitsbeamten aufgefordert hätten, sich zu ergeben, um das Leben der festgenommenen Zivilisten zu retten. Diese wurden dann an die Panzer und Mannschaftswagen gefesselt, die kurz nach der Aufforderung zur Kapitulation den Beschuss wieder aufnahmen.

Der israelische Offizier, der ursprünglich die Offensive zur Rückeroberung von Dschenin geleitet hatte, erhielt eine Rüge und wurde seines Postens enthoben, nachdem es ihm vier Tage lang nicht gelungen war, das Lager einzunehmen. Gegenwärtig wird die brutale Operation von Shaul Mofaz, dem Oberbefehlshaber der israelischen Streitkräfte, persönlich geleitet. Daher machen Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde ihn persönlich für die gegenwärtigen Gräueltaten verantwortlich.

Die drei ohnehin schlecht ausgestatteten Krankenhäuser in Dschenin melden, dass sie mittlerweile keinen Treibstoff mehr haben, um ihre Stromgeneratoren am Laufen zu halten. Vor vier Tagen hatten die israelischen Besatzungstruppen die Stadt von jeglicher Stromversorgung abgeschnitten. Die Krankenhäuser haben auch kein Wasser mehr.

Die palästinensische Führung hat in zahlreichen Appellen vor einer Wiederholung des Massakers von Sabra und Shatila in Dschenin gewarnt. "Die palästinensische Führung appelliert dringend an die internationale Gemeinschaft und an die arabischen Führer, sofort zu intervenieren, um die Bewohner des Flüchtlingslagers in Dschenin zu retten, die einem brutalen Krieg zum Opfer fallen, der vom Oberbefehlshaber Israels, Shaul Mofaz, persönlich geführt wird", hieß es in einer ihrer Erklärungen. "Wir machen die internationale Gemeinschaft für jede Verzögerung einer Intervention verantwortlich, mit der die Bewohner des Flüchtlingslager vor einem sicheren Massaker bewahrt werden könnten."

Die britische Zeitung Independent berichtete: "Durch die Telefonleitung waren vier Explosionen zu hören. Im Hintergrund hörte man eine Frau schreien: ‚Kommt und rettet uns!'" Der Reporter führte gerade ein Interview mit einem Mitarbeiter des Roten Halbmonds: "Er sagte, dass das Haus dieser Frau gerade von Raketen getroffen worden sei, die ein israelischer Hubschrauber abgefeuert habe."

Aus Berichten, die dem Korrespondenten der World Socialist Web Site zugetragen wurden, geht eindeutig hervor, dass die israelischen Behörden den Krankenwagen jeden Zugang zu Verwundeten verweigert haben. Ein solches Verhalten gilt nach internationalem Recht als Kriegsverbrechen gemäß der Genfer Konvention. Der Sender IMC-Israel berichtete, dass laut Angaben des Roten Kreuzes am 8. April fünf Krankenwagen in der Nähe von Dschenin und Nablus bombardiert wurden, nachdem die Besatzungstruppen die Versorgung von Verwundeten erst genehmigt hatten.

Unter dem Titel "Hilferuf aus Dschenin" gab der Palästinenser Issa Samandar dem Reporter folgenden telefonischen Bericht:

"Mehrere schwer gepanzerte Armeebulldozer ziehen einen acht bis zehn Meter breiten Graben von Ost nach West... um das Lager in zwei Hälften zu teilen... Dasselbe leisten Bombenabwürfe aus der Luft, Cobra- und Apache-Kampfhubschrauber werfen bei jedem Einsatz Hunderte Bomben ab... das hält jetzt seit acht Uhr gestern Abend an." Er fuhr fort: "Manchmal ziehen sich die Soldaten zurück, damit die Hubschrauber den Beschuss fortsetzen können... Das wird so gemacht, seit die Hubschrauber ein Haus beschossen hatten, in dem sich Soldaten befanden, weil sie diese für Palästinenser gehalten hatten... Der Beschuss und die Bombenabwürfe sind sehr heftig und werden mit äußerster Brutalität auf die Häuser gerichtet. Mehr als ein Drittel aller Häuser im Lager ist zerstört worden... totale Zerstörung... zig Menschen sind auf diese Weise gestorben.

Augenzeugen sagen, dass immer noch 100 bis 150 Leichen in den Straßen und engen Gassen des Lagers liegen. Seit fünf Tagen können nun die Krankenwagen nicht zu den Verletzten und Toten vordringen... Alle medizinischen Helfer und Vertreter setzen über die Medien SOS-Rufe ab... direkt... bis heute ohne Ergebnis... am Boden... In den letzten 36 Stunden sind nur zwei Leichen und ein Verletzter im Krankenhaus eingetroffen... Die medizinische Lage und die Lebensbedingungen sind so schlimm, dass die Menschen mittlerweile Abwasser trinken und Blätter von den Bäumen essen... Wir erfahren soeben von einem Zeugen, dass Hunderte Leichen unter den Trümmern der Häuser liegen... die Menschen, die sich retten konnten, haben sich in der Universität versammelt."

Der Bericht fuhr fort: "Ein Soldat tötete den 34-jährigen Sohn... dann löste ihn ein anderer ab, der den 62-jährigen Vater vor den Augen seiner Söhne und Enkel tötete... zwei weitere alte Männer - über 64 Jahre - und auch ein 45-Jähriger wurden vor den Augen ihrer Familien erschossen... Laut Angaben der Ärzte wurden sie bewusst erschossen, um auf Anweisung des Kriegsverbrechers Scharon so viele Menschen wie möglich umzubringen... Es ist jetzt nicht an den Opfern, das Geschehen dieser Tage zu analysieren. Und wenn irgendwelche Politiker, die diese Zeilen lesen, nicht begreifen, welche Mentalität hinter diesen Gräueln steht, dann gibt es keine Menschlichkeit und kein Gewissen mehr auf der Welt."

Jehudit Harel, eine Aktivistin der Bewegung "Friedensblock", hat per E-Mail einen öffentlichen Appell verbreitet, Schimon Peres den Friedensnobelpreis abzuerkennen. Sie sagte gegenüber der World Socialist Web Site : "Schimon Peres ist einer der zynischsten und unmoralischsten Politiker unserer Zeit, ein wahrer Jünger von Machiavelli. Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass die heutige Katastrophe möglich wurde. Als Träger des Friedensnobelpreises - mit all seinen internationalen Verbindungen und seinem besonderen Status in Europa - hat Schimon Peres dafür gesorgt, dass Europa seine schützende Hand über die Regierung Scharon hielt. Auf diese Weise hat er es dieser verbrecherischen Regierung erst ermöglicht, so weit zu gehen. Es ist höchste Zeit, ihm eine Lehre zu erteilen."

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