"Das Ende ist der Anfang" - der siebente Band der Geschichte der Linken Opposition gegen den Stalinismus von Wadim Rogowin ist erschienen

Am 15. Mai fand im Moskauer Institut für die Entwicklung der Presse die Präsentation des siebenten Bandes der historischen Untersuchung Gab es eine Alternative? des marxistischen Historikers und Soziologen Wadim Rogowin statt. Die Veranstaltung wurde von Wadims Witwe Galina Iwanowna Rogowina-Waljuschenitsch organisiert und war gleichzeitig seinem 65. Geburtstag gewidmet.

Diese Veranstaltung war ein wichtiges wissenschaftliches und historisches Ereignis von internationaler Bedeutung. Unter den Bedingungen des tiefen politischen, kulturellen und intellektuellen Niedergangs, der den Zusammenbruch der UdSSR und die darauf folgende Periode begleitete, stellte sie einen wichtigen Schritt zur Wiederherstellung der historischen Wahrheit über die Sowjetgeschichte und die Traditionen einer internationalen sozialistischen Kultur dar.

Der siebente Band der historischen Untersuchung von Wadim Rogowin unter dem Titel "Das Ende ist der Anfang" erschien Ende April diesen Jahres. Dieses Buch ist der abschließende Band der Arbeit, auf die sich der Autor in den 90er Jahren konzentriert hatte - die Aufarbeitung der Geschichte der marxistischen Opposition gegen den Stalinismus in der Sowjetunion zwischen 1923 und 1940.

"Das Ende ist der Anfang" beleuchtet die Ereignisse zwischen 1939 und 1941 und behandelt drei grundlegende Themenbereiche: die Lage in der Sowjetunion nach dem Großen Terror bis zum Einmarsch der Hitler-Armeen; die internationalen Beziehungen dieser Periode, insbesondere zwischen Hitler-Deutschland und dem Stalin-Regime; die Umstände der Ermordung Leo Trotzkis 1940 in Mexiko.

Unter den über 70 Teilnehmern der Veranstaltung befanden sich Studenten, Arbeiter, Journalisten, Freunde und Kollegen Wadim Rogowins vom Soziologischen Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften sowie Vertreter einiger linker Tendenzen. Ebenfalls anwesend waren die Kinder von Anhängern der Linken Opposition, die den blutigen Terror Stalins überlebt haben: Waleri Borisowitsch Bronstein (ein Großenkel Leo Trotzkis), Tatjana Iwarowna Smilga (die Tochter des bekannten Bolschewiken Iwar Smilga), Sorja Leonidowna Serebrjakowa (die Tochter von Lenins Sekretär Leonid Petrowitsch Serebrjakow), Juri Witaljewitsch Primakow (der Sohn des Armeebefehlshabers Witali Primakow).

Michael Wojekow, Doktor der Wirtschaftswissenschaften, Professor an der Russischen Akademie der Wissenschaften und Präsident des russischen Trotzki-Institutes, bemerkte einleitend, dass der Anlass, aus dem sich alle Anwesenden versammelt haben, ein "historisches Ereignis im Leben unseres Landes und nicht nur unseres Landes" ist. Er äußerte seine Begeisterung über Wadim Rogowins erstaunlichen Beitrag zur Aufarbeitung und zum Verständnis der Geschichte der Sowjetunion.

Wojekow hob hervor, dass Rogowin es nur deshalb möglich war, ein derartig kolossales Material zusammenzutragen, weil er sein ganzes Leben lang dem Studium dieses Themas gewidmet hat. Aus einzelnen Beobachtungen ergab sich ein großes historisches Mosaik.

"Nach dem Lesen der Arbeiten von Rogowin", sagte Wojekow, "beginnt man die ganze Kraft und Stärke von Trotzkis Intellekt zu verstehen, genauso wie die Realität jener Alternative zu der uns aus eigener Erfahrung bekannten Sowjetunion, die einmal, so hoffe ich, kommen wird."

