ARD-Dokumentation wirft USA Kriegsverbrechen in Afghanistan vor

US-Außenministerium verurteilt die Ausstrahlung

Von Stefan Steinberg
31. Dezember 2002

Das amerikanische Außenministerium hat verärgert auf die Ausstrahlung eines Dokumentarfilms im deutschen Fernsehen reagiert, der amerikanischen Soldaten die Beteiligung an Kriegsverbrechen in Afghanistan vorwirft. Der Film mit dem Titel "Massaker in Afghanistan - schauten die Amerikaner zu?" wurde von dem irischen Filmemacher Jamie Doran produziert und am 18. Dezember in der ARD gezeigt. Die 45-minütige Dokumentation war vorher schon im britischen Channel 5 und der italienischen RAI gelaufen.

Im Vorfeld der deutschen Sendung erklärte Larry Schwartz, ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums: "Es ist uns ein Rätsel, wie ein angesehener Sender eine Dokumentation zeigen kann, in der die Fakten völlig verdreht werden und die US-Mission in Afghanistan unfair dargestellt wird."

Tatsache ist, dass die Vorwürfe, die Doran erhebt, seit über einem halben Jahr bekannt sind, und die US-Regierung jede Stellungnahme abgelehnt und die detaillierten Beweise der Komplizenschaft amerikanischer Soldaten an Kriegsverbrechen in keiner Weise wiederlegt hat. In dem Film wird darauf hingewiesen, dass das Pentagon zahlreiche Anfragen Dorans nach einem Interview oder einem Kommentar zu den gezeigten Ereignissen abgelehnt hat.

Eine Vorabversion des Films wurde im Juni diesen Jahres vor ausgewähltem Publikum in Europa gezeigt, weil Doran verhindern wollte, dass Beweise für die Massaker zerstört werden, und Unterstützung für eine unabhängige Untersuchung der Kriegsverbrechen suchte. Jetzt hat Doran seine ursprünglichen Szenen in eine umfassende Dokumentation eingefügt, die überzeugende Beweise für eine Verwicklung der USA in das Massaker an Tausenden angeblichen al-Qaida-Kämpfern vorlegt, wobei internationale Gesetze und Standards für den Umgang mit Kriegsgefangenen gebrochen wurden.

Der Film dokumentiert die Ereignisse nach dem Fall von Kunduz, der letzten Hochburg der Taliban im Norden Afghanistans im November 2001. Es werden Interviews mit Menschen gezeigt, die als Augenzeugen miterlebten, wie 3.000 der 8.000 Kriegsgefangenen, die sich den US-Soldaten und alliierten afghanischen Truppen unter der Führung von General Abdul Raschid Dostum ergeben hatten, gefoltert und ermordet wurden.

Nach der Schlacht von Kunduz nahmen amerikanische Streitkräfte am Angriff auf die Festung Kala-i-Dschangi teil, bei dem mehrere hundert Talibangefangene getötet wurden. Der Amerikaner John Walker Lindh war einer von 86 Überlebenden, die dem Massaker entkamen, weil sie sich in unterirdischen Stollen unter der Festung versteckt hielten.

Der Film zeigt dann, dass das amerikanische Armeekommando nach den Ereignissen von Kala-i-Dschangi in Zusammenarbeit mit seinem afghanischen Verbündeten General Raschid Dostum für die Ermordung weiterer 3.000 Gefangener mitverantwortlich war, die von den insgesamt 8.000 Gefangenen abgesondert und in ein Gefängnis in der Stadt Schiberghan transportiert wurden.

Die Gefangenen wurden in geschlossenen Containern ohne jede Luftzufuhr nach Schiberghan gekarrt. Afghanische LKW-Fahrer wurden verpflichtet, Container mit je 200 bis 300 Gefangenen zu transportieren. Einer der Fahrer in einem der Konvois berichtete, dass in jedem Container auf der Fahrt 150 bis 160 Gefangene starben.

Ein afghanischer Soldat, der den Konvoi begleitete, sagte, ein amerikanischer Kommandeur habe ihm befohlen, Löcher in die Container zu schießen, um Luft hinein zu lassen, obwohl ihm bewusst war, dass mit Sicherheit einige der Insassen getroffen würden. Ein afghanischer Taxifahrer berichtete, aus den Containern sei Blut geflossen. Nach Aussagen eines der LKW-Fahrer wurden Überlebende des Transports in der Wüste bei Masar-i-Scharif abgeladen. Unter den Augen von 30 bis 40 amerikanischen Soldaten wurden die noch lebenden Gefangenen erschossen und den Hunden zum Fraß in der Wüste zurückgelassen.

