Für einen Polizeistaat? Nicht ganz...

Minority Report, Regie Steven Spielberg

Von David Walsh
4. Oktober 2002

Minority Report, Regie Steven Spielberg, Drehbuch Scott Frank und Jon Cohen, nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick

Minority Report ist der jüngste Film des Regisseurs Steven Spielberg. Im Jahre 2054 ist in Washington DC durch den Einsatz eines Teams von Parapsychologen, die Tötungen unfehlbar voraussehen, der Mord ausgerottet worden. Die angehenden Mörder werden ergriffen, bevor sie ihr Verbrechen begehen können, und kryogenischen Einfriereinheiten überstellt. Als die führende Gestalt in der sogenannten "Pre-Crime Unit" John Anderton (Tom Cruise) als zukünftiger Mörder eines ihm unbekannten Mannes benannt wird, macht er sich daran das Geheimnis zu lüften, und wird dabei von seiner eigenen Polizeitruppe gejagt. Andertons eigener Sohn war einige Jahre zuvor entführt und wahrscheinlich ermordet worden, dieses Ereignis hatte auch seine Ehe zerstört.

Spielberg ist eines der talentierteren Mitglieder einer Generation von Studio-Filmemachern, deren Produkte im Allgemeinen außerordentlich armselig gewesen sind und ruhig der Vergessenheit anheimfallen dürfen. Spielberg verfügt zweifellos über die Fähigkeit, ein Drama eindrucksvoll zu erzählen, den Zuschauer zu fesseln und ein Thema zu entwickeln. Seine Themen tendieren allerdings dazu, um die Sorgen seiner Generation gehobener Mittelklasse-Amerikaner zu kreisen. Es ist sicherlich bemerkenswert, dass Spielberg, der selbst angeblich mehr als zwei Milliarden Dollar besitzt, in seiner dreißig turbulente Jahre umfassenden Karriere als Filmemacher nicht ein einziges Mal etwas Aufschlussreiches über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft zu sagen hatte.

Minority Report basiert auf einer 1956 veröffentlichten Kurzgeschichte des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick und hat fesselnde und unterhaltsame Elemente. Keine Kosten wurden gescheut. Die Filmemacher haben sich alle Arten von raffinierten Kniffen ausgedacht, dabei das Rückläufige mit dem Futuristischen kombiniert, um eine Welt des Jahres 2054 zu erschaffen. Wie es jedoch bei zeitgenössischer Science Fiction fast immer der Fall ist, wurde die Vorstellungskraft nur auf "Dinge" angewandt, nicht auf menschliche Beziehungen, nicht auf das gesellschaftliche Leben.

Es gibt Absurditäten in Minority Report, die eine Menge über die gesellschaftlichen Annahmen und Vorurteile der Macher des Films aussagen. Die amerikanische Gesellschaft in 50 Jahren wird, soweit man das beurteilen kann, als wohlhabend, glücklich und zufrieden dargestellt - aber Verbrechen, Mord und Drogenkonsum existieren weiterhin. Warum? Gibt es keine Verbindung zwischen Armut und Gewalt oder, allgemeiner, zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und Verbrechen? Die Filmemacher passen sich entweder an das Argument der Rechten an, dass es im Wesentlichen keine Ursache für Verbrechen gibt (sie entspringen der sündigen Natur des Menschen), oder, was wahrscheinlicher ist, sie demonstrieren ihr fehlendes Interesse an den Ursachen und kümmern sich lediglich um die Mittel, mit denen die Konsequenzen verhindert werden können.

Die Entdeckung, dass die Parapsychologen nicht immer einer Meinung sind und unterdrückte "Minderheitenberichte" existieren, in denen andere mögliche Entwicklungen beschrieben werden, ist der Wendepunkt in Spielbergs Film. Die Pre-Crime Unit könnte tatsächlich Menschen festnehmen und einsperren, die niemals irgendwelche Verbrechen begehen würden. Anderton entdeckt für sich selbst die komplexe Beziehung zwischen dem scheinbar Unvermeidbaren und der tatsächlichen Art und Weise, in der sich Ereignisse auswirken.

Man kann dazu nur sagen: Dem Himmel sei Dank für kleine Gnaden. Steven Spielberg und Co. vertreten letztendlich nicht den Standpunkt, dass man alle potentiellen Verbrecher wegsperren soll. Was für ein großer Tag für die Demokratie!

Offensichtlich ist der Film aber nur knapp daran vorbeigekommen. Als Spielberg anfänglich über das Filmprojekt nachdachte, so sagte er gegenüber der Time, hatte er "einen Popcorn-Film im Sinn, bis ich über die Probleme nachzudenken begann, die damit verbunden sind, wenn man Leute ohne angemessenen Prozess verhaftet." Der Regisseur erzählte, dass eine Freundin, die Historikerin Doris Kearns Goodwin, ihn auf die Verfassungsprobleme aufmerksam gemacht hat, die in Bezug auf das Konzept des "Precrime" auftreten. Sie habe gesagt: "Dies wäre eine wunderbare Sache, aber was ist mit den in der Verfassung garantierten Grundrechten?" erinnerte sich Spielberg.

Spielberg und Goodwin sind nicht die einzigen, die diese Idee verlockend finden. Der Kritiker David Edelstein schrieb in der Zeitschrift Slate : "Der Film präsentiert uns ein klassisches totalitäres Szenario, gesteigert durch Technologie und das Paranormale: Würden Sie einen Haufen von bürgerlichen Freiheitsrechten für eine Welt ohne Verbrechen aufgeben? Angenommen, dass die richtigen Leute immer aus den richtigen Gründen eingesperrt würden, müsste ich über diese Frage lange und schwer nachdenken."

Dem oben Zitierten liegt natürlich die Annahme zugrunde, dass der Staat eine neutrale Einrichtung ohne eigene Interessen ist, die von ehrbaren Motiven angetrieben wird und deren einzige Sorge das Wohlergehen ihrer Bürger ist. Die Vorstellung, dass der Staat bestimmte gesellschaftliche Interessen vertritt und dass es zu seinen Aufgaben gehören könnte, die Bevölkerung zu bestimmten gesellschaftlichen Zwecken zu unterdrücken - dies alles ist Spielberg und Freunden, die letztendlich ein insgesamt zufriedener Haufen sind, vollkommen fremd.

Das soll nicht heißen, dass der Film keine Kritik an der zukünftigen Welt übt und damit auch implizit an der gegenwärtigen. Spielberg ist kein Idiot und auch kein Propagandist des existierenden Zustands. (Schließlich hatte Schindlers Liste gute Teile.) Der Anblick behelmter und schwarz gekleideter Polizisten, die durch Fenster und Decken brechen, um Individuen festzunehmen, deren einziges Verbrechen darin besteht, gewalttätige Gedanken zu hegen, ist bedrohlich und beunruhigend - wie auch die Bilder von mechanischen Spinnen, die die Anwesenheit von Menschen feststellen können und in Scharen Wohnhäuser durchsuchen. Minority Report wird jedoch größtenteils von anderen Absichten und sozialen Impulsen geleitet.

Unternehmen und ihre Werbung haben im Jahre 2054 mit Hilfe der Technologie das amerikanische Leben soweit durchdrungen, dass Reklameflächen den Kunden an seinen Augen erkennen und eine auf die Person abgestimmte Nachricht ausgeben. ("Guten Morgen, Herr Yakamoto. Wie gefiel Ihnen das Dreierpack Pullunder, das Sie letztes Mal hier gekauft haben?") Auf der Site Internetnews.com kommentiert Pamela Parker: "Stellen Sie sich vor, Sie werden von einer animierten digitalen Reklamefläche nassgespritzt, die für Aquafina wirbt. Oder Sie sehen in der U-Bahn eine Werbetafel mit der Aufschrift: ‚[Ihr Name], du siehst aus, als könntest du ein Guinness vertragen‘, wenn Sie nach einem miesen Arbeitstag nach Hause kommen. An einer Stelle im Film trifft der von Tom Cruise gespielte Charakter, der auf der Flucht ist, auf eine Werbung von American Express, die sagt: ‚Es macht den Eindruck, als müssten Sie mal raus, und Blue kann das für Sie machen.‘... Die Identifikation der Konsumenten findet über das Scannen der Netzhaut statt, dann werden vermutlich die Daten in einer globalen Datenbank mit den Namen abgeglichen."

Diese umfassende und aufdringliche Kommerzialisierung ist im Film allerdings mehr eine Quelle des Amüsements, als Abscheu oder Protest. In jedem Fall kritisiert Spielberg etwas, was sein Film gleichzeitig fördert. Minority Report praktiziert "Product Placement" (die Platzierung von Markennamen) im großen Stil und wirbt so für Lexus, Reebok, Nokia, The Gap, Guinness, American Express, Bulgari, Aquafina von Pepsi und viele andere Marken.

Dieses "Product Placement" ist nicht kostenlos. Lexus bezahlte angeblich fünf Millionen Dollar für das Privileg, dass eine futuristische Version ihrer Automobile in Minority Report gezeigt wird. Die Zeitschrift Business Week berichtete, dass "der Autohersteller als Teil der Abmachung auch einen 62.000 Dollar teuren, nagelneuen Lexus SC 430 Kabriolett an Spielberg lieferte." Das Magazin fuhr fort: "Warum sollte Lexus all das Geld einsetzen, um Spielberg beim Design von Autos zu helfen, die nie verkauft werden? [Der stellvertretende Verkaufsleiter von Lexus Mike] Wells erklärt: ‚Wir möchten der Welt zeigen, dass Lexus als Marke in 50 Jahren noch groß ist.‘"

Und das ist noch nicht alles: "Lexus war nicht der einzige große Werbepartner, der Spielberg die Kosten für den Film tragen half, der mit Spezialeffekten beladen ist. Der Telefonhersteller Nokia gab geschätzte zwei Millionen Dollar aus, um die futuristischen Mobiltelefone zu gestalten, die Cruise und andere im Film benutzen, wie Quellen berichteten. Nokia bezahlt auch die Werbung in Zeitschriften und im Fernsehen für den Film und Nokias neuen 9290 Communicator, ein 599 Dollar teures Telefon, das im Mai 2002 neu auf den Markt gebracht wurde und Bild-, Audio- und Videodateien versenden und empfangen kann. Außerdem wirbt Nokia auf der Firmenwebsite für Minority Report und präsentiert das Telefon, das für den Film gestaltet wurde."

Was soll man dazu sagen? Wie kann man von einem Film, der in einem solchen Ausmaß durch die Zusammenarbeit zwischen den Filmemachern und riesigen transnationalen Unternehmen produziert wurde, erwarten, dass er eine klare Sicht auf das derzeitige Leben verbreitet? Und das zu einer Zeit, wo die umfassende und durchdringende Kriminalität der Unternehmensvorstände, die die amerikanische Wirtschaft um Billionen Dollar plündern, öffentlich geworden ist.

Hollywoods Liberale

Die Ansichten von Spielberg und seinen Kollegen zu Verbrechen, Polizei und demokratischen Rechten sind bedingt durch ihre sozialen Umstände und Beziehungen. Der durchschnittliche Hollywood-Liberale, reich und selbstzufrieden, würde es bevorzugen, unter Berücksichtigung aller Umstände und wenn es nicht zu viel Unannehmlichkeiten mit sich bringt (oder sein Aktiendepot oder seine Karriereaussichten gefährdet), in einer Welt zu leben, in der universelle Brüderlichkeit herrscht. Er bringt "Demokratie" jedoch nicht in Verbindung mit dem Recht der großen Masse der Bevölkerung auf einen anständigen Lebensstandard und sieht sie nicht als etwas, das gegen die Gewalt und den Druck des kapitalistischen Staates verteidigt werden muss. Tatsächlich denkt er über so etwas überhaupt nicht nach, wie man an zeitgenössischen Filmen deutlich ablesen kann. Im Gegenteil: Unter den Bedingungen wachsender sozialer Ungleichheit wird die Bevölkerung mehr und mehr feindselig betrachtet, als eine potentielle Bedrohung seines Reichtums und seiner Privilegien.

All dieses lenkt die derzeitigen Studio-Filmemacher unwiderstehlich zur Figur des Polizisten, und zwar einerseits, weil er der Verteidiger des Privateigentum ist (und daher auf das Bewusstsein und Unterbewusstsein der Reichen eine tiefe Faszination ausübt), und andererseits, weil man ihn als Figur benutzen kann, die - auf fälschliche Weise - das Amerika der normalen, unterprivilegierten Bevölkerung verkörpert.

Minority Report zeigt uns die Sichtweise eines Polizisten, gefiltert durch mehrere Schichten liberaler Hollywoodwatte, zur Frage des Polizeistaats.

