Drei Millionen in Rom auf der Straße

Von Marianne Arens und Peter Schwarz
18. Februar 2003

Es war eine der größten Demonstrationen, die Italien je erlebt hat, und nach Schätzung der Organisatoren überfluteten mehr als drei Millionen Menschen am Samstag die Straßen der historischen Stadt. Die Polizei wollte keine Zahlen nennen, da es unmöglich sei, die enormen Massen, die weite Teile Roms lahm legten, auch nur annähernd richtig einzuschätzen.

Für einen Einzelnen war es nicht möglich, das ganze Ausmaß der Demonstration oder auch nur einen großen Teil von ihr zu überblicken. Obwohl der Start offiziell auf 14 Uhr festgelegt war, wimmelten die Straßen schon um zehn Uhr morgens, als wir zum Startpunkt der Kundgebung am Ostia-Bahnhof kamen, von Menschen mit regenbogenfarbenen "Pace"-Fahnen. Um elf setzte sich die Spitze der Demonstration in Bewegung, und es wurde vier Uhr nachmittags, bis sich die letzten Demonstrierenden auf den 15 Kilometer langen Weg machten, der am historischen Forum Romanum und am Bahnhof Termini vorbei bis zum Platz San Giovanni in Laterano führte.

Später konnte man nicht einmal sicher sagen, durch welche Straßen die Demonstration führte, denn die Menschenströme ergossen sich von der Abschlusskundgebung her in alle Richtungen.

Wie auf italienischen Demonstrationen üblich, marschierten die meisten Teilnehmer unter ihren Organisationstransparenten, auf denen Namen und Herkunft ihrer politischen Partei, Gewerkschaft, Vereinigung, Gruppe oder Arbeitsstelle standen. Auch in dieser Hinsicht war die Vielfalt ohne Grenzen, ohne dass eine einzelne Organisation unter den anderen besonders ins Auge gefallen wäre.

Da waren die herkömmlichen Gewerkschaften, besonders die CGIL, früher der kommunistischen Partei nahestehend, sowie die Basisgewerkschaften COBAS, politische Parteien wie Rifondazione Comunista und, schwächer vertreten, die Linken Demokraten (DS). Man sah Margherita und den Olivenbaum, auch Globalisierungsgegner wie das Europäische Sozialforum (das zu dieser Demonstration aufgerufen hatte) und Attac, außerdem zahllose Tendenzen und Parteien, Umweltbewegungen und kulturelle Organisationen, auch marschierten ganze Kommunalverwaltungen und Pfarrgemeinden der katholischen Kirche mit.

Der Hauptslogan lautete: "No alla guerra, senza se senza ma" (Nein zum Krieg ohne Wenn und Aber) und sollte die Ablehnung eines Kriegs sowohl mit als auch ohne UNO-Mandat ausdrücken. Die gemäßigteren Parteien, besonders die DS, aber auch die CGIL, waren schnell bei der Hand mit dem Zusatz: "No al terrorismo" (Nein zum Terrorismus), und ihre Führer forderten die Entwaffnung des Irak.

Aber die meisten Demonstrationsteilnehmer sahen die Gefahr nicht im Irak, sondern in der amerikanischen Bush-Regierung. Eine am Freitag veröffentlichte Umfrage kam zum Schluss, dass 73 Prozent aller Italiener einen Krieg gegen den Irak auch mit UN-Mandat ablehnen, und ohne UN-Mandat sogar 85 Prozent.

Die ganze Demonstration war von überwältigender Ablehnung eines Krieges und der Forderung nach Frieden geprägt. Darüber hinaus war nur wenig an politischer Orientierung zu finden. Auf der Abschlusskundgebung waren keine Vertreter politischer Parteien als Sprecher zugelassen. Stattdessen sprachen Menschen, die verschiedene Kriege erlebt hatten, sowie Vertreter unterdrückter Nationalitäten, Immigrantengruppen und unterschiedlicher Religionen, von einem Musikprogramm eingerahmt. Eine Moderatorin, die durch das Programm führte, betonte die allgemeine Bedeutung von Frieden, ohne eine besondere Analyse oder Erklärung der Gründe zu liefern, die zum Krieg gegen den Irak führten.

Es sprach ein Rabbi aus Amerika, der betonte, dass der Widerstand gegen die Bush-Regierung auch in den USA selbst anwachse. Er sagte, alle religiösen Führer müssten zusammenarbeiten, um Bushs Kriegspläne zu stoppen, und erklärte seine Unterstützung für den französisch-deutschen Plan verstärkter Waffeninspektionen im Irak. Nach ihm sprach ein Vertreter der islamischen Gemeinde in Italien, der seine Solidarität mit dem amerikanischen Volk erklärte und sagte, die Völker aller Länder müssten für den Frieden zusammenarbeiten.

Eine kurdische Frau beschrieb die entsetzlichen Bedingungen unter dem Bürgerkrieg in Türkisch-Anatolien und pries "unsern Präsidenten Öcalan". Ein Immigrant aus dem Senegal schilderte die wachsende Unterdrückung von Ausländern in Italien. Ein Schauspieler las den Bericht eines zwölfjährigen Kindersoldaten aus Afrika vor.

Unter großem Jubel wurde eine Liste aller Länder mit Antikriegskundgebungen verlesen. "Das", so die Moderatorin, "ist Globalisierung, wie wir sie lieben". Außerdem begrüßte sie zwei politische Veteranen unter den Teilnehmern, Oscar Luigi Scalfaro (einen Christdemokraten und früheren Präsidenten) und Pietro Ingrao, die beide an der Ausarbeitung der italienischen Verfassung beteiligt waren. Sie lobte diese "wundervolle Gesetzessammlung", die im Artikel elf den Krieg verurteilt.

