"Weltrevolution und Weltkrieg"

Besprechung des neuen Bandes von Wadim Rogowin

Von Wladimir Wolkow
15. Oktober 2002

Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse hat der Arbeiterpresse Verlag das Buch "Weltrevolution und Weltkrieg" des russischen Historikers Wadim S. Rogowin herausgebracht. Damit liegen nun vier der insgesamt sieben Bände der Reihe "Gab es eine Alternative?", einer detaillierten Geschichte der linken Opposition gegen den Stalinismus, in deutscher Sprache vor. Wir veröffentlichen hier eine Besprechung, die erstmals im März 1999 zur russischen Ausgabe erschien. (Die Zitate stammen aus der damaligen Übersetzung und können leicht vom deutschen Band abweichen).

Im August 1998 erschien in Moskau das neue Buch des Moskauer Historikers Wadim Rogowin unter dem Titel "Weltrevolution und Weltkrieg". Es ist der sechste Band der historischen Untersuchung, die der Geschichte des Kampfes gegen den Stalinismus in der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre gewidmet ist. Vom Autor als vorletzter Band konzipiert, beschreibt es die Ereignisse von 1938 und 1939, d. h. jener Periode, die dem Abschluss des Großen Terrors folgte.

Wie die vorangegangenen Bücher dieser Serie liefert der vorliegende Band nicht nur eine Beschreibung, sondern auch eine Analyse der Geschehnisse vom Standpunkt eines tiefgründigen historischen Verständnisses und Wissens darum, was sich in der Sowjetunion in der Folgezeit ereignete. In seinen allgemeinen Vorstellungen über die Epoche und ausgehend vom ideellen und politischen Erbe Leo Trotzkis ergänzt W. Rogowin das Panorama der Ereignisse durch Fakten und Dokumente, die den Forschern erst in den letzten Jahren zugänglich geworden sind. Die wissenschaftliche und historische Bedeutung dieses Bandes ergibt sich aus diesen Besonderheiten, die das Buch "Weltrevolution und Weltkrieg" auf das höchste Niveau der Geschichtswissenschaft nicht nur in Russland, sondern im internationalen Maßstab stellen.

Drei Hauptaspekte bilden den Inhalt des vorliegenden Werkes: im ersten Teil werden die Atmosphäre und die gesellschaftlichen Verhältnisse in der UdSSR nach der Beendigung des Stalinschen Großen Terrors beschrieben. Es werden die Folgen dieser fürchterlichen Katastrophe und jene Veränderungen dargestellt, die die Struktur, den Alltag und die Moral innerhalb der sowjetischen Gesellschaft veränderten. Der zweite Abschnitt ist den entscheidenden Ereignissen in der Außenpolitik der Sowjetunion gewidmet. Besondere Aufmerksamkeit wird hier dem spanischen Bürgerkrieg, aber auch (und sogar hauptsächlich) der Vorbereitung und Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes zuteil. Der dritte Teil geht schließlich auf die Umstände ein, die mit der Gründung der Vierten Internationale und der Vorbereitung des Mordes an Trotzki im Zusammenhang stehen.

Die UdSSR nach der großen Säuberung

Die wirtschaftliche Lage der Sowjetunion war gegen Ende der 30er Jahre, wie Rogowin schreibt, relativ günstig, obwohl sich viele wirtschaftliche Kennziffern infolge der Repressalien, von denen insbesondere die führenden Schichten in der Wirtschaft erfasst wurden, verschlechterten. Einerseits führte das zu einem niedrigeren Niveau von Wirtschaftsleitung und Beschlussfassung und andererseits zu einer hohen Fluktuation von Kadern: "So waren 1940 von 153 Leitern der größten Betriebe in der metallurgischen Industrie 75 weniger als ein Jahr im Amt".

Indem er die insgesamt gestiegenen Kennziffern der Industrieproduktion anführt, die davon zeugen, dass durch die Industrialisierung "die Sowjetunion den absoluten Rückstand zu den größten Staaten Westeuropas in den entscheidenden Bereichen der Industrieproduktion überwunden hatte", unterstreicht Rogowin, "dass die Herstellung der wichtigsten Industrieprodukte pro Kopf der Bevölkerung in der Sowjetunion 1/5 bis 2/3 des Niveaus betrug, welches in den führenden kapitalistischen Staaten erzielt wurde".