In einem Interview mit der World Socialist Web Site im vergangenen Juni äußerte Doran Besorgnis um die Sicherheit der im Film Befragten und der an seiner Herstellung Beteiligten. In der Tat sind zwei der Augenzeugen der Ereignisse von Masar-i-Scharif inzwischen eines gewaltsamen Todes gestorben.

Um die Dringlichkeit einer unabhängigen Untersuchung zu unterstreichen, enthält die am 18. Dezember ausgestrahlte Version des Films auch ein Interview mit Najibullah Quairishi, dem afghanischen Ermittler und Filmemacher, der an der Herstellung des Dokumentarstreifens maßgeblich beteiligt war.

Quairishi wurde mit dick verbundenem Kopf auf seinem Krankenlager gezeigt. Er kuriert einen gebrochenen Arm. Er wurde überfallen, als er zusätzliches Filmmaterial kaufen wollte, dass die Anwesenheit amerikanischer Truppen bei dem Transport und der Ermordung der 3.000 Gefangenen zeigte. Quairishi fertigte gerade eine Kopie des Materials für sich an, als er von Schlägern entführt und verprügelt wurde, die unbedingt verhindern wollten, dass das belastende Material in die Hände ausländischer Journalisten geriet.

"Massaker in Afghanistan" geht davon aus, dass das Quairishi angebotene 90-Minuten-Video auf Befehl von General Dostum gestohlen wurde, der das Material unter Verschluss hält, um sich vor eventueller Verfolgung zu schützen. Sollte versucht werden, gegen ihn, Dostum, vorzugehen, wäre dieses Video der Beweis für die enge Zusammenarbeit des amerikanischen Militärs bei den Morden.

Zu seiner Sicherheit musste Quairishi mit seiner Familie das Land verlassen.

Doran betonte in Presseinterviews am 16. Dezember in Berlin, dass internationale Agenturen unbedingt Maßnahmen ergreifen müssten, um die als Zeugen in dem Film auftretenden Personen zu schützen.

Die Reaktion der amerikanischen Regierung auf Dorans Film ist eine Mischung aus Ausflüchten und Einschüchterung. Die amerikanischen Medien haben eine fast totale Selbstzensur über Dorans Film und über die kriminellen Aktivitäten amerikanischer Soldaten in Afghanistan errichtet.

Zuerst gab das Pentagon am 13. Juni eine Stellungnahme ab, in der es die Komplizenschaft der USA bei der Folterung und Ermordung von Kriegsgefangenen abstritt. Das Außenministerium folgte am 14. Juni mit einem offiziellen Dementi.

"Massaker in Afghanistan" zeigt eine Pressekonferenz mit Philip Reeker, der für das US-Außenministerium spricht. Reeker sagte, das Ministerium untersuche die angeblichen Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan, es handle sich aber ausschließlich um ein Problem der afghanischen Behörden ohne Folgen für die Aktivitäten amerikanischer Soldaten.

Unter Verweis auf die wiederholte Weigerung des Pentagon und des Außenministeriums, den Filmemachern Interviews zu geben oder sich zu den Vorwürfen zu äußern, schlussfolgert Doran: "Man gewinnt den Eindruck, dass die amerikanische Regierung mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln eine Untersuchung der Ereignisse zu verhindern sucht."

Im Sommer konnte eine Menschenrechtsorganisation drei der in der Wüste bei Masar-i-Scharif verscharrten Leichen exhumieren. Sie kam zu dem Schluss, dass alle drei erstickt waren und dass es genügend Hinweise gab, die eine umfassende Untersuchung rechtfertigten. Schließlich stimmten die Vereinten Nationen zu, Maßnahmen zum Schutz der Massengräber zu ergreifen. Eine offizielle UN-Untersuchung soll jetzt im Frühjahr 2003 stattfinden.

Der Film weist allerdings auch auf große Hindernisse hin, die einer solchen Untersuchung im Wege stehen. Die Gegend um Masar-i-Sharif wird von den Truppen des General Dostum kontrolliert, dem engsten Verbündeten der USA in der Region. In einem Interview gestand Dostum ein, dass er "bedauerlicherweise" nicht in der Lage sei, die Sicherheit der Zeugen zu garantieren.

Doran ist entschlossen seinem Film die weiteste Verbreitung zu sichern. Weitere elf Länder haben den Dokumentarfilm gekauft, und Doran will seine Aufführung auch in den USA durchzusetzen.

Siehe auch:
Ein Dokumentarfilm bezichtigt die USA des Massenmords an Kriegsgefangenen in Afghanistan
(18. Juni 2002)
Interview mit Jamie Doran, Regisseur von Massaker in Masar
( 18. Juni 2002)
Weitere Hinweise auf Massaker an gefangenen Taliban
( 29. Juni 2002)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen