Die Beerdigung der Königin Mutter und die Kampagne zur Rettung der britischen Monarchie

Von Julie Hyland
19. April 2002

Man sagt, in keinem anderen Land würden Pomp und Zeremonien so zelebriert wie in Großbritannien, und bei der Beerdigung der Königinmutter am 9. April wurde jedenfalls nichts ausgelassen.

Vom Zeitpunkt des Todes der 101-jährigen am 30. März bis zur Abschlusszeremonie scheute man keinerlei Mühen und Kosten. Zehntausende säumten die Straßen Londons während des Trauerzugs, an der neben 35 Mitgliedern der britischen Königsfamilie die gekrönten Häupter Spaniens, Schwedens, Norwegens, Dänemarks, Belgiens, der Niederlande, Griechenlands und Rumäniens teilnahmen. Die Reihen der versammelten Würdenträger - unter ihnen auch der UN-Generalsekretär Kofi Annan und die amerikanische First Lady Laura Bush - hörten schweigend zu, als die Liste der offiziellen Titel der Königinmutter verlesen wurde: Lady of the Most Noble Order of the Garter (Hosenbandorden), Lady of the Most Ancient und Most Noble Order of the Thistle (Distelorden), Lady of the Imperial Order of the Crown of India (Herrscherorden der indischen Krone) etc. Es störte auch kaum, dass der größte Teil dieser Namen den Anwesenden unverständlich war. Diese Titel sollten vor allem die imperiale Tradition und Kontinuität hervorheben und so auch Elisabeth Bowes-Lyon ehren - die Mutter Ihrer Most Excellent Majesty Elisabeth der Zweiten von Gottes Gnaden, Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland und ihrer weiteren Länder und Territorien, Oberhaupt des Commonwealth, Wahrerin des Glaubens, Oberhaupt des edelsten Hosenbandordens.

Der Trauerzug war der Höhepunkt eines sorgfältig inszenierten zehntägigen Programms, während dessen die Nation systematisch mit königlicher Grandeur und Militarismus traktiert wurde - mit Kanonen, Kutschen, Bogenschützen, Trompetenspielern, Dudelsäcken, königlichen Leibgardisten und aller Arten archaischer, lächerlicher und im allgemeinen an den Haaren herbeigezogenen Traditionen. Mindestens zweimal wurde der Queen Mums Sarg durch Londons Straßen geschleppt, geschmückt mit der königlichen Flagge mit der diamantengeschmückten Königskrone obendrauf. In einer rührseligen, zwanzig Minuten dauernden Zeremonie standen am Vorabend der Beerdigung die vier Enkel der Königinmutter jeder an einer Ecke des aufgebahrten Sarges in Westminster Hall, während eine lange Schlange von Touristen und royalistischen Schaulustigen daran vorbeizogen.

Diese Zurschaustellung von Reichtum und Pracht hatte etwas offen Abstoßendes. Die britische herrschende Klasse, die vor zwei Jahrzehnten das Ende des Sozialstaates proklamiert hatte, hat ein Land hervorgebracht, in dem tiefste Ungleichheit herrscht. Die Zeremonie fand in der Hauptstadt der viertreichsten Volkswirtschaft der Welt statt, wo Tag für Tag Milliardenbeträge gehandelt werden. Aber im Gegensatz dazu ist die britische Arbeiterklasse eine der ärmsten von Westeuropa - obwohl sie die längsten Arbeitszeiten hat. Über ein Drittel aller Kinder werden hier in Armut geboren. Viele werden von der Schule abgehen, ohne oder mit nur geringen Qualifikationen, um sich bei den über sechs Millionen Erwachsenen einzureihen, die jetzt schon als Analphabeten eingestuft werden. Wie viele Lehrer, Krankenschwestern und andere lebenswichtige Dienstleistungsstellen hätte man für das Geld schaffen können, das hier für ein einziges königliches Ereignis verpulvert wurde?

Das Ende der sogenannten "Schmarotzergesellschaft" betraf die herrschende Elite nicht. Das Versprechen der Labour-Regierung, eine "radikale" Verfassungsreform durchzuführen, hat nur zu kosmetischen Veränderungen geführt und hat das Prinzip der vererbbaren Privilegien intakt gelassen. Nicht ohne Grund fühlte sich der Mirror ermutigt, über Queen Mum zu schreiben: "Ja, sie war reich und privilegiert. Ja, sie besaß Paläste und Diener. Ja, sie führte ein tolles Leben auf unsere Kosten. Aber sie war mehr als das."

