Zum Tode des Paläontologen Stephen J. Gould

Von Walter Gilberti
12. Juli 2002

Stephen J. Gould, der bekannte Harvard-Paläontologe und berühmte Verteidiger der Evolutionstheorie, starb im vergangenen Monat im Alter von 60 Jahren an den Folgen von Krebs. Während des größten Teils seines bewussten Lebens hatte Gould ein enges Verhältnis zu dieser gefürchteten Krankheit.

Zwanzig Jahre zuvor hatte er über eine besonders bösartige Form von Krebs - ein Mesotheliom des Unterbauchs - in einem Kampf obsiegt, den er in einem denkwürdigen Essay zum Gegenstand machte. In The median is not the message [ Der Mittelwert ist nicht die Botschaft ] erklärte er, wie eine spezielle Statistik, in diesem Falle die grimmige Prognose, dass die mittlere Überlebensdauer für diese Sorte Krebs gerade acht Monate betrug, Anlass zu mehr als nur einer Interpretation gab.

Im Laufe von mehr als 30 Jahren war Gould eine der zentralen Persönlichkeiten im amerikanischen wissenschaftlichen Denken, wie auch in der populären Wahrnehmung der Wissenschaft. Seine Ansichten über den Evolutionsprozess, den Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion und das Wesen der menschlichen Geschichte - Ansichten, die oft bemerkenswerte Aufmerksamkeit erlangten - verdienen eine sorgfältige und kritische Prüfung.

Als ausgesprochener Kritiker der Schöpfungslehre, des Kreationismus, erlangte Gould Bedeutung und bekämpfte die Versuche religiöser Konservativer, die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen öffentlicher Schulen zu verbannen. In den 90er Jahren war der Paläontologe dabei behilflich, eine Initiative christlicher Fundamentalisten in Arkansas zur Verhinderung des Unterrichts in Evolutionstheorie zu vereiteln. Er wandte sich öffentlich gegen ein ähnliches Urteil des Erziehungsausschusses von Kansas, dessen Mitglieder schließlich in einer nachfolgenden Wahl abgewählt wurden. Verblüfft von der Ignoranz, die der Erziehungsausschuss von Kansas an den Tag legte, bemerkte Gould, dass der Biologieunterricht ohne Evolution damit vergleichbar sei, "Englisch zu lehren und dabei Grammatik zum freiwilligen Fach zu machen."

Angesichts der gegenwärtigen Anstrengungen der gesetzgebenden Körperschaft des Bundesstaats Ohio, die House Bill 48 zu erlassen, wird man Goulds Stimme des Widerspruchs vermissen. Dabei geht es um ein Gesetz, das ein nebulöses Fach namens "Ursprungswissenschaft" einführen würde und Lehrer dazu zwänge, die biologische Evolution Seite an Seite mit einer kaum verhüllt theologischen, sich als Wissenschaft maskierenden Sichtweise, der Hypothese des "intelligenten Entwurfs", zu unterrichten.

Gould war ein besonderer Meister darin, die gewöhnlichen Argumente der Schöpfungslehre gegen die Evolution niederzureißen - z. B. die Behauptung, dass die Fossilienfunde keine "Zwischenformen" enthielten, die anzeigen würden, dass eine besondere Gruppe von Organismen den Ausgangspunkt für eine völlig neue Gruppe bildete, etwa die der Amphibien für die der Reptilien. Er war sich ebenfalls völlig im Klaren darüber, worin im Gegensatz zum vulgären Gebrauch des Wortes tatsächlich eine wissenschaftliche Theorie besteht. Diese Erklärung kam oft bei Diskussionen ins Spiel, in denen behauptet wurde, dass natürliche Auslese die Theorie sei, doch das Wissen darum, dass Abstammung infolge von Modifikation die ganze Geschichte hindurch passiert sei, eine Tatsache darstelle.

Man wird sich an Gould vor allem als Popularisierer und auch als produktiven Schreiber erinnern. Er verfasste mehr als 20 Bücher, unzählige Essays und lehrte zu Themen, die sich von Darwinismus und Naturgeschichte bis hin zum Baseballsport erstreckten, für welchen er eine lebenslange Leidenschaft hegte. Gould unterhielt ebenfalls eine regelmäßige Kolumne in der Zeitschrift Natural History und war Vorsitzender der American Association for the Advancement of Science.