In dieser Periode kam es zu einer grundlegenden Veränderung in der sozialen Zusammensetzung der Sowjetgesellschaft. Die städtische Bevölkerung nahm zu, und der Anteil der Intelligenz, insbesondere von Ingenieuren und Technikern, wuchs schnell. Gleichzeitig entwickelte sich eine soziale Differenzierung: es bildeten sich neue privilegierte Schichten heraus, zu denen neben der Bürokratie auch die Elite der Intelligenz und ein Teil der Arbeiter, die Bestarbeiter aus der Produktion, hinzukamen. Die Lage der Mehrheit der Arbeiter und besonders der Bauern auf dem Lande blieb dabei weiterhin äußerst schwer.

Der Große Terror hatte einen gewaltigen Einfluss auf die Formung der gesellschaftlichen Moral. An die Stelle der Generation von Arbeitern in der Partei und den Räten, die vor der Revolution oder in den ersten Jahren danach erzogen worden war, gelangten sehr viele junge Aufsteiger mit Karriereabsichten, die sich in konkreten Fragen wenig kompetent erwiesen und denen gleichzeitig zum Erreichen ihrer karrieristischen Erfolge nahezu jedes Mittel recht war. Viele dieser Aufsteiger sollten später unter Breschnew eine Schlüsselrolle im Partei- und Staatsapparat spielen. Sie verkörperten die tiefe Krise des gesamten Führungssystems des Landes, das sich in den Jahren unter Stalin herausgebildet hatte.

W. Rogowin, der die Nachkriegsgeschichte der Sowjetunion von diesem Standpunkt her untersucht, schreibt: "Die grundlegenden Veränderungen der sozialen Qualitäten der Apparatschiks, die 1937 in die Ämter kamen, wurden vollends in den Jahren des Stillstandes [unter Breschnew] spürbar. Diejenigen, die nach den Repressalien der 30er Jahre an die Macht gekommen waren, bildeten in dieser Periode den Hauptteil des Apparates, der an der Spitze von Partei und Staat stand. Diese Apparatschikgeneration, die die erste Generation der Sowjetbürokratie abgelöst hatte, durchlief eine neues Stadium politischer, gesellschaftlicher und moralischer Degeneration. Diese Leute nutzten ‘den Liberalismus’ der Breschnewschen Innenpolitik für ihre eigennützigen Interessen aus, da sie sich frei von jeglichen moralischen Tabus fühlten. Die politische Erziehung, die sie erhalten hatten und die ein äußerst unmoralisches Verhalten erforderte, begünstigte in keiner Weise die Herausbildung von inneren Regulativen für ein soziales Verhalten. In bedeutenden Teilen des bürokratischen Apparates, in dem kaum noch Träger des ideellen Erbes der Oktoberrevolution verblieben waren, kam es zu Verflechtungen mit kriminellen Elementen sowie Geschäftemachern aus der Schattenwirtschaft, wobei er sich selbst an der zügellosen Veruntreuung von Staatseigentum beteiligte. All das erklärt die Enttäuschung der Mehrheit der unterdrückten Mitglieder der Partei, die zu deren ungehinderter Auflösung im Jahre 1991 führte".

Der Große Terror führte eine grundlegende Veränderung in der Zusammensetzung der Kommunistischen Partei herbei. Erstens wurde die gesamte Schicht der alten Bolschewiki physisch liquidiert. "Insgesamt hat Stalin", schreibt der Autor, "mehr Kommunisten Repressalien ausgesetzt, als es die faschistischen Diktatoren Hitler, Mussolini, Franco und Salazar zusammengenommen in ihren Ländern getan haben". Zweitens waren in der Partei sämtliche Mechanismen für eine demokratische Erörterung von Fragen oder die Annahme von Beschlüssen restlos beseitigt. Die Kraft des Apparates konzentrierte sich in der Macht der autoritären Person Stalins und derjenigen, die ihn umgaben. Zum Schluss nahm der Apparat den Status der Staatsmacht an und konzentrierte in seinen Händen die Lenkung der gesamten Volkswirtschaft.

