Der folgende Brief, der die WSWS am 17. Juli 2002 erreichte, setzt sich mit der Korrespondenz Ein Briefwechsel über den Boykott israelischer Akademiker auseinander.
Eure Antwort auf den jungen jüdischen Mann, der all seine Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit angesichts der Schrecken der derzeitigen palästinensischen-israelischen Beziehungen in blinden Antisemitismus projiziert, hat mich zutiefst beeindruckt. Denn recht jung, gerade siebzehnjährig, war auch ich 1964 auf diese Kräfte gestoßen und war durch diese Erfahrung, ebenso wie er, eine Zeitlang desorientiert. Wie Ihr wisst, können wir Kleinbürger leicht von einem Extrem ins andere umschlagen, das haben wir häufig getan. Ich hoffe, ihr könnt diesen Brief an ihn weiterleiten.
Ich wurde 1947 in Budapest als Sohn von Eltern geboren, die noch kaum zwei Jahre vor meiner Geburt buchstäblich Schlange gestanden hatten, um von der faschistischen Miliz unter dem Hakenkreuz als Juden erschossen zu werden. Lediglich das Geräusch der sich nähernden Truppen der russischen Soldaten schlug die Faschisten in die Flucht, und so wurde ich in der Nachbarschaft der Großen Synagoge, der größten Europas, geboren. In dieser Gegend trug nahezu jeder eine tätowierte Nummer auf dem Unterarm, buchstäblich ein Ghetto.
Ebenfalls im Jahre 1947 übernahmen die Stalinisten in einer manipulierten Wahl die Macht. Der Tyrann Rakosi und seine engsten stalinistischen Mitarbeiter waren jüdisch. Wie Ihr wisst, besaß die ungarische Revolution im Kern einen tatkräftigen Arbeiterrat, doch manchmal übersieht man, dass Revolutionen auch dunkle Kräfte auf den Plan rufen können. So erhob sich Hitler, nachdem der Bayrische Sowjet unterdrückt worden war, und unter seinen ersten Gefolgsleute befanden sich viele, die zuvor jüdische Revolutionäre ermordet hatten.
Mir stehen stets die Körper der jüdischen Politiker vor Augen, die vor meinem Haus gehängt und ermordet wurden. In einem Anachronismus schienen die Milizen des Hakenkreuzes wieder auferstanden, um im Ghetto des Jahres 1956 zu wüten. Hinzu kam, dass mein Vater an Tuberkulose erkrankte und es so äußerst schwer für uns war, eine Aufenthaltsgenehmigung in einem fremden Land zu erwirken. Wir irrten durch Flüchtlingslager in Österreich, Deutschland und Holland.
In jenen Flüchtlingslagern gab es auch faschistische Milizen. Ich gehöre vielleicht zu den wenigen noch lebenden Juden, die Pogrome, die in den Flüchtlingslagern keine Einzelfälle waren, am eigenen Leib zu spüren bekamen. So erinnere ich mich zum Beispiel daran, dass Busse, die nach Kanada aufbrechen wollten, umgestoßen wurden; darauf folgte die Sperrung des Speisesaals, so dass die Überlebenden, mich eingeschlossen, tagelang keine Nahrung erhielten. Ein Jude wurde auf der Gangway des Schiffes, das uns nach Kanada bringen sollte, ermordet. Er trug einen Ledermantel; und ein "Nyilas"; ein faschistischer Verbrecher, drehte durch und erstach ihn.
Wie nicht anders zu erwarten, wurde ich Zionist, was der Indoktrination durch die zionistischen Sommerlager (d. h.. die Flüchtlingslager) und den Erfahrungen des Post-Holocaust geschuldet war. Mein Vater las jeden Tag begierig die ultra-rechte zionistische Presse. Er verließ Ungarn nur, weil meine Mutter ihm versprach nach Israel zu gehen. Doch glücklicherweise hörte sie von ihrer Schwester, wie hart das Leben im gelobten Land war, und weigerte sich als wir Wien erreichten. Aus diesem Grunde erhielt ich in Kanada eine milde, gemäßigte, man könnte sagen pseudo-sozialistische Ausbildung im Zionismus. Darauf folgte dann im Jahre 1964 ein traumatischer Besuch in Israel, der mein kleinbürgerliches Denken auf den Kopf stellte.
Israel war zu diesem Zeitpunkt ein sehr armes Land. Meine Tante Eva, so hörte ich, lebte unter den Ärmsten der Armen, den ultra-religiösen ungarischen Juden, den Satmar, einer Gruppe, die bis auf den heutigen Tag keinerlei Unterstützung vom zionistischen Staat erhält oder annimmt. Vielleicht kennt Ihr dieses Bild, das kürzlich zwei Angehörige der Satmar oder der Naturei Karta zeigte, die zwischen den Unterstützern der Palästinenser auf der Dunbar-Konferenz herummarschierten und ein Schild trugen auf dem " Echte Rabbiner" zu lesen stand.
