Die sozialen Kosten der Krise Argentiniens

Von Rafael Azul
24. August 2002

Der Eindruck drängt sich nicht unmittelbar auf - wer Buenos Aires besucht, braucht ein paar Stunden, bis er die verheerenden Auswirkungen wahrnimmt, die Argentiniens wirtschaftliche Depression auf das Sozialgefüge dieses Landes haben. Abends, wenn das hastige Treiben, das jeder größeren Metropole eigen ist, zur Ruhe kommt, sind die Krisenzeichen erkennbar: bettelnde Eltern mit ihren Kindern, hungrige Menschen, die Überreste der Restaurants essen, Obdachlose, die sich für die kommende Nacht einrichten. Im Herzen der Stadt spielen drei- und vierjährige bettelnde Kinder kleine Musikinstrumente. In den bessersituierten Vierteln bieten Neun- und Zehnjährige an, die an der Straße geparkten Wagen zu bewachen.

Jeden Abend überschwemmt eine Armee von 100.000 "Cartoneros" - im wörtlichen Sinn Kartonsammler - die Hauptstraßen von Buenos Aires, um Pappe, Papier und Glas aufzusammeln, das sich gegen einige wenige Münzen an Recycler verkaufen lässt. Ein Kilogramm der begehrtesten Ware - weißen Schreibpapiers - bringt 15 Centavos (etwa 4,5 Cent) ein. In einem siebenstündigen Arbeitstag bringt es eine durchschnittliche Cartoneros-Familie auf 50 Kilogramm Papier, was ihr ein monatliches Einkommen von 150 bis 200 Pesos (45 bis 60 €) einträgt, kaum genug, um Essen auf den Tisch zu bringen.

Diese Tätigkeit wird in jeder argentinischen Stadt für Tausende von Familien immer mehr zur einzigen Einkommensquelle. Erst hatten nur arbeitslose Familienoberhäupter diesen Job ausgeübt. Jetzt ist die Konkurrenz groß, und oftmals ist die ganze Familie im Einsatz.

Fünf Abende die Woche bringt ein "weißer Zug" mit Holzwagen ohne Sitze die Cartoneros aus der verarmten Stadt José León Suarez im nördlichen Gewerbegebiet von Buenos Aires in die innerstädtischen Viertel. Die Passagiere zahlen 10,5 Pesos für eine Fahrkarte für 15 Tage. Die Zahl der Passagiere ist von 300 täglich im letzten Dezember auf über 2.000 angestiegen.

Obwohl sie im allgemeinen keiner illegalen Tätigkeit nachgehen, sind Cartoneros oft gezwungen, Schutzgelder bis zu 20 Pesos die Woche zu zahlen, um vor Nachstellungen der Polizei sicher zu sein. Es gibt auch weniger legale Formen des Recyclings, bei dem verzweifelte Menschen gusseiserne Abflussrohre, Telefonkabel, Ampeln und die Aluminium-Sonnendächer der Vorortzüge verkaufen, die sie zuvor auf offener Straße abmontiert haben - alles, um Hunger und Obdachlosigkeit zu vermeiden.

Da die Menschen nicht mehr in der Lage sind, die 300 bis 450 Pesos Miete für ihre Zweizimmerwohnung in Buenos Aires aufzubringen, kommt es täglich Dutzende Male zu Wohnungsräumungen. Und selbst wenn die Räumung vermieden wird, so wird Hunderttausenden Argentiniern Strom, Gas und Wasser wegen unbezahlter Rechnungen abgestellt. Ein Bericht über die jüdische Gemeinde von Buenos Aires, in der die Mittelklasse dominiert, geht davon aus, dass zehn Prozent (17.500) nicht ausreichend zu essen bekommen, 1.700 obdachlos sind, zahllose weitere bei ihren Verwandten leben und viele kein Licht, Gas oder Telefon mehr haben.

Die Regierungen auf städtischer, regionaler und Landesebene sind zutiefst in Korruption verstrickt und haben schon seit langem jede Verantwortung für die Aufrechterhaltung eines Mindeststandards für die Armen aufgegeben. Sie drehen diesen sozialen Problemen einfach den Rücken zu.

Der Industriegürtel um Buenos Aires ist besonders schwer von Entlassungen betroffen. Die offizielle Arbeitslosigkeit übersteigt in diesem Gebiet 24 Prozent, kann sich jedoch in Wirklichkeit auf 30 Prozent oder mehr belaufen. Im nationalen Maßstab hat nur jeder zweite Arbeiter noch eine volle Arbeitsstelle.

Unter denen, die als beschäftigt gelten, befinden sich: Kuriere - "Cadetes" - die ihre eigenen Motorräder unterhalten müssen und lediglich für die Trinkgelder arbeiten, die sie von den Kunden erhalten, die sie beliefern; ein Überangebot an Taxifahrern, die aggressiv um eine schwindende Nachfrage nach ihrer Dienstleistung kämpfen; Toilettenwärter, die von den Trinkgeldern der Benutzer abhängig sind; Hausdiener, die früher als Radio und TV-Sprecher gearbeitet haben; Parkplatzwächter mit Universitätsabschluss; sowie Fachelektroniker, die davon leben, dass sie Bastelarbeiten auf der Straße verkaufen.

