12. Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus

Teil 2: Zwei Arten der Kriegsdarstellung

Von Stefan Steinberg
4. Dezember 2002

Dies ist der zweite und letzte Artikel über das 12. Festival des Osteuropäischen Films, das vor kurzem in Cottbus stattfand.

Kuckuck, Regie Alexander Rogozhkin; Krieg, Regie Alexej Balabanow

Kuckuck von Alexander Rogozhkin, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs spielt, gehörte sicherlich zu den Höhepunkten des Cottbuser Filmfestivals. Auf der anderen Seite war Krieg von Alexej Balabanow ein entsetzliches Propagandastück, um für den derzeit von Putin geführten Tschetschenien-Krieg zu werben.

Kuckuck spielt im September 1944, wenige Tage bevor Finnland einen Friedensvertrag mit der Sowjetunion unterzeichnete. Vor dem Friedensvertrag war Finnland mit Nazi-Deutschland gegen die Sowjetunion alliiert. Die Eröffnungsszene vermittelt einen Eindruck von der Realität des Krieges an der umkämpften russisch-finnischen Grenze. Wille ist ein junger finnischer Student, der ins Militär eingezogen und als Scharfschütze an der Front gegen sowjetische Truppen eingesetzt worden ist. Weil er von seinen deutschen Verbündeten als ideologisch verdächtig eingeschätzt wird, ist Wille mit einem Gewehr in der Hand an einen Fels gekettet worden, um sowjetische Soldaten abzuwehren. Letztere nannten solche zwischen den Fronten gefangene Scharfschützen "Kuckucks".

Bevor er angekettet zurückgelassen wird, fragen die Deutschen Wille, ob er versuchen wird, ihnen in den Rücken zu schießen, wenn sie fortgehen. "So etwas würde ich nie tun," sagt Wille. "Das sagen sie alle," ist die Antwort eines der Soldaten. Als sich die Handvoll von Soldaten so schnell wie möglich zurückzieht, baut Wille sein Gewehr zusammen und versucht sie abzuknallen.

Durch Ausdauer und Geschicklichkeit ist Wille in der Lage sich selbst zu befreien und findet Unterschlupf bei Anni, einer jungen, kräftigen und unabhängigen Lappin. Anni wohnt allein an der Küste und lebt mehr schlecht als recht vom Fischen. Kurz nach Willes Ankunft gesellt sich ein Dritter zu dem Paar - Iwan, ein sowjetischer Kommandant, der ebenfalls ein Opfer der Machenschaften seiner eigenen Seite ist. Iwan war von politischen Offizieren in seiner Einheit unter dem Verdacht "antisowjetischer" Sympathien verhaftet worden. Als einziger Überlebender eines Bombenangriffs auf den Transport, der ihn zum Gefängnis bringen sollte, schließt sich der verwundete Iwan Wille und Anni an, um so etwas wie eine kleine Insel der geistigen Zurechnungsfähigkeit inmitten des wütenden Kriegs zu erschaffen.

Anfänglich sind die Aussichten des Trios alles andere als vielversprechend. Die Beziehungen untereinander werden erschwert durch die Eifersucht zwischen Wille und Iwan, die beide um Annis Gunst buhlen. Kommunikation ist fast unmöglich durch die Tatsache, dass alle drei unterschiedliche Sprachen sprechen und untereinander kaum ein Wort des anderen verstehen. Das letzte und fatalste Hindernis ist Iwans Überzeugung, dass es sich bei Wille um einen überzeugten Nazi handelt, den zu eliminieren er verpflichtet ist. Tatsächlich war Wille zwangsrekrutiert worden und wünscht sich nichts so sehr wie eine Rückkehr zu seinem Studium. Er verachtet sowohl den Krieg als auch seine deutschen "Alliierten", die ihn zum Sterben zurückgelassen haben.

