Ein Nachruf auf Joe Strummer

Der Sänger von The Clash stirbt im Alter von 50 Jahren

Von Paul Bond
22. Januar 2003

Joe Strummer, einer der besten Vertreter der britischen Punkszene der späten 70er Jahre, starb am 22. Dezember letzten Jahres im Alter von 50 Jahren an einem Herzinfarkt. Mit seiner Band The Clash hinterließ er ein bleibendes Vermächtnis: Seine nicht nachlassende musikalische Neugier widerlegte die Karikatur des Punks als geistloses Zwei-Akkorde-Geschrammel. Mit seinen Songtexten, in denen er politische und soziale Themen aufgriff, setzte er Maßstäbe.

Strummer wurde als John Graham Mellor im türkischen Ankara als Sohn eines britischen Diplomaten geboren und besuchte eine Privatschule in London. Seine künstlerische Laufbahn verlief im Gegensatz zu diesem privilegierten Hintergrund, wenngleich seine Herkunft die kosmopolitische Haltung gefördert haben mag, die ein so bedeutendes Charakteristikum von The Clash als auch seiner späteren Arbeit war.

Als Grafikkünstler zeigte er Talent an der Central School of Art and Design in London sowie dem Newport College of Art in Wales. Doch die Musik nahm zunehmend seine Zeit in Anspruch, so dass er schon bald nach London zurück ging und sich Hausbesetzern im Westteil der Stadt anschloss. Für eine Weile spielte er unter dem Namen Woody Mellor - eine Verbeugung vor dem großen amerikanischen Songwriter Woody Guthrie - in einer Band namens The Vultures, bevor er sich Joe Strummer nannte und zu den 101ers wechselte.

Die 101ers bedeuteten sowohl für die Entwicklung von Strummers eigenen musikalischen und politischen Wahrnehmungen als auch für die aufblühenden Punk-Szene einen Wendepunkt. Die Ablehnung der pompösen, aufgeblasenen Monstrosität, die unter der Bezeichnung Progressive Rock von den großen Musik-Konzernen vermarktet wurde, geschah Mitte der 70er Jahre fast ausschließlich in den Kreisen der Rhythm and Blues-Pubs.

Die Pubrock-Szene wurde zum größten Teil vom amerikanischen Rhythm and Blues (R'n'B) inspiriert (die klassische Pubrock-Band Dr. Feelgood benannte sich nach einem Lied von Piano Red und coverte zahlreiche Lieder von Bo Diddley und Little Walter). Doch sie orientierte sich auch an einigen der herausragendsten amerikanischen Songwritern, die über das Leben der Arbeiterklasse sangen. Guthrie inspirierte sie ebenso wie Bruce Springsteen. Die 101ers entwickelten aus diesen Einflüssen ihren ausgesprochen energischen Rock'n'Roll. In dieser Zeit entwickelte und verfeinerte Strummer die Fertigkeiten, die später The Clash zur außergewöhnlichsten Live-Band ihrer Generation machen sollten.

Die 101ers waren außerdem die Hausbesetzer-Band par excellence: Keine Veranstaltung für die Rechte der Hausbesetzer in West-London ohne ihren Auftritt. Die Band nannte sich nach der Hausnummer ihres Wohnblocks. Strummer lebte sein Leben so wie er es in seinen Texten beschrieb. Seine politischen Ansichten waren eine Mischung aus wirrem linken Radikalismus, Sympathie für die Arbeiterklasse und die Unterdrückten, Feindschaft gegenüber Rassismus und Unterstützung von dem, was er als revolutionären politischen Kampf ansah, ganz gleich ob dieser vom marxistischen Sozialismus, Anarchismus oder von nationalen Befreiungsbewegungen angeführt wurde.

Seine musikalische Entwicklung änderte sich grundlegend in der Nacht, in der die Sex Pistols gemeinsam mit den 101ers auftraten. "Es traf mich wie eine Atombombe", sagte er später. Innerhalb eines Jahres verließ er die 101ers, um in eine neue Band einzusteigen - The Clash. Er übernahm die Aggressivität und die provokative Haltung der Sex Pistols und verwandelte sie in etwas, das weit darüber hinausging.

Es ist wichtig, an die politischen Hintergründe der Punk-Bewegung in Großbritannien zu erinnern. 1974 wurde die konservative Regierung unter Edward Heath durch einen Bergarbeiterstreik gestürzt. Die Labour Party von Harold Wilson übernahm die Macht und setzte sofort die vom Internationalen Währungsfonds geforderten Kürzungen um. Dieser Verrat einer Regierung, die angeblich die Arbeiterklasse repräsentierte, provozierte eine Welle von Wut und politischer Desorientierung - und dies zu einer Zeit, in der die Jugendarbeitslosigkeit anstieg und die sozialen Spannungen zunahmen. Dies schien eine Welt zu sein, die der Arbeiterjugend nichts anzubieten hatte. Die Sex Pistols veranschaulichten dies mit brutaler Treffsicherheit und bitterem Humor ("There's no future in England's dreaming").

