Ein Dokumentarfilm bezichtigt die USA des Massenmords an Kriegsgefangenen in Afghanistan

Nach Vorab-Vorführungen werden Forderungen nach Ermittlungen wegen möglicher Kriegsverbrechen laut

Von Stefan Steinberg
18. Juni 2002

Vergangene Woche wurde vor ausgewähltem Publikum an verschiedenen Orten in Europa der Dokumentarfilm "Massaker in Masar" des irischen Regisseurs Jamie Doran gezeigt. Danach wurde die Forderung nach internationalen Ermittlungen laut, die untersuchen sollen, ob die USA in Afghanistan Kriegsverbrechen begangen haben.

Der Film erhebt den Vorwurf, dass sich amerikanische Soldaten in der Nähe der Stadt Masar-i-Scharif an der Folter von Kriegsgefangenen und an der Ermordung Tausender gefangener Taliban-Kämpfer beteiligten. Er dokumentiert die Ereignisse nach dem Fall von Konduz, der letzten Hochburg der Taliban in Nordafghanistan, am 21. November 2001

Die PDS-Fraktion führte den Film am 12. Juni Abgeordneten des Bundestags vor. Am nächsten Tag wurde er in Straßburg Abgeordneten des Europaparlaments und Pressevertretern gezeigt.

Nachdem der französische Europaabgeordnete Francis Wurtz von der gemeinsamen Fraktion der Linken den Film gesehen hatte, organisierte er eine weitere Vorführung und sagte, er werde auf der nächsten, für Juli vorgesehenen Sitzung des Europäischen Parlaments einen Dringlichkeitsantrag für eine Debatte über seinen Inhalt stellen. Eine Reihe Abgeordneter forderten, dass das Internationale Rote Kreuz die im Film erhobenen Vorwürfe überprüfen solle.

Andrew McEntee, ein führender Anwalt auf dem Gebiet der internationalen Menschenrechte, erklärte nach der Sondervorführung in Berlin, der Film enthalte "hinreichende eindeutige Beweise für schwere Kriegsverbrechen nicht nur nach internationalen Gesetzen, sondern auch nach den Gesetzen der USA selbst".

McEntee forderte Ermittlungen von unabhängiger Seite. "Kein funktionierendes Strafrechtssystem kann es sich leisten, solche Beweise zu übergehen", sagte er.

Das Pentagon veröffentlichte am 13. Juni eine Erklärung, in der die Beteiligung der USA an der Folter und Ermordung von Kriegsgefangenen dementiert wurde, und das US-Außenministerium schloss sich dem am 14. Juni mit einem offiziellen Dementi an.

Doran, ein mit mehreren Preisen ausgezeichneter unabhängiger Filmemacher, dessen Dokumentarstreifen bereits in mehr als 35 Ländern gezeigt wurden, begründete die Vorführung einer Rohfassung seines neuen Films mit der Befürchtung, dass bei einer Verzögerung das afghanische Militär die Beweise für die Massenmorde endgültig beseitigen werde. "Es ist unabdingbar, dass der Ort des Massengrabes bewacht wird", erklärte Doran nach der Vorführung in Straßburg gegenüber United Press International. "Sonst werden die Beweise verschwinden."

Der in Boston ansässige Verband "Physicians for Human Rights" ("Ärzte für die Menschenrechte") gab am 14. Juni eine Erklärung heraus, in der sofortige Maßnahmen zum Schutz des mutmaßlichen Massengrabs in der Nähe von Masar-i-Scharif gefordert werden.

Im vergangenen Jahr machte Doran Aufnahmen von der Festung Kala-i-Dschangi außerhalb von Masar-i-Scharif, nachdem dort Hunderte gefangene Taliban-Soldaten massakriert worden waren. Die Bilder der Gefangenen, die offenkundig mit gefesselten Händen erschossen worden waren, lösten einen weltweiten Aufschrei über das Verhalten der amerikanischen Sondereinsatztruppen und ihrer Verbündeten, der Nordallianz aus.

Dorans neuer Film enthält Interviews mit Augenzeugen der Folter und Ermordung von etwa 3.000 Kriegsgefangenen. Er bringt auch Aufnahmen von dem Ort in der Wüste, wo das Massaker stattgefunden haben soll. Noch mehr als sechs Monate danach sieht man Schädel, Kleidungsfetzen und Gliedmaßen aus dem Sandhügel ragen.

Die europäische Presse hat ausführlich über den Film berichtet. Einige der größten französischen und deutschen Zeitungen (Le Monde, Süddeutsche Zeitung, Die Welt) brachten Artikel darüber. Außerdem gab Jamie Doran zwei der größten deutschen Fernsehsender Interviews.

In den amerikanischen Medien hingegen wurde der Dokumentarfilm fast völlig totgeschwiegen. Die Nachrichtenagentur UPI gab vergangene Woche eine Kurzmeldung darüber heraus, doch die führenden Tageszeitungen (New York Times, Los Angeles Times, Washington Post) schwiegen sich sogar über die bloße Existenz des Filmes aus. Auch die Fernsehsender und speziell die Nachrichtensender unterdrückten jegliche Informationen über den Film und die darin erhobenen Vorwürfe amerikanischer Kriegsverbrechen.

Der Verfasser dieses Artikels hatte Gelegenheit, in Berlin die zwanzigminütige Vorführung zu sehen. Im Verlauf des Films treten einige Zeugen auf, die berichten, wie sich amerikanisches Militär an dem bewaffneten Angriff auf mehrere hundert in der Festung Kala-i-Dschangi gefangen gehaltene Taliban beteiligten. Die Zeugen erheben außerdem den Vorwurf, dass sich nach den Vorfällen in Kala-i-Dschangi die amerikanische Militärführung daran beteiligt habe, weitere 3000 der insgesamt 8000 Gefangenen, die sich nach der Schlacht von Konduz ergeben hatten, zu töten und fortzuschaffen.

Die Namen der afghanischen Zeugen dieser Gräueltaten werden nicht genannt, doch laut Angaben des Regisseurs wären sie ausnahmslos bereit, sich mit Namen zu melden und vor einem internationalen Gerichtshof auszusagen, der die Ereignisse von Ende November und Anfang Dezember vergangenen Jahres untersuchen würde.

In Dorans Film erklärt Amir Jahn, ein Verbündeter des Befehlshabers der Nordallianz Rashid Dostum, dass die islamischen Soldaten sich in Konduz nur unter der Bedingung ergeben hätten, dass ihr Leben geschont würde. Rund 470 Gefangene seien in Kala-i-Dschangi eingesperrt worden. Die übrigen 7.500 habe man in ein anderes Gefängnis in Kala-i-Zein gebracht.

Nach einer Revolte einiger Häftlinge in Kala-i-Dschangi wurde die Festung von amerikanischen Truppen aus der Luft und vom Boden aus unter schweren Beschuss genommen. Die Gräueltaten, die sich innerhalb der Festung abspielten, werden in dem Film vom Vorsitzenden des regionalen Roten Kreuzes, Simon Brookes bestätigt. Er besuchte sie kurz nach dem Massaker, inspizierte die Umgebung und fand Leichen mit oftmals schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck.

Der amerikanische Taliban John Walker Lindh gehörte zu den 86 Kämpfern, die das Massaker überlebten, weil sie sich in unter der Festung gelegenen Tunneln versteckt hatten. In einer erschreckenden Szene des Films sieht man geheime Aufnahmen der Vernehmung Lindhs. Er kniet im Wüstensand vor einer langen Reihe gefangener Afghanen und wird von zwei CIA-Beamten verhört. Der Beamte, der das Wort führt, sagt: "Es geht nur darum, dass er entscheiden muss, ob er leben oder sterben will. Aber er wird hier sterben, ob er will oder nicht, denn wir werden ihn hier lassen, und er wird für den Rest seines Lebens im Gefängnis bleiben."

Massaker in Masar beschreibt weiter die Behandlung der übrigen mehreren Tausend Gefangenen, die sich der Nordallianz und den amerikanischen Truppen ergeben hatten. 3.000 der insgesamt 8.000 Gefangenen wurden zu einer Gefängnisanstalt in der Stadt Shibarghan gebracht.

Der Transport erfolgte in geschlossenen Containern ohne Belüftung. Ortsansässige afghanische LKW-Fahrer wurden zwangsverpflichtet, in jedem Container 200 bis 300 Gefangene zu transportieren. Einer der beteiligten Fahrer erzählt, dass bei der Fahrt 150 bis 160 Menschen pro Container starben.

Ein afghanischer Soldat, der den Konvoi begleitete, wurde von einem amerikanischen Kommandeur angewiesen, Löcher in den Container zu schießen, um für Luftzufuhr zu sorgen, obwohl klar war, dass die Schüsse mit Sicherheit die Häftlinge treffen würden. Ein afghanischer Taxifahrer berichtet, dass er mehrere Container gesehen habe, aus deren Unterseite Blut geflossen sei.

Ein weiterer Zeuge berichtet, dass viele der 3.000 Gefangenen gar keine Kämpfer waren und zum Teil nur deshalb von den US-Soldaten und ihren Verbündeten gefangen genommen worden waren, weil sie Pashto sprachen, einen lokalen Dialekt. Afghanische Soldaten bezeugen, dass die überlebenden Kriegsgefangenen nach ihrer Ankunft im Gefängnis von Shibarghan gefoltert und einige von amerikanischen Soldaten willkürlich getötet wurden.

Ein weiterer Afghane, dem man die Strapazen des Kampfs ansieht, beschreibt die Behandlung der Gefangenen in Shibarghan: "Ich sah, wie ein amerikanischer Soldat einem Gefangenen das Genick brach und einen weiteren mit Säure übergoss. Die Amerikaner taten, was sie wollten. Wir konnten sie nicht aufhalten."

Ein weiterer afghanischer Soldat erklärt: "Sie schnitten ihnen die Finger und Zungen ab, sie schnitten ihnen die Haare und die Bärte. Manchmal taten sie das zum Vergnügen, sie brachten die Gefangenen nach draußen, verprügelten sie und brachten sie ins Gefängnis zurück. Aber manchmal kehrte ein Gefangener nicht zurück und verschwand. Ich war dabei."

Ein weiterer afghanischer Zeuge erhebt den Vorwurf, dass die amerikanischen Offiziere, um Satellitenaufnahmen zu entgehen, die Fahrer angewiesen hätten, die mit toten und noch lebenden Opfern gefüllten Containern in die Wüste zu bringen und dort abzuladen. Zwei der zivilen afghanischen LKW-Fahrer bezeugen, dass sie gesehen haben, wie rund 3.000 Gefangene in der Wüste abgeladen wurden.

Nach Angaben eines dieser Fahrer wurden im Beisein von 30 bis 40 amerikanischen Soldaten die noch lebenden Gefangenen erschossen und in der Wüste liegen gelassen, um von Hunden gefressen zu werden. In den letzten, schrecklichen Filmszenen sieht man menschliche Knochen, Schädel und Kleidungsfetzen weit verstreut in der Wüste liegen.

Siehe auch:
Hunderte Kriegsgefangene in Masar-i-Scharif abgeschlachtet
(30. November 2001)