Die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe des Amoklaufs von Erfurt

23. Mai 2002

Der Massenmord eines 19-jährigen Schülers an Lehrern, Angestellten und Schülern eines Gymnasiums in Erfurt hat das ganze Land nachhaltig in tiefen Schock versetzten.

Haben nicht viele sich bis dahin der Illusion hingegeben, so etwas könne heutzutage nur in Amerika passieren? In einem Land mit extrem scharfen sozialen Spannungen, wo gewaltsame Auseinandersetzungen zum täglichen Leben gehören, so wie man es eben aus den USA berichtet bekommt?

Doch Erfurt liegt in Deutschland, und Deutschland in Europa. Wie in einem Prisma zeigen das grauenhafte Ereignis in einer deutschen Kleinstadt und seine Hintergründe, wie sehr sich das Land im Laufe einiger weniger Jahre verändert hat und mit ihm der ganze Kontinent. Denn die Verhältnisse in Erfurt, in deutschen Schulen und Städten sind europäische Verhältnisse.

Immer breitere Schichten haben mit immer schlechteren sozialen Bedingungen zu kämpfen und keinerlei Einfluss auf die wichtigen Entscheidungen in Staat und Gesellschaft, während ein kleiner Kreis von Reichen ein Leben in Saus und Braus führt - und die Politik bestimmt. Die Generation, die heute zur Schule geht, kann sich hinsichtlich ihrer Zukunft nur einer Tatsache gewiss sein: sie ist im besten Falle ungewiss, meist aber düster.

Waren vor wenigen Jahren in vielen europäischen Ländern sozialdemokratische Parteien in die Regierung gekommen, weil sie versprochen hatten, Armut und Arbeitslosigkeit zu beseitigen und amerikanische Verhältnisse in Europa zu verhindern, so ist heute unübersehbar geworden, dass sie, kaum an der Macht, das Gegenteil betrieben haben. Alle Regierungen bauen systematisch nicht die Massenarbeitslosigkeit ab, sondern ihre soziale Abfederung.

Unter der Oberfläche haben sich daher die politischen Spannungen so sehr verschärft, dass die gewohnten Mechanismen und Institutionen der politischen Herrschaft versagen. Seit dem Ende des Weltkrieges und der faschistischen Diktaturen waren soziale Konflikte im Rahmen des Parlamentarismus, "im Konsens", durch öffentliche Kompromisse oder heimliche Machenschaften in Parlamenten, Vermittlungsausschüssen, Tarifverhandlungen, Runden Tischen reguliert und kontrolliert worden. Expandierende Weltmärkte und Kredite ermöglichten im nationalen Rahmen ihre gesetzliche Absicherung und Finanzierung.

Die Gegensätze zwischen den besitzenden und den arbeitenden Klassen, welche in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Gesellschaft zerrissen hatten, wurden so im Namen eines "Wohlfahrtsstaates" oder "Sozialstaates" nicht beseitigt, aber doch gedämpft. Heute, unter den Bedingungen globaler Produktion und eines globalen Arbeitsmarktes, brechen all diese national geregelten Beziehungen und Mechanismen zusammen. Und mit den Klassengegensätzen kehren auch Rassismus und faschistische Gefahr wieder zurück, zusammen mit allen anderen politischen Problemen, die, in der vorherrschenden Klassengesellschaft wurzelnd, nach 1945 nicht überwunden, sondern nur verdeckt worden sind.

Arbeiter, Auszubildende, Schüler, Studenten sehen sich diesen dramatischen Veränderungen und drückenden Anforderungen eines globalen Marktes als einzelne Individuen ausgesetzt - keine Organisation, keine Partei vertritt ihre Interessen. Vor hundert Jahren existierten in vielen Ländern Europas sozialistische Massenparteien, die einen Ausweg aus sozialer Verelendung, politischer und kultureller Unterdrückung wiesen. Sie traten für eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft als Ganzes ein, so dass die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung auch politisch das Sagen haben sollte, um die sozialen Bedingungen für alle zu verbessern, undemokratische Verhältnisse abzuschaffen und Kriege zu verhindern. Vor allem Jugendliche, die das Leben noch vor sich hatten, setzten damals auf diese Parteien ihre Hoffnung. Doch heute? Organisationen, die diese Ziele einst vertreten hatten, schmücken sich zur Irreführung aller nur noch mit den alten Namen wie "sozialistisch", "kommunistisch", "sozialdemokratisch" - ihre tatsächliche Politik aber dient nur noch den Reichen.