Danach kam die Witwe, Freundin und Lebensgefährtin Wadim Rogwins, Galina Rogowina-Waljuschenitsch, zu Wort. Ihrer Anstrengung ist es zu verdanken, dass der unvollendete siebente Band Wadims historischer Untersuchung jetzt im Russischen veröffentlicht wurde.

Sie sprach über Wadims persönliche Entwicklung, wie das Interesse an diesen Fragen in ihm herangereift ist und unter welchen Bedingungen er diese große Arbeit vollbracht hat. Sie ging ein auf die beinahe völlige Isolation, in der Wadim nach dem Ende der Perestroika seine Ideen schriftlich ausarbeitete, als er von all jenen für sein Festhalten an sozialistischen Ideen belächelt wurde, die sich der kapitalistischen Hysterie Anfang der 90er in die Arme warfen und ihren eigenen Aufstieg allem anderen voranstellten. Lediglich in der Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale fand er Ermutigung und konstruktive Unterstützung in dieser Arbeit. In bewegenden Worten schilderte sie ihren gemeinsamen Kampf gegen Wadims Krebskrankheit, der sie entgegen allen ärztlichen Diagnosen noch fünf Lebensjahre und somit das Erscheinen der letzten fünf Bände abringen konnten.

Galja Rogowinas Redebeitrag wurde bereits auf der WSWS veröffentlicht.

Nach ihr sprach David North, der Vorsitzende der Redaktion der WSWS, der in seinem Redebeitrag, der ebenfalls bereits veröffentlich wurde, insbesondere die wissenschaftliche und historische Bedeutung von Wadims Leben und Werk würdigte. Er sprach von Menschen, die in der Lage sind, über den Rahmen ihrer endlichen physischen Existenz hinauszugehen und etwas Neues und Wichtiges in das "kollektive gesellschaftliche Sein der Menschheit" einzubringen, womit sie in das Bewusstsein der nachfolgenden Generationen eingehen: "Ein solches Leben war das Leben Wadim Sacharowitsch Rogowins."

Boris Slawin, Doktor der Philosophie und Professor der Gorbatschow-Stiftung, sprach über die außergewöhnliche Anziehungskraft der Bücher Wadim Rogowins, die den Leser nicht weniger gefangen nehmen als ein Kriminalroman.

"Mir scheint", sagte er, "dass die entscheidende historische Errungenschaft Rogowins darin besteht, dass er ein Verständnis davon vermittelt, dass es eine alternative Geschichte gibt. War die Geschichte, die wir kennen gelernt haben, eine Verfälschung der tatsächlichen russischen Geschichte - es war die stalinsche Version dieser Geschichte -, so können wir jetzt aus den Büchern Rogowins die alternative Geschichte kennen lernen, den Versuch, eine objektive Analyse aller Prozesse jener Zeit zu geben.

Die wichtigste Frage, die Rogowin stellte und auf die wir in seinen Büchern eine Antwort finden können, besteht darin, was mit uns in den 20er, 30er und 40er Jahren, aber auch Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre geschah. Was ist passiert? Was für eine Gesellschaft haben wir verloren? Was gab es in dieser Gesellschaft? Was gab es in ihr Schlechtes bzw. Gutes? Kann man diese Gesellschaft mit einer Farbe zeichnen? Oder war diese Gesellschaft widersprüchlich? In ihr gab es Menschen, die für die Verwirklichung derjenigen Ideen eintraten, die die Oktoberrevolution auf ihre Banner geschrieben hatte - Ideen, die bis heute nicht verwirklicht sind, die aber vielleicht verwirklicht werden.

Darin besteht der besondere Pathos der Bücher Rogowins. Er war ein einzigartiger Mensch, und er war einsam. Doch diese Einsamkeit war eine politische Einsamkeit, weil die Kräfte, die dominiert haben und in dieser Zeit Geschichte schrieben, nicht seine politischen Kräfte waren, nicht diejenigen Kräfte, von denen er hätte Unterstützung bekommen können."

