Bill Vann antwortet einem Mitglied der International Socialist Organisation

14. Mai 2002

Liebe World Socialist Web Site,

ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich die tägliche Lektüre der Artikel auf eurer Site schätze. Obwohl ich meine, dass auch sonst einiges an nützlichen linken Kommentaren zu finden ist, können es doch nur wenige mit euch aufnehmen. Die Klarheit, Bandbreite und Intelligenz dessen, was auf eurer Site zu lesen ist, stellt einen unwiderlegbaren Beweis dafür dar, dass der Marxismus kein historisches Relikt, sondern eine lebende theoretische Tradition ist, die die Welt erklären und einen Weg zu ihrer Veränderung weisen kann. Ich sende regelmäßig Artikel von eurer Site an Freunde weiter. Daraus ergeben sich immer lebhafte Debatten.

Aber ich habe eine Frage an euch. Ich bin Mitglied der International Socialist Organisation (ISO) in den Vereinigten Staaten.

Obwohl wir noch sehr klein sind, sind wir bei Weitem die größte, jugendlichste und energischste revolutionäre sozialistische Organisation in Nordamerika. Die verschiedenen trotzkistischen Sekten sehen neben uns wirklich traurig aus. Dies zeigte sich am letzten Wochenende in Washington DC, während der pro-palästinensischen Proteste und der Antikriegsdemonstration. Während die ISO einen großen, lauten und geschlossenen Block anführte, der eine konkrete antiimperialistische Politik zum Ausdruck brachte, zankten und meckerten die Sekten an den Rändern. Mein Gefühl ist, dass ihre Unfähigkeit zu wachsen oder gar zu überleben den großen Unzulänglichkeiten in der orthodoxen trotzkistischen Tradition zuzuschreiben ist. Sie halten an Plattitüden über das Wesen des Stalinismus fest, die einfach nicht der Wirklichkeit entsprechen. Man liest ihre Zeitungen (d. h. Militant, Workers Vanguard, Socialist Alternative etc.) und die Verknöcherung ist nicht zu übersehen.

Im Zusammenhang mit sozialen Bewegungen und tatsächlichen Klassenkämpfen sind solche Gruppen eine schwere Last, da sie unaufhörlich und auf ganz mechanische Art und Weise den Kampf für Reformen einer revolutionären Perspektive gegenüberstellen, auf die sie alleine Anspruch erheben. Die Vorstellung, dass der Kampf für Revolution und Reform Teile eines unzertrennlichen Prozesses sind, der den wirklichen Marxismus vom linken Infantilismus trennt, bleibt diesen Sektierern absolut fremd.

Eure Gruppe scheint dem Schicksal der "orthodoxe Trotzkisten"-Sekten komplett entkommen zu sein. Ihr erstellt täglich eine marxistische Analyse von hoher Qualität. Allerdings scheint ihr an einer Menge von grundlegenden Ideen festzuhalten, die sich von ihren nicht unterscheiden. Ich kann nur eine Abweichung sehen, nämlich, dass ihr eine sehr unterschiedliche Analyse zu den Gewerkschaften und zur Globalisierung habt.

Es kommt mir vor, als müsste eine Gruppe, die eine hochwertige marxistische Analyse liefert, wie ihr es tut, gerne mit der aktivsten sozialistischen Organisation in der revolutionären Linken der Vereinigten Staaten zusammenarbeiten wollen. Statt dessen aber scheint ihr die ISO als eine "Protestgruppe der Mittelklasse" zu verachten. Mir scheint dies wirklich kein seriöser Ansatz zu sein, besonders angesichts der Schärfe und Exaktheit, mit der ihr die Weltereignisse analysiert.

Vielleicht liege ich falsch; vielleicht habt ihr Kritiken oder Analysen zu der IS-Tendenz geschrieben. Ich frage mich, was ihr von Duncan Hallas‘ Schriften zum orthodoxen Trotzkismus oder von Tony Cliffs Theorie vom Staatskapitalismus haltet.

