Rechte US-Politiker und Medien verbreiten antifranzösisches Gift

Von David Walsh
25. Februar 2003

Die diplomatischen Bemühungen Frankreichs, einen unmittelbaren Angriff der USA auf den Irak zu verhindern, haben hysterische Reaktionen der amerikanischen Boulevard-Presse und rechter Politikern ausgelöst. Frankreich hatte unter anderem sein Veto gegen einen amerikanisch-britischen Vorschlag in der Nato eingelegt und war Washington und London im UN-Sicherheitsrat entgegengetreten.

Die ultrarechten Medien verwenden mittlerweile für Frankreich und die Regierung von Jacques Chirac Ausdrücke, die vor kurzem noch für Länder reserviert waren, die kurz vor einer amerikanischen Militärintervention standen, wie das ehemalige Jugoslawien unter Slobodan Milosevic oder der Irak unter Saddam Hussein. Die Dämonisierung Chiracs und Frankreichs ist ein weiterer Hinweis auf die starken Spannungen, die zwischen der Bush-Regierung und ihren europäischen "Verbündeten" bestehen.

Rupert Murdochs New York Post steht an der Spitze der antifranzösischen Hetze. Auf der ersten Seite der Ausgabe vom 10. Februar war ein Bild der Gräber von US-Soldaten zu sehen, die bei der Invasion in der Normandie 1944 gefallen waren. Es war mit der Überschrift versehen: "Sie starben für Frankreich, aber Frankreich hat es vergessen."

Der dazugehörige schmutzige Artikel von Steve Dunleavy aus Colleville-sur-Mer enthielt folgende Passage: "Die Luft ist frostig, aber ich fühle einen unnatürlichen, glühenden Zorn - ich möchte den Franzosen kollektiv in den Arsch treten. Diese Jungs starben, um Frankreich aus den Klauen eines Tyrannen namens Adolf Hitler zu retten. Und jetzt, da wieder amerikanische Jungs drauf und dran sind, zu kämpfen und zu sterben, um die Welt vor einem ebenso üblen Tyrannen, Saddam Hussein, zu retten, wo sind da die Franzosen? Sie verstecken sich. Verkriechen sich feige. Rufen Vive les Wimps! "

Dunleavy bemerkte, dass "91 Prozent" der Franzosen "gegen die Pläne von Präsident Bush sind, Saddam zu einem dunklen Fleck der Geschichte zu machen. Aber die Franzosen sind nun mal gegen alles, z.B. auch gegen die komische Angewohnheit der Amerikaner, jeden Tag zu duschen."

Am 12. Februar ging Dunleavy erneut auf dieses Thema ein und rief zu einem Boykott der "undankbaren ‚Alliierten’" auf.

Der rechte Kolumnist Jonah Goldberg, einer der führenden Anti-Clinton-Verschwörer, übernahm in der National Review einen Spruch aus der Fernsehserie The Simpsons und bezeichnete das französische Volk als "käsefressende Kapitulationsaffen". Auf der ersten Seite der National Review stand groß: "Putsch" mit dem Untertitel: "Wie der deutsch-französische Griff nach der Macht vereitelt werden kann."

Im Weekly Standard fragte Fred Barnes: "Haben die Franzosen auch nur einen blassen Schimmer davon, wie arrogant sie vielen Amerikanern erscheinen?" Barnes, der regelmäßig in Murdochs Fox News Channel auftritt, erzählt dort jeden antifranzösischen Witz, den er kennt: "Wie viele Franzosen sind nötig, um Paris zu verteidigen? Das weiß keiner, es ist nie versucht worden. Wie heißen 100.000 Franzosen mit erhobenen Händen? Die Armee." Und so weiter.

In der Washington Post kommentierte Gastkolumnist George Will, der "aalglatte" französische Außenminister Dominique de Villepin habe in einer Rede vor den UN "die seit 1870 oft angewandte Fähigkeit Frankreichs geübt - die Fähigkeit zurückzuweichen, dieses Mal in die Zusammenhangslosigkeit."

Der britische Guardian stellte fest, dass "die transatlantische Verbitterung zunehmend persönliche Formen annimmt. Als die Washingtoner Korrespondentin des Radiosenders France-Inter, Laurence Simon, den Standpunkt ihrer Regierung in Murdochs Fox News zu erklären begann, wurde sie vom Moderator unterbrochen. Mit den Worten: ‚Mit Freunden wie Ihnen braucht man keine Feinde’, wurde ihr das Mikrofon abgedreht."

Auch das Wall Street Journal stimmte erwartungsgemäß in den giftigen Chor gegen Chirac und Frankreich ein: "Drei Länder - Frankreich, Deutschland und ihr kleines Anhängsel Belgien - sind von der Ablehnung der US-Politik dem Irak gegenüber zu offener und folgenschwerer Obstruktionspolitik übergegangen." Die Herausgeber fahren fort: "Wenn es zum Krieg kommt, dann sind sie [die Türken] unmittelbar in Gefahr, angegriffen zu werden, aber in den Schokoladenläden von Brüssel braucht man sich vor so was nicht zu fürchten."

