Die Kunstbestände des führenden Surrealisten André Breton sollen versteigert werden

Von Antoine Lerougetel
8. Februar 2003

Am 6. November letzten Jahres kündigte ein kurzer Artikel in der französischen Tageszeitung Libération an, dass die gesamten Kunstbestände von André Breton in seiner Wohnung in der Rue Fontaine 42 in der Nähe des Place Pigalle, wo er von 1922 bis zu seinem Tod gelebt hatte, zwischen dem 1. und 18. April versteigert werden sollen.

Breton (1896-1966) war der führende Kopf der revolutionären künstlerischen Bewegung des Surrealismus, die 1924 in Paris begründet wurde und viele Bereiche künstlerischer Aktivität in der ganzen Welt beeinflusst hat. Als Dichter, Theoretiker des künstlerischen Schaffens, Kunstkritiker und Sozialist war er in vielen fortschrittlichen sozialen und künstlerischen Bewegungen seiner Zeit engagiert.

Wie kommt es, dass trotzdem dieses unbezahlbare Vermächtnis der Kultur des 20. Jahrhunderts verloren gehen und in alle Himmelsrichtungen verstreut werden kann, ohne dass sich in den intellektuellen Kreisen Frankreichs Stimmen des Protests dagegen erheben?

Libération berichtet: "Seine Erben - seine Frau Elisa, später seine Tochter Aube - haben die Sammlung von Bildern, Büchern, Fotografien und anderen Gegenständen aus Bretons Eigentum: das philosophische Durcheinander des Sammlers genialer Kunstwerke dort, in ihrer ursprünglichen Umgebung, 36 Jahre lang bewahrt, trotz des vermutlich starken Drängens von Interessenten."

Im Versteigerungskatalog von CamelsCohen, dem Auktionshaus, das die Versteigerung im Hotel Drouot-Richelieu durchführen wird, findet man Werke des Zöllners Rousseau, von René Magritte, Francis Picabia, Toyen, Joan Miro, Hans Arp, Yves Tanguy, André Masson, Max Ernst - insgesamt mehr als 400 Gemälde. Außerdem 1.500 Fotografien, viele Originalfotografien von Man Ray, Félix Nadar, Denise Ballon, Hans Bellmer, Jacques-André Boiffard und Claude Cahun; für Breton handsignierte Bücher von Leo Trotzki, Sigmund Freud, Guillaume Apollinaire und vielen anderen; kulturelle Artefakte von Ureinwohnern Amerikas und Ozeaniens sowie die Manuskripte vieler von Breton selbst verfasster Schriften. Man erwartet einen Erlös von 30 bis 40 Millionen Dollar.

Der einzige für die Öffentlichkeit bestimmte bedeutende Ausstellungsgegenstand des Surrealistenführers ist "Bretons Wand", die Wand hinter seinem Schreibtisch in der Rue Fontaine 42, mit Regalen, die gefüllt sind mit seinen objets trouvés, Bildern, Fotografien, gestiftet von seiner Frau Elisa Breton Elléouet. "Die Wand" soll im Kunstmuseum des Centre Pompidou anstelle der Entrichtung von Erbschaftssteuern aufgestellt werden. "Als Geschenk an das Museums soll diese Installation ihren Platz bei der ständigen Ausstellung einnehmen, als Erbschaftssteuer für das Anwesen Elisa Bretons." (Le Monde vom 21. Dezember 2002).

Der im Internet veröffentliche Versteigerungskatalog beschreibt die vergebliche Suche nach einem geeigneten Domizil für die Sammlung so:

"Die von Jean Schuster im Mai 1982 ins Leben gerufene Vereinigung ACTUAL verfolgte vor allem das Ziel, eine vollständige Bestandsaufnahme der surrealistischen Archive weltweit anzufertigen und in Paris ein Dokumentationszentrum des Surrealismus zu errichten, beziehungsweise nach den Vorstellungen von José Pierre, den Vollkommenen Palast des Surrealismus, der möglichst vollständig der Allgemeinheit zugänglich sein sollte. Dieses Projekt wurde in weiten Kreisen für unrealistisch gehalten. Die ablehnende Haltung der wichtigsten kulturellen Einrichtungen, die Streichung von Subventionen und die sarkastischen Kommentare von Beobachtern veranlassten ACTUAL im Dezember 1993 dazu, aufzugeben. Dennoch ist es dieser Vereinigung zu verdanken, dass in den von Gallimard veröffentlichten Archiven der Surrealisten, dank der Bemühungen von Marguerite Bonnet und Paule Thévenin, Dokumente erschienen, die für die interne Geschichte der ‚Bewegung' wesentlich sind.

Weil sie, aufgrund der gescheiterten Versuche, eine surrealistische Stiftung in Paris zu gründen, nicht mehr in der Lage sind, dieses Erbe als Ganzes zu bewahren... sind Aube Breton und ihre Tochter Oona zu dem Entschluss gekommen, die Sammlung in einer öffentlichen Versteigerung zu verkaufen."

Dass die französischen Medien dieses Ereignis beinahe völlig ignorieren und die französischen Intellektuellen keinerlei Interesse daran bekunden, ist Ausdruck ihrer Degeneration und Selbstzufriedenheit, und ihrer tiefen Feindschaft gegenüber Bretons bohrendem und unablässigem Hinterfragen von Konformismus und Autorität in Kunst, Gesellschaft und Politik, gegenüber seiner Weigerung, das Bestehende zu akzeptieren.

Der Autor dieses Artikels konnte auf der Webseite von Le Monde erst am 21. Dezember den ersten Hinweis auf die Versteigerung entdecken. In einem Artikel auf Seite 20 äußerte sich Michèle Champenois verwundert darüber, dass "die Ankündigung, dass die Schätze aus der Rue Fontaine versteigert werden, bisher keine Diskussion ausgelöst hat". Eine unaufrichtige Bemerkung, zumal der Herausgeber von Le Monde, Edwy Plenel, für sich in Anspruch nimmt, aus seiner Zeit in der pablistischen Ligue Communiste Révolutionnaire in den siebziger Jahren einen Rest an "trotzkistischer Kultur" bewahrt zu haben.

Diese Schicht der Gesellschaft stellte sich vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen im April 2002 beinahe geschlossen hinter die Pro-Chirac-Kampagne.

Maurice Nadeau, nach dem Zweiten Weltkrieg neben Breton zeitweise ein aktives Mitglied der surrealistischen Bewegung und gegenwärtig Herausgeber des Literaturzeitschrift La Quinzaine littéraire, nahm erst in der Ausgabe vom 16. Dezember Stellung. Seine Ausführungen sind in wenigen Zeilen seines Tagebuchs auf Seite 27 versteckt und weder durch eine Überschrift noch eine Zwischenüberschrift hervorgehoben.

Nadeau steht in Kontakt mit dem Parti des Travailleurs (PT) von Pierre Lambert, bei deren Versammlungen und in deren Zeitungen Breton sich bis in die sechziger Jahre hinein zu Wort gemeldet hatte, als die Vorgängerorganisation des PT, die Organisation Communiste Internationaliste (OCI) noch ein Mitglied des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) war. Breton verteidigte Trotzki gegen die stalinistischen, reformistischen und bürgerlichen Verleumder bis zu seinem Tod.

Als das WSWS Nadeau kontaktierte, sagte er, er habe den Worten in seiner Zeitschrift nichts hinzuzufügen. Diese sind ganz und gar resignativ und enthalten nichts mehr von der kämpferischen Haltung des früheren Mitstreiters der Surrealisten. Sie lassen die Atmosphäre spüren, die heute in diesem Milieu herrscht:

"Ein öffentlicher Verkauf, eine Versteigerung also, wo praktisch alles an den Höchstbietenden geht, all das, was André Breton zusammengetragen hat während seines ganzen Lebens, in seiner Wohnung in der Rue Fontaine 42.

Ich erhielt die Information wie meine Kollegen auch. Meines Wissens reagierte keiner darauf. André Breton? Wer ist das? Surrealismus? Ach so, ja nun, Schnee von gestern.

Aber die Vorstellung, dass alles, was Breton ausgesucht hat, um sein Leben in der Rue Fontaine 42 zu verschönern, die Vorstellung, dass all das, was auch unsere Phantasie beflügelte, unter den Hammer des Auktionators kommt, lässt einen das wirklich kalt?"

Nadeau schlägt keine Kampagne vor, keinen Protest.

Jean-Jacques Marie, führender Historiker des Parti des Travailleurs, der soeben ein Buch mit dem Titel Le trotskysme et les trotskystes (Der Trotzkismus und die Trotzkisten) veröffentlicht hat und auch für La Quinzaine littéraire schreibt, hat sich in dieser Angelegenheit noch nicht geäußert.

Es verdient gewiss nähere Betrachtung, warum es nicht gelungen ist, für dieses historische Vermächtnis, das Forschern und der Allgemeinheit zugänglich sein sollte, eine geeignete Stätte zu finden. Wir beabsichtigen, weitere Nachforschungen anzustellen und zu berichten.

In einer Zeit, wo in jedem entwickelten Land unter dem Vorwand des "Kriegs gegen den Terrorismus" und ökonomischer Zwänge Bürger- und demokratische Rechte fortwährenden Angriffen ausgesetzt sind, ist Trotzkis und Bretons Betonung der organischen Beziehung zwischen künstlerischer Freiheit und der Emanzipation der Menschheit so aktuell wie damals im Jahre 1938, als beide in Mexiko das Manifest Für eine unabhängige revolutionäre Kunst verfassten:

"Das Bedürfnis des Geistes nach Emanzipation braucht nur seiner natürlichen Bahn zu folgen, um schließlich mit dieser ursprünglichen Notwendigkeit zu verschmelzen und aus ihr neue Kräfte zu ziehen: dem Bedürfnis des Menschen nach Emanzipation." (Leo Trotzki und André Breton: Für eine unabhängige revolutionäre Kunst. In: Leo Trotzki: Literatur und Revolution, Essen 1994, S. 506)

Siehe auch:
Aus sicherer Distanz? Gedanken zu einer Ausstellung surrealistischer Kunst
(12. Oktober 2002)

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