Die Kapitalmärkte "funktionieren nicht"

Wall Street erleidet größten Quartalsverlust seit 1987

Von Nick Beams
8. Oktober 2002

Der US-Aktienmarkt hat das schlechteste Quartalsergebnis seit der Börsenkrise von 1987 eingefahren und scheint das erste Mal seit über 60 Jahren drei aufeinander folgende Jahre mit Verlust abzuschließen.

Bei Börsenschluss am 30. September hatte der Dow-Jones-Index gegenüber dem Beginn des Quartals 17,9 Prozent seines Wertes verloren. Das ist der größte Verlust seit dem vierten Quartal von 1987, als der Dow Jones 25,3 Prozent einbüßte. Der S&P-Index gab um 17,6 Prozent nach und der Nasdaq um 19,9 Prozent.

Der Gesamtmarktindex Wilshire 5000 brach um 17 Prozent ein und markiert damit eine Kapitalvernichtung von 1,9 Billionen Dollar. Insgesamt wurden seit dem Höhepunkt im Frühjahr 2000 nun über 8 Billionen Dollar an Kapitalwerten am Aktienmarkt vernichtet.

Die Nervosität an den Finanzmärkten spiegelt sich nicht nur in den Verlusten am Aktienmarkt wider, sondern auch in den steigenden Kursen der US-Staatsanleihen, die in turbulenten Zeiten als sicherer Hafen gelten. Die Rendite der Staatsanleihen, die sich in entgegengesetzter Richtung zum Kurs bewegt, ist so niedrig wie seit mehr als 40 Jahren nicht mehr.

Auf internationaler Ebene sieht es nicht besser aus. Einigen europäischen Märkten ist es sogar noch schlechter ergangen als der Wall Street. Der Deutsche Aktienindex DAX hat seit Jahresbeginn 46 Prozent verloren, ohne dass ein Ende des Abrutschens in Sicht wäre. Der Londoner FTSE-Index verlor im letzten Vierteljahr mehr als 20 Prozent. In ganz Europa sind Banken und Versicherungen wegen ihrer Beteiligungen an Technologie- und Telekommunikationsunternehmen besonders stark betroffen.

In den Kommentaren verschiedener Analysten ist von "Zusammenbruch", einem "hohen Grad an Verunsicherung" oder "enormer Enttäuschung" die Rede. Michael Hartnett, Direktor der Wirtschafts- und Strategieabteilung für Europa bei Merrill Lynch in London, sagte: "Die Kapitalmärkte sind die Lebensader des kapitalistischen Systems. Im Moment funktionieren sie nicht - die Aktienkurse fallen und die Risikoaufschläge steigen."

An den Finanzmärkten wird erwartet, dass die US-Zentralbank die Zinsen in Kürze von 1,75 auf 1,5 Prozent weiter senken wird. Doch weil die Rekordzinssenkungen der vergangenen beiden Jahre weder US-Wirtschaft noch Aktienmärkte ankurbeln konnten, wird von einem weiteren Zinsschritt kaum noch etwas erwartet.

Unter Bedingungen wachsender Probleme der Weltwirtschaft und immer geringerer Chancen auf einen Wirtschaftsaufschwung hätte man von dem jüngsten Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der G-7-Staaten und Vertretern des Internationalen Währungsfonds neue Wirtschaftsinitiativen erwarten können. Das Kommuniqué der G-7-Staaten erklärte allerdings nur, dass die bislang praktizierte Politik zu einem höheren Wachstum in der kommenden Periode führen werde.

Der amerikanische Finanzminister Paul O’Neill - der sich mit der Behauptung hervorgetan hat, dass die Auslandsschulden der USA in Rekordhöhe eigentlich ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke seien - erklärte gegenüber Journalisten, dass er die Verhältnisse nicht besonders "bedrückend" finde: "Nach meiner Weltsicht sollten nicht die Zauderer den Ton angeben, sondern die Leute mit Führungsverantwortung ihre Arbeit tun."

Die größte Kritik der Wirtschaftskommentatoren geht allerdings dahin, dass genau das nicht der Fall ist. Anstatt neue Initiativen zu ergreifen, wurde auf dem Treffen der G-7 lediglich die Verpflichtung zu einer "gesunden Wirtschaftspolitik und Strukturreformen" wiederholt.

Obwohl Erklärungen von derartigen Treffen immer schönfärberisch sind, merkte der Economist an, dass das Kommuniqué angesichts der "weit verbreiteten Sorgen über die Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft an Selbstzufriedenheit grenzt". Der Grund dafür seien die "Verwirrung, Spannungen und Meinungsverschiedenheiten", die diese Abschlusserklärung prägen und noch "krasser" wurden, nachdem das Treffen beendet war.

Die Verwirrungen rühren von einem Streit zwischen dem japanischen Finanzminister Masajuro Shiokawa und seinen eigenen Beamten, der sich darum dreht, ob die Regierung die Rettung der japanischen Banken vorbereite. Das Finanzministerium in Tokio dementierte eine solche Entscheidung, doch Shiokawa bestand darauf, dass sie gefallen sei.

Während die japanische Regierung tief gehende Meinungsverschiedenheiten darüber austrägt, wie die Finanzkrise des Landes zu bewältigen ist, sehen sich die Europäer eigenen Problemen gegenüber. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt, auf den man sich bei der Einführung des Euros geeinigt hatte, sieht eine Begrenzung der Haushaltsdefizite vor. Ursprünglich sollte damit Ländern wie Italien oder Griechenland Disziplin aufgezwungen werden. Nun drohen aber gerade Deutschland und Frankreich diese Grenzen zu überschreiten.

Das Treffen wurde von Sorgen überschattet, die den wirtschaftlichen Auswirkungen eines von den USA geführten Krieges gegen den Irak gelten. Das Thema wurde allerdings nicht auf die offizielle Tagesordnung gesetzt. Wie Peter Hartcher, Korrespondent der Australian Financial Review in Washington, kommentierte, trafen sich die Finanzminister "inmitten von drei Katastrophen" - dem Krieg gegen den Irak, dem Zusammenbruch in Japan und der sich vertiefenden Schuldenkrise in Lateinamerika -, wobei jede von ihnen "den Weg zu einer allgemeinen Weltwirtschaftskrise weist". Doch Leugnen und Hinausschieben bestimmten den Ton.

Die zunehmende Instabilität der Weltwirtschaft wird die Finanzminister einholen, wenn sie auch bislang die Augen davor verschließen. Eine Finanzkrise, die von Brasilien ausgeht, wird immer wahrscheinlicher. In der letzten Woche sank der brasilianische Real auf ein Rekordtief gegenüber dem US-Dollar. Seit der IWF am 7. August seinen Rekordkredit von 30 Milliarden Dollar an das Land ankündigte, verlor die Währung 28 Prozent ihres Wertes.

Brasilien ist mit über 335 Milliarden Dollar verschuldet. Im Vergleich dazu führte die Verschuldung Argentiniens in Höhe von 130 Milliarden Dollar im Jahre 2001 schon zum Staatsbankrott. Die Nettoverschuldung Brasiliens beläuft sich auf 62 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, verglichen mit 54 Prozent in Argentinien, wobei sich diese Quote auf die jetzt stark abgewertete Landeswährung bezieht. Ein weiterer Verfall des Reals würde die Verschuldung also noch mehr in die Höhe treiben.

Abgesehen von den Problemen, die durch die permanenten Kursverluste auf den Aktienmärkten verursacht werden, befürchtet man eine Finanzkrise infolge der "Risikomodelle" vieler Unternehmen und Anleger. Die Gefahr dieser Modelle besteht darin, dass sie zu großen Verlusten führen können, wenn so genannte "Ereignisse geringster Wahrscheinlichkeit" eintreten. Dieses Schicksal ereilte den Hedgefond Long Term Capital Management (LTCM) im September 1998. Dessen Zusammenbruch, der nur durch eine Intervention der US-Notenbank mit 3 Milliarden Dollar aufgehalten werden konnte, war nicht das Ergebnis hochriskanter Spekulationen, sondern ungewöhnlicher Marktbedingungen: Die Entwicklung der Währungswechselkurse nahm einen Verlauf, der zuvor als höchst unwahrscheinlich eingestuft worden war.

Die "Ereignisse geringster Wahrscheinlichkeit" werden umso wahrscheinlicher, je mehr die Widersprüche in der Weltwirtschaft zunehmen. Das Zahlungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten von Amerika beläuft sich gegenwärtig auf mehr als 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und macht Kapitalzuflüsse von mehr als 1 Milliarde Dollar täglich notwendig. Wenn diese Entwicklung anhält, kann sich diese Zahl leicht auf das Doppelte erhöhen. In diesem Fall wird die Außenverschuldung, die jetzt schon einen Rekordstand von 2,3 Millionen Dollar erreicht hat, buchstäblich explodieren.

Um das Zahlungsbilanzdefizit auszugleichen und den Anstieg der Außenverschuldung zu stoppen, müsste der US-Dollar drastisch abgewertet werden, wodurch die Exporte angekurbelt und die Importe reduziert würden. Eine Abwertung des Dollars würde aber eine Aufwertung von Euro und Yen bedeuten. Damit eine solche Anpassung ohne größere Erschütterungen vonstatten gehen könnte, müssten die Wachstumsraten in Europa und Japan beträchtlich zunehmen. Doch Japan wird der Weltwirtschaft mit seiner sich immer weiter vertiefenden Bankenkrise und den für dieses Jahr erwarteten negativen Wachstumszahlen kaum Impulse geben können. Der Yen dürfte also eher fallen, als steigen.

Während der Euro in den letzten Monaten gegenüber dem Dollar an Wert gewonnen hat, sind die Aussichten für einen weiteren Zuwachs angesichts des schwachen europäischen Wirtschaftswachstums gering. Das deutsche Finanzministerium hat die Wachstumsprognose für das Jahr 2003 für Deutschland um einen ganzen Prozentpunkt auf nur noch 1,5 Prozent gesenkt - viel zu wenig, um auf das restliche Europa, geschweige denn die Weltwirtschaft, stimulierend zu wirken.

Doch wenn der Dollar im Verhältnis zu Yen und Euro stark bleibt, werden sich Zahlungsbilanzdefizit und Außenverschuldung der USA weiter vergrößern. Das kann aber nur so lange gut gehen, wie die Investitionsaussichten in den USA für den Zufluss internationalen Kapitals sorgen. Dies ist jedoch nicht länger der Fall. Der Kapitalstrom könnte sich daher plötzlich umkehren.

Von einer reibungslosen Anpassung kann also keine Rede sein. Eher bahnt sich mitten im Zentrum der Weltwirtschaft eine umfassende Finanzkrise an.

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