Die Ansichten der Sex Pistols endeten jedoch in ihrem nihilistischen Beharren darauf, dass es keine Zukunft gab: "No future". Strummer und sein Partner Mick Jones schrieben Musik als gelte es, zu den Waffen zu greifen - ein Aufruf, aufzustehen und sich in den Kampf gegen Unterdrückung einzureihen. In seinem ersten Interview mit dem New Musical Express erklärte Strummer: "Ich glaube, die Leute sollten wissen, dass wir gegen Faschismus, gegen Gewalt, gegen Rassismus und für Kreativität sind."

Für viele Jugendliche in dieser Zeit waren The Clash, wie Strummer einmal prahlte, "die einzige Band, die zählt". Sie kombinierten schnellen Rhythm and Blues mit einer Menge weiterer musikalischer Einflüsse, die in großartiger Weise die besten Elemente der Londoner Straßen-Kultur vereinten. Der Clash-Sound war von Beginn an kosmopolitisch und hatte seine Wurzeln in ihrer Wohngegend in West-London, dem Ortsteil Notting Hill. (Strummer nannte ihn den "Sound des Westway", in Anspielung auf die Hauptverkehrsstraße des Viertels). Dort lebte eine große karibische Gemeinschaft, aus der Strummer und Jones Reggae- und Jazz-Elemente aufsogen, um sie in ihre schnelle, treibende Version des Rock'n'Roll einfließen zu lassen.

Während ihrer gesamten Karriere waren The Clash niemals auch nur eine Spur engstirnig oder borniert. Ihr erstes namengebendes Album war rau und ein Kind seiner Zeit, doch es ist heute noch großartig zu hören. Darauf befinden sich zahlreiche Beispiele höchst energischen Punkrocks. Dies wird mit anderen musikalischen Stilrichtungen gemischt, bis hin zu einer Cover-Version des Reggae-Klassikers von Junior Murvin Police and Thieves. Politische Entfremdung ist darauf genauso zu finden wie städtisches Chaos (Career Opportunities, London's Burning). Aber man entdeckt auch Auflehnung gegen Ungerechtigkeiten und Entschlossenheit, diese zu benennen und sich dagegen zusammenzuschließen. (Ein Grund für die Aufnahme des Reggae in ihre Musik war, dass der Reggae der 70er Jahre noch eine kraftvolle Zurückweisung der ausweglosen sozialen Bedingungen in Jamaika darstellte.) Das Album hat bis heute nichts von seiner Ausdruckskraft verloren.

Die innovative Mischung verschiedener musikalischer Stile blieb ein Markenzeichen ihrer Arbeit. Sie ersetzten den ursprünglichen Schlagzeuger Terry Chimes durch Topper Headon, einen brillanten Drummer, der mit dem Dub-Stil eng vertraut war. Strummer pries den Beitrag Headons zum Clash-Sound über alle Maßen. Mit Headon waren sie in der Lage, ihren musikalischen Horizont bedeutend zu erweitern. Es gelang ihnen, Strummers und Jones weitreichenden musikalischen Visionen nachzugehen, während sie ihre politische und soziale Entrüstung beibehielten. Niemals beschönigte Strummer den Zustand der Welt - es ist seine verblüffende Ehrlichkeit, die Songs wie White Man in Hammersmith Palais und Safe European Home zu solch kraftvollen Erklärungen gegen die rassistischen Spaltungen machen, die der Arbeiterklasse aufgezwungen werden.

Das nächste Album Give ‘Em Enough Rope hat einige Schwächen, weil seine Ecken und Kanten unverständlicherweise geschliffen wurden, um The Clash für das US-Publikum annehmbar zu machen. Es war das Doppel-Album London Calling, das eine breite Zuhörerschaft davon überzeugte, dass The Clash wirklich die einzigen waren, die Beachtung verdienten. (London Calling taucht regelmäßig auf den Listen der größten Alben aller Zeiten auf und wurde zum besten Album der 80er Jahre gewählt.) Darauf versammeln sich Rockabilly, Ska und Soul in Songs, die so unterschiedliche Themen behandeln wie den Spanischen Bürgerkrieg, Konsumterror und die drohende Apokalypse. Auf dem Album erschienen Cover-Versionen von Rock'n'Roll-Klassikern (Brand New Cadillac) und traditionellen afro-amerikanischen Songs (Stagger Lee).

Die Band ließ auf London Calling ihr nicht in allen Belangen gelungenes Meisterwerk Sandinista! folgen. Sandinista ist ein Dreifach-Album, das die bisherigen musikalischen Grenzen so weit wie nie zuvor überwand und Rap, Dub-Reggae, Jazz, Hip-Hop und Funk aufnahm. Einige Stücke waren erfolgreicher als die anderen, einige waren weniger interessant. In ihren Texten durften die Namen Marx und Engels nicht fehlen. Sie erwähnten sie in ihrem Song The Magnificint Seven, ein Lied mit einem Dance-Hall-Beat, der daher häufig in R'n'B-Radiostationen in New York und anderswo gespielt wurde. Auf dem Album Sandinista! befinden sich Lieder gegen einen US-Einmarsch in Nicaragua und Kuba ebenso wie Songs mit eher persönlichen Ansichten über das Leben, die Liebe und den Kampf.

