In Somerset County im US-Bundesstaat Pennsylvania waren Ende Juli neun Bergarbeiter 77 Stunden lang im überfluteten Schacht eines Kohlebergwerks gefangen. Ihre Rettung löste nicht nur bei der lokalen Bevölkerung, sondern in den ganzen USA enorme Erleichterung aus. Millionen hatten den fieberhaften und schließlich erfolgreichen Wettlauf mit der Zeit verfolgt, die Kumpel herauszuholen.
Die unermüdlichen Anstrengungen zur Rettung menschlichen Lebens trafen einen Nerv in der ganzen Nation. Die Solidarität zwischen den Rettern, den eingeschlossenen Kumpeln von Quecreek und der Bevölkerung von Somerset, die in einer von Mitmenschlichkeit statt privater Profitgier getragenen Anstrengung eng zusammenarbeiteten, stand in scharfem Gegensatz zu den üblichen Tagesnachrichten, die von Enthüllungen über Kriminalität und Gier in den Konzernvorständen dominiert werden.
Wie zu erwarten, verarbeiteten die Medien die Saga der geretteten Bergarbeiter mit erprobten journalistischen Methoden zu einer "Good-News-Story" und verwandelten die Bergarbeiter in kurzzeitigen Berühmtheiten. Aber trotz aller Aufmerksamkeit, welche die großen Sender und Blätter dem Bergwerk zeitweilig widmeten, untersuchte kaum jemand den Hintergrund dieses Unfalls und die Gefahren, denen Bergarbeiter jeden Tag ausgesetzt sind, wenn sie in die Gruben einfahren.
Untersucht man die Ursachen für diesen nahezu tödlichen Unfall, ergibt sich ein ganz anderes Bild als bei der Rettungsaktion. Während zur Bergung der Arbeiter die fortgeschrittensten Technologien und technisches Fachwissen eingesetzt wurden, erzielen erhebliche Teile der Bergbauindustrie, einschließlich der Quecreek-Mine, ihre Profite durch den Einsatz primitiver Techniken und unsicherer Arbeitsmethoden. Das Ergebnis ist ein Anstieg der Todesopfer im Bergbau der USA in drei aufeinanderfolgenden Jahren. Im Jahr 2001 steig die Zahl der Toten auf 42.
Die Unterhöhlung der Sicherheitsvorkehrungen und der Anstieg der Zahl der Toten im Bergbau sind das Ergebnis einer ständigen Offensive gegen die Bergarbeiter und die Arbeiterklasse als ganze im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte.
Das etwa 60 Meilen östlich von Pittsburgh gelegene Somerset County mit 80.000 Einwohnern hat sich aufgrund dieser Angriffe sozial verändert. Obwohl es oft als ländlich und bäuerlich beschrieben wird, ist Somerset stark von der Arbeiterklasse geprägt. Seine Geschichte ist mit der Entwicklung des Kohlebergbaus verbunden, der die Region seit mehr als 100 Jahren beherrscht hat.
Im Jahr 1979 war jeder vierte Arbeiter in dem Bezirk ein Kohlekumpel. Es gab 84 Gruben, die 6.237 Bergarbeiter beschäftigten. Viele andere arbeiteten in vor- und nachgelagerten Industrien, die die Bergwerke belieferten oder für den Transport sorgten.
Im Jahr 1984 war die Zahl der Gruben auf 55 gesunken und die der Bergarbeiter auf 1.945. 1992 waren es nur noch 41 Gruben mit 1.001 Arbeitern, und 1998 waren es 803 Kumpel in 31 Gruben. Ein fast identischer Niedergang vollzog sich in den umliegenden Bezirken von Indiana, Cambria und Westmoreland, während in Pennsylvania die Zahl der Kumpel von über 60.000 im Jahr 1979 auf heute weniger als 17.000 zurückging.
Die Vernichtung der Arbeitsplätze im Bergbau war im wesentlichen das Ergebnis von bewussten Entscheidungen der Bergwerkseigentümer und der Regierung nach dem Bergarbeiterstreik von 1977-78. Damals demütigten die gewerkschaftlich organisierten Bergarbeiter die Regierung von Präsident Carter, indem sie sich den Antistreikmaßnahmen nach dem Taft-Hartley-Gesetz widersetzten. Als Reaktion darauf wurde die Kohleproduktion systematisch in nicht gewerkschaftlich organisierte Anlagen verlagert, erst in den Tagebau-Gebieten im Westen und dann in den ehemals gewerkschaftlich organisierten Bergbaudistrikten.
