Osttimors "Unabhängigkeit": Illusion und Realität

Von Mike Head und Linda Tenenbaum
29. Mai 2002

Am 20. Mai, direkt nach Mitternacht, wurde die winzige Enklave Osttimor als erstes Land im 21. Jahrhundert für unabhängig erklärt. Bei den offiziellen Feierlichkeiten in der Hauptstadt Dili übergab UN-Generalsekretär Kofi Annan die Macht an den gewählten Präsidenten Xanana Gusmao und erklärte die 800.000 Bewohner des Territoriums für befreit.

Die Regierung Osttimors gab auf ihrer Website zum "Unabhängigkeitstag" bekannt: "Timor Leste wird die erste Nation des neuen Jahrtausends und die jüngste Demokratie der Welt sein. Nach 500 Jahren des Kolonialismus und 25 Jahren des bewaffneten Kampfes halten die Timoresen endlich die Freiheit in den Händen, für die sie so lange und hart gekämpft haben."

Der vollkommen illusorische Charakter dieser Behauptungen zeigte sich bereits trefflich an den Feierlichkeiten selbst. Allein um die Feier ausrichten zu können, mussten die Organisatoren Unternehmen als Geldgeber finden. "Sponsoren, die dies wünschen, können eine bestimmte Veranstaltung im Rahmen der Feierlichkeiten finanzieren. Andere bevorzugen es vielleicht, einfach eine bestimmte Summe zur Verfügung zu stellen," heißt es auf der offiziellen Website. Je nach Höhe der gespendeten Summe erhalten die Geldgeber Namensrechte an den Veranstaltungen, auch am großen Kulturfestival.

Den Sponsoren wird auch dadurch gedankt, dass ihr Name und Firmenlogo im Fernsehen und Radio, auf Transparenten in den Straßen, auf T-Shirts und allen Souvenirs zum Unabhängigkeitstag genannt wird. Selbst die Gedenktafel für die "Helden des Widerstands" im geplanten Park des Nationalen Erbes wird die Namen der Sponsoren aufführen. Kleinere Firmen und Privatpersonen werden zu Spenden aufgefordert. "Ja, wir brauchen die Großkonzerne," fleht die Website, aber "wir haben die Schirmherrschaften so gestaltet, dass jeder daran teilhaben kann."

Die größten Geldgeber sind die Öl- und Gaskonzerne, die sich Profite in Milliardenhöhe aus den gewaltigen Vorkommen in der Timorsee versprechen, die zwischen Timor und Australien liegt: Phillips Petroleum, Shell, Osaka Gas und Woodside Energy. Es zeigt sich somit, dass die "Unabhängigkeit" von der Freigebigkeit der Ölkonglomerate abhängt.

Obwohl die Vereinten Nationen (UN) zuvor von der Teilnahme von 80 Ländern sprachen, haben schließlich nur vier Staatsoberhäupter ihre Teilnahme zugesagt. Die vier repräsentieren die Nationen mit den unmittelbarsten ökonomischen und strategischen Interessen in Osttimor. Portugal, der langjährige Kolonialherr, entsandte sowohl den Präsidenten als auch den Premierminister. Nach den Feierlichkeiten wandte sich die portugiesischen Delegation den wirklichen Geschäften zu und lud zum Gipfeltreffen der Portugiesisch-sprachigen Nationen (CPLP), einem Zusammenschluss ehemaliger Kolonien, um die eigene kommerzielle und diplomatische Präsenz zu stärken.