Das Nachfolge-Album Combat Rock sollte das letzte gute Clash-Album sein. Es beinhaltet solche Hits wie Should I Stay Or Should I Go? und Rock the Casbah neben Liedern von betörender Schönheit wie Straight to Hell.

Die Band spielte in den USA nun vor ausverkauften Häusern, doch sie begann zu diesem Zeitpunkt auseinander zu brechen. Headons Heroin-Abhängigkeit geriet außer Kontrolle und Terry Chimes kam wieder zurück, um die entstandene Lücke zu schließen. Doch andere Risse ließen sich nicht kitten. Strummer und Jones gingen sich gegenseitig an die Kehle und ersterer wurde im Backstagebereich wegen seiner Ausbrüche "Der große Stromboli" genannt. Schließlich warf Strummer Jones heraus und die Band zerbrach.

Strummer versuchte die Band mit einem entsetzlich unbefriedigenden Album (Cut the Crap) wiederzubeleben, während Jones die höchst innovative und anfänglich auch erfolgreichere Band Big Audio Dynamite gründete.

Headon machte sich später Vorwürfe, dass seine Abhängigkeit das Auseinanderbrechen der Band verursacht hatte. Strummer bedauerte, Jones herausgeschmissen zu haben, und sah das Ganze als unverzeihlichen Bruch ihrer Beziehung. Doch es gab nicht den Versuch, abzukassieren und wegen des Geldes einfach weiter zu machen. Dies wäre ein Verrat an Allem gewesen, wofür nach Strummers und Jones‘ Ansicht The Clash (und tatsächlich ihre gesamte Arbeit) stand.

Bis heute prägt The Clash das Beste, das die Pop-Musik hervorgebracht hat. So haben wir beispielsweise das Ska-Revival der späten 70-er und frühen 80-er Jahre, einen der Höhepunkte des politischen Songwritings in der jüngeren britischen Musikgeschichte, dem Niederreißen der musikalischen Grenzen durch The Clash zu verdanken.

Strummer arbeitete weiter und sah mit Zuversicht in die Zukunft. Er veröffentlichte Solo-Alben, die einige interessante Momente haben, und lehnte es hartnäckig ab, seine alten Hits des Geldes wegen herunterzuspielen. (In einem Interview kurz vor seinem Tod sagte er: "Ich möchte nicht zurückschauen. Ich möchte weiter nach vorn gehen, ich habe immer noch den Leuten etwas zu sagen.") Er nahm einige Film-Angebote als Schauspieler an. Er machte seine Sache recht gut in Jim Jarmuschs Film Mystery Train. Nachdem er zusammen mit den Pogues in dem miserablen Spaghetti-Western von Alex Cox Straight to Hell (benannt nach einem seiner Lieder) mitgespielt hatte, sprang er bei den Pogues als Sänger ein, als diese Shane McGowan feuerten.

In jüngster Zeit hatte er eine neue Band gegründet, The Mescaleros. Ihre zwei Alben bedeuteten so etwas wie eine Rückkehr zu alter Form. Immer noch beinhalten seine Lieder seine sozialen Anliegen, und die Musik ist eine für Strummer charakteristische Mischung aus Stilrichtungen aller Welt. Seine Aufrichtigkeit als Songwriter und Musiker bewahrte dieses Projekt vor dem peinlichen Durcheinander, das solche Projekte häufig auszeichnet. Seine Intensität gibt der Musik etwas Einheitliches und gänzlich Eigenes. (Als er gefragt wurde, was die Band in dem Song Bhindi Bhagee spielt, sagte er: "Es hat ein wenig von... hm, Ragga Bhangra, Two-Step Tango, Mini-Cab-Radio, Music on the go! Hmm, Surfbeat, Backbeat, Frontbeat, Backseat. Es wird von einem Haufen Musiker gespielt und sie lassen sich wirklich gehen!" - eine zutreffende Beschreibung der Mescaleros).

Strummer hat immer finanzielle Angebote abgelehnt, The Clash wieder zusammenzubringen. In letzter Zeit gingen Gerüchte um, dass die Band für ein einziges Mal nochmals zusammenfinden würde, und zwar später in diesem Jahr, wenn die Band in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wird. Es ist typisch für Strummer, dass er sich während der letzten Mescaleros-Tour die Zeit genommen hat, um ein Benefiz-Konzert für die streikenden Feuerwehrleute in seinem geliebten West-London zu geben. Dies war sein letzter Auftritt in London, auf dem er darüber hinaus gemeinsam mit Mick Jones auf der Bühne stand - zum ersten Mal seit dem Auseinanderbrechen von The Clash.

Wie konfus seine Überzeugungen auch immer gewesen sein mögen, Joe Strummer blieb aufrichtig und leidenschaftlich. Er kämpfte - immer - gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt und strebte danach, sich künstlerisch weiter zu entwickeln. Aber er wird berechtigterweise vor allem wegen der Band, die von so vielen geliebt wurde - "the last gang in town", The Clash - in Erinnerung bleiben. Joe Strummer wird schmerzlich vermisst werden, aber seine Musik wird weiterhin begeistern und inspirieren.

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