Der Versuch, Politik von der Kundgebung fernzuhalten, ging soweit, dass sogar der Name von Premier Silvio Berlusconi, Bushs zuverlässigem Verbündeten, kaum je von den Sprechern erwähnt wurde. Dies entsprach zum Teil dem Wunsch der Organisatoren nach Einheit der Demonstration, aber es gab es auch unmittelbare taktische Motive dafür. Wie Manuele, einer der Organisatoren, uns bei unserem Besuch des Hauptquartiers am Vortag erklärte, hofft man, dass ein Teil des rechten Regierungslagers in der parlamentarischen Debatte kommende Woche den Krieg ablehnen werde.

Auf der Demonstration selbst gab es wenig Handzettel mit politischer Ausrichtung. So fand denn die WSWS -Erklärung, "Vor welchen Aufgaben steht die Bewegung gegen den Krieg?", die auf Italienisch verteilt wurde, reißenden Absatz und lebhafte Zustimmung.

Danilo, Maurizio, Francesco und Gianluca, vier Jugendliche um die Zwanzig aus Cosenza im süditalienischen Kalabrien, die sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen, sagten, sie betrachteten den Kampf gegen Krieg als eine politische Aufgabe. "Um den Krieg zu beenden, müsste man alle loswerden: Bush, Berlusconi und die ganzen Staatsoberhäupter", sagten sie. "Sie kennen alle nur ihre eigenen Interessen - das Geld und die Macht, darum dreht sich alles. Man muss alles von Grund auf ändern."

Sie kritisierten besonders die Heuchelei des Papstes, der sich gegen den Krieg im Irak ausgesprochen hat. "Am meisten ärgert es uns, dass hier die Kirche so pazifistisch auftritt", sagten sie. "Die katholische Kirche, der Papst, der Vatikan sind doch in Wirklichkeit an jedem Krieg beteiligt. Wenn sie jedem einzelnen sein Christentum als Privatsache überlassen würden, könnte man es noch akzeptieren. Aber nein: sie mischen sich in alles ein."

Sie schilderten die harten Lebensbedingungen in Kalabrien: "Bei uns in Kalabrien, in der Gegend von Cosenza, da herrscht verbrannte Erde. Bei uns fehlt es an allem. Vor allem gibt es keine vernünftigen Arbeitsplätze. Da investieren keine Unternehmer, und die Regierung macht nur leere Versprechungen. Wir haben noch nie erlebt, dass sie erfüllt wurden. Und dabei wäre so viel zu tun, zum Beispiel, was öffentliche Einrichtungen betrifft.

Besonders schlimm ist es für die Jugend. Es gibt nichts Richtiges, was man nach der Schule anfangen kann. Viele in unserm Alter verfallen in Depressionen, oder sie wandern aus. Und wegen der kleinsten Vergehen wird man ins Gefängnis geworfen."

Carlo, ein älterer Angestellter und Mitglied der COBAS aus Varese im Norden, unterstützte unsern Vorschlag, eine neue, internationale Arbeiterpartei aufzubauen: "Das ist hier in Italien überhaupt das Hauptproblem, das fehlt am meisten. Es gibt in Wirklichkeit keine ernsthafte Opposition gegen Berlusconi."

Auf die Frage, was er über die Opposition der französischen und deutschen Regierung denke, sagte er: "Die Haltung von Frankreich ist nicht so neu: De Gaulle ist vor Jahren schon einmal aus der NATO ausgetreten. War er deshalb Pazifist? Frankreich hatte bloß andere Interessen als die USA."

Fast alle Menschen, mit denen unser Team sprach, machten einen klaren Unterschied zwischen der US-Regierung und der amerikanischen Bevölkerung. "Die Arbeiter und Soldaten in Amerika müssen diesen Krieg letztlich ausbaden," sagten Rossella und Roberta, die in Sizilien als Telefonistin und Fotografin arbeiten. "Wir glauben nicht, dass sie alle dafür sind. Es ist gut, wie ihr sagt, alle Arbeiter international zu vereinen."

Ali Fateh, ein Iraker, der seit 25 Jahren in Italien lebt, erklärte die Ursachen für Bushs Kriegstreiben mit folgenden Worten: "Es scheint mir kühle Berechnung zu sein. Bush hat damals in seinem Wahlkampf zu viel versprochen. Seither hat er es nie geschafft, seine Versprechen einzulösen. Im Gegenteil. Er hat zum Beispiel Steuersenkungen versprochen, aber die Wirtschaft läuft schlecht, an der Börse geht's abwärts. Dann kam dieser Enron-Skandal hinzu, in den sogar hochrangige Repräsentanten seiner eigenen Regierung, wie z.B. Cheney, verwickelt waren. Außerdem steigt die Arbeitslosigkeit.

Da ist es der einfachste Ausweg, ein Problem zu erfinden, wie jetzt diesen ‚Kampf gegen Terrorismus', den es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Ich glaube, Bin Laden hat Bush einen großen Gefallen getan. Ohne den Angriff auf die Zwillingstürme weiß ich nicht, ob Bush so weit hätte gehen können."

Auf die Frage nach der von den USA unterstützten, "demokratischen" irakischen Opposition sagte Fateh, der früher der irakischen Kommunistischen Partei angehört hatte und ein Gegner Saddam Husseins ist: "Diese Opposition hat keinen Einfluss im Irak selbst. Sie verfügt über keine aktive Basis. Es gibt sie nur im Ausland, deshalb ist es eine schwache Opposition, die wenig ausrichten kann."

(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - März/April 2003 enthalten.)

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