Das Hauptergebnis des Großen Terrors war die Entstehung einer sozialen Hierarchie in der Sowjetunion, wo die Privilegien der Bürokratie dem rechtlosen und ärmlichen Leben der großen Mehrheit der Bevölkerung gegenüberstanden und mit aller Kraft den staatlichen Unterdrückungsapparat aufrechterhielten. "All das bewirkte grundlegende Veränderungen in der gesellschaftlichen Psychologie und Moral", unterstreicht Rogowin. "In den neuen privilegierten Schichten begann sich das Gefühl sozialer Überlegenheit und eine verächtliche Haltung gegenüber den unteren Bevölkerungsschichten herauszubilden". "Die neue Generation von Bürokraten unterschied sich in ihrer Überzeugung von der Unerschütterlichkeit ihrer Position und in der wesentlich größeren Korruption gegenüber ihren Vorgängern."

Die Führung der Roten Armee wurde im Verlauf der Großen Säuberung vollständig vernichtet. Das fügte ihr einen irreparablen Schaden zu, der sie am Vorabend des neuen Weltkrieges enorm schwächte: "Wurde die Rote Armee 1935 und 1936 für die mächtigste Armee in der Welt gehalten, so kamen die ausländischen Militärexperten schon nach dem Prozess gegen acht hochrangige Armeeführer (im Juni 1937) zu dem Schluss, dass die Massenrepressalien wegen der fehlenden militärischen Erfahrungen und Kenntnisse der neuen Kommandeure, welche die den Repressalien zum Opfer Gefallenen ablösten, zu einer inneren Zersetzung der Roten Armee und der Schwächung ihrer Kampfkraft führen."

Die tragischen Folgen dieses Schlages gegen die Rote Armee wurden bereits aus der Erfahrung lokaler militärischer Operationen deutlich. Doch am stärksten äußerte sie sich in der Niederlage im sowjetisch-finnischen Krieg von 1939 und 1940.

Auch der Inhalt der Nationalitätenpolitik des Stalinschen Regimes änderte sich. In ihr verstärkten sich stark großrussische chauvinistische Züge. W. Rogowin hebt beispielsweise hervor, "dass dem Stalinschen Politbüro niemals ein Funktionär aus den Unionsrepubliken, die Ukraine ausgenommen, angehörte." Viele Elemente kultureller nationaler Autonomie wurden liquidiert, die zahlreichen nationalen Minderheiten des Landes nach der Oktoberrevolution eingeräumt worden waren.

Es wurde eine plötzliche Wende hin zur Rehabilitierung vieler Persönlichkeiten aus der russischen Geschichte unternommen: Fürsten, Zaren und Generäle. "Unter den Zaren wurde Iwan dem Schrecklichen und Peter dem Ersten besondere Aufmerksamkeit zuteil, die Stalin als Vorbilder ‘notwendiger’ Härte gegenüber ‘Verrätern’ dienten." All das bildete die Grundlage für jene Atmosphäre von Fremdenfeindlichkeit und Chauvinismus, die in den ersten Nachkriegsjahren für das offizielle sowjetische Lebens so charakteristisch werden sollten. "Derartige Tendenzen bewirkten eine Gegenreaktion seitens der einheimischen Bevölkerung der Unions- und Autonomen Republiken: die Anheizung von antirussischen und separatistischen Stimmungen. All diese nationalen Gegensätze, die zur Zeit der Perestroika zutage kamen, spielten bei der Auflösung der Sowjetunion keine geringe Rolle."

Die Heuchelei der offiziellen Ideologie

"Der wichtigste Aspekt für die Veränderungen in der offiziellen Ideologie während der zweiten Hälfte der 30er Jahre", schreibt W. Rogowin, "war Stalins Zurückweisung der Konzeption der Weltrevolution." Offiziell wurde das natürlich nicht zugegeben. Vielmehr wurde die "internationalistische" Seite der offiziellen Ideologie in einigen formalen Punkten nach außen hin sogar verstärkt, beispielsweise während des spanischen Bürgerkrieges von 1936 bis 1939.

"...Jedoch drängte die chauvinistische Großmachtsideologie die früheren bolschewistischen Formeln immer mehr in den Hintergrund. Letztendlich war gegen Ende der 30er Jahre nicht nur die offizielle ideologische Doktrin, sondern auch das Bewusstsein der Massen in zwei Teile aufgespalten: einerseits die nicht ‘aufgehobenen’ Ideen des Internationalismus und andererseits die immer stärker in den Vordergrund rückenden Ideen von großrussischem Chauvinismus und Fremdenfeindlichkeit."

In dieser Atmosphäre wurden alle Ausländer für potentielle Spione gehalten und es begann die Verdrängung einer Reihe von nationalen Minderheiten aus dem Staats- und Militärapparat. Beispielsweise wurden 1938 einem Geheimbefehl Woroschilows zufolge Vertreter jener Nationalitäten aus der Armee entfernt, die ihre staatliche Ausbildung außerhalb der Grenzen der UdSSR erhalten hatten (darunter Finnen, Österreicher und Ungarn).

