Der New Yorker Bürgermeister Giuliani hinterlässt ein korruptes und rassistisches Erbe

Von Bill Vann
7. Juni 2002

Von unterwürfigen Medien war er als "Bürgermeister Amerikas" und als "Held des 11. September" verherrlicht worden. Mit seiner ständigen Präsenz vor den Fernsehkameras und seinen Prominenten-Ausflügen zur Unglücksstätte des World Trade Center in Manhattan kultivierte er dieses Image vor der Weltöffentlichkeit. Die Königin von England schlug ihn sogar zum Ritter.

Inzwischen scheffelt er Millionen als Geschäftsführer einer Beraterfirma, als bezahlter Redner und als Autor eines bald erscheinenden Buches und hat durchblicken lassen, dass er ein weiteres politisches Amt anstrebt. Er wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Hauptattraktion auf dem nächsten Parteitag der Republikaner sein und wird sogar als möglicher Präsidentschaftskandidat ins Gespräch gebracht.

Während er noch sorgfältig an seinem Image feilt, ist jedoch ein Korruptionsskandal ans Licht gekommen, in den einer seiner bekanntesten Mitarbeiter verwickelt ist, und der ein grelles Licht auf die reaktionäre Politik, den Rassismus und das soziale Schmarotzertum der Stadtverwaltung unter Giuliani wirft.

Die Untersuchungsbehörde der Stadt New York untersucht gegenwärtig, wie der Präsident der Wohnungsbaugesellschaft (HDC), Russell Harding, in dreieinhalb Jahren mehr als 250.000 Dollar für Reisen, Essen und Vergnügungen ausgeben konnte.

So fanden sich etwa Quittungen für einen Videorecorder und DVD-Player, den er einem Mann schickte, den er über einen Chatroom im Internet kennen gelernt hatte. "Mach dir wegen der Kosten keine Sorgen", schrieb er diesem Mann, der in Indianapolis wohnt. "Ich kann die Sachen bei der Arbeit auf die Spesenrechnung setzen. Ich mache das dauernd mit so einem Sch...ß. Halt einer der Vorteile, wenn man der Präsident ist."

In weiteren Unterhaltungen mit dem Mann aus dem Mittleren Westen offenbarte Harding, dass er gerne "in einen konservativen, rein weißen Bundesstaat wie Idaho ziehen" würde, und bezeichnete afroamerikanische Studenten als "dämliche Affen".

Die von Harding geführte HDC hat die Aufgabe, günstige Kredite zum Bau von bezahlbaren Wohnungen an Bewohner mit niedrigem Einkommen zu vergeben, die in New York überwiegend schwarz oder hispanischer Abstammung sind.

Der 38-jährige Harding war ein Hochschulabbrecher ohne jede Erfahrung im Wohnungsbau oder Finanzwesen, als Giuliani ihm 1998 den Posten verschaffte. Er war jedoch der Sohn von Ray Harding, dem politisch einflussreichen Vorsitzenden der Liberalen Partei, der den republikanischen Bürgermeister zweimal bei seiner Wahl unterstützt hatte.

"Russell Harding hat in der Stadtverwaltung ganz hervorragende Arbeit geleistet", erklärte Giuliani, als Fragen über diese Ernennung, die offensichtlich aus Gefälligkeit erfolgt war, aufkamen. "Diese neue Arbeit, da bin ich ganz sicher, wird er mit außerordentlicher Befähigung meistern. Ich stelle niemanden wegen seines Vaters ein, ebenso wenig wie ich jemandem seinen Vater als Nachteil anrechne."

Ein weiterer Sohn Hardings, Robert, wurde zum Finanzverwalter der Stadt ernannt und später zum stellvertretenden Bürgermeister befördert.