Im Laufe ihres Kampfes, sich von Verwundungen zu erholen und Vorurteile und schreckliche Ereignisse zu überwinden, entsteht langsam ein gemeinsames Band zwischen den Dreien. In einer Reihe von warmen, humorvollen und ergreifenden Szenen entwickelt der Film die drei Charaktere, die ungeachtet ihrer unterschiedlichen Nationalität, Hintergründe und Sprachen den glühenden Wunsch teilen, den Krieg hinter sich zu lassen und zu einer Art normalem Leben zurückzukehren.

Verherrlichung des Kriegerethos

Der Kontrast zwischen den zutiefst humanitären Themen, die in Kuckuck aufgegriffen werden, und der Verherrlichung des Blutdurstes in Krieg könnte kaum größer sein. Regisseur Alexej Balabanow ist einer der bekanntesten Filmemacher Russlands und hat die beiden Filme Bruder und Bruder 2 gedreht, die ein großes Publikum gefunden haben. Ich habe bereits anlässlich des 10. Cottbuser Festivals über den großrussischen Chauvinismus geschrieben, der sich durch Bruder 2 zieht. Nach seiner wirklichkeitsfremden Behandlung der russisch-amerikanischen Beziehungen in Bruder 2 erklärte Balabanow seinen Wunsch, einen realistischen Film zu machen.

Tatsächlich ist Krieg etwa ebenso realistisch wie Sylvester Stallones Rambo 3. An Stelle des amerikanischen Superhelden, der es mit jeder Gefahr aufnimmt und High-Tech-Waffen sowie Überlebenstechniken der US-Marines einsetzt, haben wir hier den russischen Feldwebel Iwan Jermakow, der es bis an die Zähne bewaffnet mit tschetschenischen "Terroristen" aufnimmt, um eine hilflose, nackte Frau aus dem Westen zu retten, die von den Rebellen in einer Grube gefangen gehalten wird.

Sollte der Zuschauer vor Beginn der Vorführung irgendwelche Zweifel in Bezug auf den politischen Standpunkt des Films gehabt haben, so macht die Eröffnungsszene bereits klar, dass das Werk nicht weiter ist als ein Stück Propaganda, um den brutalen Krieg zu rechtfertigen, den der Kreml gegen die tschetschenische Bevölkerung führt. Der Film beginnt damit, dass ein Geländewagen an einer kleinen Festung anhält. Eine Gruppe von Tschetschenen springt heraus und beginnt sofort die Kehlen ihrer russischen Gefangenen durchzuschneiden, was in blutigen Details präsentiert wird.

Balabanows Version des Realismus besteht darin, heftige und blutige Haus-zu-Haus-Kämpfe mit einer wackeligen Handkamera zu filmen, die der Handlung folgt. Die Kämpfe beinhalten die unvermeidbare Exekution von Unschuldigen, "Kollateralschaden", der in den Augen des Filmemachers zu den bedauernswerten aber unvermeidlichen Kosten eines solchen Krieges zählt. In Wirklichkeit ist die Bandbreite an Militär, die gezeigt wird - darunter Luftparaden von russischen Kampfjets und Kampfhubschraubern - viel weniger ein Merkmal des Low-Budget-Realismus von Dogma-Filmern als ein Zeichen dafür, dass der Film mit der Einwilligung und Unterstützung des russischen Oberkommandos gedreht wurde.

Der Plot des Film ist absurd, was aber mit Sicherheit nicht verhindern wird, dass er als ein quasi-offizielles Handbuch für russische taktische Kriegsoperationen zum Einsatz kommt. Schließlich erinnert Jermakow seinen englischen Verbündeten, den er in der Kunst des Tötens auszubilden versucht, an Folgendes: "Im Krieg musst du überleben, und um zu überleben, musst du töten." Selbst in den Szenen, die nicht auf dem Kampffeld spielen, hat der Film die Aussage (ganz nach Art von Bruder 2), dass die Russen mit jeder Sentimentalität und pazifistischen Ideen zu brechen haben und akzeptieren müssen, dass die Zukunft der Nation mit den härtesten Kämpfern gehört.