Zu seinen wichtigsten Büchern zählen Der falsch vermessene Mensch (The mismeasure of Man, 1981), eine vernichtende Kritik der Benutzung von Anthropometrie und Intelligenztests bei der Kategorisierung von Menschen als rassisch "höherwertig" und "minderwertig", und Ontogeny and Phylogeny [ Ontogenese und Phylogenese ] (1977), eine Untersuchung der Beziehung zwischen Evolution und der Entwicklung des individuellen Organismus - ein einfühlsames Überdenken des "biogenetischen Gesetzes" des im 19. Jahrhundert lebenden deutschen Zoologen Ernst Haeckel. Dessen berühmter Aphorismus "Die Ontogenese [Entwicklung des Einzelwesens] ist die kurze Widerholung der Phylogenese [Stammesgeschichte]" wird heute weitgehend zurückgewiesen. Haeckel hielt daran fest, dass die Entwicklung des individuellen Organismus von der Befruchtung bis zur Geburt (Ontogenese) die Evolutionsgeschichte dieses Organismus (Phylogenese) "rekapituliere".

Kurz vor seinem Tode beendete Gould sein Hauptwerk, The Structure of Evolutionary Theory [ Die Struktur der Evolutionstheorie ], eine letzte Zusammenstellung seiner Gedanken zur Evolutionstheorie. Darin unternimmt er eine Synthese des Darwinismus mit seiner eigenen Erklärung für die Geschwindigkeit der evolutionären Transformation des Lebens, die als "Unterbrochenes Gleichgewicht" [Punktualismus oder im Englischen punctuated equilibrium] bekannt geworden ist.

Trotz dieser Errungenschaften und seiner unbestreitbaren Brillanz war Gould eine rätselhafte Persönlichkeit in den Naturwissenschaften. Während er vielen als maßgeblicher Fürsprecher der biologischen Evolutionstheorie nach ihrem heutigen Verständnis erschien, war er zunehmend zur Zielscheibe der Kritik von Kollegen geworden, die mit seiner Interpretation des Evolutionsprozesses nicht übereinstimmten. Die Kontroverse drehte sich um seine Erklärung des unterbrochenen Gleichgewichts und war mit grundlegenden wissenschaftlichen und philosophischen Fragen verbunden.

Das Konzept des unterbrochenen Gleichgewichts stammte eigentlich von Goulds Mentor, dem großen Evolutionsbiologen Ernst Mayr. Die Theorie kombinierte in ihrer ursprünglichen Formulierung Gradualismus mit plötzlichen und relativ raschen Ausbrüchen evolutionären Wandels. Gould stellte jedoch das unterbrochene Gleichgewicht immer mehr in Gegensatz zum Darwinschen Gradualismus und assoziierte rasche evolutionäre Transformationen mit katastrophalen Ereignissen - beispielsweise dem Einschlag eines Kometen oder Asteroiden. Für Gould wurde Gradualismus zu einer Art Stasis, während derer sehr wenig folgenreiches passierte.

Gould schlussfolgerte, dass die plötzlichen Beschleunigungen des evolutionären Wandels, die sich sicherlich durch die Erdgeschichte hindurch ereignet haben, das Resultat von Ereignissen waren, in denen der Zufall die entscheidende Rolle spielte. Der in der Blindheit des natürlichen Ausleseprozesses enthaltene Determinismus der Natur wurde von Gould in seinen Schriften zugunsten des rein Zufälligen immer mehr heruntergespielt. Goulds "radikale" Kontingenz schloss sogar jeglichen Begriff von Richtung aus, wie etwa der Evolution vom Einfachen zum Komplexen.

Man sollte dabei freilich zur Kenntnis nehmen, dass die Darwinsche natürliche Auslese nicht einfach in der Folge einer Katastrophe in Erscheinung tritt, sondern kontinuierlich in diesen angeblich statischen Perioden wütet. Die Arten befinden sich anders ausgedrückt in einem andauernden Kampf, allein ihren angestammten Platz in der Umwelt zu behaupten.

In einem neueren Buch kritisierte Ernst Mayr Goulds Interpretation des unterbrochenen Gleichgewichts. Mayr erklärte: "Von manchen Autoren (Gould, 1971) wurde behauptet, dass das Auftreten unterbrochener Gleichgewichtslagen der graduellen Darwinschen Evolution widerspricht. Dies ist nicht korrekt. Selbst unterbrochene Gleichgewichtslagen, die auf den ersten Blick Saltationismus und Diskontinuität zu stützen scheinen, sind in Wirklichkeit strenge Populationsphänomene und aus diesem Grunde graduell. Sie befinden sich in keinerlei Hinsicht im Widerspruch zur evolutionären Synthese."

Mayr behauptet in seiner Antwort an Gould nicht, dass es keine plötzlichen evolutionären Sprünge (Saltationismus) geben könne. Es gibt viele Beispiele raschen evolutionären Wandels, zu denen auch die Entwicklung der Menschen gehört. Stattdessen weist Mayr darauf hin, dass Evolution ein Populationsphänomen ist, das sich auf der Ebene der Arten abspielt.

Doch es war die Veröffentlichung von Zufall Mensch: das Wunder des Lebens als Spiel der Natur [ Wonderful Life: the Burgess Shale and the Nature of History ] im Jahre 1989, Goulds einnehmende, doch fehlerhafte Analyse der Fossilien dieses berühmten Fundortes (im Schiefer von Burgess) in den kanadischen Rocky Mountains, die die größte Kontroverse hervorrief. In Zufall Mensch analysierte er das bemerkenswerte Ensemble von Organismen, die explosionsartig vor 570 Millionen Jahren entstanden. Dieser Zeitpunkt markiert den Übergang vom Präkambrium, des riesigen Abschnitts der Erdgeschichte, in dem weichschalige, ein- und mehrzellige Organismen dominierten, zum Kambrium, in dem es zu der relativ plötzlichen Entstehung der wichtigsten Stämme [Phyla] kam, aus denen die heutige Tierwelt besteht.

In Zufall Mensch erhärtete Gould sein Argument zugunsten der dominierenden Rolle des Zufalls im evolutionären Prozess. Gould untersuchte von neuem die ungewöhnlichen Kreaturen, die zur Reichhaltigkeit des Meereslebens an der Grenze zwischen Präkambrium und Kambrium beitrugen und die beinahe ein Jahrhundert zuvor von Charles Doolittle Walcott entdeckt und analysiert worden waren. Gould staunte über den einzigartigen Körperbau einiger der Fossilien des Burgess-Schiefers - Morphologien, die auf den ersten Blick so völlig von allem heutzutage lebenden verschieden erschienen.

In Zufall Mensch kritisierte Gould Walcotts "linearen" Zugang zur Evolution, demzufolge der alte Paläontologe einfach annahm, dass die Kreaturen, die ihre Abdrücke im Burgess-Schiefer hinterließen, sich mit Darwinschem Gradualismus zu den heutigen Stämmen entwickelt hatten. Im Gegensatz dazu kam Gould auf der Basis neuerer Analysen dreier Paläontologen aus Großbritannien und Irland zu dem Schluss, dass viele der ausgestorbenen Meeresorganismen einen Körperbau hatten, der in Wirklichkeit verschieden von der heutigen globalen Fauna sei, und darüber hinaus keine Nachfolger hinterlassen hätten.

Auf diese Weise folgerte Gould, dass der Fortbestand lediglich eines einzigen der vielen Körpertypen, die einst die seichten Gewässer der kambrischen Periode bevölkerten, ein völlig vom Zufall bestimmtes Ereignis darstelle - das durch was auch immer verursacht wurde und zu einem Massenaussterben geführt hat, von dem man weiß, dass es vor etwas weniger als 570 Millionen Jahren stattgefunden hat. Wenn man die Zeit zurückdrehen würde, erklärte Gould, würde das Ergebnis bei einem erneuten Ablauf völlig verschieden sein. Angetrieben von seiner Analyse der Fossilien des Burgess-Schiefers beendete Gould sein Buch mit einer Art kontrafaktischen Exzesses zu menschlicher Evolution und Geschichte, in dem das wirksame Konzept die Dominanz des Kontingenten, d. h. Zufälligen und Möglichen, darstellt.

Kontrafakte, d. h. "Was-wäre-wenn-Szenarios", sind gewiss wichtige Werkzeuge in Wissenschaft und Geschichte. Es gibt zahlreiche Beispiele in der Geschichte, in denen der Zufall eine enorme Rolle in der Änderung des Ereignisablaufs gespielt hat. Doch es gibt eine komplexe Wechselbeziehung zwischen Zufall und Notwendigkeit, die der Philosoph Hegel ebenso wie die großen marxistischen Denker insbesondere Engels hervorgehoben haben, mit deren Auslassungen zu diesem Thema Gould mit Sicherheit vertraut war.

Nach der Veröffentlichung von Zufall Mensch geriet Goulds Interpretation der Burgess-Schiefer-Fossilien bei den Paläontologen ins Kreuzfeuer der Kritik, woraufhin er seine Ansichten ein wenig änderte. Doch die Fragen, die der spätere Paläontologe aufwarf, sind komplex und bedeutungsvoll. Worin besteht die Beziehung zwischen Zufall und Notwendigkeit in der Natur? Kann man vom Fortschreiten von niederen zu höheren Formen in der Evolution des Lebens sprechen? Ist die Evolution des Bewusstseins rein zufällig, oder handelt es sich um eine der Natur innewohnende Tendenz?

Gould schrieb: "Argumentiere ich wirklich, dass nichts über die Geschichte des Lebens vorhergesagt werden kann oder unmittelbar aus den allgemeinen Naturgesetzen folgen könnte? Selbstverständlich nicht: Die Frage, die sich uns stellt, ist eine der Größenordnung, oder des Betrachtungshorizontes. Leben weist eine Struktur auf, die physikalischen Gesetzen gehorcht. Wir leben nicht inmitten eines Chaos historischer Umstände, unberührt von jeglichem der ‘wissenschaftlichen Methode' Zugänglichen, wie es traditionell gesehen wurde ... Doch diese Phänomene, so reichhaltig und ausgeprägt sie auch sein mögen, liegen zu weit von den Details entfernt, die uns in bezug auf die Geschichte des Lebens interessieren. Unabänderliche Naturgesetze bestimmen die allgemeinen Formen und Funktionen von Organismen; sie bestimmen die Bahnen, innerhalb derer sich organische Gestalt entwickeln muss. Aber die Bahnen sind so breit im Verhältnis zu den Details, die uns faszinieren ... Charles Darwin würdigte diese zentrale Unterscheidung zwischen Gesetzmäßigkeiten im Hintergrund und Kontingenz in den Details in einem gefeierten Briefwechsel mit dem hingebungsvollen christlichen Evolutionisten Asa Gray."

Mit diesem "Gott-steckt-in-den-Details-Ansatz" ergänzte Gould weiter: "Das bedeutet - und wir müssen die Schlussfolgerung genau ins Auge fassen - dass der Ursprung des Homo sapiens, als eines winzigen Zweigs auf einem unwahrscheinlichen Ast eines kontingenten Stamms an einem glücklichen Baum, deutlich unterhalb der Grenze [zwischen Gesetzmäßigkeit und Kontingenz, WG] liegt ... Homo sapiens, fürchte ich, ist ein ‘Ding so klein' im riesigen Universum, ein fürchterlich unwahrscheinliches Ereignis, gründlich innerhalb des Bereichs der Kontingenz."

Gould hat mit seiner Bemerkung nicht unbedingt unrecht, dass unsere Art, die sich im Vergleich zu den evolutionären Zeitläufen der meisten anderen Organismen so früh in ihrer Entwicklung befindet, in der Tat ein winziger evolutionärer Zweig sein könnte. Gould irrte sich vielmehr in seiner Leugnung der wachsenden Potentialität in der menschlichen Evolution und seiner Begründung dieser Entwicklung - dieses "Details" - mit dem alleinigen Wirken des Zufalls, womit Notwendigkeit, Vorherbestimmung und Entwicklungsrichtung so weit in die Ferne rücken, als ob sie keinerlei Einfluss hätten.

Obwohl es stimmt, dass unsere Art, Homo sapiens, nicht vorherbestimmt war aus dem Australopithecus hervorzugehen, so war doch das Potential für die weitere Entwicklung entlang der Bahnen, die von der Evolution der aufrechten Haltung und der zweibeinigen Fortbewegung eröffnet worden waren, mit Gewissheit vorhanden. Mehr noch, der große Sprung vom Australopithecus zum Homo erectus, zweifellos ausgelöst durch das komplexe Wechselspiel von Biologie und den ersten Regungen einer wahrlich menschlichen Kultur, gab den Aussichten für das Entstehen von anatomisch modernen Menschen eine außerordentlich hohe Wahrscheinlichkeit.

Der Biochemiker und Nobelpreisträger Christian de Duve hat dies kurz und bündig in seinem wundervollen Buch Aus Staub geboren: Leben als kosmische Zwangsläufigkeit [ Vital Dust: Life as a Cosmic Imperative ] ausgedrückt. De Duve, ein Spezialist in der chemischen Zusammensetzung des Lebens, argumentiert, dass die natürliche Auslese auf der makromolekularen Ebene operierte, bevor lebende Systeme sich entwickelten, und dass die chemischen Reaktionen, die schließlich in der Bildung dieser lebenden Systeme zusammenwirkten, einem strikten Determinismus unterlagen, der sowohl Zufall als auch Notwendigkeit miteinander verband. De Duve schreibt: "Mutationen sind zufällige Ereignisse, was, wie oft behauptet wird, eine Sicht der Evolution als vom Zufall bestimmt nach sich zieht. Obwohl ich die Rolle des Zufalls in der Evolution nicht leugne, weise ich darauf hin, dass Zufall innerhalb physikalischer, chemischer, biologischer, ökologischer Zwangslagen operiert, durch die sein freies Spiel eingeschränkt ist."

De Duve fährt fort: "Diese Evolution erscheint dominiert von Biodiversität, einer Überfülle von Arten, Produkten zufälliger Mutationen, die einen gewissen Vorteil in einer bestimmten Umgebung aufweisen. Mit dieser Variabilität jedoch ergibt sich ein Trend zur Komplexifizierung. Diese beiden Eigenschaften liefern die Erklärung für die Struktur des ‘Baums des Lebens'. Zuerst ist da der Stamm, der von einer Serie von ‘Gabelungsorganismen' gebildet wird, von denen jeder durch eine Mutation variiert wurde, die den Körperbau erheblich in Richtung größerer Komplexität geändert hat. Dann gibt es das System der sich verzweigenden Äste, die zunehmend trivialere Abwandlungen des etablierten Körperschemas darstellen [wofür sich Gould interessiert, WG], die dann Hauptquelle von Verschiedenheit innerhalb jeder größeren Gruppe bilden. Diese Unterscheidung versöhnt zwei Sichtweisen des Lebens, die in der Vergangenheit oft gegeneinander gestellt wurden; es stellt Zufall und Notwendigkeit in die richtige Perspektive."

Es gibt ein weiteres größeres Merkmal der Evolution, das Goulds starre Trennung von Zufall und Notwendigkeit widerlegt - Konvergenz. Trotz Katastrophen, trotz der Launenhaftigkeit der Natur entwickelten sich bestimmte Tendenzen im Lauf der Geschichte des Lebens nicht nur einmal, sondern mehrere Male, und ihre Herausbildung erfolgte deutlich hin zu größerer Komplexität. Zwei prominente Beispiele sind die Evolution des Fliegens und die Evolution des Auges.

Konvergente Evolution passiert, wenn zwei oder mehr Organismen oft mit weitgehend auseinander liegender evolutionärer Vorgeschichte unabhängig voneinander ähnliche Anpassungen an von der Umwelt gestellte Probleme entwickeln. Im Falle der Evolution des Fliegens drücken Fledermäuse und Vögel diese Tendenz aus. Bezüglich des Sehens weisen das unvergleichliche Auge des Adlers, das komplexe Auge des Octopus (nicht einmal ein Wirbeltier!) und das menschliche Auge eine Konvergenz in Richtung visueller Schärfe und Komplexität auf.