Australien, Portugals größter Konkurrent in Osttimor und die regionale Großmacht, schickte Premierminister John Howard. Erst eine Woche vor der Zeremonie hatte die Howard-Regierung den gewählten Premierminister von Osttimor Mari Alkatiri in einem VIP-Jet nach Canberra geflogen. Dort traf sich Alkatiri mit Schatzmeister Peter Costello, Außenminister Alexander Downer und Verteidigungsminister Robert Hill, die ihn mit ihrer Übermacht dazu drängen wollten einen Vertrag zu unterschreiben, mit dem die winzige Nation den größten Teil der Greater Sunrise Fields, eines der größten nachgewiesenen Öl- und Gasvorkommen in der Timorsee, an Australien abgetreten hätte. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keine völlige Übereinstimmung erreicht werden konnte, bestand die australische Regierung darauf, dass zumindest irgendeine Art von Vertrag am 20. Mai unterschrieben werden sollte - als erster "unabhängiger" Akt der neuen Nation.

Neuseeland, das bei der militärischen Besatzung Osttimors unter australischer Führung Ende 1999 eine Schlüsselrolle spielte und bedeutende finanzielle Interessen hegt, entsandte Premierministerin Helen Clarke. Der Ehrengast aber war die indonesische Präsidentin Megawati Sukarnoputri. Zwei Wochen zuvor war Gusmao nach Jakarta geflogen, um Megawati zur Teilnahme zu bewegen. Angesichts der scharfen Opposition bedeutender Schichten im militärischen Establishment Indonesiens, die den indonesischen Anspruch auf das Territorium nicht zurücknehmen wollen, gab sie ihre Entscheidung zu fahren erst in letzter Minute bekannt. Megawati blieb nur für vier Stunden, bestand aber darauf, dass sie von ihrem persönlichen Militärschutz begleitet wird und ein Schiff der indonesischen Marine im Hafen von Dili vor Anker geht. Zwei Tage vor dem Unabhängigkeitstag sandte Indonesien der künftigen Regierung von Osttimor eine deutliche Warnung in Form von fünf Kriegsschiffen, die am Horizont und in Sichtweite vom Schauplatz der Unabhängigkeitserklärung vorbeifuhren.

Die Vereinigten Staaten, neben Australien die Hauptförderer der indonesischen Invasion in Osttimor 1975 und des indonesischen Militärs unter dem ehemaligen Diktator Suharto, sandten ihren ehemaligen Präsidenten Bill Clinton.

Die gesamte Veranstaltung verwies auf die Verhältnisse, die die Existenz des winzigen Kleinstaats prägen werden: Unterwürfigkeit gegenüber den verschiedenen regionalen und globalen Mächten, den großen Ölkonzernen und den internationalen Finanzinstitutionen - der Weltbank und dem Internationalen Währungsfond (IWF). Osttimor beginnt sein Leben als ärmste Nation Asiens und eine der ärmsten der Welt und ist nicht in der Lage, selbst die elementarste Infrastruktur, die grundlegendsten sozialen Leistungen und staatlichen Einrichtungen bereitzustellen, ohne ständig um ausländische Hilfe und Kredite zu bitten. Der erste Staatshaushalt im Umfang von 100 Millionen Dollar, der in keiner Weise geeignet ist, die wichtigsten Bedürfnisse im Bereich von medizinischer Versorgung, Bildung und Wohnungsbau zu decken, wird nur zu einem Drittel aus eigenen Einnahmen bestritten.

Nur in dem Maße, in dem die Regierung Osttimors die Gunst ihrer Geldgeber unter den Konzernen und Institutionen wahren kann, wird sie in der Lage sein, überhaupt zu funktionieren. Am 12. März beispielsweise informierte der UN-Verwaltungschef Sergio Veira de Mello den Ministerrat von Osttimor, dass die Vereinten Nationen nach dem 20. Mai nicht länger für die Unterstützung von Justiz und Parlament, Internetzugänge, Telekommunikation, Fotokopien und Wartung von Fahrzeugen aufkommen würden. Internationale Übersetzer werden ihre Dienste im Bereich der Simultanübersetzung in der verfassungsgebenden Versammlung einstellen, Fernseh- und Radiostationen werden geschlossen, wenn nicht andere Geldquellen zu ihrer Finanzierung gefunden werden.