Details über Russell Hardings Einkaufstouren tauchten erstmals in einem Artikel des Village Voice -Journalisten Tom Robbins auf, der nach Eingaben an die Stadt, in denen er sich auf das Grundrecht auf Informationsfreiheit berief, Ausgabenlisten einsehen konnte. Die Listen zeigten, dass der größte Teil der Viertelmillion an städtischen Geldern zur Bezahlung von Reisen Hardings und Luke Cusacks verwandt wurden, einem engen Freund, den er als Vizepräsidenten seiner Behörde einstellte.

Während dreißig Reisen über größere Entfernungen übernachteten Harding und Cusack nur in den jeweils luxuriösesten Unterkünften, nicht in den günstigeren Hotels, in denen die Konferenzen stattfanden, an denen sie angeblich teilnahmen. Auf einer Reise nach Las Vegas verpulverten die beiden 17.000 Dollar, darunter Ausgaben fürs Glücksspiel, einen Hubschrauberflug in ihr Hotel, Restaurants und Flugtickets.

Weitere Abstecher führten ihn an exklusive Stätten. Kaum zwei Wochen, bevor er seinen Posten an seinen Nachfolger abtrat, der von Giulianis Amtsnachfolger, Michael Bloomberg, eingesetzt wurde, buchte Harding eine letzte Tour für 17.000 Dollar, die ihn nach Singapur, Thailand und Bali führen sollte. Nachdem sein Amtsnachfolger die Buchung entdeckte, wurde sie storniert, aber die Stadt musste noch eine Vertragsstrafe von 500 Dollar bezahlen.

Harding stellte der Stadt Essen in Rechnung, von denen eine einzige Mahlzeit bis zu 1.000 Dollar kostete. Ebenso ließ er sich aber auch Spesenrechnungen für den Hefekringel für 1,25 Dollar ausstellen, den er sich jeden Morgen kaufte, für die Dose Mineralwasser für 60 Cent und für die zwei Packungen Zigaretten, die er täglich rauchte. Zu dieser Zeit bezog er ein Gehalt von 189.000 Dollar und genehmigte sich mehrfache Gehaltserhöhungen, "Überstundenzuschläge" und Bonuszahlungen. Zur gleichen Zeit fror die Regierung Giuliani die Löhne aller städtischen Arbeiter für zwei Jahre ein.

Kopien der Chat-Sitzungen von Harding mit seinem Internet-Kumpel in Indianapolis, an welche die Voice herankam, entlarven seine Verachtung für die New Yorker Bürger mit geringem Einkommen, die er vermeintlich unterstützen sollte, und seine extrem rassistischen Ansichten.

In diesen Unterhaltungen äußert Harding wiederholt rassistische Ansichten. Nach seiner Meinung zu den Clintons gefragt, unterstrich der Giuliani-Gehilfe seinen Hass auf Hillary Clinton, die Senatorin von New York, mit obszönen Ausdrücken. Dann sprach er von der Entscheidung des früheren Präsidenten, sein Büro nach Harlem zu verlegen. "Er und die Schwarzen waren füreinander gemacht", schrieb Harding, "nichts als Abfall, alle miteinander."

In einer weiteren Chat-Sitzung erwähnte der Mann aus Indianapolis, dass das College der Stadt ein Fest mit Footballspiel durchführen werde, unter Beteiligung afroamerikanischer Studenten. "Das ist wie die Sache in Atlanta ", antwortete Harding. "Lauter verdammte schwarze Brüder oder so, die man nicht in die Schule lassen sollte, Punktum, die nur rumrennen wie dumme Affen, was sie alle miteinander sind."

In einer Diskussion über die Bush-Regierung meinte der Mann aus Indianapolis, dass er Colin Powell für eine gute Wahl als Außenminister halte. "Ich nicht", antwortete Harding. "Ich denke, es war eine schreckliche Wahl, die man bald bereuen wird... er ist schwarz, und das wird er bald überall zur Schau tragen, wie sie es alle machen... und langfristig wird er nur ein großer schwarzer Arsch sein, wenn Du mich fragst."

Nur Tage später unterhielten sich die beiden über einen Schneesturm im Nordosten, und Harding brüstete sich, wie schnell die Stadt die Straßen in seinem betuchten Viertel in Manhattan auf Vordermann gebracht hatte. "Manhattan ist immer sauber", sagte er, "die anderen Viertel brauchen ein bisschen länger... aber schließlich ist alles, was da lebt, auch nur weißer Abschaum der Unterklasse oder schwarz... denen braucht man es nicht so leicht machen."

Seine Aufgabe, Finanzmittel für den Bau bezahlbarer Wohnungen bereitzustellen, beschrieb Harding immer wieder als Bau von "Unterklassenappartements" für die "Unterklasse".

Ein Rechtsanwalt von Harding wollte zu diesen Ergüssen nichts sagen und belehrte die Voice nur, dass es "anstößig" sei, die in einem Chatroom geäußerten "Grübeleien" einer anderen Person zu veröffentlichen. Die Bedeutung dieser Unterhaltungen geht jedoch über Hardings persönlichen Charakter hinaus. Er war ein bekannter politischer Mitarbeiter von Giuliani und der Sohn eines der engsten Freunde und politischen Vertrauten des früheren Bürgermeisters.

Seine schäbigen Ansichten drückten die reaktionäre soziale Haltung und den Klassenhass aus, die der Politik der Regierung Giuliani acht Jahre lang zugrunde lagen und jetzt auch bei seinem Nachfolger Bloomberg zum Ausdruck kommen, wenn auch in etwas verhaltenerer Form.

Giuliani rühmte sich stets seiner "harten Hand" in Bezug auf Armut und Sozialleistungen und betonte die Notwendigkeit, den "Teufelskreis der Abhängigkeit" zu durchbrechen. Fast einer Viertelmillion Menschen - die meisten von ihnen Frauen und Kinder - wurden unter seiner Verwaltung die Sozialhilfe gestrichen, was für die Mehrheit noch eine Verschlimmerung der Armut bedeutete.

Im selben Zeitraum, während Giuliani seine massiven Einschnitte bei der staatlichen Unterstützung für die Armen der Stadt vornahm, schwollen die Reihen und die Vermögen der reichen Elite New Yorks im Börsenboom der 90er Jahre an. Das Ergebnis ist ein Ausmaß an sozialer Polarisierung, wie es in der Geschichte der Stadt noch nie da gewesen ist.

Als ihre wichtigste Aufgabe sah es die Regierung Giuliani an, diese gähnende Klassenspaltung polizeilich zu überwachen. Sie stellte die größte Zahl von Polizisten in der Geschichte der Stadt ein und ließ sie in zahllosen Kampagnen "für mehr Lebensqualität" auf die Arbeiterklasse und Armen los.

Ziel war es dabei, den "weißen Abschaum der Unterklasse und die Schwarzen" - in Hardings Ausdrucksweise - in die Schranken zu weisen, während die Geschäftswelt mit Steuersenkungen und Privilegien überschüttet wurde. Männer wie Harding aus dem inneren Kreis des Bürgermeisters identifizierten sich von ganzem Herzen mit letzterer und waren offensichtlich der Auffassung, dass ihnen ebenfalls ein solches Luxusleben auf Kosten der Stadt zukäme.

Unter Giuliani beherrschte eine Atmosphäre von Korruption, Rassismus und Klassenhass die Stadtverwaltung. In dieser Hinsicht hat der 11. September nicht das geringste verändert. Sollte der "Bürgermeister Amerikas" und Medien-"Held" des World Trade Centers ins politische Leben zurückkehren, dann nur, um einen Krieg gegen die "Unterklasse" zu führen, die er und sein Schützling Russell Harding so sehr verachten.

Siehe auch:
New Yorker Bürgermeister greift künstlerische Freiheit und demokratische Rechte an
(14. Oktober 1999)