Ein weiterer Bestandteil der offiziellen Heuchelei war die aufdringliche Propaganda vom "glücklichen Leben" vor dem Hintergrund der schwierigen Alltagsprobleme der sowjetischen Bevölkerung. Siegesberichte über Erfolge ergänzten sich zu dieser Zeit mit Massenkampagnen zur Entlarvung von Feinden und Saboteuren. "Mitte der 30er Jahre", schreibt Rogowin, "existierten in der sowjetischen Propaganda zwei Strömungen von nicht endenden Lügen: Die erste, die vom ‘glücklichen Leben’ des Volkes erzählt, dass die Sowjetbürger ‘immer besser und glücklicher leben’, und die zweite über die Horden innerer Feinde, die sich buchstäblich überall verstecken und das herrschende Regime untergraben, das dem Volk das glückliche Leben bringe. Das Aufeinanderprallen dieser Strömungen schuf ein äußerst widersprüchliches Bild des sowjetischen Lebens..."

W. Rogowin weist darauf hin, dass sich das Nazi-Regime in Deutschland ebenfalls auf einen gewaltigen Strom von Lügen stützte, und vergleicht Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen der offiziellen Lüge des Stalin- und des Hitler-Regimes: "Wenn die Lügen der faschistischen Propaganda ein relativ geordnetes und statisches System bildeten und die unveränderlichen Ziele ihrer Träger widerspiegelten, so hatten die Lügen der sowjetischen Bürokratie einen ungeordneten, veränderlichen und dynamischen Charakter, weil sie die ununterbrochenen Zickzacks der extrem empirischen Innen- und Außenpolitik des Stalinismus offenbarten."

Doch die Hauptlüge, auf die sich das Stalinsche Regime stützte, war verbunden mit der Lüge über die Oktoberrevolution, ihre Ziele und ihre Führer. Fragen wie die Geschichte des Bolschewismus vor der Oktoberrevolution, der ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der russischen Sozialdemokratie, der Theorie der permanenten Revolution, der ideologischen Umbewaffnung des Bolschewismus im April 1917 und schließlich über die Vorbereitung des Oktoberaufstandes und die Rolle, die Leo Trotzki dabei gespielt hatte, wurden vollständig verfälscht. Trotz der Enthüllungen zur Zeit von Chruschtschows "Tauwetter" "blieb die Wahrheit über die Oktoberrevolution nach wie vor auch für die Generation unzugänglich, die nach dem Tode Stalins aufgewachsen war. Daher rührt die relative Leichtigkeit des zweiten ‘Aufschwungs der Oktoberlegende', der Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre von russischen Antikommunisten lanciert wurde."

All das kennzeichnet den sozialen Charakter der sowjetischen Gesellschaft so, wie er sich nach dem großen Terror gestaltete. In den Jahrzehnten haben sich in mehr oder weniger vollendeter Form die grundlegenden Eigenschaften des innerlich äußerst instabilen Stalinschen Regimes herauskristallisiert, welches sich auf die Kaste der privilegierten Bürokratie stützte und in einem tiefen Gegensatz zu den sozialen Grundlagen der Sowjetunion stand.

Dieser Hauptwiderspruch der Sowjetgesellschaft wurde von Leo Trotzki bereits Mitte der 30er Jahre detailliert analysiert. Im Grunde genommen zwang er die Sowjetbürokratie, zur Verteidigung ihrer Privilegien Zuflucht zu den gleichen politischen Methoden wie das Hitlerregime in Deutschland zu nehmen. Ungeachtet dessen wurde der konterrevolutionäre Charakter des Stalinschen Regimes zum Teil dadurch verdeckt, dass es zur Erhaltung seiner Grundlagen einige Elemente der Planwirtschaft entwickeln und recht weitreichende soziale Reformen durchführen musste. "Lediglich im Ausland, in Spanien", hebt W. Rogowin in diesem Zusammenhang hervor, "d.h. auf der Basis des bürgerlichen Regimes, erfüllte Stalin die Funktion, die der Hitlers analog ist - er unterdrückte die sozialistische Revolution."

