Ein Briefwechsel über Marx und die Frage des Antisemitismus

24. Mai 2002

Hallo WSWS

Seit beinahe einem Jahr zähle ich mich zu Ihren jungen Lesern. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich Ihre Website wohl immer für eine gute Informationsquelle halten werde; so viel steht eigentlich fest. Im Verlauf dieses Jahres habe ich mich bemüht, so viel marxistische Literatur wie möglich zu lesen, besonders von Trotzki. Vor kurzem geriet ich allerdings an Karl Marx' "Zur Judenfrage" und war bestürzt über das Gelesene.

"Welches ist der weltliche Kultus des Juden?" fragt Marx. "Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.... Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz... Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden. Sein Gott ist nur der illusorische Wechsel." (Marx: Zur Judenfrage, MEW Bd. 1, S. 372, 375) [http://www.vho.org/GB/Journals/JHR/5/1/Whisker69-76.html]

Womöglich ist diese Quelle reaktionär, ich weiß es nicht genau. Aber ist das für fortschrittliche Menschen nicht trotzdem ein großes Problem? Meiner Ansicht kann Marx' eigene Abstammung aus einer rabbinischen Familie solche Ansichten nicht entschuldigen. Und auch die Annahme, dass er sich nur gegen die jüdische Religion (und nicht gegen die ganze Bevölkerung) wandte, erweist sich bei näherem Hinsehen als falsch. Soweit ich informiert bin, belegte er auch seinen Rivalen Lassalle mit antisemitischen Schimpfworten.

Es ist mir natürlich klar, dass diese Dinge, objektiv betrachtet, für die Wirtschaftstheorien etc. von Marx ohne Bedeutung sind. Die Aussage, dass der Himmel blau ist, wird nicht falsch, wenn sie von Hitler kommt. Trotzdem muss man sagen, dass ein dunkler Schatten auf die gesamte marxistische Bewegung fällt, wenn ihr "Altmeister" derart reaktionäre Überzeugungen vertrat.

Außerdem verweisen Sie in Ihrer Kritik an Martin Heideggers Mitgliedschaft in der NSDAP ja selbst auf die "Abhängigkeit" der Theorie von eher abstrakten gesellschaftspolitischen Ansichten. Ich bin sicherlich kein Experte auf dem Gebiet der deutschen Philosophie, aber welche Haltung beziehen Sie beim WSWS zu dieser Frage und zu Marx' oben erwähntem Antisemitismus?

Mit freundlichem Gruß

IP

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Sehr geehrter Herr P

Ich möchte Ihren Brief so knapp wie möglich beantworten. Der Versuch, Marx als Antisemiten zu beschimpfen, ist nicht gerade neu; und üblicherweise wird dabei sein sehr wichtiger Essay "Zur Judenfrage" als glaubhafter Beweis für diesen Vorwurf zitiert. Da sich nur wenige Menschen die Mühe machen, den gesamten Essay gründlich zu lesen, ganz zu schweigen davon, sich über den historischen und politischen Hintergrund seiner Entstehung zu informieren, kann "Zur Judenfrage" leicht falsch dargestellt werden.

Als Wichtigstes muss man festhalten, dass Marx' Essay in erster Linie ein Aufruf zur vollständigen politischen Emanzipation der Juden ist. Er entstand 1843 als Polemik gegen Bruno Bauer, der zwei Gründe gegen diese Emanzipation ins Feld führte: Erstens, dass die jüdische Emanzipation erst dann möglich sei, wenn sich alle Deutschen völlig von der Religion emanzipiert hätten; und zweitens, dass die Juden wegen ihrer heimtückischen Religion weder frei sein könnten noch die Freiheit verdienten.

Marx wies diese Argumente aus historischen, politischen und sozioökonomischen Erwägungen zurück. Abgesehen von dem progressiven und vollauf demokratischen Charakter seiner Argumentation besteht die große Bedeutung von Marx' Analyse darin, dass er die jüdische Frage im Rahmen der sozioökonomischen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft als Ganzer betrachtet. Zwar stürzen sich die Anti-Marxisten auf diejenigen Absätze in Marx' Werken, in denen der jüdische Glaube mit den vulgären Aspekten des Geschäftslebens gleichgesetzt wird, Tatsache ist jedoch, dass Marx von einem bekannten historisch bedingten Phänomen sprach.

Natürlich enthielt die allgemeine Identifikation der Juden mit Handel und Gefeilsche viel Klischeehaftes. Hinter diesem Klischee, das nicht von Marx erfunden wurde, steckte allerdings die objektive sozioökonomische Rolle, die den Juden unter Bedingungen des aufsteigenden Kapitalismus von der christlichen Gesellschaft aufgezwungen wurde. Jedenfalls erklärte Marx sehr sorgfältig, dass die Formen der ökonomischen Tätigkeit, die im Mittelalter mit den Juden in Verbindung gebracht wurden, mit der Entstehung und dem Heranreifen kapitalistischer Verhältnisse im christlichen Europa längst Allgemeingültigkeit erlangt hatten.

In diesem Sinne war die objektive, wenn auch nicht die theologische Grundlage für den Gegensatz zwischen Christen und Juden entfallen. Der Essay kommt also zu der Schlussfolgerung, dass die soziale Emanzipation der Christen wie der Juden ihre gemeinsame Befreiung vom Kapitalismus voraussetzt.

Es verstößt zwar gegen das heutige Empfinden, wenn der jüdische Glaube metaphorisch mit dem Kapitalismus in Verbindung gebracht wird, doch die intellektuelle Aufrichtigkeit gebietet es, Marx im Zusammenhang zu lesen. Wer diesen Essay benutzt, um seine reaktionäre, anti-marxistische und anti-sozialistische Politik zu verbreiten, dem fehlt diese Aufrichtigkeit.

Die Quelle, der Sie Ihre verdrehte Einschätzung von Marx' Essay entnommen haben, ist ein Beispiel für diese Haltung. Sie zitieren aus einem Artikel mit dem Titel: "Karl Marx: Antisemit" von James B. Whisker. Ich möchte meine Zeit nicht damit vergeuden, seine Lügen zu widerlegen, denn man kann den Wert seiner Argumente einfach schon daran ablesen, dass Whiskers Artikel auf der Website des Journal of Historical Review erschien.

Falls Sie sich nicht die Zeit genommen haben, sich den Inhalt dieses "Journal" anzusehen, möchte ich Sie darauf hinweisen, dass es sich um ein Organ von Bewunderern Hitlers handelt, die den Holocaust leugnen. Sie finden auf seiner Website Artikel wie etwa "Der ‚Holocaust' ins richtige Verhältnis gerückt" von einem gewissen Austin J. App. Er schreibt: "Diejenigen, die mit großen Zahlen um sich werfen, wie sechs Millionen Vergasungsopfer, vier Millionen in Auschwitz, zwei Millionen durch mobile Kommandos in Russland, sollen erst einmal die Beweise vorlegen - die Gräber, die Knochen, die Asche... Es bleibt anscheinend uns Revisionisten überlassen, nachzuweisen, dass die Zahl von sechs Millionen eine gänzlich unbelegte, dreiste Lüge ist."

Meiner Ansicht sollten Sie Ihre Interpretation von Marx' Schriften nicht von diesen Leuten beziehen.

Mit freundlichem Gruß

David North

Redaktion WSWS

Siehe auch:
Karl Marx. Zur Judenfrage
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - September/Oktober 2002 enthalten.)

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