Mehr als zweieinhalb Jahre sind vergangen, seitdem die Bevölkerung von Osttimor am 30. August 1999 mit großer Mehrheit, der Gewalt und den Einschüchterungsversuchen der indonesischen Militär- und Milizkommandeure trotzend, für eine Abspaltung von Indonesien stimmte. Direkt nach der Wahl wurden durch das darauffolgende Wüten der Milizen Tausende normaler Bewohner getötet, Hunderttausende ins indonesische Westtimor vertrieben und ein Großteil der Infrastruktur des Gebietes zerstört, darunter Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser und andere öffentliche und staatliche Gebäude.

Die Regierungen, die bei den Feierlichkeiten in Dili geehrt wurden, waren letztendlich für die Tragödie verantwortlich. Über Jahrzehnte hinweg hatten sie die Bevölkerung Osttimors als Schachfigur bei ihren wirtschaftlichen und strategischen Manövern benutzt. Und nun ist der neue, verarmte Kleinstaat - der weit davon entfernt ist, das Ergebnis einer unabhängigen Mobilisierung der Massen gegen imperialistische Unterdrückung und Intrige zu sein - in seiner Existenz vollkommen abhängig von eben diesen imperialistischen Mächten.

Eine Geschichte der imperialistischen Unterdrückung

Bis 1974, als die faschistische Diktatur von Salazar-Caetano in Lissabon gestürzt wurde, genoss Portugal die unangefochtene koloniale Autorität über Osttimor, eine der rückständigsten Regionen der Welt. Nach ihrer vernichtenden Niederlage in Vietnam 1975 fürchteten die Vereinigten Staaten und Australien, dass die junge Unabhängigkeitsbewegung in Osttimor, die von der Fretilin angeführt wurde, den gesamten indonesischen Archipel destabilisieren könnte. Die Junta von Suharto wurde zu ihrem Einfall auf der Halbinsel im Dezember 1975 aktiv ermuntert. Für die kommenden zwei Jahrzehnte unterstützten die verschiedenen australischen und amerikanischen Regierungen ohne zu schwanken die blutige Unterdrückung des timoresischen Widerstandes durch Indonesien, der etwa 200.000 Menschen zum Opfer fielen.

Suhartos Regime, das selbst durch einen von den Vereinigten Staaten und Australien unterstützten Putsch gegen die Masse der indonesischen Bevölkerung in den Jahren 1965/66 an die Macht gelangt war, in dessen Verlauf bis zu einer Million Arbeiter und Bauern getötet wurden, wurde vom Westen als Bollwerk zur Wahrung der eigenen strategischen und wirtschaftlichen Interessen in Südostasien betrachtet.

Als sich 1978 bestätigte, dass die Timorsee beachtlich Öl- und Gasvorkommen aufweist, war Australien die erste Regierung in der Welt, die die indonesische Annexion von Osttimor formal anerkannte. Im Gegenzug trat Indonesien in Verhandlungen mit Australien über die Eigentumsrechte und Kontrolle der Vorkommen in der Timorsee. Die Gespräche gipfelten 1989 in der Unterzeichnung eines Abkommens über den Timorgraben in einem VIP-Jet der australischen Luftwaffe, was von der australischen Labor-Regierung unter Hawke mit Champagner gefeiert wurde. Das Abkommen sprach Australien den Löwenanteil an den unterseeischen Energievorkommen zu.

Doch die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen begannen Canberras Kalkulationen zu unterhöhlen. Die Entdeckung größerer Öl- und Gasvorkommen ließ Portugals Interesse an der ehemaligen Kolonie wiederaufleben. Da die Vereinten Nationen weiterhin die portugiesische Souveränität über Osttimor anerkannten, ging Lissabon vor dem Weltgerichtshof gegen das indonesisch-australische Abkommen vor. 1995 erklärten die Richter, dass Portugal nach der UN-Charta einen berechtigten Anspruch habe; dennoch ging der Gerichtshof nicht soweit, ein Urteil zu fällen, da Indonesien seine Gerichtsbarkeit nicht anerkannte.