Die Schriftstellerin Olga Trifonowa, die Witwe des Schriftstellers Juri Trifonow, sprach über die geistige Nähe von Wadim Rogowin und Juri Trifonow, einem der bedeutendsten sowjetischen Schriftsteller der Nachkriegszeit.

"Die Ansichten Wadim Sacharowitschs mussten einen großen Einfluss auf Juri Walentinowitsch gehabt haben, der der Geschichte ergeben war und sie liebte und deshalb nicht nur Schriftsteller war, sondern auch ein sehr ernsthafter Historiker. Das erklärt natürlich seine Kommunikation mit Wadim Sacharowitsch.

Wenn ich mir eine der letzten Fotografien von Wadim Sacharowitsch anschaue und diese sehr bekümmerten Falten an den Lippen sehe, dann kommt mir das sehr bekannt vor. Wissen Sie, er war trotzdem ein glücklicher Mensch. Das Schicksal schenkte ihm diese bemerkenswerte Frau, diese Liebe - das hat nicht jeder, nicht jedem macht das Schicksal ein solches Geschenk. Das Schicksal ließ ihn mit außergewöhnlichen Freunden zusammentreffen, die ihm sehr zugetan waren. Davon zeugen ihre Worte, die wir auf dieser Versammlung gehört haben. Außerdem sind alle seine Bücher veröffentlicht worden, was ein Glück ist.

Wir haben uns versammelt, um eines Menschen zu gedenken, der Erfolg hatte und der im Leben auch Erfüllung und die Verwirklichung seiner größten Hoffnungen und Wünsche gefunden hat - die Bücher. Ich bin überzeugt, dass sein Name niemals vergessen wird."

Danach sprachen noch Professor Andrej Iwanowitsch Worobjow, Mitglied der Akademie der medizinischen Wissenschaften, ein Vertreter von Militant aus Irland, Mark Golowisnin, ehemaliger Mitarbeiter und Assistent von Rogowin, der eine briefliche Botschaft von Jean-Jaques Marie verlas, einem Mitglied des Parti des Travailleurs (PT) in Frankreich.

Im Anschluss an den offiziellen Teil der Veranstaltung ergriffen noch viele der Versammelten das Wort und berichteten über persönliche Begegnungen und Diskussionen mit Wadim und über seine Bedeutung für sie, ihre Leben und ihre Arbeit.

Insgesamt markierte diese Veranstaltung eine wichtige Veränderung in der Beziehung der Werke von Wadim Rogowin zu breiteren Schichten der Gesellschaft. Die rege Anteilnahme und Diskussion zeigte, dass die Ernüchterung über die Perspektiven in einem kapitalistischen Russland und einer kapitalistischen Welt unweigerlich zu einem neuen Interesse an der vom Stalinismus unverfälschten Bedeutung der Oktoberrevolution und deren aktivsten Beteiligten und Verteidigern führen muss.

Lebte und arbeitete Wadim in beinahe völliger Isolation und war sein Tod vor vier Jahren den Medien nur eine einzige kleine Notiz in der Prawda wert, so steht auch die recht starke Medienpräsenz auf der Veranstaltung für diese Veränderungen. Einen Tag später wurde in einem der wichtigsten Radiosender Moskaus, Echo Moskau, ausführlich und sehr positiv über diese Veranstaltung berichtet.

Die Geschichte des Kampfes der in der Linken Opposition vereinigten Marxisten gegen die stalinistische Degeneration der Sowjetunion lässt sich nicht mehr mit den alten Lügen vertuschen, und eine neue Auseinandersetzung wird darüber beginnen. Das Lebenswerk von Wadim wird dann zum Zentrum einer breiten internationalen Debatte werden und die größte Erfüllung für das Festhalten an seinen Ideen bringen.

Siehe auch:
Eine Würdigung Wadim Rogowins von David North
(28. Mai 2002)
Eine Würdigung Wadim Rogowins von Galina Rogowina-Waluschenitsch
( 18. Juni 2002)
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