In diesem Sinn ist die Entscheidung der Filmemacher, sich am Ende gegen "Pre-Crime" und die Verfolgung potentieller Verbrecher auszusprechen, zwar nicht unwichtig, aber auch kaum eine starke Verteidigung grundlegender demokratischer Rechte. Man muss nur die ignoranten und hirnverbrannten Kommentare des Drehbuchautors Scott Frank lesen: "Leute können solange gegen die Todesstrafe sein, bis sie einen geliebten Menschen verlieren. Wir können vollkommen zivilisiert sein, bis die Mordrate steigt und wir herausfinden müssen, wie wir unsere Truppen einsetzen. So beginnen Diktaturen; es geht immer um das übergeordnete Gute."

Die allgemeine Atmosphäre von Minority Report erinnert einen an die Diskussionen, die nach dem 11. September in den liberalen Medien stattfanden und sich darum drehten, ob es ratsam sei, Folter gegen mutmaßliche Terroristen anzuwenden. Die verschiedenen Kommentatoren grübelten über die Idee der Folter an Gefangenen nach, ließen sie sich sozusagen auf der Zunge zergehen, und kamen mehrheitlich zu dem Schluss, die Idee sei zwar verführerisch, aber wahrscheinlich nicht so gut. Dass eine solche Diskussion überhaupt stattfindet, unabhängig von den unmittelbar gezogenen Schlussfolgerungen, sagt alles über das gegebene gesellschaftliche Milieu.

Die Vorbereitungen für Minority Report begannen vor drei Jahren und mit dem Drehen wurde im März 2001 angefangen. Auf seine eigene, besondere Art liefert dies einen weiteren Beweis dafür, dass die Maßnahmen der Bush-Regierung, wie die unbegrenzte Inhaftierung von Individuen, die keines Verbrechens angeklagt sind, und die Politik der "präventiven Verhaftungen", nicht einfach nur eine Reaktion auf die Terroranschläge in New York und Washington waren, sondern etwas, das bereits zuvor "in der Luft" lag. Historisch gesehen ist es eine Reaktion auf die kaum mehr haltbaren sozialen Widersprüche in der amerikanischen Gesellschaft und den Druck dieser Widersprüche auf die traditionellen Formen der bürgerlichen Demokratie.

Die Medien haben viel aus der Tatsache gemacht, dass der Filmstart von Minority Report in den Vereinigten Staaten mit der Verhaftung von Jose Padilla zusammenfiel, der angeblich eine "schmutzige Bombe" zur Explosion bringen wollte. Die Regierung behauptet, sie habe das Recht zur "vorwegnehmenden Selbstverteidigung" - ein Ausdruck, der Spielbergs "Pre-Crime Unit" gleichkommt. Der Regisseur sagte im Juni gegenüber der New York Times : "Im Augenblick sind die Leute bereit, eine Menge ihrer Freiheiten aufzugeben, um sich sicher zu fühlen. Sie sind bereit, dem FBI und der CIA weitreichende Machtbefugnisse zu geben, um, wie George W. Bush oft sagt, solche Individuen auszurotten, die eine Gefahr für unsere Art zu leben sind. Ich bin in dieser Frage auf der Seite des Präsidenten. Ich bin bereit, einige meiner persönlichen Freiheiten aufzugeben, um zu verhindern, dass jemals wieder ein 11. September passiert. Aber die Frage ist: Wo zieht man eine Grenze? Wie viel Freiheiten ist man bereit aufzugeben? Das ist das Thema des Films."

Minority Report muss in Zusammenhang mit der Unterwürfigkeit und Rückgratlosigkeit des Hollywood-Liberalismus und des amerikanischen Liberalismus im Allgemeinen gesehen werden. Diejenigen, die laut über die Vor- und Nachteile eines Polizeistaats nachdenken, haben ein solches Regime im Prinzip schon akzeptiert. Wie wir auf der WSWS schon mehr als einmal festgestellt haben, findet die leidenschaftliche Verteidigung demokratischer Rechte in den oberen Rängen der amerikanischen Gesellschaft immer weniger Anhänger.

Siehe auch:
"Der Soldat James Ryan" - ein neuer Spielberg-Film
(19. August 2002)
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - November/Dezember 2002 enthalten.)

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