Als er nach Hause zurückkehrt, besucht der junge Jermakow seinen Vater im Krankenhaus. Jermakows Vater hat eine letzte Nachricht für seinen Sohn, bevor er stirbt: "Das Leben ist langweilig, ich bin froh, dass du in den Krieg gezogen bist, er hat einen Mann aus dir gemacht." Der Film endet wirr mit einer Szene, in der ein Charakter vage nach Reformen von Putins Seite verlangt. Angesichts des gesamten Filminhalts kann man nicht annehmen, dass dieser Forderung irgendwelche progressiven Ideen zugrunde liegen.

Es bringt nicht sonderlich viel, die Defizite des Films im Einzelnen aufzuzählen. Aber es lohnt sich, einen näheren Blick auf das Credo und die Vorstellungen Balabanows zu werfen. Er teilt diese mit einer sozialen Schicht, unter der sich auch Intellektuelle und Künstler finden, die sich offen zum russischen Chauvinismus oder gar quasi-faschistischen Ideen bekennt. (In Bruder 2 kauft der Held Danila Waffen aus dem Arsenal eines Charakters, der den Spitznamen "Faschist" trägt, ein Kumpel des Filmhelden ist und dessen Laden mit Hakenkreuzen gepflastert ist).

Auf der russischen Website, die für seinen Film Bruder 2 wirbt, nutzt Balabanow die Gelegenheit, um die "political correctness" in den Vereinigten Staaten zu kritisieren, und bemerkt: "Es gibt viele Drogendealer unter den Schwarzen, sie leben von Sozialhilfe, sie wollen nicht arbeiten." Balabanows Standpunkt wurde von seinem bevorzugten Schauspieler Sergej Bodrow aufgegriffen, der in Bruder und Bruder 2 mitspielte und auch in Krieg eine zentrale Rolle (Kommandant Medwedew) hat. Bodrow erklärt: "Das Negerproblem [sic!] ist ein Tabuthema, das man nicht laut ansprechen darf. Heutzutage haben schwarze Leute einen gewaltigen Vorteil, wenn sie eine Arbeit suchen; wenn eine schwarze Person und eine weiße Person sich gleichzeitig um eine Arbeitsstelle bemühen, wird immer die schwarze Person sie bekommen. Die Arbeitgeber haben zu viel Angst, des Rassismus bezichtigt zu werden." (Die Zitate können in einer kritischen Rezension von Bruder 2 von Andrew James Horton gefunden werden.)

Es ist erschütternd, solche rassistischen Kommentare von Bodrow zu hören, der kürzlich bei Filmarbeiten tödlich verunglückt ist und der die Hauptrolle in dem wahrscheinlich besten russischen Film über den Tschetschenien-Krieg gespielt hat (Der kaukasische Gefangene, 1996). Der Film lehnt sich an Leo Tostois Kurzgeschichte Der Gefangene im Kaukasus an und nimmt eine kritische Haltung zum russischen Krieg in Tschetschenien ein.

Man muss nicht über Bodrows ideologische Entwicklung seit Der kaukasische Gefangene spekulieren, um festzustellen, dass die rassistischen Patentrezepte, die er mit Balabanow teilt, zusammen mit der Glorifizierung des Kriegerethos durch letzteren den Egoismus einer Schicht in der russischen Gesellschaft widerspiegeln, die durch rücksichtslose Methoden reich wurde und bereit ist, jedes Mittel zur Verteidigung ihres Status einzusetzen. Während russische und osteuropäische Filmemacher noch darum ringen, ihre eigene Stimme zu finden, macht Balabanows Krieg klar, dass einflussreiche Kräfte am Werk sind, deren eigene Vorstellungen von Kinokultur sich auf die Kultivierung von extremen Nationalismus und Chauvinismus beschränken.

Siehe auch:
12. Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus - Teil 1
(3. Dezember 2002)
Das 10. Filmfestival von Cottbus
( 17. November 2000)

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