London

Massive Ablehnung von Blairs Unterstützung für Krieg

Von Julie Hyland
18. Februar 2003

Nahezu zwei Millionen Menschen beteiligten sich in London an der Protestdemonstration gegen den Irakkrieg. Es waren derart viele, dass ihre genaue Zahl schwierig zu ermitteln war; jedenfalls erstreckte sich die Demonstration auf die gesamte britische Hauptstadt - vom Hyde Park vorbei am Buckingham Palace bis zu den Houses of Parliament und darüber hinaus.

Mehr als eine Woche lang hatten die Medien und das politische Establishment über die Größe der bevorstehenden Demonstration spekuliert. Eine halbe Million Teilnehmer galt als großer Erfolg, denn schon dann wäre es die größte politische Protestaktion in der Geschichte Großbritanniens gewesen. Am Ende wurden es weitaus mehr, es war einfach die größte Demonstration, die es im Vereinigten Königreich jemals gegeben hat.

Einige Teilnehmer brauchten mehr als fünf Stunden, bis sie sich die dreieinhalb Meilen lange Demonstrationsstrecke entlang gedrängt hatten, und lange, nachdem die offizielle Kundgebung um 17 Uhr 30 beendet war, drängten immer noch weitere Menschen herbei. Luftaufnahmen zeigen einen brechend vollen Hyde Park, doch selbst diese Bilder täuschen noch, denn die Menschen waren ständig in Bewegung - einige gingen nach ein, zwei Reden wieder, andere drängten nach.

Praktisch jede Stadt schien vertreten zu sein. In den letzten Tagen vor der Demonstration hatte sich die Anzahl der Busse noch einmal vervielfacht, so dass über lokale Radiosender Aufrufe an Busunternehmen und Einzelpersonen verbreitet wurden, zusätzliche Transportmöglichkeiten nach London zur Verfügung zu stehen. Auch Züge wurden gemietet.

Noch vor dem offiziellen Abmarsch, der für 12 Uhr 30 geplant war, bewegten sich bereits Tausende der Demonstrationsstrecke entlang. Es war die wohl vielfältigste Demonstration, die es in Großbritannien je gegeben hat - alle Hautfarben waren vertreten, jede Generation, jeder Dialekt, unzählige Nationalitäten und die unterschiedlichsten sozialen Gruppen. Man sah Feuerwehrleute in Uniform, die erst kürzlich ihren Streik für höhere Löhne unterbrochen hatten, Rentner, Lehrer, Angehörige von Pflegeberufen, Anwälte, Künstler, Hausfrauen. Es war ein Mikrokosmos der britischen Gesellschaft.

Ein beträchtlicher Teil der Demonstrierenden nahm zum aller ersten Mal an einer solchen Aktion Teil. Auffallend viele junge Leute waren gekommen - Teenager, Studenten und junge Arbeiter, unter ihnen zahlreiche Frauen. Es waren nicht die "radikalen" Jugendlichen, die man üblicherweise auf Demonstrationen antrifft, sondern Jugendliche, die durch die aktuellen Ereignisse politisch radikalisiert werden.

Die Atmosphäre war ausgesprochen friedfertig, aber keineswegs von Oberflächlichkeit geprägt. Immer wieder hörte man Teilnehmer sagen, sie hätten sich verpflichtet gefühlt zu kommen, sie hätten den Eindruck, dass etwas historisch Bedeutsames im Gange sei, dass die Welt in irgendeiner Weise, die sie nicht präzise benennen konnten, neu gestaltet werden solle.

Niemand schenkte den Behauptungen der USA und Großbritanniens Glauben, es gehe um irakische "Massenvernichtungswaffen" - zu offensichtlich dreht sich dieser Krieg um Öl und darüber hinaus um Macht über die ganze Welt. Daher entsprach die allgemeine Stimmung auch nicht den Ausführungen der meisten Kundgebungsredner, die erkennen ließen, dass sie einen Krieg gegen den Irak unterstützen würden, wenn ihm die Vereinten Nationen zustimmen. Die Masse der Beteiligten dagegen war entsetzt über den bevorstehenden Angriff auf ein verarmtes und wehrloses Land. In diese Ablehnung mischten sich unklare weitere Gefühle - aufkeimende, klassenbedingte Ablehnung und Misstrauen gegen eine herrschende Elite, die in Sachen Irak ihre Gleichgültigkeit und ihre Verachtung für den demokratischen Willen der arbeitenden Bevölkerung zur Schau stellte.

"Uns übergehen sie immer", hieß es über die herrschenden Mächte, doch dieses Mal hätten sie es zu weit getrieben. Die Kriegsvorbereitungen gegen den Irak stehen in so krassem Gegensatz zur öffentlichen Meinung, und die Haltung der Regierung ist derart offen undemokratisch, dass man sie nicht länger durchgehen lassen wollte. Es war an der Zeit, einzuschreiten und zu sagen: "Bis hierher und nicht weiter."

Das war keine bloße Demonstration, sondern der - wenn auch verworrene - Anfang einer sozialen Bewegung. Die Menschen wollten an etwas teilnehmen, das größer war als sie selbst - um positive Veränderungen zu bewirken. Obwohl ein Bündnis namens "Stop the War Coalition" - eine Dachorganisation, in der bürgerliche Politiker, religiöse Gruppen, radikale Aktivisten und viele Einzelpersonen vertreten sind - die Demonstration organisiert hatte, war die Bewegung, die hier zusammenkam, weitgehend spontan entstanden. Das zeigte sich in den zahlreichen selbstgemachten Transparenten mit Aufschriften wie: "Nicht in meinem Namen, Pudel", "Regimewechsel beginnt zuhause", "Wer bewaffnete Saddam? - Wer bildete bin Laden aus?", und "Es gibt keine Beweise für einen Zusammenhang zwischen Blair und der britischen Bevölkerung".

Man sah relativ wenige Transparente von politischen Organisationen, von Gewerkschaften oder anderen Gruppen. Das überraschte nicht, denn praktisch das gesamte britische Establishment unterstützt Blairs Politik. Und da Labour jetzt die Partei des imperialistischen Raubzugs ist, beschränkte sich ihre Gegenwart auf eine Handvoll etwas verloren wirkender Transparente einiger Ortsverbände.

Premierminister Blair hatte sich ungewollt zum Hauptwerber für die Demonstration gemacht. Sein arrogantes Beharren darauf, dass er die Kriegsvorbereitungen auch ohne jede Unterstützung der Bevölkerung fortsetzen werde, brachte Hunderttausende auf die Beine. Viele fühlten sich auch bestärkt durch das Wissen, dass London nur ein Demonstrationsort unter vielen auf der ganzen Welt war, so dass sie sich sicher sein konnten, eben keine Minderheit zu sein, wie die Regierung ihnen ständig einzureden versuchte.

Als Redner traten auf: der Führer der Liberalen Demokraten Charles Kennedy, der Prediger Jesse Jackson, die ehemalige Labour-Ministerin Mo Mowlem und der ehemalige Labour-Abgeordnete Tony Benn, der frühere algerische Präsident Ahmed Ben Bella und diverse Gewerkschaftsführer. Ihre Linie bestand im Wesentlichen darin, die Vereinten Nationen zu unterstützen und die europäischen Mächte, insbesondere Deutschland und Frankreich, als Bollwerk gegen eine Aggression von Seiten der USA darzustellen. Sie erklärten ihre Bereitschaft, unter bestimmten Bedingungen einen Krieg zu unterstützen.

Verschiedene radikale Organisationen sahen sich bemüßigt, den offiziellen Rednern für diese Politik einen Deckmantel zu verleihen. Vertreter der Socialist Workers Party, wie Lyndsey Germain, und "linke" Gewerkschaftsführer wie Bob Crow zogen demagogisch gegen Blair und die offizielle Politik vom Leder, hatten aber keine Vorschläge, wie der Premierminister effektiv angegriffen werden könnte. Sie beschränkten sich darauf, die Gewerkschaften als Mittel der Veränderung anzupreisen und versprachen, sich dafür einzusetzen, dass die Konferenz des britischen Gewerkschaftsbunds TUC erneut einberufen werden sollte, um über den Krieg zu diskutieren. Sie würden sich dann sogar dafür stark machen, die Zahlung der traditionellen Gewerkschaftsbeiträge für die Labour Party einzustellen. Die Gewerkschaften könnten Blair stürzen, behaupteten sie, wenn er seinen Kurs nicht ändere - was nur hohle Sprüche waren, denn sie selbst riefen nicht dazu auf, Blair von der Führung der Labour Party abzusetzen.

Die World Socialist Web Site und die Socialist Equality Party waren bei der Auftakt- und bei der Abschlusskundgebung mit Informationsständen vertreten. Der Aufruf der WSWS war eines der wenigen Flugblätter, die auf der Demonstration verteilt wurden, und fand reißenden Absatz. Die Demonstrationsteilnehmer suchten nach einer politischen Analyse, und viele kannten die World Socialist Web Site und äußerten Zustimmung zu ihren täglichen Berichten.

Unsere Reporter sprachen u.a. mit Annette, einer Hausfrau aus Hitchin, die mit drei ihrer fünf Kinder gekommen war.

"Ich hatte immer gedacht, ich könnte etwas ausrichten und bessere Zustände auf der Welt schaffen, indem ich meine Kinder zu frei denkenden, guten Menschen erziehe", sagte sie. "Ich wollte ein Beispiel setzen, indem wir biologische Nahrungsmittel verwenden, auf die Umwelt Rücksicht nehmen und dergleichen mehr. Ich fühlte mich sicher - alles würde gut werden. Aber nichts ist gut. Das System ist krank.

Jetzt habe ich den Eindruck, dass ich von brutalen politischen und ökonomischen Kräften umgeben bin, die es unmöglich machen, die bessere Seite des menschlichen Geistes zur Entfaltung zu bringen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich etwas Radikaleres unternehmen muss.

Wir werden nicht gefragt, ob wir diesen Krieg wollen. Es ist eine Verhöhnung der Demokratie. Für mich verkörpern Bush und Blair den Tod der Demokratie. Wir leben in einem System, in dem das Geld regiert, nicht die Bedürfnisse der Menschen. Etwas hat die Menschen jetzt ergriffen. Sie haben genug von Lügen und Heuchelei. Sie haben den Eindruck, dass ihnen das Recht auf Entscheidungen genommen wurde. Sie wollen etwas haben, woran sie glauben können - um die Welt zu verbessern.

Meiner Ansicht nach kämpfen wir nicht nur gegen Blair oder Bush. Sie sind nur die Spitze des Eisbergs: der Entfaltung des Imperialismus, die sich über Jahrzehnte hinweg angebahnt hat. Ich möchte für eine Welt kämpfen, in der andere Prioritäten gelten als im kapitalistischen System, und ich werde mich mit sozialistischen Ideen beschäftigen, weil ich eine Bewegung brauche."

(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - März/April 2003 enthalten.)

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