Mitte der 1990-er Jahre erfuhr Washingtons Haltung gegenüber der indonesischen Regierung eine gewisse Veränderung. Suhartos korruptes und nepotistisches Regime erfüllte zwar noch seine Rolle als regionaler Polizist, war aber auch zu einem Hindernis für die vollständige Öffnung der ressourcenreichen indonesischen Wirtschaft gegenüber dem globalen Kapital geworden. 1997 nutzten die Vereinigten Staaten mit Hilfe der Weltbank und des IWF die ökonomischen Krise in Asien, um die Militärdiktatur zu unterhöhlen. Portugal sah die Möglichkeit, einen Fuß in die Tür zu bekommen, und begann eine diplomatische Offensive. Portugal gewann die Unterstützung der Europäischen Union und erreichte, dass ein UN-Beauftragter für Osttimor ernannt wurde.

Gleichzeitig machten sich die portugiesischen Autoritäten daran, Gusmao, Horta, Alkatiri und den Rest der timoresischen Führung zu umwerben. Im April 1998, als die Proteste gegen Suharto in ganz Indonesien eskalierten, wurde auf einem Kongress bei Lissabon der Nationalrat des Timoresischen Widerstands (CNRT) gegründet. Die CNRT-Führer sahen in den Arbeitern und Studenten Indonesiens, die gegen Suharto auf die Straße gingen, nicht mächtige Verbündete im Kampf gegen die indonesische Unterdrückung. Vielmehr erkannten sie in der Anti-Suharto-Bewegung eine Gelegenheit, um sich bei möglichen Investoren als Hüter einer "sichereren und berechenbareren Umgebung" anzubiedern.

Die CNRT-Perspektive von "Selbstbestimmung" für Osttimor hatte nichts mit einem Kampf gegen den Imperialismus oder einer Verteidigung der Interessen der timoresischen Massen zu tun. Im Gegenteil, sie zielte darauf, die Unterstützung der einen oder anderen kapitalistischen Macht - Portugal oder Australien - zu gewinnen, um einen separaten Staat zu schaffen, in dem die eingeborene Elite als Juniorpartner wirken kann. Zu diesem Zweck versprach die CNRT zwei wesentliche Vorteile zu garantieren: Stabilität, d.h. die Unterdrückung von Unruhe unter der timoresischen Bevölkerung, und Profite, die der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen der Insel, besonders des Öls, entspringen.

Canberra reagierte auf die portugiesische Initiative, indem es seine enge und höchst profitable Beziehung zur indonesischen Regierung weiter stärkte. Ende 1998 schrieb der australische Premierminister Howard an Suhartos bedrängten Nachfolger B.J. Habibie und riet ihm zur Vorgehensweise, den Osttimoresen eine begrenzte Autonomie über einen längeren Zeitraum anzubieten, um auf diesem Wege die indonesische Souveränität zu wahren.

Als zu Beginn des Jahres 1999 seine Regierung finanziell ausgeblutet war und sich anhaltenden Unruhen unter Studenten und Arbeitern ausgesetzt sah, konfrontierte Habibie Osttimor mit einem Ultimatum: Entweder Autonomie innerhalb des indonesischen Staates durch eine Form von "Volksbefragung", die innerhalb weniger Monaten durchgeführt werden sollte, oder ein unmittelbarer Rückzug Indonesiens mit der Konsequenz einer "verbrannten Erde", da das Territorium aller seiner Finanzen, Dienstleistungen und Infrastruktur beraubt würde.

Habibies Vorschlag passte genau zu Portugals Plänen. Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen und ohne jegliche Befragung der timoresischen Bevölkerung handelte Portugal ein Abkommen mit Indonesien aus, nach dem ein Referendum stattfinden sollte, das von der UNO beaufsichtigt würde, aber unter der Kontrolle des indonesischen Militärs stattfinden sollte. Die CNRT-Führer, die sehr wohl wussten, dass die von Indonesien kontrollierten Milizen im Falle einer Entscheidung für die Abtrennung Osttimors Amok laufen würden, widersetzten sich ursprünglich der Idee des Referendums. Aber bald übernahmen sie doch die Linie und kalkulierten dabei, dass ein Gewaltausbruch die UNO und die Westmächte zur Intervention und zwingen und den CNRT an die Macht bringen würde.

