Nach dem Hochwasser

Die Dresdener Bevölkerung war auf dem Höhepunkt der Katastrophe nur auf sich gestellt

Von unserem Reporterteam
23. August 2002

Weite Teile Europas wurden in der zweiten Augustwoche von der schlimmsten Hochwasserkatastrophe seit mindestens 150 Jahren heimgesucht. Reporter der World Socialist Web Site besuchten Dresden an der Elbe, um mit Betroffenen zu sprechen und Genaueres über den Ablauf des Geschehens zu erfahren.

Die Menschen in Dresden waren während des jüngsten verheerenden Hochwassers weitgehend auf sich allein gestellt. Die Behörden waren auf die Katastrophe nicht vorbereitet, und die selbstlosen Einsätze Tausender Freiwilliger stießen auf einen eklatanten Mangel an Vorausplanung und Koordination von Seiten der Behörden. Dieses Bild bot sich unserem Reporterteam am Mittwoch, dem 21. August.

Flut in Dresden Eine Woche nach dem Höhepunkt der Überflutung war die Touristenmeile in der Innenstadt weitgehend wieder hergestellt. Doch schon wenige hundert Meter vom Zentrum entfernt steht an den Straßenrändern immer noch knöcheltief stinkender Schlamm. Vor den Hauseingängen stapeln sich Schuttberge: schlammverkrustete Fahrräder, zerbrochene Möbel, Kisten, Regale, Konserven, Matratzen, herausgerissene Bodenbeläge aus den unterschiedlichsten Materialien - alles feucht, verdreckt und völlig verdorben. Überall sind Gruppen von Frauen und Männern in Arbeitskleidung und Gummistiefeln dabei, ihre überfluteten Keller leer zu räumen und zu säubern. Sandsäcke liegen herum, und weil die Stromversorgung gerade erst wieder in Gang kommt, dröhnen an verschiedenen Stellen Notstrom-Generatoren.

Unterdessen steigt die Gefahr, dass sich Infektionskrankheiten ausbreiten. Die einzige Kläranlage Dresdens wurde am 16. August überflutet. 110.000 Kubikmeter Schmutzwasser ergossen sich in die Elbe, und seither fließen die Abwässer von mehr als einer halben Million Menschen ungeklärt in den Fluss.

Bisher wurden noch keine Infektionen gemeldet. Doch der zurückgehende Wasserstand und die Hitze bringen Gefahren mit sich. Tierkadaver, verdorbene Lebensmittel, Chemikalien und ausgeschwemmtes Heizöl lagern sich ab. Experten warnen vor Schwermetallen im Wasser. Genaue Analysen liegen noch nicht vor.

In Friedrichstadt, das an das Stadtzentrum südlich der Elbe grenzt, berichteten alle von uns befragten Bewohner übereinstimmend, dass sie das Hochwasser völlig unvorbereitet traf. Sie waren nicht gewarnt worden. Und dabei wurde ihr Wohngebiet gleich zweimal überflutet: Zum ersten Mal am Montag, den 12. August, als das Flüsschen Weißeritz, zum reißenden Strom angeschwollen, über verschiedene Stadtteile Dresdens hinab in die Innenstadt stürzte. Die zweite Flutwelle kam in der Nacht vom Montag auf Dienstag (13. August), als die Elbe über die Deiche trat.

Von der Vorstadt Freital bis in die Dresdener Innenstadt hat die Weißeritz eine Spur unvorstellbarer Verwüstung hinterlassen. Das Wasser hatte eine solche Gewalt, dass ganze Häuser einstürzten oder so stark beschädigt wurden, dass sie abgerissen werden mussten. Wie viele Menschen genau in welchem Umfang Schäden erlitten, steht zur Zeit immer noch nicht fest. Entlang der Elbe wurden mehrere Stadtteile Dresdens - Laubegast, Loschwitz, Übigau, Cossebaude - weitgehend überschwemmt. In zahlreichen weiteren Städten an der Elbe - Bad Schandau, Wehlen, Pirna, Meißen, Radebeul, Riesa - sind ähnlich verheerende Schäden entstanden und brachen die Versorgungsdienste zusammen.

Nachbarn und Freunde, aber auch einander zuvor völlig unbekannte Menschen helfen sich auch nach der Katastrophe weiterhin gegenseitig, und es melden sich oft mehr Freiwillige zu Arbeitseinsätzen, als vermittelt werden können.

Was allerdings die Katastrophenvorsorge von Seiten der Landes- und Stadtregierung betrifft, so ergeben die Berichte der Lokalpresse und die Erzählungen der Betroffenen ein Gesamtbild, das man nur als Chaos bezeichnen kann. Elementare Schutzvorrichtungen fehlen.

So wird der Fluss Weißeritz im Erzgebirge an den Talsperren Malter und Klingenberg gestaut. Diese wurden vor rund 90 Jahren als Trinkwasserreservoire angelegt. Sie können insgesamt 8,8 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Als der Regen einsetzte, waren sie randvoll. Am 11. August begann man, etwas Wasser abzulassen. Nachdem es aber innerhalb von 48 Stunden so viel geregnet hatte, wie sonst in fünf Monaten, liefen beide Talsperren über und das Wasser schoss hinab - 139.000 Liter pro Sekunde aus der Klingenberg-Talsperre, 175.000 Liter pro Sekunde aus der Malter.