Noch einmal, mir gefällt eure Site außerordentlich und ich werde sie weiterhin besuchen, um einige der besten politischen Analysen im gesamten Web zu erhalten.

Es interessiert mich auch, was ihr über meine Organisation und ihre Politik zu sagen habt (d. h. etwas, das über "Es ist eine radikale Protestgruppe der Mittelklasse" hinausgeht).

Alles Gute,

Aaron

Lieber Aaron,

Danke für deinen Brief. Wir freuen uns zu hören, dass du die World Socialist Web Site für eine Quelle des Marxismus hältst, der "die Welt erklären und einen Weg zu ihrer Veränderung weisen kann".

Andere Punkte in deinem Brief lassen mich allerdings daran zweifeln, dass du das politische Programm, das der WSWS zugrunde liegt, völlig verstanden hast. Dazu einige Anmerkungen.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationalen (IKVI) schließt nicht a priori politische Diskussionen mit einer wirklich sozialistischen Tendenz aus. Wenn wir uns auf die International Socialist Organisation als "Protestgruppe der Mittelklasse" beziehen, so ist dies kein politisches Schimpfwort, sondern eine Charakterisierung ihrer Herangehensweise an politische und programmatische Fragen.

Du beschreibst die ISO als die "jugendlichste und energischste" Organisation und verweist auf ihren "großen, lauten und geschlossenen Block" bei der Demonstration am 20. April in Washington. Um es offen zu sagen, dies spielt überhaupt keine Rolle, wenn man die Politik einer Organisation beurteilen will. Wenn, wie du sagst, die Gruppe aus vielen Jugendlichen besteht, so deutet dies eher darauf hin, dass viele ihrer Mitglieder über wenig Erfahrung und nur ein rudimentäres Verständnis der Geschichte der sozialistischen Bewegung verfügen.

Es finden derzeit alle möglichen Demonstrationen statt, und zweifellos wird es in der Zukunft noch größere geben. Es ist allerdings schwer, in ihnen auch nur eine Spur von programmatischer Klarheit zu finden.

Junge Menschen werden von den Bedingungen des Kriegs und der Unterdrückung radikalisiert, doch sie sind, was nicht ihre eigene Schuld ist, von der Geschichte und den Traditionen des Marxismus abgeschnitten. Für die meisten ist die Sowjetunion ein Ding der Vergangenheit, über das sie nur vage Kenntnisse haben. Die weitreichenden Auswirkungen der Oktoberrevolution auf den Verlauf des 20. und die Gestaltung des 21. Jahrhunderts bleiben ihnen verschlossen.

Deine Charakterisierung anderer Tendenzen als "Sekten", die "neben uns wirklich traurig aussehen" oder "an den Rändern zanken und meckern", ist nicht unsere Herangehensweise. Du kritisierst vielleicht Organisationen, mit denen wir selbst starke Differenzen haben, aber unsere Kritik gründet sich auf ihre politischen Konzeptionen, nicht auf ihre Größe oder ihr äußeres Erscheinungsbild. Dass du solch eine Sprache benutzt, ist - unabhängig von deinen Absichten - Ausdruck einer Unterschätzung, wenn nicht gar einer gewissen Verachtung theoretischer Fragen.

Du kontrastierst die ISO mit diesen anderen radikalen Gruppen und erhebst als schwersten Vorwurf, dass letztere unfähig seien zu wachsen. Aber Wachstum an und für sich beweist kaum etwas. Wie die Demonstration vom 20. April gezeigt hat, können in der derzeitigen politischen Situation alle möglichen Organisationen wachsen, auch die islamischen Fundamentalisten.

Mit deiner Charakterisierung dieser anderen Organisationen als "orthodoxe Trotzkisten" liegst du schließlich völlig daneben. Dieser Begriff hat eine ganz bestimmte politische Bedeutung in der Geschichte der Vierten Internationalen, die nichts mit Dogmatismus oder dem sterilen Nachbeten von Formeln zu tun hat.