Aus den UN-Intrigen ausgeschlossen heckte die australische Regierung Pläne aus, um ihren portugiesischen Rivalen auszuspielen. Obwohl sie ihre seit vielen Jahren gehegte Präferenz für eine indonesische Souveränität über Osttimor beibehielt, begann die Howard-Regierung eine zweite Option auszuarbeiten - eine Invasionstruppe wurde zusammengestellt, die größte militärische Mobilmachung Australiens seit dem Vietnamkrieg, um australische Interessen zu sichern. Durch Geheimdienstinformationen wussten Howard und seine führenden Minister genau über die Pläne des indonesischen Kabinetts und Militärs Bescheid. Die Howard-Regierung kalkulierte, dass jede Gewaltausübung durch Milizen den notwendigen humanitären Vorwand liefern würde, um eine militärische Operation unter australischer Führung zu beginnen.

Als im September 1999 australische Truppen in Dili landeten, angeblich um die Bevölkerung Osttimors zu "beschützen", war das Blutbad bereits vollendet. Aber indem Australien die INTERFET-Truppen der Vereinten Nationen anführte, hatte sich die Howard-Regierung in eine vorteilhafte Situation gebracht, um bei allem, was die UN-Verwaltung aufzubauen beschloss, ein Wort mitreden zu können.

Unterdrückte Opposition

Im Verlauf dieser blutigen Ereignisse sorgten die osttimoresischen Führer dafür, jeden Widerstand der Bevölkerung zu verhindern. Vor und nach dem UN-Referendum stellten sie sich gegen Proteste und Demonstrationen. Gusmao befahl den Kämpfern seiner Falintil-Guerilla, nicht auf die Gewalttaten der indonesischen Milizen zu reagieren, und trug so dazu bei, dass die Morde weitergingen. Am 4. September 1999, fünf Tage nach dem Referendum, bestand die CNRT in einer Erklärung darauf, dass keine Maßnahmen ergriffen werden sollen, "die als Beginn eines Bürgerkriegs aufgefasst werden könnten". Ihre erste Sorge bestand darin, nichts zu tun, was die Unterstützung des Westens beeinträchtigen könnte.

Dies blieb auch ihre Haltung, als die Vereinten Nationen ihre Übergangsverwaltung für Osttimor (UNTAET) einrichteten. Von Beginn an war die timoresische Führung entschlossen, jede wirkliche demokratische Teilhabe zu verhindern.

Ohne jede Wahl oder Befragung der Bevölkerung wurden der UNTAET die Machtbefugnisse eines kolonialen Protektorats übertragen. Mit Unterstützung von Horta und Gusmao verfügte der UN-Administrator Sergio Vieira de Mello über absolute Macht und richtete Ministerien ein, die mit UN-Vertretern und handverlesenen lokalen Politkern besetzt wurden. Gusmao, der eng mit Mello zusammenarbeitete, wurde als künftiger Präsident behandelt, während die Fretilin, die ehemalige Guerilla-Bewegung, praktisch zur Staatspartei wurde.

Unter dem Vorwand, ein Wiederaufleben der Milizen-Aktivitäten verhindern zu wollen, baten die osttimoresischen Führer um eine Verlängerung des UN-Mandats, um die Tausenden UN-Soldaten und -Polizisten im Land zu behalten, mit deren Hilfe sie die Kontrolle ausübten.