Die "Sächsische Zeitung" zitiert einen Arbeiter der Klingenberg-Talsperre mit den Worten, glücklicherweise seien die für den folgenden Mittwoch angekündigten weiteren starken Regenfälle ausgeblieben: "Wären die gekommen, es wären viele Tote zu beklagen gewesen, unvorstellbar. Keiner hätte das aufhalten können, keiner." Insgesamt ist das Stausystem der Meißeritz veraltet und nicht auf die Aufnahme extremer Wassermengen ausgelegt.

Die Menschen in Freital beschweren sich, dass sie selbst dann nicht gewarnt wurden, als die Talsperren bereits überliefen und das Wasser auf ihren Ort zukam. Der Katastrophenfall, sagen sie, wurde viel zu spät ausgerufen, und es gab zunächst keine Hilfe.

Die "Sächsische Zeitung" zitiert in diesem Zusammenhang den Experten Wolf Dombrowsky von der Universität Kiel: "In den Landratsämtern ist Katastrophenschutz Neben-Beschäftigung... In Deutschland haben wir so viele Katastrophenschutzarten wie Landratsämter. Da passt nichts zusammen." Es fehle an exaktem Kartenmaterial, an Informations-, Kommunikations- und Lenkungssystemen.

Mangelhaft ist auch die Hochwasservorsorge bei der Elbe. Das bestehende Schutzsystem, so heißt es bei der Stadtverwaltung, sei eben auf ein solches "Jahrhunderthochwasser", wie es zuletzt vor mehr als 150 Jahren eingetreten war, nicht vorbereitet gewesen. Man habe im Wesentlichen nichts machen können. Man habe die Lage beobachtet und Evakuierungen vorbereitet.

Während der Pegel auf einen historischen Höchststand stieg, mühten sich dann Freiwillige und Mitarbeiter der Hilfswerke mit dem Stapeln von Sandsäcken am Elbeufer ab. Es war vielerorts eine Sisyphusarbeit, denn hinter den Deichen schoss unterdessen das Wasser aus den Gullis, weil die Kanalisation überlief.

Am 14. August, als die Katastrophe bereits auf ihrem Höhepunkt war, organisierte sich schließlich die Initiative "Hilfe für Dresden". Ihre erste Pressemeldung vom späten Abend kündigte an, dass ab dem kommenden Morgen ein "Kontakttelefon für Hilfesuchende" eingerichtet werde, da die Telefonanlage des Rathauses "instabil" sei.

Am 15. August - Dresden stand mittlerweile seit drei Tagen unter Wasser - folgte eine weitere Meldung:

"Die Bürgerinitiative für Dresden und das Kulturbüro Sachsen haben sich bereit erklärt die Koordination der Hilfsangebote und der Hilfesuchenden zu übernehmen. Bis zur Stunde haben hier unzählige Menschen angerufen, um ihre Hilfe anzubieten. Da niemand zur Stunde weiß, wie sich die Hochwassersituation entwickelt, haben wir Sammelstellen gebildet, bei denen sich Hilfewillige als auch Hilfesuchende melden können...

Die Sammelstellen müssen sich selbst organisieren. Es gibt in den Sammelstellen niemanden der dort koordinierend tätig ist. Der Katastrophenschutz wird sich in Kürze melden, um die Hilfewilligen an die Einsatzorte zu dirigieren. Wir danken allen engagierten Menschen aus Dresden und Sachsen und den Einrichtungen für die Bereitschaft, sich als Sammelstelle zur Verfügung zu stellen."

Mit anderen Worten: Es war nichts vorbereitet. Es gab keine vorausschauenden Planungen. Es wurde unter dem Druck der unmittelbaren Ereignisse improvisiert, und das mit Mitteln, die oft nur Ausdruck der allgemeinen Hilflosigkeit waren. Unter "allgemeinen Hinweisen" hieß es in den Handzetteln der "Initiative für Dresden" noch eine Woche nach Beginn der Katastrophe: "Im wesentlichen müssen sich die Helfer selbst organisieren. Bringen Sie nach Möglichkeit unbedingt Schippen, Sägen, Besen oder ähnliches mit und rüsten sie sich mit Arbeitshandschuhen oder Gummihandschuhen und mit festen Arbeitsschuhen aus."

Die langfristigen Folgen des Hochwassers sind bisher noch kaum abzuschätzen. Neben den Umweltproblemen durch Verschmutzungen ist auch die Stabilität einer noch nicht absehbaren Zahl von Häusern bedroht.

So hat die Dresdner Feuerwehr und das Bauaufsichtsamt alle Hauseigentümer und Hausbewohner aufgefordert, ihre überfluteten Keller nicht selbst auszupumpen. Sie müssen erst begutachtet werden. Der Grundwasserspiegel ist so hoch gestiegen, dass der Druck von unten zu statischen Problemen an den Gebäuden führen kann. Das eingeflutete Wasser bietet in vielen Fällen eine Art stabilisierenden Gegendruck. In Prag stürzten am Sonntag (18. August ) drei mehrstöckige Mietshäuser ein, nachdem die Bewohner ihre Keller ausgepumpt hatten.

Die bisher versprochenen Hilfen sind kaum mehr als ein Trostpflaster und an zahlreiche bürokratische Hürden geknüpft. Ab einem Schaden von 5000 Euro - der nachgewiesen werden muss - zahlt die Stadt Dresden aus Hilfsfonds pro Person 500 Euro Ersatz aus, maximal 2000 Euro pro Haushalt.

Siehe auch:
Interviews mit Opfern des Hochwassers in Dresden
(23. August 2002)
Hochwasserkatastrophe in Europa
( 21. August 2001)
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - September/Oktober 2002 enthalten.)