12. Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus

Teil 1: Hoffnungsschimmer

Von Stefan Steinberg
3. Dezember 2002

Wenn man über das Filmprogramm eines beliebigen Festivals schreibt, so ist es nie leicht zu bestimmen, ob eine Veränderung in dessen Charakter einen generellen Stimmungs- und Themenwechsel auf Seiten der Filmemacher reflektiert oder einfach eine veränderte Haltung auf Seiten derjenigen, die das Festival organisieren und die Filme auswählen. Unter diesem Vorbehalt kann man angesichts der Filmauswahl des 12. Festivals des Osteuropäischen Films in Cottbus feststellen, dass von den Werken einer Reihe junger Filmemacher einige ermutigende Zeichen ausgingen.

Im vergangenen Jahrzehnt blickten viele Filmemacher aus dem ehemaligen Ostblock vor allem auf die Vereinigten Staaten, um sich für ihre Filme inspirieren zu lassen. Bereits vor dem Zusammenbruch des Sowjetblocks wurden amerikanische Delegierte auf dem Internationalen Filmfestival in Moskau 1989 wiederholt von Mitgliedern des sowjetischen Filmclubs gefragt: "Wer ist der geistige Führer des amerikanischen Kinos? Woody Allen oder Steven Spielberg?" (Vgl. Andrew Horton und Micheal Brashinsky: The Zero Hour, Glasnost and Soviet Cinema in Transition)

Die Erfahrungen des vergangenen Jahrzehnts haben auf große Teile der Bevölkerung im Osten ernüchternd gewirkt. Die enormen sozialen Probleme und Gräben, die infolge der Einführung des freien Marktes entstanden sind und die ehemaligen stalinistischen Länder zerreißen, haben dazu geführt, dass viele Illusionen in den US-Dollar und den American Way of Life, die zu Beginn der 1990-er Jahre stark vorherrschten, sich schnell wieder auflösten.

Osteuropäische Filmemacher stellten schnell fest, dass US-Filme à la Spielberg mit ihren Budgets sowieso nicht zu machen waren. Dennoch gab es in den letzten Jahren reichlich viele, zum Teil sehr üble Gangsterfilme, die nach Art von Quentin Tarantino mit leeren, "hippen" Dialogen gepfeffert waren. Mindestens ein paar Filme auf dem diesjährigen Festival in Cottbus ließen darauf schließen, dass Filmemacher im Osten langsam beginnen, ihre eigenen Wege zu entwickeln, um wahrhafte Geschichten zu erzählen.

Es gibt immer noch die beinahe unvermeidlichen Versuche, Tarantino nachzuäffen (Red Revolution, Polen 2000, Anti-Killer, Russland 2002), aber eine Reihe von Festivalbeiträgen konnten den Zuschauer beeindrucken. Die betreffenden Regisseure nutzen ihre Zeit, um eine echte Geschichte zu erzählen, setzen weniger darauf, etwas vorzutäuschen oder Aufsehen zu erregen, und erkunden statt dessen die größere gesellschaftliche Entwicklung anhand des zur Verfügung stehenden Materials. Deutliche Schwächen wurden allerdings dort sichtbar, wo die Filmemacher sich historischen Themen zuwandten.

Das Festival konzentriert sich traditionell auf die Werke junger Filmemacher, eröffnete aber mit dem neuen Film des Veteranen und polnischen Regisseurs Roman Polanski.

Der Pianist ist eine französisch-deutsch-polnisch-britische Co-Produktion, die auf der Autobiografie des Musikers und Überlebenden des Warschauer Ghettos Vladislav Szpilman beruht. Selbst ein Überlebender des Ghettos hat sich Polanski immer geweigert, das Thema der Judenverfolgung durch die Nazis zu bearbeiten und das Angebot abgelehnt, die Regie für den Film Schindlers Liste zu führen, weil ihm das Thema nach seiner eigenen Aussage zu nahe ging.