Ein besonders zynisches Machwerk stammt von Christopher Hitchens, der früher als "extremer Linker" galt und heute ein Ultrarechter ist. Es trägt den Titel: "Die Ratte hat gebrüllt". Eine Fähigkeit von Hitchens - eigentlich seine einzige - besteht darin, die Verbrechen verschiedener Regimes auf der ganzen Welt aufzuzählen (Milosevic, die Taliban, Hussein), die sich unweigerlich als frühere Alliierte oder Agenten Washingtons entpuppen, und ihnen eine imperialistische Militärintervention der USA als Universalheilmittel zu verordnen.

Jetzt hat Hitchens Frankreich und Jacques Chirac aufs Korn genommen. Erst beschreibt er die heroische Seite der französischen Geschichte und des französischen Nationalcharakters; dann schreibt er: "Es gibt natürlich auch das andere Frankreich - das Frankreich Pétains, Poujades und Vichys und der üblen Kolonialpolitik in Algerien und Indochina." Man muss schon wirklich politisch heruntergekommen sein - wie Hitchens, der heute der Liebling der neofaschistischen Rechten ist - um dies am Vorabend des US-Angriffs auf den Irak zu schreiben und nicht zu realisieren, dass dieser mindestens so "schmutzig" und "kolonialistisch" ist, wie alles, was die Franzosen je getan haben, wobei diesmal eine viel mörderischere Feuerkraft zum Einsatz kommt.

Hitchens fährt fort: "Saddam Hussein schuldet französischen Firmen und dem französischen Staat immense Summen. Wir hoffen alle sehr, dass keine französischen Politiker private Geschenke von der irakischen Baath-Partei erhalten haben, obwohl dabei, gelinde ausgedrückt, von keiner Seiten Skrupel zu erwarten wären." Der Kolumnist schließt, indem er Chirac als "hohlen, aufgeblasenen und korrupten Mann" beschreibt, "der versucht, die Rolle einer glatzköpfigen Jeanne d’Arc zu spielen, und dabei Frankreich zu Saddams erbärmlichem Kuppler macht. Hier ist die Ratte, die brüllen möchte."

Im Kongress spieen Republikaner und Demokraten antifranzösisches Gift aus.

Angeblich als Reaktion auf die europäische Weigerung, genetisch veränderte Lebensmittel aus den USA zu importieren, erwog der Sprecher des Repräsentantenhauses, der Republikaner Dennis Haster, einen Boykottvorschlag für französische Weine und Mineralwässer.

Der demokratische Abgeordnete Tom Lantos fügte einen Hauch antikommunistische Hetze hinzu: "Ich bin besonders von der blinden Unnachgiebigkeit und tiefen Undankbarkeit Frankreichs, Deutschlands und Belgiens angewidert, die sogar unsere Bemühungen blockiert haben, Pläne für den Fall auszuarbeiten, dass unser Bündnispartner Türkei angegriffen wird. Ohne unser militärisches Eingreifen wären Frankreich, Deutschland und Belgien heute sozialistische Sowjetrepubliken. Dass diese Staaten ihre Verpflichtungen nicht erfüllen, spottet jeder Beschreibung."

Der republikanische Abgeordnete Peter King schrieb in der New York Post : "Manche mögen sich mit Frankreichs antiamerikanischen Tiraden und Manövern abfinden oder sie gar als legitim ansehen. Tatsache ist aber, dass dies eine Zeit der Entscheidung ist - und ehrlich gesagt, ich habe die Nase voll davon, dass die Vereinigten Staaten von einem zweitrangigen Land als Punchingball missbraucht werden."

Angesichts dieses Schwalls übler Beschimpfungen könnte man vielleicht einige elementare Tatsachen aus den Augen verlieren: Chirac steht für eine konservative, marktwirtschaftlich orientierte Regierung, die das Recht der USA und der anderen Großmächte, im Irak zu intervenieren und dessen Regierung abzusetzen, niemals in Frage gestellt hat. Paris hat sich bloß für eine Fristverlängerung eingesetzt und will, dass ein solcher Kurs von der UN sanktioniert wird; in erster Linie will es selbst an der kolonialen Beute teilhaben.

Die Antwort der amerikanischen Medien drückt nicht nur Arroganz, Dummheit und Kurzsichtigkeit aus, sondern ein gerüttelt Maß an Unsicherheit und Paranoia. Wie werden diese Kräfte erst auf eine antiimperialistische Massenbewegung reagieren, die die amerikanischen Kriegs- und Weltherrschaftspläne tatsächlich bedroht?

Die Welle antifranzösischer Hysterie in den US-Medien ist in der französischen Presse nicht unbemerkt geblieben.

"Francophobie", lautete am Dienstag die Überschrift des Leitartikels von Le Monde. Die einflussreiche französische Tageszeitung reagierte als erste auf die Pressevorwürfe gegen Frankreich. "Wir Franzosen sind Feiglinge,... sind ungewöhnlich korrupt, tendenziell antisemitisch und natürlich heftige Antiamerikaner.... So sieht ein Teil der amerikanischen Presse die französische Bevölkerung."