Die ausgedehnten und verschwenderischen Begräbnisfeierlichkeiten wurden nicht aufgrund eines öffentlichen Bedarfs veranstaltet. Selbst ergebene Royalisten konnten den Tod der Königinmutter kaum als ein "tragisches" Ereignis hinstellen. Immerhin hatte diese extrem reiche Frau nicht nur fast 102 Jahre lang gelebt, sondern hatte die letzten Jahre ihres Lebens weitgehend frei von schweren Krankheiten und Beschwerden verbracht. Der Totenschein gab als Todesursache "extremes Alter" an. Die ganze Veranstaltung hatte eher den Charakter einer intensiven Marketing- und Public-Relations-Kampagne für die Institution der Monarchie. Die Globalisierung und die damit einhergehenden Prozesse - besonders die scharfe soziale Differenzierung - haben es den herrschenden Kräften nicht gerade erleichtert, das Fortbestehen dieses feudalen Relikts im 21. Jahrhundert zu rechtfertigen. Zur Zeit des Todes von Prinzessin Diana im August 1997 begann sich in der Monarchie ein Gefühl breit zu machen, dass ihre Tage vielleicht tatsächlich gezählt seien.

Angesichts des herannahenden Endes des Jahrhunderts nutzten Teile der Bourgeoisie den Tod der Prinzessin dazu, einen mehr auf Leistung ausgerichteten Staatsaufbau zu fordern. Tony Blair und New Labour wurden von dieser extrem reichen Schicht, die ihre Vermögen in dem spekulativen Boom der achtziger Jahre angehäuft hatte, als ihre politischen Vertreter ausgewählt. Sie sahen seine "Modernisierungspläne" als ein Vehikel, die alte aristokratische Garde des britischen Establishments beiseite zu schieben und ihre eigenen, auf der neu gewonnen wirtschaftliche Potenz beruhenden, politischen Muskeln spielen zu lassen. Sie forderten zumindest eine Reform und Herabstufung der Monarchie, wenn schon nicht den Übergang zu einer Republik. Das traf sich mit einem mächtigen, wenn auch politisch formlosen Gefühl sozialer Unzufriedenheit breiter Schichten der Bevölkerung, die nur noch wenig Sympathie für das House of Windsor empfanden.

Es gab Spekulationen darüber, ob die königliche Familie bei Dianas Begräbnis womöglich ausgebuht werden könnte. Die Sorge vor einer republikanischen Welle, die die Nation unkontrolliert überrollen könnte, war so groß, dass die Königinmutter sich am Tag von Dianas Begräbnis angeblich über die Stimmung der Menge informieren ließ und sich fragte: "Was würde wohl passieren, wenn ich jetzt auch noch den Löffel abgäbe." Eine sichtbar geschockte Königin Elisabeth beteuerte in einer Fernsehansprache, wie sehr der Tod ihrer Schwiegertochter sie mitgenommen habe. Die Blair-Regierung befürchtete, dass alles, was dazu angetan sei, die Monarchie als das oberste Symbol vererbbarer Privilegien zu unterminieren, schließlich das ganze System der Klassenprivilegien in Frage stellen könnte. Die Behauptung, Großbritannien sei eine Leistungsgesellschaft, nur weil Rupert Murdoch ein Selfmademan sei, konnte kaum den Verlust eines so mächtigen Symbols traditioneller gesellschaftlicher Strukturen wettmachen, die sich auf die Ehrerbietung vor dem britischen Staat und seinen angeblich natürlichen Herrschern stützen.

Und so machten sich die herrschenden Kreis, ihre Regierung und die Medien daran, das öffentliche Ansehen der Monarchie wiederherzustellen. Das erwies sich als ein schwieriges Unterfangen. Dieses Jahr begeht die Königin ihr goldenes Thronjubiläum, aber es gab Befürchtungen, dass der Mangel an öffentlichem Interesse an dem Ereignis peinliche Ausmaße annehmen könnte, was ernste politische Folgen hätte. Im Gegensatz zu den Tausenden Straßenfesten zum silbernen Thronjubiläum 1977 meldeten die kommunalen Behörden dieses Mal nur fünf bis zehn. Selbst nach einer Verlängerung der Anmeldefrist blieb die Reaktion halbherzig. Schließlich gab die Queen bekannt, sie werde ihre eigene Party auf dem Palastgelände schmeißen, für die die Leute Eintrittskarten gewinnen konnten - eine Reihe populärer Bands und Musiker sollte eine respektable Zuschauerbeteiligung sicherstellen.

Auch das Begräbnis von Prinzessin Margret, der Schwester der Queen, im letzten Monat war ein non-event. Niemand wusste so recht, wie man öffentliche Sympathie für eine verhätschelte und heruntergekommene Frau erzeugen sollte, die nur für ihre Trinkerei und ihre Parties bekannt war; also wurde die ganze Angelegenheit tief gehängt.