Die Bergarbeitergewerkschaft UMWA reagierte auf diesen Angriff, indem sie den Bergwerkseigentümern zu beweisen versuchte, dass man sich auf die Gewerkschaft verlassen könne, wenn man die Kohleindustrie auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig machen wolle. In einer Reihe von Zugeständnissen bei Tarifverträgen stimmte die Gewerkschaft Lohnkürzungen, Arbeitsplatzabbau und Änderungen der Arbeitsbedingungen zu, durch die die Sicherheit der Kumpel gefährdet wurde.
In West Virginia und Kentucky löste der Versuch, den gewerkschaftsfreien Bergbau auszuweiten, während der 80er und frühen 90er Jahre eine Reihe von Streiks aus, in denen die Kohleunternehmer mit Unterstützung der Regierung wieder auf Streikbrecher und gewalttätige Angriffe, einschließlich der Ermordung von Bergarbeitern, zurückgriffen. Die UMWA isolierte diese Kämpfe und die meisten davon gingen verloren.
In Pennsylvania tat die Führung der UMWA nichts, um die Vernichtung der Arbeitsplätze zu verhindern. Sie signalisierte ihre Bereitschaft, mit den Bergwerkseigentümern zusammenzuarbeiten, als sie zuließ, dass Consolidated Coal, eines der zehn führenden Kohleunternehmen der USA, 1981 die gewerkschaftsfreie Grube Bailey in Green County aufmachte. Im selben Bezirk öffnete mit Enlow Fork 1990 eine zweite gewerkschaftsfreie Grube.
Die Gewerkschaft gab diesen Machenschaften ihren Segen, indem sie mit Consol einen Deal ausarbeitete. Danach sollten entlassene Bergarbeiter einen gewissen Prozentsatz der Arbeitsplätze in den neuen gewerkschaftsfreien Anlagen bekommen. Außerdem wurde der UMWA erlaubt, weiterhin Beiträge von den Löhnen der Arbeiter abzuziehen, obwohl sie nicht mehr tarifvertraglich beschäftigt waren.
Für die noch beschäftigten Bergarbeiter sanken die Reallöhne. Laut Zahlen des Arbeitsministeriums von Pennsylvania fielen die Löhne der Bergarbeiter von Somerset zwischen 1984 und 1992 um 15 Prozent, im angrenzenden Cambria County sogar um sagenhafte 37 Prozent. Im Jahr 1998 waren die Einkommen in Somerset um weitere 8 Prozent gefallen. Da die Einkommen auch Überstunden und Bonuszahlungen umfassen, sind die Stundenlöhne wahrscheinlich noch mehr gefallen. Die sinkenden Einkommen widerspiegeln zum einen die Zugeständnisse der UMWA bei Tarifverträgen und zum anderen den gewachsenen Anteil von Arbeitern in gewerkschaftsfreien Bergwerken.
Die Vernichtung von Arbeitsplätzen und die sinkenden Einkommen trafen die ganze Bevölkerung. In den 80er Jahren stieg die Arbeitslosigkeit enorm an und erreichte 1983 mit 21,7 Prozent in Somerset County einen Rekord. In Cambria und Indiana waren die Zahlen ähnlich. Von 1980 bis 1989 sank das durchschnittliche Haushaltseinkommen um 12,1 Prozent in Somerset, um 14,1 Prozent in Indiana, um 13,7 Prozent in Westmoreland und um 18,8 Prozent in Cambria. Die Anzahl der Menschen, die in Armut lebten, stieg an und der Anteil der Kinder, die in Armut aufwuchsen, erreichte 20 Prozent.
Während des Börsenbooms der 90er Jahre stieg die Beschäftigung an, zumeist aufgrund von Unternehmen im Niedriglohnsektor. Stahlhütten und Bergwerke führen die Liste der größten Arbeitgeber der Region nicht länger an. Heute sind es Einzelhandelsketten wie Wal-Mart, Revco und Seven Springs, eine Ski- und Golfanlage. Viele dieser Arbeitsplätze sind schlecht bezahlt, Teilzeit oder saisonal.
In den Bergwerken, die immer noch arbeiten, ist die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen noch dramatischer als das Sinken der Löhne oder der Abbau der Arbeitsplätze. Nach der Schließung der großen, gewerkschaftlich organisierten Bergwerke sind einige kleine gewerkschaftsfreie Gruben entstanden, die Taschen von Kohlevorkommen abbauen, die für die großen Bergwerke nicht profitabel genug sind. Diese Gruben, die früher von den Bergarbeitern als "Hundelöcher" verachtet wurden, gehören zu den gefährlichsten.