Stalinismus und Nazismus

Nichts charakterisiert gleichzeitig die Heuchelei und das wahre Wesen der Stalinschen Politik so, wie die Beziehungen zwischen der Stalinschen Führung und dem Hitlerregime in Deutschland. Die Rolle der stalinisierten Komintern bei Hitlers Machtantritt im Jahre 1933 wurde von Rogowin sehr gut in den vorangegangenen Bänden seiner historischen Untersuchung beleuchtet. Im vorliegenden Buch geht er ausführlich auf einen anderen beredten Aspekt dieser Frage ein: die Vorbereitung und Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes im August 1939.

"Unter Berücksichtigung der gesamten historischen Erfahrung dieses Jahrhunderts", betont Rogowin, "wird besonders klar, dass die Unterzeichnung des sowjetisch-deutschen Paktes von 1939 eines der bösartigsten Stalinschen Verbrechen, eine heimtückische politische Abmachung und ein Weg war, den sich die beiden totalitären Diktatoren im Verlauf einer längeren Periode gebahnt hatten."

"Die Vorbereitungsgeschichte des Paktes und sein Inhalt selbst", fährt der Autor fort, "widerlegen anschaulich den Mythos über den ‘ideologisierten’ Charakter der Stalinschen Außenpolitik, die angeblich die Kontinuität mit dem bolschewistischen Kurs auf die sozialistische Revolution darstellte. Stalin ließ sich in Wirklichkeit nicht von ideologischen Motiven leiten, die in seiner Innen- und Außenpolitik niemals eine Rolle spielten, sondern von rein geopolitischen Erwägungen."

W. Rogowin zeigt, dass sich der Weg zum Pakt von 1939 mehrere Jahre hinzog, selbst in jener Zeitperiode, in der die offizielle Sowjetpropaganda eine intensive Kampagne mit antifaschistischem Inhalt führte und die Volksfrontpolitik mit der Bourgeoisie der "demokratischen" Imperialisten unterstützte. Es sei erwähnt, dass der Massenterror gegen etliche Generationen der bolschewistischen Partei angeblich zur Entlarvung von faschistischen Agenten in der Partei und im Staatsapparat entfesselt worden ist. Besonders anschaulich belegt dies die Enthauptung der Roten Armee. Ebenfalls wurde die Vernichtung von sozialistischen Internationalisten in Spanien mit einer Propaganda über ihre angebliche profaschistische Orientierung abgedeckt. Bemerkenswert ist, dass Stalin ein direktes Freundschaftsbündnis mit Hitler praktisch abschloss, kurz nachdem er mit "faschistischen" Agenten innerhalb der UdSSR und in den Reihen von Antifaschisten in Spanien abgerechnet hatte.

Leo Trotzki sah zu seiner Zeit die Möglichkeit eines solchen Bündnisses aufgrund erster Anzeichen der begonnenen Annäherung voraus. In seinem Buch beleuchtet Rogowin den geschichtlichen Hintergrund dieser Annäherung: "Das sowjetisch-deutsche Bündnis wurde deshalb möglich, weil in der damaligen Weltpolitik nicht die Gegensätze zwischen der UdSSR und ihrer kapitalistischen Umgebung, sondern die Gegensätze zwischen den führenden imperialistischen Mächten im Vordergrund standen, die die Ursache der tiefen Krise waren, von der der Weltkapitalismus in den 30er Jahren erfasst war. Diese interimperialistischen Gegensätze waren so scharf, dass die Schaffung eines einheitlichen antisowjetischen Blocks der größten kapitalistischen Staaten ausgeschlossen war."

Zu einer entscheidenden Wende in der sowjetischen Politik hinsichtlich des deutschen Faschismus wurde im Frühjahr 1939 die Absetzung von M. Litwinow vom Posten des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten. Danach spielte Molotow die entscheidende Rolle in der Entwicklung der Beziehungen mit dem Hitlerregime und wurde in jener Zeit zum engsten Gehilfen Stalins. Die geheimen Sondierungen dauerten von Mai bis Juli. Dabei wurden gleichzeitig die Beziehungen zwischen der Kreml-Clique und den Ländern der Entente fortgesetzt, wobei jede Seite die günstigsten geopolitischen Bedingungen anstrebte.

Zum Schluss wurde der Pakt geschlossen. W. Rogowin schreibt: "Der sowjetisch-deutsche Pakt war nicht das Ergebnis einer plötzlichen politischen Improvisation, sondern das Resultat der langandauernden stalinistischen Innenpolitik und die Frucht diplomatischer Initiativen, die sich aufeinander zu bewegten."