Gewiss sind an diesen Entwicklungen Zufälle in Gestalt von Mutationen, periodischen Zufallsveränderungen der DNS, beteiligt. Doch vermittels dieser scheinbaren Zufälle operiert ein umfassender Determinismus. Das Leben schickt sich an, alle bewohnbaren Nischen zu besetzen - die Nische des Fliegens, jene Nischen, die scharfe Farbwahrnehmung erfordern, und die Nische, die die Entwicklung von Bewusstsein erfordert. Auf diese Weise stellt das menschliche Bewusstsein, weit entfernt davon, durch glückliche Umstände entstanden zu sein, die Realisierung richtungsgebundener Tendenzen in der Evolution des Lebens hin zu komplexeren sensorischen Fähigkeiten und größeren und besseren Hirnen dar.

Goulds Interpretation der Evolution, in der die Bedeutung der Notwendigkeit in der Natur zugunsten der zügellosen Operation des Zufalls herabgemindert wird, offenbarte letzten Endes einen tiefen Pessimismus über die Aussichten der Menschheit. Dieser Pessimismus prägte seine Sicht auf den Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion bis zu dem Punkt, an dem Goulds Position hinsichtlich des unablässigen Angriffs auf die Evolutionstheorie von christlichen Fundamentalisten und der katholischen Kirche zunehmend vorsichtig und versöhnlich wurde.

Es ist kein Zufall, dass die Hypothese vom "intelligenten Entwurf", die neue Strategie, mit der die Religion in öffentliche Schulen hineingeschmuggelt werden soll, sich an der Vorstellung festbeißt, dass die Verteidigung der Darwinschen Evolution durch natürliche Auslese bedeutet, das Wirken überwältigender Kontingenz zu akzeptieren, ohne Richtung und "Zweck". In einem Essay, The accidental creationist: Why Stephen J. Gould ist bad for evolution [ Der zufällige Schöpfungstheoretiker: Warum Stephen J. Gould schlecht für die Evolution ist ], der zuerst in der Zeitschrift New Yorker 1999 veröffentlicht wurde, kommentierte der Wissenschaftsjournalist Robert Wright wie folgt:

"Im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte ... hat Gould eine besondere Sichtweise der Evolution vertreten. Er betont ihre zufälligeren Aspekte - ökologische Katastrophen und ähnliche Launen der Natur - und spielt die Kraft der natürlichen Auslese herunter, komplexe Lebensformen zu gestalten. Tatsache ist, dass wenn man wirklich darauf achtet, was er sagt, und es akzeptiert, man beginnen könnte sich zu fragen, wie die Evolution etwas derartig Verzwicktes wie das menschliches Wesen geschaffen haben kann. Wie das so ist, haben sich die Anhänger der Schöpfungslehre genau die gleiche Frage gestellt, und sie sind hocherfreut, einen Harvard-Paläontologen zu haben, der ihre Zweifel nähren wird."

Obwohl Gould stets dabei geblieben ist, dass Religion im Gegensatz zur Wissenschaft eine offenkundig falsche Sichtweise auf die Welt darstellt, leugnete er zunehmend, dass sich die beiden im Widerstreit befinden. Gould begrüßte die extrem eingeschränkte Anerkennung der Darwinschen Evolution durch den Papst im Jahre 1996, auch wenn die vatikanische "Botschaft für die pontifikale Akademie der Wissenschaften" ihren Glauben deutlich machte, dass jegliche Betrachtung der Ursprünge des Universums, des Lebens und des menschlichen Bewusstseins eine Angelegenheit der Erkenntnistheorie, nicht der Wissenschaft wäre.

Freilich muss hierzu gesagt werden, dass der Vatikan mit der Erhebung der Frage auf das Niveau der Erkenntnistheorie den Fehdehandschuh hinwirft und im wesentlichen behauptet, was die meisten Wissenschaftler und Kleriker anerkennen, aber nicht zugeben wollen: dass die Evolutionstheorie - nein, wirklich alle wissenschaftliche Theorie - und die Religion auf zwei unversöhnlich entgegengesetzten Weltsichten beruhen. Gould vollzieht eine Anpassung an die Religion, indem er behauptet, dass sie und die Wissenschaft verschiedene "Magisteria" [mittelalterliche kirchliche Bezeichnung für Lehramt - d. Übers.] okkupierten. Das religiöse Magisterium wäre mit Moral und Ethik befasst, während das wissenschaftliche Magisterium von der Welt der Natur handelte.