Quecreek, die Stätte des Unfalls, ist so eine Grube. Mit wenig Kapital kann sie die Produktion steigern oder senken, gerade wie es der Markt verlangt. Quecreek hat den Bergbau im Jahr 2001 mit weniger als 20 Arbeitern begonnen. Mitte des Jahres war sie auf 35 Arbeiter angewachsen und förderte etwa 15.000 Tonnen Kohle pro Monat. Dieses Jahr wuchs die Belegschaft auf 69 Bergarbeiter, sie produzierte monatlich 50.000 Tonnen bis zum Unfall Ende Juli.
Um die Kapitalinvestitionen niedrig zu halten, nutzt die Firma eine veraltete, aber immer noch praktizierte Methode, bei man große Kohlevorkommen wegräumt, aber einige Kohlesäulen stehen lässt, um die Decke zu stützen.
Obwohl die Löhne der Bergarbeiter gefallen sind, ist die Bezahlung immer noch höher als die bei anderen Arbeitgebern in der Region. Gleichzeitig schwebt über ihnen immer die drohende Entlassung, wenn ein Flöz zu Ende geht oder der Kohlepreis fällt.
Dadurch werden die Arbeiter enorm unter Druck gesetzt, alles zu tun, was die Bergwerksbetreiber von ihnen verlangen, um ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Für jüngere Arbeiter können die knappen Arbeitsplätze im Bergwerk die einzige Chance sein, sich selbst und ihre Familie über Wasser zu halten. Für die älteren Arbeiter, die nichts als den Bergbau kennen, wäre ein Arbeitsplatzverlust eine Katastrophe. Die Angst vor Entlassung oder davor, kein "Teamspieler" zu sein, hält viele ab, Sicherheitsfragen aufzubringen.
Mittlerweile ist bestätigt worden, dass Quecreek keine der beiden Standardprozeduren durchgeführt hat, mit denen das Wasser entdeckt worden wäre, das die Schächte überflutet und die neun Arbeiter eingeschlossen hat. Sowohl eine zweidimensionale seismographische Studie des Gebiets als auch Probebohrungen hätten die Bergarbeiter vorgewarnt, dass sie nur gut einen Meter von einem überfluteten verlassenen Stollen arbeiteten. Auch das Amt für Bergwerkssicherheit von Pennsylvania machte dem Unternehmen keine Auflagen, als es so nahe an aufgegebenen Schächten arbeiten wollte.
Währenddessen arbeitet die Bush-Regierung eng mit den Bergwerksbetreibern zusammen, um auch den letzten verbliebenen Schutz aufzuheben, den die gegenwärtigen Sicherheitsbestimmungen noch bieten. Sie hat vorgeschlagen, dass weitere sechs Prozent Kürzungen im Haushalt der Bergwerkssicherheit- und Gesundheitsbehörde vorgenommen werden, großteils im Bereich der Kohleinspektion. Sie hat außerdem verfügt, dass Kohlebergwerksbetreiber die Staubmenge in einem Schacht weniger häufig überprüfen müssen. Das Ergebnis wird sein, dass den Betreibern erlaubt wird, die Bestimmungen über Staubbelastung zu umgehen, was zu mehr Unfällen und mehr Arbeitern mit Staublungen führen wird.
Um die Unterordnung der Sicherheit unter die Konzerninteressen zu gewährleisten, besetzt die Bush-Regierung die Sicherheitsbehörden weiterhin mit Leuten aus dem Umkreis der Industrie. Jüngst hat sie Stan Subojelski für das Komitee für Bergwerkssicherheit und Gesundheitsüberwachung nominiert, ein Vorstandsmitglied des Konzerns Massey Energy, der mit am meisten Tote und Verletzte in seinen Bergwerken hat. Letztes Jahr wurde David Lauriski, ein früherer Manager der in Utah ansässigen Energy West Mining Co. zum Vorstand der Bundesbehörde für Bergwerkssicherheit und Gesundheit gemacht, wo er für eine Politik zugunsten der Bergwerksbetreiber eintrat.
Viele der geretteten Bergarbeiter von Quecreek haben erklärt, sie würden nicht mehr unter Tage gehen. Sie sind sich darüber klar, dass die Überflutung ihrer Grube kein unglücklicher Zufall war, sondern anzeigt, wie gefährlich der Bergbau aufgrund der Anstrengungen von Unternehmern und Regierung geworden ist.