"Das sowjetisch-deutsche Abkommen war in seiner Vorbereitung ein einzigartiges diplomatisches Dokument. Bei seiner Erstellung wurden die verfassungsrechtlichen Grundlagen der Außenpolitik vollständig ignoriert. Von der Ausarbeitung dieses wichtigen Dokumentes, das das Schicksal des Sowjetstaates bestimmte, wurden nicht nur der Oberste Sowjet und die Regierung der UdSSR, sondern auch das Zentralkomitee der KPdSU ausgeschlossen. Selbst die meisten Mitglieder des Politbüros erfuhren vom Inhalt des Paktes erst nach seiner Unterzeichnung. Das Abkommen und das Zusatzprotokoll wurden unter strenger Geheimhaltung nur von Stalin und Molotow vorbereitet. Die Dokumente selbst waren das Ergebnis willkürlicher Improvisationen. Die Vorbereitungen entbehrten völlig jeglicher wissenschaftlichen Ausarbeitung der Basis für eine grundlegende Veränderung des außenpolitischen Kurses des Landes."

Rogowin hebt noch einen wichtigen Aspekt hervor, der im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt steht. Die physische Liquidierung der Führung der Roten Armee führte zu ihrer starken Schwächung. Viele ausländische Militärexperten schätzten die militärische Stärke der UdSSR in dieser Periode recht niedrig ein. Dies zwang Stalin, die Beteiligung der Sowjetunion am nahenden Weltkrieg hinauszuschieben. Hitler konnte sich im Osten viel sicherer fühlen und die Initiative in seinen Händen behalten, während er dem Stalinschen Regime in Moskau einen vorübergehenden Frieden anbot.

Bemerkenswert war die Atmosphäre bei der Unterzeichnung des Abkommens. Den Erinnerungen Ribbentrops zufolge "geschah zu Beginn der Prozedur etwas Unerwartetes: Stalin erhob sich und brachte einen kurzen Toast aus, in dem er über Adolf Hitler als einen Menschen sprach, den er immer außerordentlich verehre." Der vertrauliche, wenn nicht sogar herzliche Charakter der Verhandlungen wird in dem Bericht eines Mitgliedes der deutschen Delegation wiedergegeben. In dem Bericht wird gezeigt, dass Stalin, ohne den Trinkspruch von Ribbentrop ihm zu Ehren abzuwarten, plötzlich sagte: "Ich weiß, wie sehr das deutsche Volk seinen Führer liebt, und möchte deshalb auf seine Gesundheit trinken."

Gerade von einem solchen Geiste - der Identifizierung der Nazi-Clique mit dem deutschen Volk - war die gesamte sowjetische Presse mit ihren Kommentaren aus Anlass der Unterzeichnung des Paktes mit Hitler durchdrungen. Zum Sprachrohr dieser Politik wurde Molotow. Seine zahlreichen Reden genauso wie die Publikationen in den sowjetischen Zeitungen behandelten dieses Abkommen als Ereignis, das der UdSSR die Bannung der Gefahr eines Krieges mit Deutschland gewähren würde.

Am 2. September 1938 wurde in der Prawda ein Auszug aus einer Rede Hitlers während einer Reichstagssitzung veröffentlicht, in der Hitler erklärte, dass er "sich jedem Wort anschließen kann, das der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten gesagt hat."

Der letzte Aspekt, der von W. Rogowin in bezug auf das Bündnis zwischen Stalin und Hitler erwähnt wird, ist jene klägliche und zutiefst schändliche Rolle, die unter diesen Umständen die stalinisierte Komintern spielen musste. Trotz langjähriger antifaschistischer Propagandakampagnen und der Tatsache, dass vielen europäischen Ländern, in denen kommunistische Parteien existierten, eine Nazibesetzung drohte, waren die Parteien der Komintern gezwungen, sich jener Interpretation dieses Abkommens anzuschließen. Sie wurde ihnen von Moskau aufgezwungen und sah in ihm kein Instrument zur Unterstützung und Ermutigung des Aggressors, sondern stellte es als Faktor des Friedens und der Stabilität dar. Die Bereitschaft der Komintern, auch diesmal prinzipienlos ihre gesamte frühere Politik aufzugeben, war eine der wichtigsten Stufen auf dem Wege zu ihrer vollständigen politischen Degeneration, die Stalin ihre schmerzlose Auflösung im Jahre 1943 erleichterte.