Erst im vergangenen August, zwei Jahre nach dem Unabhängigkeitsreferendum, wurden Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung durchgeführt, die unter einer strengen politischen Kontrolle stattfanden. Gusmao bestand darauf, dass alle registrierten Parteien einen Pakt der Nationalen Einheit unterschreiben mussten, der sie zur Zurückhaltung bei der gegenseitigen Kritik, zur Bildung einer Regierung der Nationalen Einheit und zur Unterstützung von Gusmao als kommenden Präsidenten verpflichtete. Was die Medien und die Vereinten Nationen betraf, so war der Sieg der Fretilin bereits beschlossene Sache.

Trotz des enormen Drucks zeigte sich bei den Wahlen eine beachtliche Entfremdung von und Unzufriedenheit mit dem UN-Regime und seinen Kollaborateuren von Seiten der normalen Osttimoresen. Statt des vorausgesagten Erdrutschsieges erhielt die Fretilin nur 57 Prozent der Stimmen.

Unmittelbar darauf machte sich die Fretilin-Regierung daran, für mindestens die nächsten fünf Jahre jede weitere Wahl zu verhindern. Durch Koalition mit anderen Gruppen erreichte die Fretilin eine Zweidrittelmehrheit in der verfassungsgebenden Versammlung, was sie in die Lage versetzte, die Verfassung zu bestimmen. Ihre Führer erklärten, dass es kein Referendum über die Verfassung geben werde, und untergruben damit das Recht der Bevölkerung, sich dafür oder dagegen auszusprechen. Danach kündigte die Fretilin an, dass die verfassungsgebende Versammlung selbst das erste Parlament des Landes stellen werde und somit keine Notwendigkeit bestehe, vor dem Jahre 2007 allgemeine Wahlen abzuhalten.

Die einzige Wahl, die vor dem 20. Mai stattfand - die Wahl des Präsidenten - war eine vollständige Farce. Nicht allein hatten die Vereinten Nationen gemeinsam mit den Medien der Welt Gusmao bereits vor der Wahl zum Sieger erklärt. Zudem wurde noch der alte ehemalige Präsident Xavier do Amaral dazu gebracht als Alibikandidat anzutreten, um dem Ganzen einen demokratischen Anschein zu geben.

Die Verfassung selbst führt verschiedene politische Freiheiten und persönliche Rechte auf. Aber sie stärkt vor allem die Exekutive, indem sie dem Präsidenten weitreichende Machtbefugnisse gibt, um die Regierung zu entlassen, das Parlament aufzulösen, Gesetzesvorhaben per Veto zu verhindern, den Notstand auszurufen und die Streitkräfte zu befehligen. Parlaments- und Präsidentschaftswahlen werden nur einmal in fünf Jahren stattfinden. Es ist kein Referendum notwendig, um die Verfassung zu ändern; sie kann durch Zweidrittelmehrheit im Parlament jederzeit umgeschrieben werden. Die Verfassung bietet auch Garantien für die Interessen der entstehenden kapitalistischen Elite und des ausländischen Kapitals. Sie schützt das Privateigentum an Produktionsmitteln, hält die "freie Initiative und Geschäftsführung" hoch und verpflichtet den Staat "Bedingungen zu schaffen, um ausländische Investitionen anzulocken".

Das UN-Mandat wird nach der Machtübergabe am 20. Mai noch für eine ganze Weile beibehalten, wenngleich in veränderter Form. Bis zu 6.500 Soldaten, Polizeikommandeure, Justizvertreter und Verwaltungskräfte der Vereinten Nationen werden bis Mai 2004 im Land bleiben, und auch dann kann ihre Präsenz auf unbestimmte Dauer verlängert werden. Das Personal der UN-Mission zur Unterstützung Osttimors (UNMISET) wird weiterhin Schlüsselpositionen besetzen, und das neu geschaffene Militär sowie die Polizeikräfte ausbilden und beaufsichtigen. Bezweckt und beabsichtigt ist, Osttimor im Zustand eines semikolonialen Protektorats zu halten.

