Großbritannien: Regierung Blair bei Plagiat und Lüge im letzten Irak-Dossier ertappt

Von Chris Marsden
19. Februar 2003

Die Hauptmeldung des britischen Fernsehsenders Channel 4 am 6. Februar war die Enthüllung, dass Blairs Labour-Regierung mit ihrem letzten, am 3. Februar veröffentlichten Geheimdienstdossier ein plattes Plagiat begangen hat.

Der amerikanische Außenminister Colin Powell hatte das Dokument in seiner Rede vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 5. Februar lobend hervorgehoben, um die Behauptung der Geheimdienste Washingtons zu untermauern, die Iraker besäßen Massenvernichtungswaffen und unterliefen die Bemühungen der Inspektoren.

Powell zitierte das britische Dossier, Iraq - its infrastructure of concealment, deception and intimidation (Irak - seine Infrastruktur der Verheimlichung, Täuschung und Einschüchterung) als zusätzlichen Beweis irakischer Unbotmäßigkeit und erklärte: " Ich möchte meine Kollegen um Aufmerksamkeit für dieses ausgezeichnete Papier des Vereinigten Königreichs bitten... es beschreibt die irakischen Betrügereien außergewöhnlich genau."

Das 19-seitige Dokument wird als Sammlung topaktueller britischer Geheimdiensterkenntnisse dargestellt. Angeblich ist es aus Nachrichtendienstmaterial "und anderen Quellen" zusammengestellt und stellt ein "hochaktuelles, aus Geheimdiensterkenntnissen hervorgehendes Dossier" dar. Aber es ist nichts dergleichen. Der Hauptteil wurde aus drei Artikeln zusammengestückelt, von denen einer von einem amerikanischen Studenten stammt. Alle Artikel waren einige Monate oder sogar Jahre alt.

Das Plagiat ist so nachlässig gemacht, dass sogar die Tippfehler in den Originalartikeln abgeschrieben wurden. Wahrscheinlich wurden sie eingescannt oder aus dem Internet herunter geladen und zusammengesetzt.

Einer der kopierten Artikel erschien letztes Jahr in der Zeitschrift Middle East Review of International Affairs. Der Verfasser ist Ibrahim al-Marashi, damals Student im kalifornischen Monterey, heute assoziierter Wissenschaftler am Zentrum für die Nichtverbreitung von Atomwaffen. Umfangreiche Stellen, teils sechs Abschnitte lang, sind wörtlich übernommen worden.

Allerdings wurden einige Änderungen am Text vorgenommen, um das Verhalten der Iraker noch finsterer erscheinen zu lassen. So wird beispielsweise aus der "Überwachung" ausländischer Botschaften "Ausspionieren" und aus der "Hilfe für Oppositionsgruppen gegen feindliche Regimes" wird die "Unterstützung terroristischer Organisationen gegen feindliche Regimes".

Um die Sache noch schlimmer zu machen, baut der plagiierte Artikel auf Erkenntnissen auf, die in der Zeit nach der irakischen Invasion Kuwaits gewonnen wurden, und ist als Schilderung der Vorbereitung auf den letzten Golfkrieg gedacht.

Der Verfasser berichtete der Presse: "Die wichtigsten Dokumente, die ich für diesen Artikel benutzte, sind eine Sammlung zweier Dokumentenreihen, eine stammt von kurdischen Rebellen im Norden Iraks - ungefähr 4 Millionen Dokumente - sowie 300.000 Dokumente, die von irakischen Sicherheitsdiensten in Kuwait zurückgelassen wurden. Danach habe ich zehn Jahre lang die Ereignisse in den irakischen Sicherheitsdiensten beobachtet."

Jetzt wird diese Information in dem Dossier der Regierung als aktuelle Berichterstattung des britischen Nachrichtendienstes präsentiert. In dem Dokument wird behauptet, dass auf einen Waffeninspektor der UN 200 irakische Agenten kämen, die versuchten, ihn in die Irre zu führen, und dass dies "aktuelle Details" über irakische Sicherheitsdienste seien.

Glen Rangwala, Dozent der Politikwissenschaften an der Universität Cambridge, entdeckte als erster das Plagiat. Er unterrichtete Channel 4: "Das Dossier der britischen Regierung ist 19 Seiten lang, und das meiste von Seite sechs bis Seite sechzehn ist wörtlich aus (al-Marashis) Dokument kopiert, sogar grammatikalische Fehler und Schreibfehler."

"Abgesehen davon, dass dies als Werk des Nachrichtendienstes dargestellt wird", sagte Dr. Rangwala, "zeigt es auch, dass das Vereinigte Königreich in Wirklichkeit überhaupt keine unabhängige Informationsquelle über die irakische Innenpolitik besitzt. Es stellt einfach nur öffentlich zugängliche Daten zusammen."

Sechs weitere Seiten basieren weitgehend auf Artikeln von Sean Boyne und Ken Gause, die 1997 und im vergangenen November in Jane`s Intelligence Review erschienen. Keine dieser Quellen wird erwähnt. Keine Anmerkung weist auf sie hin. Stattdessen wurden anfangs als Autoren vier Regierungsbeamte angegeben, P. Hamill, J. Pratt, A. Blackshaw und M. Khan. Ihre Namen wurden am 3. Februar wieder von der Website der Regierung entfernt.

Experten für Verteidigung und Außenpolitik begegneten der schwarzen Propaganda der Regierung mit beißender Kritik. Dan Plesch vom Royal United Services Institute sagte in einer Nachrichtensendung: "Dies scheint eine überholte akademische Analyse zu sein, die zu dem Besten aufgemotzt wird, was der MI6 und unsere internationalen Partner gegen Saddam aufbieten können."

Er fügte hinzu, "das Wort `skandalös` wird, so denke ich, in unserem politischen Leben überstrapaziert, aber hier ist es wohl angebracht."

Die Regierung hat die Kritik der Medien und Oppositionsparteien zurückgewiesen. Ein Sprecher erklärte, dass der Bericht korrekt sei und man nie Anspruch auf "Exklusivität der Autorenschaft" erhoben habe. Aber da die Regierung immerhin unter dem Deckmantel verschiedener "Geheimdienstdossiers" Kriegspropaganda betreibt, sind die Enthüllungen ein ernster Schlag für ihre Glaubwürdigkeit.

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