Wie meine Tante Eva mit ihren Kindern in diesem Teil des ultra-religiösen Stadtbezirks B`nei Brak in tiefster Armut überleben konnten, ist mir bis heute ein Rätsel. Wie auch immer, mein Vater jedenfalls war ein Parteigänger Jabotinskys, also des Begründers derjenigen Kraft des Zionismus, die heute in Israel herrscht.
Mein Vater schickte mich zu Jabotinkys Begräbnis (Jabotinsky starb 1940 in New York, seine sterblichen Überreste wurden 1964 nach Jerusalem überführt und beigesetzt, Anm. d. Red.) und meine Mutter nutzte diese Gelegenheit um ihrer Schwester Geld zu schicken, das beim Umtausch in die Landeswährung allerdings schwer besteuert wurde. Der Nationalstaat hat eben so seine Nachteile.
Ich wohnte bei meiner Tante, die sich sehr besorgt darüber äußerte, was wohl passieren werde, wenn man, jüdischen Sitten entgegenstehend, Jabotinskys Sarg in der Innenstadt von Tel Aviv ein Ehrengeleit mit einem Umzug geben werde. Ich ging zu diesem Ehrengeleit und war bis ins Mark erschüttert von dem, was ich dort zum ersten Mal sah: die Betar (die Jabotinsky-Jugendorganisation), die nichts mit den Zionisten meiner Sommerlager gemein hatte. Ihre Mitglieder trugen Uniformen, die denen der faschistischen Bestien sehr ähnlich sahen, sangen Marschmusik und den ganzen faschistischen Dreck. Das alles war mir wohlbekannt. Doch als ob das nicht genügt hätte, fuhren sie hupend die Straßen von B`nei Brak hinauf und herunter und störten auf diese Weise die Trauergebete der orthodoxen Juden, die ebenfalls an diesem Tag stattfanden.
Als ich in Shorts und mit einem damals gebräuchlichen Kibbutzhut bekleidet nach Hause ging, stoben die religiösen Juden vor mir auseinander, als sei ich ebenfalls eines dieser faschistischen Elemente. Dieses Erlebnis löste in mir eine starke psychische Erschütterung aus, das erst meine Tante Eva durchbrach.
Die Geschichte meiner Tante ist erstaunlich, und doch ist es die Lehre aus diesem Leben, auf die ich jenen jungen Mann besonders aufmerksam machen möchte. Eva war gezwungen worden zu Fuß nach Auschwitz zu laufen und dem Tod nahe, als sie einen jungen deutschen Soldaten darum bat, sich im Gebüsch erleichtern zu dürfen, weil sie sich sonst schäme.
Der deutsche Soldat wusste, dass Eva einen Fluchtversuch plante, aber er ließ die Kolonne einfach weiter ziehen, und so konnte meine Tante in das in Trümmern liegende Budapest zurückkehren. Dort half ihre Schwester, meine Mutter, ihr beim Überleben, während die russischen Truppen die Faschisten aus der Stadt vertrieben. Eva lief dann mit einem polnischen Soldaten, der beim russischen Militär diente, davon und gelangt bis nach Zypern. Im Jahr vor meiner Geburt war sie auf der "Exodus", dem Schiff, das Israel 1946 erreichte.
Sie wurde zu einem Moshav gebracht, einer Art landwirtschaftlichem Dorf, und erhielt ein Haus und Land, allerdings ohne jede Vorstellung, wie man es bewirtschaftete. In der Nachbarschaft lebten Araber, die ihr dabei halfen. Ein paar Jahre später vertrieben die jüdischen Bestien, ja, die Betar, die Araber von ihrem Land und konfiszierten ihren Besitz. Meine Tante verbarg den Besitz der benachbarten arabischen Familie in ihrem Haus, und die Araber, oder Palästinenser, waren in der Lage von diesem Vermögen ein Restaurant in Haifa zu eröffnen und zu Wohlstand zu gelangen. Einmal besuchten wir sie. Als meine Tante und ich ihr Restaurant betraten, forderten sie alle Gäste auf, das Lokal zu verlassen, so dass meine Tante und ich in Ruhe essen konnten. Auch durften wir nirgendwo anders als in ihren Betten schlafen.
Im Wesentlichen möchte ich sagen, dass die Bestien zurückgekehrt sind, ihr Auftreten wird stets überraschend sein. Sie befinden sich unter Deinem eigenen Volk, und das schließt die Palästinenser nicht aus. Sie haben ihre eigenen Bestien, soviel ist sicher. Aber zugleich gibt es auch immer Menschen wie den deutschen Soldaten, der meine Tante entkommen ließ, und das sollten wir nicht vergessen.
Für eine Welt der Menschen statt für Nationalstaaten! Wenn ein Übergangsstaat notwendig ist, dann für einen jüdisch-arabischen Staat in Palästina - sofort!
AL