Ist es unter diesen Bedingungen verwunderlich, dass Individuen, die aus diesem oder jenem Grund sich dem wachsenden Druck nicht mehr gewachsen und in einer auswegslosen Situation fühlen, auf eine Art und Weise reagieren, wie man es in Erfurt im Nachhinein rekonstruieren musste - als desorientierte, verstörte und gestörte Individuen? Ihre unmenschlichen Taten können nur als Ergebnis und Widerspiegelung von völlig entmenschlichten sozialen Beziehungen erklärt werden: In den Augen und Gefühlen solcher Individuen sind andere menschliche Wesen mit all ihren eigenen Bestrebungen, Gefühlen und Lebenszielen einfach nur Objekte, die bestenfalls ignoriert, im schlimmsten Fall beseitigt, als unwillkommene Fremde durch die Straßen oder aus dem Land gejagt - oder als Feinde niedergeschossen werden.

Die Reaktion der etablierten Parteien auf den Ausbruch mörderischer Gewalt in Erfurt bestand darin, die ihm zugrundeliegenden gesellschaftlichen Übel und Spannungen totzuschweigen und zu verschärfen, statt Mittel und Wege zu ihrer Überwindung zu suchen. Außer scheinheiligen Trauerbekundungen war das einzige, was von den verantwortlichen Politikern zu hören war, der Ruf nach verschärften Gesetzen, nach verstärkter staatlicher Zensur und polizeilicher Kontrolle darüber, was der einzelne Bürger zuhause mit seinem Computer anstellt oder im Fernsehen anschaut.

Das Menschenbild des Schülers und die daraus folgende Gewalttat, so verkündeten Bischöfe, Minister, Kanzler und Bundespräsidenten mit frommer Miene, seien "ganz außergewöhnlich", "letztlich unerklärlich" und gerade deshalb so erschütternd. Doch diese Sprüche dienten nur dazu, die eigenen Spuren zu verwischen: Die Haltung des Erfurter Gymnasiasten seinen Mitmenschen gegenüber ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel - in den herrschenden Eliten Europas.

Computerspiele, Fernsehfilme und Videos, die grausame Szenen der Gewalt zeigen, das sei es, was Mörder wie die von Erfurt oder Hilversum antrieben, zu ihren Taten inspirierten, so wird allenthalben verbreitet. Doch selbst wenn dies der Fall ist, so bleibt immer noch die Frage warum? Warum rufen diese Gewaltvideos und Gewaltbilder nicht Abscheu und Horror hervor? Diese Frage wird niemals gestellt, weil die Antwort den Finger auf die Wunde legen würde: Militärische Interventionen, Krieg und Gewalt zur "Lösung von Problemen" werden nicht nur in Computerspielen und Videos angeboten, sondern ist wieder die offizielle Politik der Regierungen in ganz Europa, ganz gleich welche Farbe oder Koalition jene aufweisen.

Denn das ist die zweite grundlegende Änderung, die sich in Europa in jüngster Zeit vollzogen hat: wie die Politik der Massenverarmung, so hält auch die Politik von Gewalt und Krieg wieder Einzug. Und dies nicht nur bei den alten Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien.

Gut 1.200 Soldaten hat die Berliner Rot-Grüne Koalition in Afghanistan stationiert, das zweitgrößte Truppenkontingent, nur übertroffen von demjenigen Großbritanniens. Wozu? Um diesem zerbombten Kolonialland das Staats- und Regierungswesen aufzuzwingen, das ihm die amerikanische Regierung und deren europäischen Verbündeten verordnet haben. Zur selben Zeit übernimmt die deutsche Marine das Oberkommando über eine koloniale Kriegsflotte am Cap Horn von Afrika, während zuhause der Aufbau einer regulären Interventionstruppe im vollen Gange ist.

Wenn aber das Aussenden von Scharfschützen täglich in den Medien als effektive Politik gepriesen wird, einer Nation Stärke und Respekt in der Welt zu verschaffen und Gegner einzuschüchtern, warum sollte es dann überraschen, dass manche Menschen angesichts der Bedingungen, unter denen sie leben sollen, zu denselben Methoden greifen, um ihr verletztes Ego wieder aufzurichten - zuerst in der virtuellen, dann in der realen Welt?

Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundesinnenminister Otto Schily und Bundesaußenminister Joschka Fischer haben nach Erfurt den Chor angestimmt, dass man Filme und Videos, die Gewaltszenen zeigen, verbieten und aus dem Fernsehen verbannen müsse. Wenn man diese Forderung ernst nimmt, dann müssten als erstes die Filme und Reportagen über ihre eigene Außenpolitik und über die ihrer Freunde und Verbündeten der Zensurschere zum Opfer fallen. Denn sind die kaltblütigen Hinrichtungen, die der Gymnasiast in einer deutschen Kleinstadt vollzog, nicht das tägliche Geschäft der israelischen Soldaten in Dschenin, Nablus oder Ramallah? Werden die virtuellen Schlachten der Computerspiele gegen sogenannten "Terroristen" nicht täglich in der realen Welt von Afghanistan und dem Nahen Osten geschlagen? Und sind ihre Ergebnisse dort - zerstörte Flüchtlingslager, Schulen, Krankenhäuser, Fernsehstationen, verstümmelte Kinder und herumliegende Leichen - nicht täglich in den Nachrichtensendungen zu sehen?

Der jugendliche Mörder von Erfurt war nicht abgebrüht genug, hatte nicht die Kraft, sich selbst mit dem Ergebnis seiner grausamen Tat zu konfrontieren und löschte daher am Ende sein eigenes Leben aus. Doch der Hauptorganisator der Massenmorde an Palästinensern ist weit davon entfernt, moralisch irgendwie erschüttert zu sein. Er erfreut sich stattdessen herzlicher Beziehungen mit der amerikanischen und allen europäischen Regierungen. Seine Bomben- und Hinrichtungsfeldzüge werden von Berlin und der EU als legitime und verständliche Politik eines ehrenwerten Freundes gerechtfertigt.

Was ist dann noch "unerklärlich" und "völlig außergewöhnlich", wenn einen sich erniedrigt fühlenden, verzweifelten Kleinstadt-Gymnasiasten keinerlei menschliche Gefühle und moralische Hemmungen davon abhielten, nicht weniger schreckliche, aber immerhin kleiner dimensionierte Verbrechen durchzuführen? Hätte man ihm die Chance gegeben sein Abitur zu machen, wäre er dann möglicherweise mit seinen Fähigkeiten als Mitglied von zwei Scharfschützenvereinen nicht bald im Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr willkommen gewesen, das gegenwärtig in Afghanistan operiert?

Krieg und Militarismus sind zurückgekehrt nach Deutschland und Europa. Sie sitzen wieder in den Ritzen und Poren der bürgerlichen Gesellschaft wie vor hundert Jahren im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Damals freilich mobilisierten die Sozialisten in der SPD oder die junge KPD die Massen gegen Armut, Unterdrückung und Krieg. Doch heute?

Es ist diese politische Krise der europäischen Arbeiterbewegung, das Fehlen einer fortschrittlichen, revolutionären Orientierung, was sich in der Ausbreitung der Politik von Bomben und Attentaten niederschlägt und in dem abstoßenden Verhalten und Verbrechen einzelner Individuen wie des Mörders von Erfurt.

Es wäre völlig falsch, anzunehmen, diese schwierige politische Lage würde noch lange, möglicherweise Generationen andauern. Ein Blick nach Frankreich genügt, um eines besseren belehrt zu werden. Ähnlich wie in anderen Ländern Europas hat dort die Regierungspolitik der Sozialistischen Partei, der Grünen, der KP dafür gesorgt, dass Le Pen's neofaschistische Partei an politischem Gewicht gewonnen hat. Gleichzeitig aber stimmten drei Millionen Wähler für Parteien und Kandidaten, die von sich behaupten, sie seien eine linke Alternative, sozialistische Revolutionäre. Lassen wir einmal die Tatsache beiseite, dass jene Parteien weit davon entfernt sind, diesem Anspruch gerecht zu werden. Dennoch ist dieses Verhalten an den Wahlurnen ein erstes Anzeichen für einen Umschwung in der politischen Stimmung breiter Bevölkerungsschichten in Europa.

Es ist ein unzweideutiges Indiz dafür, dass sich neue Möglichkeiten eröffnen, diese mit einer sozialistischen Perspektive neu zu orientieren: vom Individualismus der Ellenbogen-Gesellschaft weg in Richtung auf einen gesellschaftlichen Fortschritt für alle Menschen auf der Welt.

Siehe auch:
Jugendlicher Amokläufer tötet 17 Menschen
(29. April 2002)
Leserzuschriften zum Amoklauf in Erfurt
( 4. Mai 2002)

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