Goulds Friedensangebot wurde freilich nicht im gleichen Maße erwidert. Weder der Vatikan noch die christlichen Fundamentalisten sind an einem "Leben-und-leben-Lassen" hinsichtlich der Verbreitung der wissenschaftlichen Evolution als Erklärung für den Ursprung des Lebens und der Menschheit interessiert. Keiner wusste dies besser als Gould.

Wie kann es daher passieren, dass ein Wissenschaftler, der sein ganzes Leben der Erklärung der Ursprünge des Lebens gewidmet hatte, sein Leben beendet, indem er das Leichentuch über seine früheren wissenschaftlichen Errungenschaften und seine Philosophie wirft?

Es gibt eine wundervolle Passage in Karl Marx' Einführung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in der er die Wichtigkeit der Kritik der Religion erklärt: "Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik" (MEW, Band 1, S 379).

Vielleicht fand Gould, als er gegen die religiöse Rechte in Arkansas und anderswo auftrat, dass diese rückwärtsgewandten Elemente eine weitergehende politische Tagesordnung hatten. Statt sich der religiösen Ideologie direkt entgegenzusetzen, suchte Gould zunehmend eine Übereinkunft mit ihr. In dieser Hinsicht ist es völlig angemessen, Goulds Sichtweise mit derjenigen des anderen großen Popularisators der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Weltbilds zu vergleichen, des verstorbenen Carl Sagan.

Stephen Jay Gould betrachtete sich selbst als Agnostiker, während Sagan, obwohl kein offener Atheist, keine Anpassung an die Religion vornahm, wie aus seinen Schriften deutlich hervorgeht. In Der Drache in meiner Garage oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven [ The Demon-Haunted World ] schrieb Sagan: "Man bedenke, wie viele Religionen sich selbst durch Prophetie für gültig zu erklären suchen. Man bedenke, wie viele Menschen auf diese Prophezeiungen bauen, wie vage, wie unerfüllt sie auch sein mögen, um ihren Glauben zu stärken und zu stützen. Doch gab es jemals eine Religion mit der prophetischen Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Wissenschaft? Keine andere menschliche Institution kommt dem nahe."

Goulds Agnostizismus mag manch einem angesichts seines familiären und wissenschaftlichen Hintergrundes erstaunlich vorgekommen sein. Aber Agnostizismus verträgt sich mit einer Weltsicht, die skeptisch ist hinsichtlich der Objektivität des menschlichen Wissens. Das Wort stammt von dem großen Biologen des neunzehnten Jahrhunderts Thomas Henry Huxley, der im Bemühen, Anschuldigungen der sich festigenden britischen Kapitalistenklasse in Bezug auf seinen angeblichen Atheismus zu erwidern, die Existenz nicht beantwortbarer Fragen nahe legte - beispielsweise der Existenz oder Nichtexistenz von Gott. Darüber hinaus setzte Gould mit seiner Überbetonung der Rolle des Zufalls in der Natur ernste Grenzen für die Vorhersagefähigkeit der Wissenschaft.

Leider sind sowohl Stephen Jay Gould als auch Carl Sagan nicht mehr da. Beide starben viel zu früh, auf dem Höhepunkt ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Es steht zu hoffen, dass statt ihrer andere Wissenschaftler hervortreten werden, um vor der Menschheit für die Wissenschaft und gegen religiösen Obskurantismus einzutreten.

***

Zitierte Literatur in deutscher Übersetzung:

Christian de Duve: Aus Staub geboren: Leben als kosmische Zwangsläufigkeit, Rowohlt 1997.

Stephen Jay Gould: Der falsch vermessene Mensch, Suhrkamp 1994.

Stephen Jay Gould: Zufall Mensch: das Wunder des Lebens als Spiel der Natur, dtv 1994.

Carl Sagan: Der Drache in meiner Garage oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven, Knaur 2000.

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