Armut, Ungleichheit und Unruhen

Die Vereinten Nationen und die osttimoresischen Autoritäten fürchten Unruhe in der Bevölkerung - und das aus gutem Grund. Ein Bericht des UN-Entwicklungsprogramms, der am 13. Mai veröffentlicht wurde, zeigt, dass das jährliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Osttimor nur 478 Dollar beträgt. Das Land zählt somit zu den 20 ärmsten Ländern der Welt und befindet sich etwa auf dem Niveau von Ruanda und Angola. Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, was bedeutet, dass ihnen weniger als 55 Cent pro Tag zur Verfügung stehen. Mehr als die Hälfte der Menschen in Osttimor sind Analphabeten und mehr als 50 Prozent der Kinder haben Untergewicht.

Andere Berichte weisen darauf hin, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei nur 56 Jahren liegt, Unterernährung endemisch ist und Krankheiten wie Malaria, Denguefieber und Tuberkulose weit verbreitet sind. Doppelt so viele Frauen sterben in Osttimor bei der Geburt als irgendwo sonst in Südostasien oder im Westpazifik. Weniger als ein Viertel aller Frauen in Osttimor hat Zugang zu medizinischen Einrichtungen oder ausgebildeten Hebammen. Das Land verfügt über keine erwähnenswerte Industrie. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, die meisten von ihnen betreiben Subsistenzwirtschaft, d.h. sie produzieren gerade genug, um sich selbst zu ernähren. In den Städten sind Obdachlosigkeit und Arbeitslosigkeit weit verbreitet und werden sich noch weiter ausbreiten, wenn die durch die UN-Präsenz künstlich aufgeblähte Wirtschaft heruntergeschraubt wird.

Ein kürzlich erschienener Bericht von Lusa, der portugiesischen Nachrichtenagentur, kommentierte: "Die Hauptstadt ist weiterhin eine Stadt der Gegensätze, wo Elend und Reichtum nebeneinander existieren. Osttimor wird bei seiner Unabhängigkeit Asiens ärmstes Land sein, aber eine einfache Mahlzeit in einem Restaurant in Dili kostet mehr als 13 Dollar und eine Tasse Kaffee mehr als 1 Dollar. Ein Großteil der Bevölkerung lebt von weniger als 50 Cent pro Tag, und in der Stadt gibt es immer noch eine offene Kanalisation, keine Straßenbeleuchtung und viele zerstörte Häuser." Außerhalb Dilis sind die Bedingungen noch schlimmer. Ein Bericht der Australian Financial Review bemerkte: "Was der Besucherstrom an diesem Wochenende wahrscheinlich nicht sehen wird, ist die erdrückende Armut in den ländlichen Gebieten von Osttimor, wo das Leben so schlimm ist, wie in den übelsten Regionen Afrikas."

Gusmao hat die timoresische Bevölkerung aufgefordert, in ihren Erwartungen "geduldig" zu sein, und erklärt, dass es eine Errungenschaft wäre, wenn der Lebensstandard in 15 Jahren ansteigen würde. Aber es gibt bereits Anzeichen von tiefer Unzufriedenheit und politischem Dissens, vor allem unter jungen Menschen. In den letzten zweieinhalb Jahren gab es wütende Demonstrationen von Arbeitslosen, Streiks gegen die niedrigen Löhne, Demonstrationen gegen die UN und Steinwürfe gegen ausländische Soldaten. Die öffentliche Feinseligkeit gegenüber Gusmaos Kurs der "Versöhnung" mit den indonesischen Militärbefehlshabern und Milizenchefs wird stärker, und Unzufriedenheit mit den autoritären und antidemokratischen Methoden der Fretilin ist wahrzunehmen. Oppositionsparteien haben gegen die Vernichtung der Stimmzettel für die Abstimmung über die Verfassung und die Parlamentswahlen protestiert.

