Menschenfeindlichkeit und der amerikanische Film der Gegenwart

"Gangs of New York", Regie: Martin Scorsese, Drehbuch: Jay Cocks, Steven Zaillian und Kenneth Lonergan

Von David Walsh
14. Februar 2003

Gangs of New York ist ein schrecklicher Film, armselig konstruiert, nicht überzeugend und zutiefst menschenfeindlich. Von einer ganzen Reihe bekannter amerikanischer Kritiker, darunter etliche, die es eigentlich besser wissen müssten, wurde er jedoch hoch gelobt. A. O. Scott von der New York Times meinte, der Film gehöre schon jetzt fast zu den ganz großen Werken der Branche und werde diesen Rang nach einiger Zeit erhalten. Michael Wilmington von der Chicago Times zufolge ist es "ein Film, großartig, rücksichtslos und anspruchsvoll..., der von kreativer Leidenschaft brennt, über sich hinaus wächst, wundervoll wild." Todd McCarthy in Variety schreibt, dass Gangs of New York "alle Merkmale eines Meisterwerks des (Regisseurs) Martin Scorsese trägt". In Time nennt Richard Corliss das Werk ein "Filmepos" und behauptet, dass seine Unzulänglichkeiten "den Glanz von Scorseses dichtem, konfliktreichem, mitreißendem Werk nicht beeinträchtigen". David Edelstein von Slate schreibt: "Was auch immer sein Schicksal an den Kinokassen sein mag, es ist ein großartiges Werk."

Scorseses Film beansprucht, sich mit der Gewalt zwischen Gangs und verschiedenen Volksgruppen in New York Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und, wie seine Bewunderer behaupten, mit der Geburt des modernen Amerika auseinander zu setzen. Der Film beginnt 1846 mit einer furchtbaren Schlacht zwischen einer Gruppe irischer Banden und ihren "einheimischen" Feinden, die von Bill "The Butcher" (der Schlächter) Cutting (gespielt von Daniel Day-Lewis) angeführt werden. Cutting schlägt seinen Hauptwidersacher Priest Vallon (Liam Neeson) nieder, und dessen junger Sohn wird in Polizeigewahrsam genommen. Sechzehn Jahre später, als er aus der Besserungsanstalt entlassen wird, nimmt sich Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio) vor, Rache am Mörder seines Vaters zu nehmen.

Der Jugendliche bahnt sich den Weg in Butchers Bande, die jetzt das von zahlreichen Verbrechen geplagte Stadtviertel Five Points (im Zentrum Manhattans) beherrscht. Er hat ein nicht ganz konfliktfreies Bündnis mit Boss Tweed (Jim Broadbent) aus der berüchtigten korrupten Tammany Hall der Demokratischen Partei geschlossen. Amsterdam macht sich Cutting unentbehrlich und verliebt sich nebenbei in eine Taschendiebin (Cameron Diaz). Nachdem sein erster Versuch, Butcher Bill durch Verrat zu erledigen, fehlschlägt und ihn beinahe das Leben kostet, entschließt sich Amsterdam, seine Identität zu offenbaren und die alte Gang seines Vaters wieder ins Leben zu rufen. Der Endkampf zwischen den beiden Lagern wird unterbrochen durch die blutigen Unruhen vom 13. bis 16. Juli 1863. Damals erhob sich insbesondere die irische Bevölkerung der Stadt gegen die Einberufung zum Bürgerkrieg, und die Armee der Unionisten ging gegen sie vor. Dennoch gelingt es Amsterdam schließlich, seinen tödlichen Schlag zu führen.

Von den ersten Einstellungen an zeigt Scorsese eine animalische Welt voller Grausamkeit und Verletzungen. Vallon und Cutting werden als brutale Kriegsherren präsentiert, die einer Art mittelalterlichem Ehrenkodex anhängen. Nachdem der Film einen Sprung in die 1860er Jahre macht, führt er geradezu liebevoll und allzu gewissenhaft die diversen ethnischen Gangs, Verbrechensarten, Kriminelle, Prostituierte usw. ein. Man möge mir verzeihen, wenn ich zu der Schlussfolgerung komme, dass Scorsese wie in The Age of Innocence (Zeit der Unschuld) viel mehr Aufmerksamkeit auf die Ausstattung und das materielle Detail verwandt hat, als darauf, etwas zu erzählen und seine Personen zu charakterisieren. Die banale Handlung ist sehr lose geknüpft und baumelt irgendwie fremdartig in dem vorgegebenen historischen Rahmen.

Die dramatische Handlung ist sehr schwach. Scorsese scheint immer an der Überzeugung festgehalten zu haben, dass er nicht verpflichtet sei, eine zusammenhängende Geschichte zu entwickeln. Eine Auffassung, die vielleicht aus einem Missverständnis der neuen Welle in Frankreich und anderen Schulen herrührt. Sein Werk ist im besten Fall niemals über einen Film mit starken Charakterisierungen, überraschenden Konfrontationen und schrankenloser Gewaltdarstellung hinausgekommen. Man würde sich schwer tun, sich auch nur die Handlung von Taxi Driver, Raging Bull (Wie ein wilder Stier), Goodfellas oder Casino ins Gedächtnis zu rufen, von bleibenden Gedanken ganz zu schweigen.

In Gangs of New York sind die Charaktere abgedroschen, vorhersehbar gezeichnet und die Handlungen künstlich. Trotz all seiner wilden Ereignisse fehlt dem Film nahezu vollständig die Spontaneität des wirklichen Lebens. Es ist ein gewaltig überdrehtes Kunstprodukt, ein Vehikel für den Filmemacher, seine finsteren und wenig ansprechenden Grübeleien über die Gesellschaft und das menschliche Leben zu transportieren. Es gibt Momente im Film, die so weit weg sind von jeder sozialen und psychologischen Realität, so willkürlich, entweder so subjektiv oder so bösartig (wie die Anfangsbilder vom Untergrund, die Feiern des Sieges der Bande über Priest Vallon, der Zusammenstoß zwischen den freiwilligen Feuerwehren), dass man sich fragt, welchen Teil der Welt und der Menschheit sie in der Vorstellung des Filmautors wohl repräsentieren sollen. Auch die Bilder des Films und seine Eindrücke sind nicht authentisch - ein unerfreulich gelbliches Licht bleibt einem in Erinnerung - und scheint darauf abzuzielen, die grundlegende Unanständigkeit der Menschheit zu betonen. Diese Realität ist konstruiert, um eine vorgefasste Meinung zu bestätigen, und zwar eine recht ungesunde.

Das Fehlen von Spontaneität erreicht seinen Höhepunkt in der Figur von Bill the Butcher und seiner Darstellung durch Day-Lewis. Cutting ist mit bezeichnenden Attributen überladen (einem gezwirbelten Schnauzbart, Zylinder, ein Glasauge in Form eines Adlers, New Yorker Ur-Akzent - eine Erscheinung aus einem Comicheft), aber er ist alles in allem eine leere Abstraktion, ein wandelndes Konglomerat dessen, was der Drehbuchautor offensichtlich für typische Eigenschaften des Uramerikaners hält: Brutalität, Halsstarrigkeit, Rassismus und Fremdenhass, ein eingefleischtes Ehrgefühl, unermüdliche Energie usw.

Amsterdam (ein schrecklicher Name!) und Jenny sind nach Schablonen geschnitten: rebellische, überschäumende Jugend und Flittchen mit goldenem Herzen. Außerhalb der Klischees ist fast nichts an ihnen dran. Ihre Romanze ist oberflächlich und zufällig und lässt den Zuschauer völlig kalt.

Der Handlung von Gangs of New York fehlt jeder sinnvolle Zusammenhang. Warum zum Beispiel schleicht sich Amsterdam Vallon überhaupt in Bill Cuttings Vertrauen ein? Nicht, um sich in die Lage zu versetzen, ihn zu ermorden, denn er besticht einen chinesischen Kellner, dies zu tun. Er hätte den Mann gerade so gut bestechen können, wenn er mit Cuttings Bande überhaupt nichts zu tun gehabt hätte. Wenn er sich zu Cutting hingezogen fühlt, oder vielmehr die Filmemacher von ihm fasziniert sind, dann hätten sie die Gründe erklären müssen. Weshalb sollte sich Vallon von diesem sadistischen und rassistischen Schurken, dem Mörder seines Vaters, angezogen fühlen - und warum sollten wir ihn interessant finden?

Der Charakter basiert auf der historischen Figur des Bill "The Butcher", Poole (der für die "einheimische" Partei arbeitete und 1855 starb), ein berüchtigter und blutrünstiger Bandenchef, dessen Spezialität es gewesen sein soll, seine Rivalen mit Tranchiermessern auszuweiden. Aus unerfindlichen Gründen haben die Filmemacher beschlossen, Cutting zu einer Art Philosophenkönig zu machen und ihn auch noch mit einem tiefen Ehrgefühl auszustatten. In seiner bedeutendsten Rede erzählt er - in eine amerikanische Fahne gehüllt - Amsterdam, wie sehr er dessen Vater bewundert habe, und schließt mit den Worten: "Von allen, die ich getötet habe, war er der einzige, der es wert ist, sich an ihn zu erinnern. Ich hatte niemals einen Sohn. Die Zivilisation geht vor die Hunde. Gott segne dich." Die Szene ist absurd.

Der ursprüngliche Mordplan, den Amsterdam gegen Butcher ausheckt, wird nur beiläufig gestreift, und die Art seines Scheiterns enttäuscht. Warum sollte Cutting Amsterdam so leicht davonkommen lassen, nachdem dieser ihm nach dem Leben getrachtet hat? Er behauptet dann, er wolle den jungen Mann für immer verstümmeln - man fürchtet schon das Schlimmste - aber in Wirklichkeit tut er gar nichts.

In den Anfangszenen wird viel Aufhebens gemacht von Priest Vallons Kumpanen, die sechzehn Jahre später im Gefolge von Cutting auftauchen, ein Polizist und ein Barbier. Es wird die Erwartung geweckt, dass Amsterdam sie in irgendeiner Weise zur Rede stellen wird, auf dass sie ihren Verrat an der irischen Sache entweder eingestehen oder leugnen. Aber nur einer von ihnen, Monk (Brendan Gleeson), erkennt Amsterdams wirkliche Identität, spielt jedoch wie die übrigen keine Rolle im Handlungsablauf des Films. Ihre Anwesenheit ist einer seiner vielen Ungereimtheiten.

Und wie steht es mit der Auflösung des Dramas selbst, mit den Unruhen gegen die Einberufung, die die großen Bandenkriege überschatten und unterbrechen? Scorsese stellt sich die Aufgabe, zwei außerordentlich blutige Auseinandersetzungen in Szene zu setzen, und stiftet dadurch vor allem Verwirrung. Offenbar will er vermitteln, dass das moderne industrielle Amerika mit dem Massenkampf des Bürgerkriegs der individualistischen Epoche der Kriegsherren und Bandenkönige ein Ende setzt. Aber das kann er nicht erreichen, indem er die Ereignisse einfach nebeneinander stellt. Die Beziehung zwischen den Bandenkriegen und den Unruhen wird nirgendwo nachvollziehbar, genauso wenig wie die Haltung von Amsterdam und seinen Anhängern gegenüber dem Aufstand, und das ist schließlich nicht ganz unwichtig.

Geschichtsfälschung

Außer den Fehlern in der dramatischen Handlung finden sich noch zahlreiche Unstimmigkeiten der historischen und sozialen Details, die offensichtlich keinen der Kritiker gestört haben. Als erstes sollte jedem Zuschauer auffallen, dass es ein Stadtviertel wie das in Gangs of New York geschilderte niemals gegeben hat: ein abgrundtiefer Sündenpfuhl voll Verbrechen und Abschaum, in dem das tägliche Leben aus nichts als einem Strom gewalttätiger Grausamkeit besteht. Dass ein solches Bild kritiklos durchgehen konnte, hängt stark mit der Vorstellung zusammen, die sich ein Teil der kleinbürgerlichen Intelligenz heutzutage von der innerstädtischen Bevölkerung macht. Darüber hinaus lassen sich Filmemacher und Kritiker von der Auffassung leiten, dass man der "Realität" umso näher komme, je verkommener und übler das Material.

Man verliert den Faden in der allgegenwärtigen Gewalt des Films zwischen der organisierten Kriminalität von Bill dem Schlächter und den versammelten Dieben und Halsabschneidern des Stadtviertels, den "Schaukämpfen" (Boxen mit bloßen Fäusten und ein grausamer Kampf zwischen Ratten und einem Hund) und den täglichen zufälligen Gewalttätigkeiten (wie der Kampf zwischen den beiden Gruppen der freiwilligen Feuerwehr, die ein Haus abbrennen lassen, während sie sich darum streiten, wer es löschen darf - das Haus wird inzwischen von Anwohnern geplündert).

Scorseses Film geht zurück auf das Buch The Gangs of New York von dem Journalisten Herbert Asbury, das in den 1920er Jahren erschienen ist. Ja, der Regisseur sagt, das Buch habe ihm keine Ruhe mehr gelassen, seit er es 1970 gelesen habe. Der Autor Kevin Baker, der einen Roman über die Unruhen gegen die Einberufung mit dem Titel Paradise Alley (Paradies Allee) geschrieben hat, schreibt darüber: "War Five Points wirklich so schrecklich? Wer es heute überhaupt kennt, kennt es vor allem durch Herbert Asburys Sammlung ausgelassener, haarsträubender und oft fantastischer Erzählungen aus dem alten New York von 1927 oder aus den impressionistischen Skizzen in Luc Santes Low Life (Das Leben der Unteren). Beide Werke haben ihre Verdienste, aber keins von ihnen macht sich die Mühe, anhand harter, historischer, überlieferter Fakten herauszufinden, wie es wirklich in Five Points zuging."

Asburys Buch ist eine Mischung aus Tatsachen, Anekdoten und Lügengeschichten. Er versichert zum Beispiel, dass der berüchtigtste Bursche aus der Bowery Boys Bande "acht Fuß" (2,30 m) maß, mit "Händen so riesig wie der Schinken eines Schweins aus Virginia", dass er einen Hut trug, der "einen Durchmesser von mehr als zwei Fuß hatte" und "während der heißen Monate... mit einem Fünfzig-Gallonen-Fässchen voll Bier herumlief, das anstatt einer Feldflasche von seinem Gürtel herunterbaumelte". Und dies ist beileibe nicht die einzige fantastische Stelle in dem Buch.

Mit anderen Worten, ein großer Teil des Materials in dem Buch, auf das Scorsese sich so stark gestützt hat, ist apokryph, eine Tatsache, die ihm wohlbekannt war. Darin liegt ein Element bewusster Fälschung.

Jüngere archäologische Funde (die Scorsese leicht zugänglich gewesen wären) haben die Anzahl an "harten historischen Tatsachen" vermehrt. Ungefähr 850.000 Gegenstände sind in einem Teil des alten Five-Points-Viertels ausgegraben worden, als auf dem Gelände Anfang der neunziger Jahre ein neues Gerichtsgebäude errichtet werden sollte. Nachdem die Objekte untersucht worden waren und auch Unterlagen über Volkszählungen, Akten der Stadtverwaltung und Daten der Versicherungsgesellschaften durchforstet worden waren, hat eine Gruppe von Historikern und Naturwissenschaftlern - einem Artikel in Village Voice von J. A. Lobbia zufolge ("Slum Lore") - die Schlussfolgerung gezogen, dass "Five Points alles andere als ein heruntergekommenes Viertel war, das ausschließlich von Kriminellen und deren Opfern bevölkert war, vielmehr, sagen sie, es sei eine lebendige Kommune und der Ursprung des Lebens der Arbeiterklasse" gewesen.

Lobbia fährt fort: "Noch mehr im Gegensatz zu den Vorstellungen der Einwohner von Five Points als Dieben und Bettlern stehen die Informationen über das Arbeitsleben. Volkszählungen und Stadtakten zeigen, dass die meisten Einwohner von Five Points in den Dockanlagen des Hafens oder in den örtlichen Fabriken gearbeitet haben, in denen Wagen, Regenschirme, Brillen, Schuhe, Zigarrenkisten und Möbel hergestellt wurden, oder in den sich rasch vermehrenden Kleidermanufakturen... Große Mengen von Knöpfen, Nähnadeln und ein ganzes Arsenal von Stoffen sind unter den Gegenständen, woraus auf viele Schneidereien und Heimarbeiter zu schließen ist.. Was Gesundheit und Sauberkeit angeht - die es in Five Points angeblich nicht gab - so fand man Medizinflaschen, Spritzen, die zu hygienischen Zwecken dienten, sowie Kämme und Zahnbürsten, darunter eine mit der Inschrift ‘Extrafein Paris Frankreich':" (Das Leben und Schicksal der Fabrikarbeiter hat Scorsese offenbar nicht im Geringsten interessiert. Seine Fixierung auf Gangster und Psychopathen aber ist unerschütterlich, und das ist schon ziemlich mies.)

Auch wenn die historische Wahrheit jedes Ereignisses in Gangs of New York bewiesen werden könnte, bliebe die Haltung des Filmemachers doch kritikwürdig. Er betrachtet das Stadtleben aus dem Blickwinkel des rechten Boulevardjournalisten: sensationslüstern, vulgär und die Armen für ihre Schlechtigkeit in hohem Maße selbst verantwortlich machend. Die Betonung liegt in diesem Film nicht auf den sozialen Verhältnissen in dem Stadtviertel, auf dem Grad der Ausbeutung, auf der Armut, sondern auf einer höchst stimmungsgeladenen, gewollten Bösartigkeit der Einwohner. Doch wie Lobbia schreibt: "Persönliche Verderbtheit war nicht der Grund für Armut, Unterdrückung, die niedrigen Löhne (das monatliche Durchschnittseinkommen von Männern lag bei 38 Dollar, Frauen und Kinder verdienten erheblich weniger), die saisonbedingten Entlassungen und exorbitanten Mieten. Die Choleraepidemien brachen nicht aus, weil die Bewohner von Five Points keine Seele hatten, sondern weil die sanitären Einrichtungen der Stadt miserabel waren."

Die Unruhen gegen die Einberufung von 1863

Scorseses Behandlung der Unruhen gegen die Einberufung ist nicht weniger unbefriedigend. Der blutige Ausbruch von Gewalt hatte sowohl wirtschaftliche als auch politische Ursachen. Die Einberufung war im März 1863 vom Kongress beschlossen worden. Sie wurde von der Demokratischen Partei heftig bekämpft. Diese vertrat den Teil der amerikanischen Bourgeoisie, der sich einem entschlossenen Kampf gegen die Sklaverei am vehementesten widersetzte. In dem Buch des Historikers des amerikanischen Bürgerkriegs James McPherson Battlecry for Freedom heißt es dazu: "Demokratische Zeitungen verbreiteten unermüdlich, die Einberufung bedeute, dass weiße Arbeiter für die Freiheit der Schwarzen kämpfen sollten, die dann in den Norden kommen und ihnen ihre Arbeitsplätze wegnehmen würden."

Die erst kürzlich angekommenen irischen Immigranten in New York waren besonders empfänglich für die Propaganda der Demokraten, der sie unmittelbar und beständig ausgesetzt waren. Die Iren befanden sich ganz unten auf der sozialen Leiter in New York und in anderen Städten. Oft waren sie auf Schwarzarbeit angewiesen, wobei sie niedrigere Löhne akzeptierten. In der Tat wurden sie oft schlechter behandelt als freie Schwarze, denn es gab Unternehmer, die in ihren Stellenanzeigen schrieben: "aus allen Ländern, alle Hautfarben, Iren ausgenommen". Die große Existenzangst, die aus dieser Situation resultierte (viele Iren waren gerade der großen Hungersnot infolge der Kartoffelmissernten in Irland entkommen), wurde bewusst geschürt und von Demagogen hochgespielt. McPherson bemerkt auch, dass "zahlreiche Streiks ein bitteres Erbe hinterlassen hatten, am schlimmsten war es nach der Arbeitsniederlegung der Hafenarbeiter im Juni 1863, als schwarze Schauerleute unter Polizeischutz die Arbeitsplätze der streikenden Iren eingenommen hatten."

Die Möglichkeit, sich für 3000 Dollar von der Einberufung freizukaufen (was etwa einem Jahreslohn entsprach), veranlasste die Demokraten und ihre Unterstützer, den Kampf gegen die Konföderierten als "Kampf der Reichen, aber Krieg der Armen" zu verleumden. Dieses Argument wird in Gangs of New York unkritisch wiederholt. McPherson betont jedoch, dass sich diese Behauptung nicht durch Fakten belegen lässt. Studien über die Aushebung in New York haben keinerlei Zusammenhang zwischen Reichtum und Freikaufen vom Militärdienst ergeben. Was den sozialen Hintergrund der weißen Unionssoldaten insgesamt anging, schreibt er, "scheint es wohl so zu sein, dass die einzige unterrepräsentierte Kategorie die ungelernten Arbeiter sind". Die Kämpfe gegen die Sklaverei zogen opferbereite Schichten aus allen sozialen Klassen und ethnischen Gruppen an, darunter sogar irische Immigranten, von denen sich rund 150.000 der Armee der Unionisten anschlossen.

Scorseses Film präsentiert die Aufstände gegen die Einberufung als quasi-legitimen Ausdruck der Unruhe im Volk (der Regisseur möchte sie in Interviews gern mit der Bewegung gegen den Vietnamkrieg in Verbindung bringen!), als zwar etwas rassistisch gefärbt, aber nicht als Ausbruch politischer Rückständigkeit, als Ergebnis von wirtschaftlicher Not und Appellen an die niedrigsten Instinkte. Dies ist unehrlicher reaktionärer Populismus, der die Sache der revolutionären, welthistorisch bedeutsamen Dimensionen des Bürgerkriegs einfach als unbedeutend ignoriert. Der Film lehnt die Sache des Nordens eindeutig ab. (Wenn Bill the Butcher - ein brutaler Typ, aber ein "Mann von Prinzipien" - auf ein Portrait von Lincoln schießt, dann soll man dies offenbar als ein Akt legitimen sozialen Protests interpretieren.)

Der Film könnte dazu verleiten zu glauben, dass "Klassenbewusstsein" und politischer Protest sich mit bestialischem Verhalten vertragen. In Wirklichkeit waren die Hauptziele der Aufständischen in New York nicht die Reichen an sich, sondern die Rekrutierungsbüros und das Bundeseigentum, schwarze Menschen und solche, die sie beschäftigten, Zeitungen der Republikaner und die Häuser führender republikanischer Politiker und Abolitionisten, d.h. die damals progressivsten Kräfte. Elf Schwarze wurden während der Unruhen gelyncht oder auf andere Weise ermordet; mindesten 84 Aufständische wurden von den Unionstruppen getötet, die aufgerufen worden waren, den Aufstand zu unterdrücken. (In The Struggle for Equality schreibt McPherson: "Eine freundliche Haltung Schwarzen gegenüber begann sich in den Wochen und Monaten nach den Unruhen in New York zu verbreiten", eine der Folgen war die vollständige Integration des Transportsystems der Stadt.)

Ein übler Film

Gangs of New York ist ein übler Film, wie man ihn auch betrachtet. Scorsese denkt seit 30 Jahren über Gewalt im Leben Amerikas nach, ein Thema, das ihn zweifellos stark beschäftigt. In Ermangelung einer historischen und sozialen Perspektive jedoch hat er nicht viel Licht in die Sache gebracht. Scorsese hat immer wieder Brutalität ausgemacht, manchmal realistisch, manchmal nicht, und sie ausführlich dargestellt, aber er hat niemals ihre Wurzeln in den sozialen Verhältnissen, in den Klassenbeziehungen untersucht. Der Filmemacher, der ursprünglich katholischer Priester werden wollte, scheint sich damit zufrieden zu geben, Gewalt als der menschlichen Natur innewohnend zu betrachten. Seine Antwort auf das Phänomen scheint zu gleichen Teilen aus Horror und Faszination zu bestehen.

Es gibt wohl einen Typus von Filmregisseur, der sowohl künstlerische als auch "populäre" Ambitionen hat. Wenn er nun die Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber dem Menschen tief empfindet, sie aber dennoch für angeboren hält, so schwankt er womöglich beständig hin und her. Auf der einen Seite bemüht er sich mit gequälter Heiterkeit, Gewalt als "Würze" des Lebens aufzufassen. Auf der anderen Seite erfüllt ihn tiefe Feindseligkeit und nackte Abscheu gegenüber dem niederträchtigen Menschengeschlecht. Beide Stimmungen scheinen in Gangs of New York präsent zu sein, wobei letztere eindeutig dominiert.

Genauso verfehlt ist die Auffassung, die einige Bewunderer des Films vorbringen: dass Scorseses Werk die Entstehung des modernen Amerikas richtig wiedergebe. Scott schreibt in der New York Times " Es ist nicht die übliche triumphale Story von moralischem Fortschritt und Aufklärung, sondern vielmehr eine blutrünstige Rachegeschichte, in der die moderne Welt in Gestalt von Soldaten entsteht, die in die Menge feuern... Wie die alte Ordnung, so wird auch die neue heimgesucht von Klassenressentiments, Rassismus und politischer Heuchelei. Eigenschaften, die ihre Form in jedem Stadium der Geschichte verändern, aber dem menschlichen Wesen ebenso immanent zu sein scheinen wie die Fähigkeit zu Bescheidenheit, Solidarität und Mut." Edelstein attestiert dem Film in Slate, dass er "elementare Geschichten von Liebe und Rache mischt mit einer Vision größerer historischer Kräfte, die die kapitalistische Welt geformt haben, die wir heute kennen." Roger Ebert in der Chicago Sun-Times beobachtet, dass "es aufschlussreich ist, daran erinnert zu werden, dass das moderne Amerika nicht in ruhigen Räumen von großen Männern in Perücken geschmiedet wurde, sondern auf den Straßen in den Kämpfen zwischen Immigrantengruppen in einem blutigen Darwinschen Überlebenskampf."

Die Auffassung, dass die amerikanische Gesellschaft aus grundloser Gewalt und Elend "auf den Straßen" entstand, ist eine reaktionäre, den kritischen Verstand beleidigende Verdrehung der Geschichte. In Wirklichkeit erlebten die USA das, was heute als ihre Renaissance bezeichnet wird, zwischen 1840 und 1850, als Persönlichkeiten wie Hawthorne, Poe, Melville, Emerson, Thoreau, Longfellow, Dickinson, Whitman und Stowe ihre einflussreichsten Werke schrieben. Obwohl viele dieser Autoren zu ihrer Zeit keinen Erfolg hatten (oder sogar wie Dickinson ihre Werke gar nicht veröffentlichen konnten), beweist diese Liste das damalige hohe Niveau von Kultur und Bildung. In dieser bemerkenswerten Kultur, die von dem Denken der Aufklärung, der deutschen Philosophie und dem utopischen Sozialismus inspiriert war, wurden viele der ideologischen Grundlagen für den Kampf der Unionisten im Bürgerkrieg, der zweiten amerikanischen Revolution, gelegt.

Die amerikanische Gesellschaft war in den Jahren vorrevolutionären 1850er Jahren sehr empfänglich für fortschrittliches Denken. Wie James McPherson in For Cause and Comrades bemerkt, lebten "die Soldaten des Bürgerkriegs in dem politisch und demokratisch am weitesten fortgeschrittenen Land in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie waren aufgewachsen in den 1850er Jahren, als in der politischen Gesellschaft Amerikas Debatten über Widerstand und Ideologien Hochkonjunktur hatten. Die Mehrheit von ihnen hatte an den Wahlen von 1860 teilgenommen, den hitzigsten und folgenschwersten Wahlen der amerikanischen Geschichte. Als sie sich zum Militär meldeten, taten viele dies aus patriotischen und ideologischen Gründen - kurz, sie wollten so schießen, wie sie abgestimmt hatten."

Wenn darüber hinaus das Geschwätz von "Klassenressentiments" und "größeren historischen Kräften, die die kapitalistische Welt geformt haben, die wir heute kennen", auf Gangs of New York angewendet wird, so klingt das vielleicht "links", führt aber vollkommen zu Verwirrung und in die Irre. Diese stillschweigende Unterstützung von Scorseses Faszination für Verderbtheit und Schmutz ist eng verbunden mit der heute in bestimmten Kreisen so verbreiteten Auffassung, dass "radikal" zu sein bedeutet, den schwärzesten Begriff von Menschheit und Gesellschaft zu haben und dem menschlichen Wesen unter allen historischen Umständen die schlimmst möglichen Motive zu unterstellen. Manchmal heißt es, damit würden "die dunklen Seiten" oder "der Untergrund" des amerikanischen Lebens erforscht, "schonungslos" und "entgegen der Schulmeinung". In Wirklichkeit ist es nichts von alledem.

In Wirklichkeit beinhaltet diese Ansicht die Auffassung, dass die Selbstsucht, die Gier und der Rassismus der Menschheit als ganzer (einschließlich ihrer leidenden Teile), zuzurechnen seien und dass nicht die kapitalistischen sozioökonomischen Verhältnisse den gegenwärtigen Zustand verursacht haben. Es ist die Auffassung, dass die Menschen in ihrem Wesen nichts wert seien und man daher auch nicht verpflichtet sei, gegen die gegenwärtigen Verhältnisse zu kämpfen, weil diese schließlich im menschlichen Wesen selbst begründet seien. Diese zynische Haltung ist bekannt dafür, dass sie die Schweinereien von heute mit den Schweinereien von gestern rechtfertigt.

Die diversen Kritiker haben, teilweise dank Scorseses schiefer Betrachtung der Geschichte, die Ereignisse auf den Kopf gestellt. Die Unruhen gegen die Einberufung haben nicht die moderne Zeit eingeleitet oder symbolisieren deren Geburt. Eher verkörpern sie alles, was rückständig und selbstsüchtig in der Gesellschaft war, was von der Demokratischen Partei ermutigt und sanktioniert wurde (deren Verbindung mit der amerikanischen Arbeiterklasse seit jeher tragische und katastrophale Folgen hatte).

In Wirklichkeit wurde die moderne Zeit in den USA durch einen sozialrevolutionären Kampf, den Bürgerkrieg, eingeleitet, einen gewaltigen Kampf für Gleichheit und Demokratie. Dass dieser Kampf und sein Ergebnis niemals über die Grenzen der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse hinausging, war historisch unvermeidlich, aber der Befreiungskampf war ein Element in der revolutionären Kontinuität, die die Pariser Commune von 1871 und die russischen Revolutionen von 1905 und 1917 einschließt, all die Kämpfe, welche die Arbeiterklasse bewusst gegen die Bourgeoisie geführt hat. Nach der Befreiung der Sklaven und der Vernichtung der Sklaverei bemerkte Marx, niemals habe eine so gigantische Umwälzung derart rasch stattgefunden.

Ein Sieg der Unionisten über die Konföderierten wäre viel schwieriger, ja, geradezu undenkbar gewesen, wenn man Scorseses Argumentation folgen würde: dass der Krieg vollkommen unpopulär gewesen sei und die Bevölkerung in den Nordstaaten der Beendigung der Sklaverei weitgehend desinteressiert oder feindlich gegenüber gestanden hätte. Die Weitsichtigeren unter den Angehörigen der Unionstruppen (und in der Bevölkerung der Nordstaaten überhaupt) waren sich in unterschiedlichem Grade bewusst, dass die Abschaffung der Sklaverei der Sache des menschlichen Fortschritts insgesamt diente, und waren bereit, alles dafür zu geben. Wie sonst könnte man erklären, dass 80 Prozent der Unionssoldaten nach der Proklamation der Sklavenbefreiung in den Wahlen von 1864 für Lincoln stimmten - nach vier Jahren blutiger Auseinandersetzungen, in denen die Militärführung des Nordens ein hohes Maß an Fehlern, Inkompetenz und offenem Verrat an den Tag gelegt hatte. Die Vorstellung, dass Ideen erheblich dazu beigetragen haben, die Armee der Union in die Lage zu versetzen, die Widrigkeiten zu überwinden und durchzuhalten, ist Scorsese und der Mehrheit der Kritiker vollkommen fremd.

In der allgemeinen Lobpreisung von Gangs of New York sind verschiedene Elemente enthalten. Intellektuelle Korruption spielt eine Rolle dabei, denn die Beziehung zwischen Filmstudios und gewissen Medien wird immer intimer. Es mag zur Zeit für einen bedeutenden New Yorker Filmkritiker geradezu unmöglich sein, zu erklären, dass ein Werk von Scorsese, das von Harvey Weinstein und Miramax mit einem Budget von 115 Millionen Dollar produziert wurde, misslungen sei. Da steht für alle Beteiligten zu viel auf dem Spiel.

Auch Wunschdenken kann im Spiel sein. Anzuerkennen, dass Scorsese - dessen Filmpremiere eines der Großereignisse in der amerikanischen Filmindustrie des letzten Jahres war - kein Meisterregisseur ist, dass sein eigenes Werk seit den siebziger Jahren einen Niedergang erlebt hat, würde bedeuten, eine kulturelle Krise zuzugeben, über deren Implikationen die Kritiker nicht nachzudenken wagen.

Andere wieder feiern Scorseses Werk, weil es ihrer eigenen ichbezogenen und modisch verächtlichen Sicht auf die Menschheit und die amerikanische Bevölkerung insbesondere entspricht. Der Schmutz, den sie wahrnehmen, befindet sich jedoch nicht in den Straßen der Stadtviertel, sondern in ihrem eigenen Spiegelbild.

Auf jeden Fall drücken sowohl der Film als auch seine Rezeption durch die Kritik ein Ausmaß an sozialer und intellektueller Desorientierung aus, das nicht unbemerkt und unbeantwortet bleiben sollte. Andere Stimmen und Auffassungen werden sich, davon sind wir überzeugt, unter den Bedingungen der heranreifenden sozialen Krise zu Wort melden.

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