Der Leitartikel zitiert dann einige der erwähnten Kommentare und fragt: "Und das alles wegen welchem Verbrechen?... Weil Paris es wagt, die Irak-Politik der Bush-Regierung nicht mitzutragen." Danach heißt es: "Der Ton, der in den Medien auf der andern Seite des Atlantik vorherrscht, reflektiert oft, was in gewissen Regierungskreisen in Washington hinter vorgehaltener Hand über Frankreich (und Deutschland) gesagt wird."

Die Kolumnen französischer Zeitungen und Zeitschriften sind voll von Beschwerden über die "Verachtung" und "brutale Behandlung des alten Europas" seitens der USA. "Die Krise zwischen den Amerikanern und uns wird Narben hinterlassen", schrieb Le Monde am Samstag. "Das zeigt die Rücksichtslosigkeit der Zeitungen auf der andern Seite des Atlantiks, Amerikas offensichtliche Erbitterung und sein Unverständnis unserer Zurückhaltung."

Die konservative Tageszeitung Le Figaro bemerkte: "Mr. Rumsfeld reagiert verbittert darauf, dass nicht alle Europäer sich wie Vasallen verhalten." Sie erblickt in der Nato-Krise vom letzten Wochenende eine weitere US-Provokation. "Die an die Nato gestellte Forderung ist ein offensichtlicher Versuch, Druck auf die Alliierten auszuüben, um ihnen Entscheidungen aufzuzwingen, die den vorgefertigten Kriegsplänen des Pentagon entsprechen."

Öl ist eins der Themen, das in Frankreich für Schlagzeilen sorgt: "Die weitverbreitete, wenn nicht alles beherrschende Ansicht... auf dieser Seite des Atlantik," schrieb der französische Wirtschaftswissenschaftler Pierre Noël letzte Woche im Figaro, gehe dahin, dass Amerika hinter der diplomatischen Scharade des Sicherheitsrats "danach strebt, für lange Zeit die Kontrolle über das irakische Öl sicherzustellen".

Das beherrschende Thema der französischen Kommentare über die Irak-Krise ist aber vor allem der Schaden, den die transatlantische Allianz erlitten hat, und dessen Bedeutung für die zukünftigen Beziehungen zwischen Europa und Amerika.

Der Herausgeber von Le Monde, Jean-Marie Colombani, schrieb letzte Woche eine Kolumne mit dem Titel: "Die amerikanische Herausforderung". "Der Hauptgrund für die Kluft zwischen Amerika und einem großen Teil der Meinung des ‚Rests der Welt’," erklärte er, "ist die Tatsache, dass die heutige amerikanische Doktrin den Irak in den Mittelpunkt stellt,... um sicherzustellen, dass die Vereinigten Staaten nicht bedroht oder auch nur herausgefordert werden können, und um jeden potentiellen Rivalen durch gigantische Verteidigungs- und Forschungsbemühungen auf Abstand zu halten."

"Man muss aber über eine bloß negative Reaktion auf die Haltung der USA hinausgehen", fuhr Colombani fort. "Welche strategische Doktrin könnten die Europäer derjenigen eines Präventivkriegs nach amerikanischem Willen entgegenhalten?"

Seine Antwort? "Das Jahrhundert erwartet, dass auf dem alten Kontinent eine Macht entsteht, die zwar auf den Frieden hinwirkt, aber nicht pazifistisch ist und den Vereinigten Staaten als ebenbürtiger Partner und nicht als Satellit gegenübertritt."

Was der Herausgeber von Le Monde hier in Erwägung zieht, ist das Auftreten Europas - mit Frankreich an führender Stelle - als Gegengewicht zur amerikanischen Hegemonie.

Eine solche Haltung führt - was auch immer die Absichten Colombanis sein mögen - zu politischen Konsequenzen, die nicht im mindesten progressiv sind. Jede "strategische Doktrin", die von der europäischen Bourgeoisie ausgeht, wäre imperialistisch. Die heutige Opposition der Chirac-Regierung gegen Amerikas Kriegspläne ist nicht durch abstrakte Friedensliebe, sondern durch Kalkulationen im Interesse des französischen Kapitalismus bestimmt. Auch wenn die französische Bourgeoisie heute einen bestimmten Krieg ablehnt, ist sie sehr wohl in der Lage, morgen ihre eigenen Raubkriege vom Zaun zu brechen.

Diese Tatsache anzuerkennen, ist eine wesentliche Vorbedingung für die Entwicklung einer wirklich unabhängigen und prinzipiellen Bewegung der französischen und europäischen Arbeiterklasse gegen den Imperialismus als Weltsystem.

Siehe auch:
EU-Gipfel für Krieg gegen Irak als "letztes Mittel"
(19. Februar 2003)
Die französische Regierung schwenkt auf eine Teilnahme am Irak-Krieg ein
( 9. Januar 2003 )

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