Es ist nicht schwer zu dem Schluss zu gelangen, dass Polanskis eigenes Leben und sein Werdegang als Filmemacher - voll von persönlichen Tragödien und falschen Einschätzungen - mit dem Elend verbunden sind, das er im Polen der Nachkriegszeit erlebte: Einer wirklichen Kindheit beraubt (seine Mutter und viele Verwandte starben in Auschwitz, sein Vater und ein Onkel überlebten das Konzentrationslager Mauthausen) geriet er als junger Mann, der Schauspieler werden und Filme machen wollte, mit der doktrinären stalinistischen Schule des sozialistischen Realismus in Konflikt. Seine ersten und in vielerlei Hinsicht interessantesten Filme, die er im Westen drehte - Ekel (1965), Wenn Katelbach kommt (1966) - handeln von psychischen Störungen und sexuellen Zwangsvorstellungen in einer rauen und repressiven Gesellschaft.

Polanski machte sich auf internationaler Ebene einen Namen als Regisseur mit seinem Film Rosemaries Baby (1968), in dem seine Ergründung der Psyche in Diabolismus und Spiritualismus umkippt - ein Thema, auf das er in seinem letzten und gar nicht überzeugenden Film Die neunte Pforte (1999) zurückkam. Im Ganzen gesehen hat Polanski von seinem Wechsel nach Hollywood nicht profitiert. Nach dem Erfolg seines film noir Chinatown (1974) produzierte Polanski zwei unoriginelle Thriller: Frantic (1987) und Bitter Moon (1992).

Der Pianist beginnt im Jahre 1939 mit einem Konzert Szpilmans für den polnischen Rundfunk. Das Konzert wird von der Bombardierung unterbrochen, mit der sich die deutsche Invasion Polens ankündigt. Szpilman und der Rest der jüdischen Bevölkerung Warschaus (360.000 Menschen, ein Drittel der Stadtbewohner) sind nun mit zunehmender Brutalität einer Spirale von Erniedrigungen, Hunger und Ermordungen durch die Nazis ausgesetzt. Der Film folgt den Stadien der Entwürdigung und Vernichtung der polnischen Juden. Eine Mauer wird um das Ghetto errichtet, damit das Elend der Juden für die Außenwelt nicht mehr sichtbar ist. Im Ghetto versucht die jüdische Gemeinde zu überleben, aber Krankheiten und Hunger nehmen sie zunehmend mit. Eine Schicht von Juden führt Verhandlungen mit den Deutschen und wird in wachsendem Maße in die mörderischen Machenschaften der Besatzer hineingezogen, während Szpilman seine eigne kleine Nische besetzt und Piano in einem Ghettocafé spielt.

Mehr durch Glück als durch Berechnung überlebt Szpilman die Massendeportation der Warschauer Juden (unter denen sich seine gesamte Familie befindet) in die Vernichtungslager. Sein Gesicht ausgezehrt vor Hunger, auf der verzweifelten Suche nach etwas zu Essen, scheint Szpilman als Charakter irgendwie zu verblassen; er spielt teilweise eine stumme Rolle als Hintergrund zu den Gräueltaten, die die deutschen Soldaten begehen. Nachdem er eine Zeit lang in Warschau, hinter dem Ghetto, Zuflucht gefunden hat, muss Szpilman später über die Mauer zurückkehren, als die sowjetischen Truppen ihren Angriff auf die Stadt beginnen. Das Niemandsland innerhalb der Mauern erinnert an eine Landschaft aus Dantes Inferno. Allein, wie ein Mensch in einer außerirdischen Landschaft, flüchtet sich Szpilman auf den Dachboden eines ausgebombten Hauses. Plötzlich trifft er auf einen deutschen Offizier. Der deutsche Offizier ist demoralisiert und zu der Erkenntnis gelangt, dass Hitlers Plan gescheitert ist. Der Tod eines weiteren Juden ändert nichts. Gleichzeitig ist der Offizier ein Liebhaber klassischer Musik. Einmal mehr wird Szpilman durch seine Gabe gerettet. In dieser Situation war Szpilman einer von nur 20 polnischen Juden, die das Ghetto überlebten.