Die Rolle des Stalinismus in Spanien

Im vorliegenden Buch wendet sich der Autor erneut der Frage über die Rolle der Stalinschen Politik während des spanischen Bürgerkrieges von 1936 bis 1938 zu. Bereits früher hatte er aufgezeigt, dass die Politik Stalins eine durch und durch konterrevolutionäre Rolle spielte. Sie gewährte der bürgerlich republikanischen Regierung Unterstützung und war andererseits darauf ausgerichtet, die Entwicklung einer sozialen Revolution zu verhindern. Sie machte dabei nicht Halt vor der direkten physischen Vernichtung revolutionärer Internationalisten. Im vorliegenden Band versucht Rogowin noch einen Aspekt dieses Problems zu analysieren: warum ist es in Spanien nicht gelungen, eine revolutionäre Partei der Arbeiterklasse aufzubauen, analog zu den Bolschewiki im Russland von 1917?

Hauptsächlich betrifft das die Rolle, die die zentristische POUM während des spanischen Krieges von 1936 bis 1938 spielte. Ausgehend von Trotzkis Analyse, die Rogowin im großen und ganzen unterstützt, versucht er unserer Ansicht nach nicht sehr erfolgreich, die Politik der POUM gegen kritische Bemerkungen Trotzkis zu verteidigen. Das mindert allerdings nicht im geringsten das Wichtigste herab, was W. Rogowin an dieser Stelle zeigt. Dieser Hauptaspekt besteht in einer unmissverständlichen Entlarvung der wahren Rolle der Stalinschen Politik in Spanien, die von Anfang an von zwei Linien bestimmt war: der Rettung der bürgerlichen Demokratie vor Franco soweit es möglich war; und der Rettung des Privateigentums vor Angriffen durch das Proletariat um jeden Preis.

Diese Politik wird in einem Brief zusammengefasst, den Stalin, Molotow und Woroschilow am 21. Dezember 1936 an den Premierminister der republikanischen Regierung, Largo Caballero, schickten. In ihm "heißt es, dass ‘sich die spanische Revolution Wege ebnet, die sich in vieler Hinsicht von dem Weg unterscheiden, den Russland gegangen ist... Es ist durchaus möglich, dass sich der parlamentarische Weg als das für Spanien wirksamere Mittel für eine revolutionäre Entwicklung erweisen wird, als für Russland’. Der Brief enthielt ‘freundschaftliche Empfehlungen’, die darauf ausgerichtet waren, die spanische Revolution im bürgerlich-demokratischen Rahmen festzuhalten und ‘die Feinde Spaniens davon abzuhalten, es als kommunistische Republik anzusehen’. In diesem Zusammenhang schlugen die ‘Kremlführer’ der Regierung vor, ‘die städtische Klein- und Mittelbourgeoisie für sich zu gewinnen oder ihr auf jeden Fall die Möglichkeit zu geben, eine für die Neutralitätsregierung günstige Position einzunehmen, um sie vor Konfiskationsversuchen zu schützen und ihr nach Möglichkeit die Freiheit des Handels zu sichern’. Stalin und seine Helfershelfer ‘empfahlen’ außerdem, ‘einen Anlass zu finden, um in der Presse zu erklären, dass die Regierung Spaniens niemandem gestatten wird, auf das Privateigentum und die legitimen Interessen von Ausländern in Spanien Anspruch zu erheben...’".

Leo Trotzki und die Vierte Internationale

Die Gründung der Vierten Internationale in der zweiten Hälfte des Jahres 1938 wird von Wadim Rogowin als Ereignis von welthistorischer Bedeutung gewertet, das neue Möglichkeiten für eine revolutionäre Umgestaltung der Welt eröffnete. Er zeigt auf, dass die internationalistischen Kräfte, die sich um das Banner der Vierten Internationale vereinten, in vielen Ländern der Welt existierten. Sie wuchsen, entwickelten sich und hatten mehr Autorität und Einfluss, als es anhand der Größe ihrer Mitgliedschaft zu erkennen war. Gerade diese Umstände riefen sowohl bei den Führern des Weltkapitalismus als auch bei der Elite der stalinistischen Bürokratie in der UdSSR große Befürchtungen hervor.