Wer noch Vollzeit arbeitet, tut das unter erschwerten Bedingungen. Bei dem riesigen Stahlkomplex Acindar nahe Rosario haben junge Arbeiter ihren früher üblichen Gesundheits- oder Arbeitsschutz verloren. Ihre Schichten werden vom Management willkürlich verändert und ihre Löhne wurden um ca. 30 Prozent gekürzt.

Die Länge des Arbeitstags steht in keinem Verhältnis mehr zu den gesetzlichen Bestimmungen. Besonders in kleineren Betrieben müssen viele Arbeiter buchstäblich rund um die Uhr arbeiten - 14 Stunden am Tag, sechseinhalb Tage in der Woche. Ein Angestellter eines Supermarkts in Rosario sagte, dass ihm seine 300 Peso Monatslohn nur für drei Wochen im Monat reichen, obwohl er wieder bei seiner Mutter lebt.

Im gesamten Land ist der Lebensstandard um 70 Prozent und das Bruttosozialprodukt um 17 Prozent gefallen. Mindestens 2,3 Millionen Kinder sind unterernährt, und 60 Prozent der Bevölkerung leben unter der offiziellen Armutsgrenze von 410 Pesos (ungefähr 110 €) im Monat. Eine kürzlich verfügte allgemeine Lohnerhöhung von 100 Pesos (27 €) im Monat für Arbeiter im privaten Sektor läuft im Dezember aus. Privatisierte öffentliche Versorgungsunternehmen verlangen Gebührenerhöhungen von bis zu 70 Prozent. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Betriebe ohne Vorankündigung plötzlich geschlossen werden, und die Arbeiter keinerlei Erklärungen, Lohnabrechnungen, Abfindungen oder Arbeitslosengeld erhalten.

Die aktuellen Wirtschaftsaussichten lassen kein Ende der Abwärtsspirale erkennen. Verglichen mit der Situation vor sechs Monaten ist der Lebensmittelverbrauch um 12 Prozent zurückgegangen, der Verbrauch an Medikamenten sogar um 55 Prozent. Das spiegelt die völlige Verarmung von 20 Millionen Menschen (das sind 60 Prozent der Bevölkerung) wieder, von denen wiederum sieben Millionen in extremer Armut leben. Man kann sich das Ausmaß des Elends vorstellen, das sich angesichts der von der Regierung geschätzten (und wahrscheinlich unterschätzten) Inflationsrate von 50 Prozent bis zum Ende des Jahres breit machen wird.

Experten gehen davon aus, dass die Unterernährung bei den betroffenen 2,3 Millionen Kindern auf lange Sicht zu einer etwa um 30 Prozent verminderten physischen und intellektuellen Entwicklung führen wird und dass sie ihr ganzes Leben lang davon gezeichnet sein werden. Die Mangelernährung nimmt in Argentinien die Form an, dass die Nahrung nicht genügend wichtige Vitamine und Eisen enthält. Mit der Zeit bewirkt das ein vermindertes Wachstum, Lustlosigkeit, schwache intellektuelle Entwicklung - sowie Fettleibigkeit bei denen, die in der Lage sind, ihre Ernährung durch übermäßigen Genuss von Nudeln und Reis auszugleichen. Als das Schuljahr im März begann, erschienen einer Schätzung zufolge 40 Prozent der Schüler in den staatlichen Schulen nicht zum Unterricht.

Als in einer südwestlichen Vorstadt von Buenos Aires ein Schüler entführt und dann, nachdem das Lösegeld gezahlt worden war, ermordet wurde, entdeckte man eine Art Entführungs- und Todesschwadron, an der auch Angehörige der lokalen Polizei beteiligt waren. Weil sie nicht in der Lage sind, von ihren staatlichen Löhnen zu leben, lassen sich viele Polizisten als Sicherheitspersonal von Geschäftsleuten anheuern, die dafür bezahlen, dass obdachlose Jugendliche aus der Gegend vertrieben werden. Auch in einem anderen Fall, bei dem zwei weitere Jugendliche verschwanden, vermutet man, dass sich Polizisten aus dieser Gegend an kriminellen Aktivitäten beteiligt haben.

Inzwischen versucht die Regierung von Präsident Eduardo Duhalde eine weitere Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfond abzuschließen. Dies wird zu einer verschärften Austeritätspolitik im Sinne der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin führen - ein Euphemismus für die Tatsache, dass der gesellschaftliche Reichtum den Arbeitern, den Armen und den Mittelschichten weggenommen und den internationalen Banken zugeschustert wird, was die Mehrheit der Argentinier zu permanentem Elend verdammt.

Eine solche Politik ist nicht mit demokratischen Institutionen vereinbar. Eine Diktatur, die die Forderungen des IWF ohne Anschein einer öffentlichen Diskussion und ohne Zustimmung des Parlaments beflissen durchsetzt, steht möglicherweise kurz bevor. Argentiniens Militär, das stets für die Bedürfnisse der reichen Elite des Landes offen war, hat nie lange gezögert zu handeln, wenn die Profite bedroht waren. Militärputsche hat es in Argentinien fast in jedem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gegeben; sie fanden ihren Höhepunkt in der blutigen Diktatur von 1976-82, der 30.000 Arbeiter und Jugendliche zum Opfer fielen.

Siehe auch:
Agentinien: Morde durch die Polizei beschwören das Gespenst einer Diktatur
(12. Juli 2002)
Abwertung der argentinischen Währung: Nicht-gewählte Regierung greift den Lebensstandard der Bevölkerung an
( 12. Januar 2002)