In den Tagen nach dem Tod von Queen Mum zeigten sich die erwarteten Massen nicht auf den Straßen. Die Reporter eilten in Erwartung trauernder Massen in die Londoner Parks, fanden aber meistens nur einen einzelnen Mann mit Hund. Die Zeitungen zeigten lange Absperrgitter für die Lenkung der Schlangen, die der Toten die letzte Ehre erweisen sollten - sie waren nahezu verwaist. Die Menge vor dem Buckingham Palace war, wie berichtet wird, "dünn und bestand hauptsächlich aus Touristen... Kondolenzbücher waren aufgelegt, aber die Schlangen, um sich einzutragen, waren kurz bis nicht existent." BBC wurde wegen Respektlosigkeit angegriffen, weil der Nachrichtensprecher eine lila Krawatte statt einer schwarzen trug, als er den Tod bekannt gab. Ihr wirkliches Verbrechen bestand wohl eher in ihrer Unfähigkeit so zu tun, als ob es mehr als ein mildes Interesse an dem königlichen Tod gäbe.

Medien, Regierung und königliche Familie unternahmen eine konzertierte Kampagne, um die öffentliche Reaktion in Gang zu bringen. Die Windsors bemühten sich sehr, zu beweisen, dass sie aus Dianas Tod gelernt hatten und bereit waren, sich zu "modernisieren" - Prinzessin Anne nahm in Hosen an der Beerdigungsprozession teil; die Blumen der Queen für ihre Mutter waren einfach mit "Lilibet" gezeichnet; Prinz Charles war ständig - und öffentlich - den Tränen nahe, im Gegensatz zu seiner versteinerten Miene in der offiziellen Trauerperiode für Diana, die Frau, die er verabscheut hatte.

Die Verherrlichung dieses Lebens einer "großen alten Dame" wurde zu einem Mittel, Groß britannien zu feiern und seine Tradition und Kontinuität hervorzuheben. Gab es eine bessere Möglichkeit, den Anbruch des "neuen Imperialismus" zu begehen, der kürzlich von der Blair-Regierung verkündet wurde und im Nahen Osten und in Afrika schon in die Tat umgesetzt wird, als eine Demonstration des Prunks und der Zeremonien des alten Empire? Man kann sich Blairs Entzücken bei seiner Rückkehr vom Tete-a-tete mit dem amerikanischen Präsidenten Bush und den Diskussionen über die Bombardierung des Irak vorstellen, als er diese Zurschaustellung imperialistischer Grandeur und nackten Militarismus' auf den Straßen Londons erblicken durfte.

Monarchisten haben die Hoffnung geäußert, dass der Tod der Königinmutter geholfen hat, die Monarchie zu stärken, so wie sie im Leben schon einmal die königliche Familie in ihrer "dunkelsten Stunde" gerettet hatte - ein indirekter Bezug auf 1936, als König Edward zur Abdankung gezwungen wurde, nicht wegen seiner Liebe zu einer geschiedenen amerikanischen Frau, sondern wegen seiner in aller Öffentlichkeit geäußerten Sympathien für die Nazis. Ihr Mann Albert, der Herzog von York, wurde am 12. Mai 1937 als König George VI. gekrönt. Mit der direkten Assoziation zur Herrschaft seines Vaters, George V., sollte die Illusion von Stabilität und Kontinuität vermittelt werden. Nachdem sie die Monarchie schon einmal gerettet hatte, könnte ihr Tod sie noch einmal retten, meinten sie. Mit ein wenig Kosmetik könne der Staus Quo hoffentlich gewahrt werden - und beides, Stabilität und Veränderung, sicherstellen.

In dieser Hinsicht haben sich die britischen Medien mit ihrer Kampagne zufrieden gezeigt. Der Mirror meinte: "Niemals gab es solchen Respekt und solche Zuneigung für die königliche Familie. Die Monarchie gibt Großbritannien Stabilität, eine in einer Ära der Ungewissheit immer wichtigere Qualität. Gestern schauten wir auf Tony Blair und die anderen Politiker und wussten nicht, was die Zukunft ihnen bringen wird. Aber wenn wir auf die kleine Reihe von Sitzen neben dem Sarg schauen, dann können wir sagen, dass die Zukunft der Monarchie für ein Jahrhundert gesichert ist. Elizabeth, Charles und William. Unsere Königin und unsere nächsten beiden Könige."

So viel von einer solch diskreditierten Institution abhängig zu machen - besonders von so problematischen Persönlichkeiten wie Charles und William - verrät politische Desorientierung, ja Verzweiflung. Die Medien und die herrschenden Kreise, denen sie dienen, werden zu ihrem Schaden herausfinden, dass es eine Sache ist, ein Begräbnis zu inszenieren, aber eine ganz andere, eine tragfähige gesellschaftliche und politische Grundlage für ein veraltetes Herrschaftssystem zu schaffen. Letztendlich unterstreichen der ganze Pomp und die Feierlichkeiten, das ganze Gerede darüber, die Monarchie "zu retten", nur, dass ihr genau diese gesellschaftliche und politische Unterstützung fehlt.

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