Der französische Botschafter in Deutschland, Coulondre, berichtet in seinen Memoiren darüber, was ihm Hitler während eines Gesprächs am 25. August 1939 offenbarte, als dieser noch hoffte, eine Beteiligung Englands und Frankreichs am Krieg nach dem deutschen Überfall auf Polen vermeiden zu können. Coulondre äußerte bei dieser Unterredung den Gedanken, dass "der einzige Sieger im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich Trotzki wäre". Hitler antwortete wie selbstverständlich darauf: "Ja, ich weiß."

Kaum geringer waren auch Stalins Befürchtungen. Die geheimen Agenturdaten lieferten wahrheitsgetreue Informationen über den wachsenden Einfluss der Anhänger der Vierten Internationale. Das zwang Stalin, die Anstrengungen für eine physische Liquidierung Leo Trotzkis enorm zu verstärken. Viele Details dieser Umstände beschreibt Rogowin in seinem Buch.

Doch am interessantesten sind die Überlegungen von W. Rogowin darüber, warum die Voraussage Trotzkis von der Unvermeidlichkeit der Weltrevolution während und nach dem neuen Weltkrieg "nicht in Erfüllung gegangen ist". Rogowin weist darauf hin, dass sich eine solche Fragestellung zum einen auf die historische Erfahrung stützt, die mit dem Ersten Weltkrieg im Zusammenhang steht. Andererseits war es zur damaligen Zeit unmöglich, sich vorzustellen, auf welche Weise sich der Weltkapitalismus aus jener historischen Sackgasse retten würde, in die er in jenem Moment geraten war. Schließlich müssen wir dessen gegenwärtig sein, dass die neue Spirale des kapitalistischen Nachkriegsbooms zum Preis gewaltiger Zerstörungen und enormer menschlicher Verluste erkauft wurde, die absolut beispiellos in der gesamten Weltgeschichte sind.

Doch das Entscheidende, worauf W. Rogowin seine größte Aufmerksamkeit lenkt, besteht im Verständnis des Charakters von Trotzkis Prognose selbst. Sämtliche derartige Erwägungen über die Zukunft, schreibt Rogowin, "sind nicht nur Prognosen, sondern gleichzeitig revolutionäre Losungen und Programme". Mit anderen Worten war es nicht einfach eine objektivistische Prophezeiung dessen, was sich mit fataler Unvermeidlichkeit hätte ereignen sollen. Es war eher ein mobilisierender Aufruf, der ausgehend von den objektiven Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung versuchte, Wege zur Überwindung der bestehenden gesellschaftlichen Krise vorzuzeichnen und die Rolle eines Hebels bei der Umgestaltung der Welt zu spielen.

* * *

Das Buch "Weltrevolution und Weltkrieg" erschien im August 1998. Im September starb sein Autor im 62. Lebensjahr an einer unheilbaren Krebserkrankung. Als Altersgenosse des Großen Terrors, der im schrecklichsten Jahr der sowjetischen Geschichte, 1937, geboren wurde, widmete Wadim Rogowin sein ganzes Leben der Wiederherstellung der historischen Wahrheit über das Schicksal der Sowjetunion, zu deren besten Söhnen er zählte.

"Weltrevolution und Weltkrieg" ist das letzte noch zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Buch Rogowins. Als organischer Bestandteil eines großen Ganzen, das unter anderem die Evolution und die Suche seines Autors widerspiegelt, ist dieser Band ein unvergängliches wissenschaftliches Monument für die außergewöhnliche Leistung, die Wadim Rogowin mit seinem Werk hinterlassen hat. Mit seinem Hinscheiden wurde er selbst Teil der Geschichte, der er einen so bedeutenden Teil seines zu früh endenden Lebens widmete. Dennoch hat er es vermocht, das Manuskript des abschließenden siebenten Bandes seines historischen Zyklus "Gab es eine Alternative?" zu beenden, der noch auf seine Leser wartet.

Siehe auch:
Einführung zu "Weltrevolution und Weltkrieg"
(15. Oktober 2002)
"Das Ende ist der Anfang" - der siebente Band der Geschichte der Linken Opposition gegen den Stalinismus von Wadim Rogowin ist erschienen
( 2. Juli 2002)
Der Arbeiterpresse Verlag stellt einen neuen Band von Wadim Rogowin vor - "Vor dem großen Terror - Stalins Neo-NÖP"
( 29. März 2002)
Wadim Rogowins "1937 - Jahr des Terrors" im Spiegel der Kritik
( 16. Oktober 1998)
Wadim Rogowin im Arbeiterpresse Verlag

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