Die Feierlichkeiten am 20. Mai fanden unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. Sowohl die Vereinten Nationen als auch die osttimoresischen Autoritäten haben vor nicht-genehmigten Demonstrationen und bewaffneten Gruppen gewarnt. Marito Reis, ein lokaler Funktionär, der in Bacau von der International Herald Tribune interviewt wurde, brachte die Unzufriedenheit der Bevölkerung zum Ausdruck. Reis verbrachte beinahe 15 Jahre in indonesischen Gefängnissen, weil er gegen die Besatzung durch Indonesien gekämpft hatte. "Nach 24 Jahren Kampf ist dies unser Preis. Aber ich frage mich und unsere Führer: Was wird der Inhalt dieser Unabhängigkeit sein?"

Die Führer Osttimors stellen in Aussicht, dass nach Jahren der Sparmaßnahmen das Öl und Gas der Timorsee zusammen mit Kaffeeexporten und Tourismus möglicherweise die Grundlage für einen höheren Lebensstandard bieten. Um ausländisches Kapital anzulocken, werden die Löhne für einheimische Arbeiter auf einem Niveau von 3 Dollar pro Tag gehalten. Aber die Auslandsinvestitionen stellen sich noch nicht ein und die Kaffeepreise sind weltweit abgestürzt. Der IWF sagt ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts von Osttimor um 0,5 Prozent in diesem Jahr voraus, begleitet von einem wirtschaftlichen "Schock", der durch den Wegfall von Arbeitsplätzen bei den Vereinten Nationen hervorgerufen wird.

Selbst die viel gerühmten Öl- und Gasvorkommen werden sich als Trugbild erweisen. Die Howard-Regierung will beinahe alle Einnahmen aus dem Greater Sunrise Field einbehalten und gleichfalls das Gas aus dem gigantischen Bayu-Undan Projekt zu der nordaustralischen Stadt Darwin leiten. In jedem Fall werden die Profite, die in der Timorsee gemacht werden können, allein den globalen Ölkonzernen zukommen und für die Regierung in Dili nur ein vergleichsweise kleiner Tropfen an Tantiemen abfallen.

Ausländische Geldgeber haben im vergangenen Jahr etwa 300 Millionen Dollar ins Land gepumpt, aber das meiste von dem Geld war zum Schutz ökonomischer und strategischer Interessen bestimmt. Von den 3,9 Milliarden Dollar, die die Howard-Regierung zwischen September 1999 und Juni 2004 an Osttimor gezahlt hat bzw. nach Verpflichtung noch zahlen wird, sind nach Schätzungen 90 Prozent für militärische Zwecke vorgesehen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Osttimor ein weiteres tragisches Beispiel für die Sackgasse des Nationalismus und des Mythos von der "nationalen Unabhängigkeit". In der neuen Nation erwartet die Osttimoresen nichts als Armut und verschärfte Ausbeutung. "Unabhängigkeit" ist zum Synonym für das Anlocken von transnationalen Investitionen, die Errichtung von Freihandelszonen und die Erfüllung der Diktate von IWF und Weltbank geworden.

In dem Maße wie die Illusionen schwinden und die Realität der misslichen Lage Osttimors offensichtlich wird, werden sich die sozialen Spannungen und Klassenantagonismen verschärfen. Dieses schreckliche Debakel wird kritischere Schichten hervorbringen, die verstehen, dass wirkliche Befreiung von wirtschaftlicher und politischer Unterdrückung nur erreicht werden kann, wenn ein gemeinsamer Kampf der Arbeiterklasse und der armen Masse der Bevölkerung von Timor, Indonesien und der gesamten Region gegen die globale kapitalistische Ordnung entwickelt wird.

Siehe auch:
Osttimor: Geschichte und Politik der CNRT
(25. November 1999)
Die UNO in Osttimor: Alle Merkmale eines kolonialen Protektorats
( 11. November 1999)
Osttimor und Kosovo
( 12. Oktober 1999)
Die Westmächte und Osttimor - eine Geschichte der Manöver und Intrigen
( 9. Oktober 1999)
Osttimor und die Protestler
( 18. September 1999)
Australien bereitet Militärintervention in Osttimor vor
( 11. September 1999)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen