Eine sozialistische Strategie gegen Krieg auf dem indischen Subkontinent

Von der Redaktion
6. Juni 2002

Die World Socialist Web Site verurteilt den Kriegskurs von Indien und Pakistan entschieden. Beide Länder verfügen über Atomwaffen und stehen kurz vor militärischen Auseinandersetzungen, die katastrophale Konsequenzen für die Bevölkerung des Subkontinents, der Region und gesamten Welt mit sich bringen würden.

Mehr als eine Million Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet und unterstützt von Hunderten von Panzern, schwerer Artillerie, Raketen und Kampfflugzeugen, stehen sich entlang der 2.800 km langen Grenze in höchster Alarmbereitschaft gegenüber. Es ist die größte militärische Mobilisierung seit der Gründung der Staaten Indien und Pakistan am Ende der britischen Kolonialherrschaft und der Teilung von Britisch-Indien im Jahre 1947. Die zwei Länder haben bereits drei Kriege gegeneinander geführt - 1947, 1965 und 1971. Jetzt verfügen beide Seiten über ein Arsenal an Nuklearwaffen und die Mittel, um sie einzusetzen.

Auch wenn der seit langem schwelende Streit um Kaschmir der unmittelbare Anlass für den aktuellen Konflikt ist, war das rücksichtslose Vorgehen der Bush-Regierung nach den Terroranschlägen des 11. Septembers der wichtigste destabilisierende Faktor. Washingtons Erklärung, einen "globalen Krieg gegen den Terrorismus" führen zu wollen, und die nachfolgende Invasion in Afghanistan haben die Beziehungen in der Region durcheinander gebracht, tiefsitzende Gegensätze aufkochen lassen und die herrschenden Eliten ermutigt, aggressive militärische Initiativen zu ergreifen, um ihre lang gehegten Ambitionen zu verwirklichen.

Indien ergriff ohne Umschweife die Gelegenheit, alte Rechnungen mit seinem Rivalen Pakistan zu begleichen. Anfang Oktober forderte der indische Premierminister Atal Behari Vajpayee die Vereinigten Staaten auf, Kaschmir in den "globalen Krieg gegen den Terrorismus" mit einzubeziehen und Pakistan als "Staat, der den Terrorismus unterstützt" zu verurteilen. Als Vorwand diente ihm der Angriff auf das regionale Regierungsgebäude im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs durch islamische Kämpfer am 1. Oktober. Zu dieser Zeit hielt Washington Neu Delhi von militärischen Vergeltungsmaßnahmen ab, weil die Vereinigten Staaten fürchteten, dass ein Krieg um Kaschmir ihre eigenen Vorbereitungen für eine Invasion in Afghanistan gefährden könnte, für die sie die aktive Unterstützung des pakistanischen Militärs benötigten.

Doch sowohl Vajpayee als auch Pakistans Militärdiktator General Pervez Musharraf haben ein Interesse daran, die Spannungen um Kaschmir anzuheizen - um die öffentliche Aufmerksamkeit von der enormen sozialen und politischen Krise im Innern abzulenken und ihre schrumpfende Basis zusammenzuhalten. Der indische Premierminister und seine hinduistisch-chauvinistische Bharatiya Janatha Partei (BJP) bemühen sich verzweifelt darum, eine Serie von Wahlniederlagen zu beenden und ihre angeschlagene Regierungskoalition zu stärken. In Pakistan wurde Musharrafs ohnehin geringe politische Legitimität noch dadurch geschwächt, dass die Vereinigten Staaten auf den Abbruch aller Beziehungen zu den Taliban und ein hartes Vorgehen gegen islamische Extremisten bestanden - Gruppen, die eine Schlüsselrolle bei der Errichtung seines Militärregimes spielten. Gleichzeitig hoffen sowohl Vajpayee als auch Musharraf, dass ihr provokatives militärisches Handeln die Großmächte dazu veranlasst, zu ihren Gunsten in den Konflikt einzugreifen. Keine Seite glaubt, dass sie etwas zu verlieren hat, wenn sie den militärischen Einsatz erhöht, selbst wenn das Ergebnis ein umfassender Krieg ist.

Ein wichtiger Wendepunkt war der 13. Dezember, als eine Gruppe bewaffneter Kaschmir-Kämpfer das indische Parlament in Neu Delhi angriff. Die Vajpayee-Regierung nutzte den Angriff sofort, um ihren eignen "Krieg gegen den Terrorismus" zu verkünden - mit oder ohne Unterstützung des Weißen Hauses. Drei Viertel der indischen Streitkräfte wurden an der Grenze zu Pakistan zusammengezogen, was Musharraf zu einer entsprechenden Reaktion zwang. Seitdem haben sich die beiden Armeen entlang der Grenze verschanzt. Der jüngste Vorfall am 14. Mai, bei dem islamische Kämpfer eine indische Armeebasis in Kaschmir angegriffen und 34 Menschen, darunter Frauen und Kinder, töteten, droht die beiden Länder in den Krieg zu stoßen.

In den letzten zwei Wochen hat Vajpayee wiederholt gewarnt, dass seine Regierung die Geduld verliere und Indien Rache fordere. Am Montag vergangener Woche betonte Musharraf in einer Fernsehrede, dass Pakistan auf jeden indischen Angriff "mit ganzer Kraft reagieren" werde. In Indiens offizieller Antwort verurteilte Außenminister Jaswant Singh die Rede als eine "enttäuschende und gefährliche [...] kriegslüsterne Drohgebärde" und erklärte: "Das Epizentrum des internationalen Terrorismus befindet sich in Pakistan".

Indien hat den pakistanischen Botschafter ausgewiesen, das Militärkommando reorganisiert und die Marine in der Arabischen See nahe Pakistan gestärkt. Pakistan hat Reservisten mobilisiert, die Städte in Alarmbereitschaft versetzt, Soldaten von der afghanischen Grenze abgezogen und provokativ Raketentests durchgeführt. Schweres Granatwerfer- und Artilleriefeuer entlang der Demarkationslinie, die den indischen vom pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs trennt, hat bereits Wohnhäuser zerstört, zig Menschen getötet und verwundet und mehr als 25.000 Kaschmiris zur Flucht getrieben.

Die Gefahr eines Atomkriegs

Es wäre ein gefährlicher Irrtum, wenn die Arbeiterklasse glauben würde, dass der Ausbruch eines Atomkrieges unmöglich ist. Indische Verteidigungsexperten haben versucht, Ängste in der Bevölkerung zu dämpfen, indem sie über die Aussichten eines "begrenzten Krieges" spekulieren, der sich auf Angriffe gegen angebliche Terroristen-Ausbildungslager im pakistanisch kontrollierten Kaschmir beschränkt. Jeder Zusammenstoß hat jedoch seine eigene militärische und politische Dynamik. Angesichts überlegener konventioneller Kräfte könnte Musharraf sich gezwungen sehen, seine Drohung wahr zu machen und Pakistans "ganze Kraft" einzusetzen - auch Atomwaffen - um eine Niederlage abzuwenden.

In militärischen Thinktanks in Indien, Pakistan und den Vereinigten Staaten wurden bereits Überlegungen angestellt, wer einen Atomkrieg "gewinnen" könnte. Im vergangenen Dezember, als die dramatische militärische Eskalation einsetzte, warnte der indische Verteidigungsminister George Fernandes Pakistan vor einem atomaren Erstschlag und erklärte in diesem Zusammenhang: "Wir könnten einen Schlag einstecken, überleben und dann zurückschlagen. Pakistan wäre am Ende."

Die New York Times zitierte in der vergangenen Woche Pentagon-Quellen und machte deutlich, was das "Überleben" nach einem gegenseitigen Beschuss mit Atomwaffen bedeuten würde. Nach einer vorsichtigen Schätzung würden bis zu zwölf Millionen Menschen auf der Stelle getötet und weitere sieben Millionen schwer verwundet. Nach Aussagen von amerikanischen Vertretern hätte selbst ein "begrenzterer" Atomkrieg "kataklystische Folgen, die die Krankenhäuser in ganz Asien überfordern und eine umfangreiche ausländische Unterstützung, vor allem aus den Vereinigten Staaten, erfordern würden, um die radioaktive Verseuchung, Hungersnöte und Seuchen zu bekämpfen."

Die Arbeiterklasse darf kein Vertrauen in die derzeitigen diplomatischen Manöver der Großmächte haben. Nachdem sie die Spannungen angeheizt hat, versucht die Bush-Regierung nun, zumindest gegenüber der Öffentlichkeit, die beiden Hauptbeteiligten zurückzuhalten. Aber dies kann sich schnell ändern. Washington richtet seine Haltung nicht nach den katastrophalen Folgen, die en militärischer Konflikt für Dutzende Millionen Menschen haben kann, sondern nach den eigenen ökonomischen und strategischen Interessen.

Ebensowenig kann den Politikern oder ihren Parteien in einem der beiden Ländern vertraut werden. Alle von ihnen stecken tief im Nationalismus und Chauvinismus und haben sich stramm hinter ihr "eigenes" Regime und dessen Kriegsvorbereitungen gestellt.

In Indien hat die Kongresspartei, die vor wenigen Wochen erst die BJP-Regierung wegen ihrer Rolle bei den ethnisch-religiösen Unruhen in Gujarat angriff, Vajpayees kriegerische Haltung gegenüber Pakistan unterstützt. Die Kommunistische Partei Indiens und die Kommunistische Partei Indiens/Marxisten sind dem Beispiel gefolgt und haben damit wieder einmal gezeigt, dass sie nichts weiter sind als ein Anhängsel des offiziellen politischen Establishments.

In Pakistan steht Musharraf in der Kritik, aber nur hinsichtlich der Frage, ob er erfolgreich einen Krieg führen kann. Die große Allianz von 29 Oppositionsparteien gab vor kurzem eine Stellungnahme heraus, in der sie den Militärdiktator zu Rücktritt aufforderte und erklärte, Musharraf fehle "die moralische Autorität, um mit der derzeitigen Bedrohung der nationalen Sicherheit und territorialen Integrität umzugehen".

Historische Wurzeln

Die tiefere Ursache des derzeitigen Konflikts bilden all die ungelösten Widersprüche, die mit der Gründung Indiens und Pakistans als getrennten Nationalstaaten einher gingen. Dass die beiden Ländern wieder einmal über die Kaschmir-Frage in Auseinandersetzung geraten, unterstreicht den inhärent reaktionären Charakter der Teilung von Britisch-Indien im Jahre 1947 in ein muslimisches Pakistan und ein von Hindus dominiertes Indien. Dieser Schnitt teilte den Subkontinent entlang vollkommen künstlicher Grenzlinien, die nationale, ethnische und sprachliche Gemeinschaften auseinander rissen und den Grundstein für zukünftige Konflikte und Kriege legten. Von Beginn an war Gewalt ein Bestandteil der Teilung: Hunderttausende wurden bei den nachfolgenden Unruhen getötet und Millionen entwurzelt und zur Flucht gezwungen.

Alle Teile der indischen Bourgeoisie - auch der von Gandhi und Nehru geführte Kongress, der demokratisch und säkular zu sein behauptete - tragen Verantwortung für diese Tragödie. Keiner der Führer war bereit, sich den Plänen der britischen Kolonialherren oder der Muslim-Liga, die ein unabhängiges Pakistan forderte, entgegenzustellen. Sie fürchteten, dass das weitere Anfeuern der antikolonialen Massenbewegung die Klasseninteressen des herrschenden Establishments als Ganzem gefährden könnte.

Colvin R. de Silva, damals ein prominenter Führer der trotzkistischen Bolschewistisch-Leninistischen Partei Indiens (BLPI), erklärte 1948 in einer Rede in Kalkutta: "Die Teilung Indiens, die so gern der Muslim-Liga allein angelastet wird, muss im Grunde nicht der Liga sondern dem Kongress zugeschrieben werden. Der Kongress verfolgte in Bezug auf den britischen Imperialismus keine Politik des Kampfes sondern eine Politik der Übereinkunft. Und die Politik der Übereinkunft spielte unvermeidlich der Politik der Spaltung in die Hände, weil sie dem britischen Imperialismus die Initiative überließ. Die Teilung Indiens war das Ergebnis der Kapitulations-Übereinkunft der indischen Bourgeoisie mit dem britischen Imperialismus, über die Köpfe der aufständischen Massen hinweg und gegen sie gerichtet."

Die eiternde Wunde Kaschmir war ein Ergebnis dieser Übereinkunft. Sie ist Zeugnis des antidemokratischen Charakters aller Teile der nationalen Bourgeoisie und ihrer Unfähigkeit, die enormen sozialen und politischen Probleme zu lösen, die den Subkontinent heimsuchen. Sowohl Pakistan als auch Indien hegten Ambitionen, das strategisch gelegene Fürstentum Kaschmir zu kontrollieren. Aber im Rahmen der Teilung konnte es keine friedliche oder demokratische Lösung für die Frage des Status von Kaschmir geben.

Pakistan beanspruchte Kaschmir auf einer rein ethnisch-religiösen Grundlage: Kaschmir sollte mehrheitlich muslimisch bleiben, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für die großen hinduistischen und buddhistischen Minderheiten. Der Herrscher von Kaschmir war allerdings ein hinduistischer Maharadscha, der ursprünglich dazu tendierte, ein separates, unabhängiges Kaschmir auszurufen. Konfrontiert mit einer Rebellion seiner muslimischen Untertanen, die vom pakistanischen Militär unterstützt wurde, trat der Fürst formell Indien bei. Nehru ergriff die Beitrittsurkunde mit beiden Händen und brachte innerhalb weniger Tage indische Truppen nach Srinagar, um die Kontrolle über den Staat zu übernehmen und jede Opposition mit Gewalt niederzuschlagen. Somit beruhen die Ansprüche der "demokratischen" und "säkularen" indischen Führer auf Kaschmir auf einer gewaltsamen Militärbesatzung und einem Stück Papier, das ein despotischer und von den Briten gestützter Maharadscha unterschrieben hat.

Über mehr als fünf Jahrzehnte war Kaschmir ein gefährlicher potentieller Krisenherd auf dem indischen Subkontinent. Das Ergebnis des Kriegs von 1947 war die Demarkationslinie, die das von Indien kontrollierte Jammu und Kaschmir vom pakistanisch kontrollierten Kaschmir trennt. Aufeinanderfolgende indische Regierungen erwiesen sich als vollkommen unfähig, die Hoffnungen der muslimischen Kaschmiri auf wirkliche demokratische Rechte und einen anständigen Lebensstandard zu erfüllen. In der Regel reagierte Neu Delhi auf Unzufriedenheit mit Unterdrückung und steigerte so Feindschaft und Hass, was in den späten 1980-ern und in den 1990-er Jahren von verschiedenen islamischen Extremistengruppen ausgenutzt wurde.

Das Ende des Kalten Krieges

Die Spannungen zwischen Indien und Pakistan wurden durch die Rahmenbedingungen des Kalten Krieges bis zu einem gewissen Grad unter Kontrolle gehalten. An kritischen Punkten hielten Washington und Moskau ihre jeweiligen Alliierten - Pakistan und Indien - zurück, um zu verhindern, dass sich ein lokaler Krieg zu einem größeren Konflikt entwickelt, in den die beiden Supermächten hineingezogen worden wären. Während der vergangenen 30 Jahren, mit der zunehmenden Auflösung der Nachkriegsordnung, hat der amerikanische Imperialismus in immer stärkerem Maße seine Rolle in der Region geltend gemacht.

Pakistans Militärapparat verdankt seine Stärke und seinen Einfluss größtenteils Washington. Musharraf ist nur der jüngste in einer langen Reihe von rechten Militärdiktatoren, die die heimliche oder offene Gunst der Vereinigten Staaten genossen haben. Seit den 1950-er Jahren unterstützten die Vereinigten Staaten das pakistanische Militär als Bollwerk in der Region, vor allem gegen Indien und die sich entwickelnde indisch-sowjetische Allianz. 1971 unterstützte Washington den pakistanischen Militärmachthaber Yahya Khan bei der Unterdrückung der Massenbewegung für die Unabhängigkeit des damaligen Ostpakistans [heute Bangladesch] und bei Pakistans nachfolgendem Krieg mit Indien.

Die Verantwortung für den wachsenden islamischen Extremismus in der gesamten Region kann ebenfalls direkt den Vereinigten Staaten zugeschrieben werden. Ende 1979, nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan, gewann Washington den pakistanischen Militärdiktator General Zia-ul-Haq als Partner für eine gewaltige Operation des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Milliarden Dollar wurden investiert, um antisowjetische Mudschaheddin-Gruppen in Afghanistan zu finanzieren, auszubilden und zu bewaffnen und dadurch die Sowjetunion zu schwächen. Viele der militanten antiindischen Gruppen, die jetzt in Kaschmir operieren, wie auch Osama bin Ladens Al Qaida, die Taliban-Führer und andere islamische Extremisten in Pakistan haben ihren Ursprung in dieser Periode.

Das Aufwiegeln ethnischer und religiöser Konflikte durch die herrschenden Elite in Indien als auch Pakistan entspringt ihrer Unfähigkeit, die Bedürfnisse und Hoffnungen der normalen Bevölkerung zu erfüllen. Hindu-Fanatismus in Indien und islamischer Extremismus in Pakistan wurden zu nützlichen politischen Werkzeugen, um die Unzufriedenheit der Massen zu kanalisieren und die Aufmerksamkeit von der enormen und stetig wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich abzulenken.

Diese Prozesse beschleunigten sich in den 1990-er Jahren, als beide Länder das Programm des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Privatisierung, Umstrukturierung und wirtschaftlichen Deregulierung annahmen. Dass in Indien eine Regierung die Macht übernommen hat, die von der chauvinistischen, die Überlegenheit der Hindus behauptenden BJP angeführt wird, und in Pakistan eine Militärdiktatur herrscht, die eng mit islamisch-fundamentalistischen Gruppen verbunden ist, bringt lediglich politisch scharf zum Ausdruck, in welche Sackgasse die nationale Bourgeoisie den Subkontinent geführt hat.

Das Ableben der Sowjetunion hat das strategische Gleichgewicht in der gesamten Region gründlich verändert. Für die Großmächte haben sich viele neue Möglichkeiten eröffnet, um die zuvor unerreichbaren Öl- und Gasvorkommen zu kontrollieren und auszubeuten. Die Gebiete des indischen Subkontinents, die direkt an das ehemalige sowjetische Zentralasien grenzen - wie Afghanistan und Kaschmir - gewannen als mögliche Operationsbasen immer größere Bedeutung.

Die imperialistische Einmischung in Zentralasien, innere Instabilität und das Anwachsen des Fundamentalismus verschärften die Spannungen zwischen Indien und Pakistan. 1998 führten beide Länder Atomwaffentests durch und 1999 brach ein "Minikrieg" über Kaschmirs strategische Kargilhöhen aus, der zu einer größeren Konfrontation zu werden drohte. Washington nutzte die Krise, um eine engere Allianz mit Indien zu schmieden, und zwang Pakistan, seine Unterstützung für die in Kargil eingeschlossenen islamischen Kämpfer einzustellen. Der peinliche Rückzug des pakistanischen Premierministers Nawaz Sharif war ein wichtiger Auslöser für den Militärputsch im Oktober 1999, der Musharraf an die Macht brachte.

In den vergangenen drei Jahren haben die Vereinigten Staaten ihre Beziehung zu Indien gepflegt und ausgebaut. Was unter Präsident Bill Clinton begann, wurde unter der Bush-Regierung fortgesetzt und verstärkt. Washington betrachtet dabei Indien als wichtiges Gegengewicht zu China - den erklärten "strategischen Konkurrenten" Amerikas. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten tauschen die Vereinigten Staaten und Indien wichtige Geheimdiensterkenntnisse aus, führen gemeinsame militärische Übungen und Seepatrouillen durch und entwickeln bedeutende wirtschaftliche Verbindungen. Seit die hinduistisch-chauvinistische BJP an der Macht ist, hat Washington Indien zur regionalen Supermacht und Polizei aufgebaut. Die Vereinigten Staaten zeigten sich dabei völlig gleichgültig hinsichtlich der politischen Konsequenzen, die sich daraus ergaben.

Die Medien haben sich gehorsam der neuen Orientierung Washingtons angepasst. Es werden keine Fragen gestellt zu den schrecklichen sozialen Bedingungen und der repressiven indischen Herrschaft in Jammu und Kaschmir, die junge muslimische Kaschmiri dazu verleiten zu den Waffen zu greifen. Während die Leitartikler und Kommentatoren den islamischen Extremismus verurteilen, umarmen sie die regierenden hinduistischen Fanatiker in Neu Delhi als "Demokraten" und stellen sich blind gegenüber ihren Verbindungen zu faschistischen Hindugruppen wie der Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) und dem Welthindurat (VHP). Beide betrachten die Muslime als Eindringlinge des 9. Jahrhunderts, die sich einem "Großhindustan" unterwerfen oder vertrieben werden müssen.

Eine sozialistische Strategie

Auch vor dem 11. September stellten die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Krisen auf dem indischen Subkontinent eine hochexplosive Mischung dar. Mit ihrem "globalen Krieg gegen den Terrorismus" hat die Bush-Regierung effektiv die Lunte entzündet, die einen Atomkrieg auslösen kann.

In ihrer Stellungnahme vom 10. Oktober 2001 warnte die World Socialist Web Site : "Jeder neue Ausbruch des amerikanischen Imperialismus zieht immer schlimmere Katastrophen nach sich. Jetzt haben die USA ein Abenteuer in einer Region angezettelt, die seit langem den Brennpunkt von Intrigen zwischen den Großmächten bildet, überdies von Nuklearwaffen nur so wimmelt und von sozialen, politischen, ethnischen und religiösen Spannungen heimgesucht wird, die durch die bittere Armut noch verschärft werden."

Massen von normalen arbeitenden Menschen haben zurecht Angst vor den schrecklichen Konsequenzen, die ein umfassender Krieg zwischen den beiden Atommächten mit sich bringen würde. Es ist bereits zu Protesten gekommen, trotz der unermüdlichen chauvinistischen Kampagne vonseiten der Medien in Indien und Pakistan.

Um die wachsende Kriegsgefahr zu bekämpfen, müssen sich jedoch die arbeitenden Massen beider Länder einer neuen strategischen Perspektive zuwenden, deren Kern in der restlosen Ablehnung jeglicher Form von Nationalismus, Chauvinismus und ethnisch-religiösem Überlegenheitsdenken besteht. Arbeiter in Pakistan und Indien - wie auch in Afghanistan, Nepal, Bangladesch, Bhutan, Burma und Sri Lanka - haben gemeinsame Klasseninteressen und gemeinsame Klassenfeinde. Die entsetzliche Armut, die das Leben von Hunderten Millionen Menschen zunichte macht, ist das tragische Erbe der Teilung von 1947 und der Unfähigkeit der nationalen Bourgeoisie, seit dem Ende der Kolonialherrschaft vor mehr als 50 Jahren irgendeine der grundlegenden demokratischen Aufgaben anzugehen, mit denen eine wirkliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung verbunden ist.

Die nationalstaatlichen Grenzen, die die Arbeiterklasse trennen, sind ein Gift, das den indischen und pakistanischen Führern von ihren britischen Kolonialherren gereicht und von ihnen dankbar angenommen wurde. Willkürlich auf der Landkarte gezogene Linien sind zu Grenzen geworden, die die bengalische Bevölkerung in Indien und Bangladesch, die Tamilen in Indien und Sri Lanka und die Kaschmiri und Pandschabi in Indien und Pakistan trennen.

Die Antwort auf diese scheinbar unlösbaren Probleme und die vielen anderen, die der Vielzahl an ethnischen, sprachlichen und religiösen Gemeinschaften auf dem Subkontinent entspringen, ist nicht eine Balkanisierung der Region und die Gründung einer Reihe von unabhängigen Nationalstaaten. Solch ein Projekt würde nur weitere Gewalt und Konflikte hervorrufen, da jede einzelne herrschende Elite gegen ihre Rivalen intrigiert und um die Gunst der einen oder anderen Großmacht buhlt.

Die Lösung liegt vielmehr in der Abschaffung aller existierenden Grenzen und dem rationellen Gebrauch der riesigen Ressourcen des Subkontinents zum Nutzen aller. Diese Aufgabe stellt sich der Arbeiterklasse, der einzigen gesellschaftlichen Kraft, die die unterdrückten Massen der gesamten Region mobilisieren kann, um durch einen gemeinsamen, vereinten Kampf die unterdrückerische Herrschaft des Kapitals zu beenden und die Gesellschaft entlang sozialistischer Linien neu aufzubauen. Der Aufbau einer neuen revolutionären politischen Bewegung, um die Vereinten Sozialistischen Staaten des Indischen Subkontinents zu errichten - das ist die sozialistische und internationalistische Perspektive, die von der World Socialist Web Site und dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale vertreten wird.

Siehe auch:
Weshalb wir gegen den Krieg in Afghanistan sind
(10. Oktober 2001)
Weitere Artikel zum Thema
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - September/Oktober 2002 enthalten.)