In seinen Filmen, die auf seinen eigenen Drehbüchern und auf der Zusammenarbeit mit anderen Drehbuchschreibern basiert, hat Polanskis mit wechselndem Erfolg seine Vorstellungskraft spielen lassen. Zusätzlich zu seiner filmischen Arbeit war Polanski in letzter Zeit mit der Inszenierung von Opern beschäftigt. In den Fällen, wo er Material anderer Schriftsteller adaptiert hat, so z.B. in seiner Filmversion von Shakespeares Macbeth (1971), hat Polanski einen hohen Grad an Disziplin gezeigt, sich eng an das Original gehalten und ein starkes Werk produziert. Dies ist sicherlich auch in Bezug auf Der Pianist wahr, bei dem man den Eindruck gewinnt, dass Polanski den erfolgreichen Versuch unternommen hat, einer Reihe seiner natürlichen intellektuellen und filmischen Neigungen freien Lauf zu lassen, um sich treu an Szpilmans Text zu halten. Das Ergebnis ist eine quälende, von manchen Kritikern als beinahe dokumentarisch beschriebene Darstellung der Schrecken des Warschauer Ghettos.

Purim Spiel

Purim Spiel ist eine feinsinnige polnische Komödie der Regisseurin Izabella Cywinska, die im Jahre 2000 im polnischen Fernsehen ausgestrahlt wurde und in Cottbus erstmals einem internationalen Publikum gezeigt wurde. Das Thema des Films ist Antisemitismus im heutigen Polen. Jan Kochanovski ist ein katholischer Fabrikarbeiter mittleren Alters in einer polnischen Kleinstadt, der mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes konfrontiert ist. Jans Reaktion auf alle Probleme, denen er begegnet, so auch seiner Entlassung zu Beginn des Films, ist immer die gleiche - es ist alles die Schuld der Juden. Sein Antisemitismus wird von seinem Sohn aufgegriffen, einem arbeitslosen Fußballfan, der alle Mannschaften, die sein Team schlagen, mit antijüdischen Flüchen belegt. Nach einem geheimnisvollen Anruf samt Einladung zum Abendessen trifft Jan einen prominenten amerikanischen Anwalt, der ihm eröffnet, dass Jan nach einem Todesfall in der Familie der Erbe eines großen Vermögens ist. Es gibt allerdings eine Schwierigkeit - der tote Verwandte ist Jude und der Anwalt verfügt über Dokumente, die Jans jüdische Herkunft beweisen.

Ein erschütterter Jan kehrt nach Hause zurück, um seine Familie mit den Neuigkeiten zu konfrontieren. Als seine Frau hört, was er zu sagen hat, bricht sie in schallendes Gelächter aus. Sein Sohn verzweifelt über der Tatsache, dass er ein halber Jude ist. Seine Mutter berichtigt ihn. Auf Grund der antisemitischen Stimmungen nach dem Krieg hatte sie ihre eigene jüdische Identität verheimlicht, als sie Jan heiratete. Der Sohn ist durch und durch jüdisch. In einer Reihe höchst amüsanter Szenen finden sich die Kochnovskis nicht nur mit ihrer neuen Identität ab, sondern lernen sie auch zu schätzen.

Der Film verteilt auch Seitenhiebe auf die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. Eine Szene zeigt Jans Abscheu gegenüber dem Solidarnosc-Funktionär, der auf Grund seiner gewerkschaftlichen Verbindungen der Entlassung entgeht. Später im Film erfahren wir, dass derselbe Funktionär schließlich doch das Schicksal der anderen Arbeiter in der Fabrik teilen musste. Er muss sich ebenfalls eine neue Arbeit suchen, und wir sehen ihn als großes Huhn verkleidet und peinlich berührt vor dem Supermarkt Flugblätter verteilen.