Wir sind orthodoxe Trotzkisten, d. h. Marxisten. Das bedeutet, dass wir uns auf die grundlegenden Lehren der internationalen sozialistischen Bewegung stützen, die aus den strategischen historischen Erfahrungen der internationalen Arbeiterklasse abgeleitet wurden.

Eben die Organisationen, auf die du dich beziehst, wiesen den orthodoxen Trotzkismus zurück und passten sich nach Art eines Chamäleons allem an, was sie als eine Massenbewegung wahrnahmen, beginnend mit dem Stalinismus und dem bürgerlichen Nationalismus. Und zumindest eine Zeit lang wuchsen sie auch auf dieser Grundlage.

Die orthodoxen Trotzkisten sind diejenigen, die die Prinzipien verteidigt haben, mit denen die Vierte Internationale gegründet wurde und die 1953 von James P. Cannon in seinem "Offenen Brief" zusammengefasst wurden. Sie bestanden darauf, dass die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse und ihre internationale Vereinigung unbedingt notwendig ist, und wandten sich damit gegen die revisionistische Tendenz innerhalb der Vierten Internationale, die von Michel Pablo und Ernest Mandel angeführt wurde und die versuchte, die Arbeiterbewegung der Moskauer Bürokratie oder den bürgerlichen Führern im antikolonialen Kampf unterzuordnen. Im Ergebnis trugen die pablistischen Organisationen entscheidend zum Verrat an der Welle revolutionärer Kämpfe bei, die in den 1960-er und 1970-er Jahren auf der ganzen Welt ausbrachen.

Sicherlich sind Militant, Workers Vanguard etc. verknöchert, aber nicht aus den Gründen, die du dir offenbar vorstellst. Dies sind Organisationen, die sich über Jahrzehnte hinweg vor Leuten wie den Moskauer Stalinisten, Fidel Castro oder den schwarzen Nationalisten in den Staub geworfen und die Behauptung aufrechterhalten haben, dass diese die "wirkliche" Bewegung darstellten. Da alle diese Richtungen mittlerweile noch nicht einmal mehr vorgeben, in Opposition zum Imperialismus zu stehen, sind jene Gruppen, die den orthodoxen Trotzkismus zurückgewiesen haben, in zunehmenden Maße orientierungslos und irrelevant geworden.

Ich möchte an dieser Stelle nicht die ausführliche Kritik rekapitulieren, die das IKVI zu Tony Cliffs Theorien vom Staatskapitalismus erstellt hat. Diese Theorien entstanden jedoch unter dem Einfluss des gleichen Drucks vonseiten des Stalinismus und Imperialismus, der auf der trotzkistischen Bewegung lastete und dort den pablistischen Revisionismus hervorbrachte.

Während die Pablisten der stalinistischen Bürokratie eine revolutionäre Rolle zuschrieben und voraussagten, dass sie "über Jahrhunderte deformierte Arbeiterstaaten" errichten würde, nahmen die Staatskapitalisten die scheinbar entgegengesetzte Position ein und ernannten die Sowjetunion zu einer neuen Form der Klassengesellschaft und die Bürokratie zu einer neuen herrschenden Klasse.

Diese Einschätzungen - die beide einen Bruch mit dem orthodoxen Trotzkismus darstellen - hatten etwas gemeinsam. Sie beide schrieben der Bürokratie eine historisch notwendige Rolle zu und stellten die Fähigkeit der Arbeiterklasse in Frage, durch eine sozialistische Revolution ihren eigenen Staat und neue Eigentumsverhältnisse zu schaffen.