Der Drache

Der Drache ist der Debütfilm des Regisseurs Alexej Muradow und bei Vorführungen auf russischen Filmfestivals gut angekommen. Die Geschichte ist einfach und spielt in den frühen 1990-er Jahren. Die Hauptfigur ist ein Gefängniswärter, der in einer kleinen russischen Provinzstadt lebt. Der Ehemann und Vater ist mürrisch und hat einen erbitterten Gesichtsausdruck. Das Leben ist für ihn und seine Familie ein harter Überlebenskampf in einer heruntergekommenen, baufälligen Wohnung und einer Umgebung, in der das Ertränken der eigenen Sorgen in Alkohol der vernünftigste Zeitvertreib zu sein scheint, um die Probleme für eine gewisse Zeit hinter sich zu lassen. Er blüht nur auf in der Gesellschaft seines jungen Sohnes, der gelähmt ist. Wir sehen, wie er den Jungen wäscht und mit ihm spielt. Der Junge wiederum wünscht sich nichts so sehr, wie einen Drachen zu bauen.

Der Vater hat seine inneren Mechanismen, um die Monotonie und Grausamkeit seiner täglichen Arbeit im Gefängnis auszublenden. Er ist der Henker, der Geschichten und Gedichte vor sich hin murmelt, um sich bei der Ausführung seiner Arbeit abzulenken. Aufgeben kann er die Arbeit nicht, da er Geld für eine Operation sparen muss, die seinem Sohn das Leben retten kann. Der düstere Film vermittelt eine Ahnung von den Bedingungen, unter denen Millionen Menschen im heutigen Russland existieren, besonders in der Provinz. Alles, was sie das Leben ertragen lässt, ist die Hoffnung darauf und das Bemühen darum, dass die Dinge für die nächste Generation besser sein werden. Obwohl der Film das ekelhafte und willkürliche Wesen des russischen Gefängnissystems zeigt, hinterlässt er dennoch einen bitteren Nachgeschmack, weil er zur Frage der Todesstrafe keine eindeutige Position bezieht.

Blinder Fleck von der slowenischen Regisseurin Hanna A.W. Slak ist ein erschreckender Film über den Versuch einer Frau, das Leben ihres mit AIDS infizierten Bruders zu retten. Von den phantastischen Hoffnungen auf neuen Wohlstand und Glück, die in den frühen 1990-ern so verbreitet waren, ist in Slaks düsterem Porträt der slowenischen Gesellschaft und den sozialen Beziehungen nichts zu spüren.

Zwei Fahrer von Alexander Kott ist eine sehr dünne Geschichte, die durch das filmische Können des Regisseurs und seines Kameramanns aufgewertet wird. Der Film spielt in den 1940-er Jahren in der Sowjetunion und handelt von den Versuchen des jungen Fahrers Nikolai, das Herz seiner Kollegin Raijka zu gewinnen, die bei einem feschen Piloten Flugunterricht nimmt. Der Film hat einen gewissen Charme durch die Entwicklung der Rivalität zwischen den beiden jungen Männern, aber letztlich wird die Geschichte durch ihre Darstellung des allgegenwärtigen Stalin-Regimes verdorben.

Der Film reduziert Stalin auf die warme, onkelhafte Stimme, die über einen Lautsprecher in der Mitte des Dorfes Befehle, Ratschläge und manchmal Verweise erteilt. Dies ist ein omnipräsenter und allwissender Big Brother, gegen den niemand wirklich aufbegehren kann. Zwei Fahrer macht den unverzeihlichen Fehler, sich an all jene im gegenwärtigen Russland anzupassen, die den heutigen verkommenen Existenzbedingungen eine geschönte Version des Lebens unter Stalin entgegenhalten.

Siehe auch:
Das 10. Filmfestival von Cottbus
(17. November 2000)

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