Das IKVI verteidigte Trotzkis Analyse - dass die Bürokratie ein Instrument des Weltimperialismus innerhalb des ersten Arbeiterstaates darstellte - sowohl gegen diejenigen, die der Bürokratie eine progressive Rolle zuschrieben, als auch gegen jene, die sie zur neuen herrschenden Klasse ausriefen. Das IKVI kämpfte für das Programm der politischen Revolution - den Sturz der Bürokratie durch die Arbeiterklasse und die Wiederherstellung der Sowjetdemokratie - als integralen Bestandteil der Strategie der sozialistischen Weltrevolution.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 bedeutete eine vernichtende Widerlegung aller staatskapitalistischen Theorien und ihrer zentralen These, dass die Bürokratie zur neuen herrschenden Klasse geworden sei oder neue, einzigartige Eigentumsverhältnisse geschaffen habe. Um den Kapitalismus in der UdSSR wiederherzustellen, mussten die staatlichen Eigentumsverhältnisse, die nach der Oktoberrevolution eingeführt worden waren, bis auf den letzten Rest zerstört werden.

Anders als jede herrschende Klasse in der Geschichte verteidigten die tonangebenden Teile der Moskauer Bürokratie nicht die Eigentumsverhältnisse, die in der UdSSR existierten. Sie spielten vielmehr die wichtigste Rolle bei ihrer Demontage, und ein Großteil der herrschenden Elite der Kommunistischen Partei verwandelte sich in Geschäftsmänner. Das Wesen dieser Verwandlung machte deutlich, dass die Herrschaft der Bürokratie nicht auf neuen Formen des Eigentums beruhte, die sie als herrschende Klasse eingeführt hätte. Vielmehr stellte sie eine parasitäre Schicht dar, die ihre Privilegien aus dem Missbrauch ihrer Macht in der Staatsverwaltung und der staatlichen Wirtschaft bezog.

In deinem Brief kritisierst du die anderen radikalen Organisationen, weil sie die Beziehung zwischen Reform und Revolution nicht verstehen würden, aber die Art und Weise, wie du diese äußerst wichtige Frage aufbringst, ebnet den Weg für krassen Opportunismus. Rechte Sozialdemokraten haben lange argumentiert, dass Reform und Revolution nur zwei Seiten eines "unzertrennlichen Prozesses" seien. Ich möchte dich dringend bitten, dir zwei Vorlesungen von David North anzusehen, die du auf unserer Site finden kannst. Sie bieten eine ernsthafte Analyse dieser Fragen.

Reform und Revolution im Zeitalter des Imperialismus
[http://www.wsws.org/de/sydney/bernste.htm]

Marxismus und Gewerkschaften
[http://www.wsws.org/de/sydney/gewerk.htm]

Du scheinst dir völlig im Unklaren darüber zu sein, was uns von den verschiedenen revisionistischen Organisationen trennt, die du anführst, und sagst: "Ich kann nur eine Abweichung sehen, nämlich, dass ihr eine sehr unterschiedliche Analyse zu den Gewerkschaften und zur Globalisierung habt."

Nur? Du weist hier immerhin auf zwei der wichtigsten Fragen hin, mit denen die Arbeiterklasse international konfrontiert ist. Die beispiellose weltweite Integration der kapitalistischen Produktion, der Distribution und des Austausches macht es objektiv erforderlich, den Klassenkampf im internationalen Rahmen und auf der Basis einer internationalen Strategie zu organisieren. Dies wiederum erfordert den Aufbau einer neuen internationalen revolutionären Führung. Das ist die wesentliche Perspektive, die der politischen Arbeit des IKVI und der Entwicklung der WSWS zugrunde liegt.

Die revisionistischen Organisationen weisen diese Perspektive zurück. Sie hängen sich an den todgeweihten Gewerkschaftsapparat und eine reformistische Strategie auf nationalstaatlicher Basis, die durch die neuen Formen der internationalen Wirtschaftsorganisation zum Scheitern verurteilt sind.

Abschließend möchte ich dich dringend bitten, diesen programmatischen Fragen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und weder deine eigene noch andere Organisationen anhand von weniger wesentlichen Kriterien zu beurteilen.

Mit freundlichen Grüßen

Bill Vann, im Namen der WSWS-Redaktion

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