Trotz polizeilichem Verbot

Riesige Antikriegsdemonstration auf den Straßen von New York

Von Bill Vann
18. Februar 2003

Hunderttausende versammelten sich am 15. Februar in der East Side von Manhattan. Viele konnten den Kundgebungsplatz nicht erreichen und hielten daher spontane Protestzüge ab, die den Verkehr in weiten Teilen der Stadt lahm legten.

Die Organisatoren bezifferten die Anzahl der Teilnehmer mit mehr als 400.000. Die dichte Menge erstreckte sich mehr als 1,5 km die First Avenue entlang, so dass die meisten Beteiligten die Redner weder sehen noch hören konnten. Wenn man alle hinzu zählt, die den Kundgebungsplatz nicht erreichten, dann waren insgesamt bestimmt mehr als eine halbe Million Menschen auf der Straße.

Die Polizei hatte den Organisatoren verwehrt, am Sitz der Vereinten Nationen vorbei zu marschieren, und sperrte den gesamten Bereich entlang der First Avenue mit Barrikaden aus Stahl ab. Anschließend verbarrikadierte sie auch noch die Zugangsstraßen, so dass die Menschen, die sich dem Demonstrationszug anschließen wollten, immer größere Umwege nehmen mussten.

Die New Yorker Polizei war auf die Größe der Demonstration nicht vorbereitet. Tausende Menschen ergossen sich in die umliegenden Straßen im Stadtzentrum und brachten schließlich die gesamte Insel Manhattan zum Stillstand. Die Behörden sahen sich gezwungen, die Brücke der 59. Straße zu sperren, die eine Hauptverkehrsader nach Queens und Long Island darstellt.

Mehr als 200 Demonstrationsteilnehmer wurden bei Zusammenstößen mit der Polizei verletzt, die in voller Kampfmontur antrat. Auch berittene Einheiten wurden angefordert. In der Third Avenue trafen Menschen, die aus der U-Bahn-Station kamen, mit anderen zusammen, die von der Polizei zurückgedrängt wurden, bis Tausende die ganze Gegend blockierten. Die Demonstrationsteilnehmer warfen schließlich einen mit Polizeibarrikaden beladenen Bus um, erstiegen ihn und stellten sich mit Transparenten darauf, bis die Polizei sie mit Schlagstöcken herunter trieb.

Die Polizei und die Stadtregierung unter Bürgermeister Michael Bloomberg (Milliardär und Republikaner) beriefen sich auf Sicherheitserwägungen, um das Verbot der beantragten Demonstrationsroute zu begründen, doch das Endergebnis dieser undemokratischen Verordnung war das blanke Chaos in den Straßen von New York und eine ausgesprochen rebellische Stimmung unter den zahlreichen Studenten und anderen Teilnehmern, die sich gegen die Polizei durchsetzen wollten. Ohne das Verbot wäre es wohl nur zu wenigen Verhaftungen gekommen.

Auch eine Gruppe Angehörige von Opfern des Terroranschlags am 11. September 2001 hatte sich der Demonstration angeschlossen, unter ihnen Catherine Montano. Ihr Sohn Craig hatte sich im 48. Stockwerk des World Trade Center befunden, als das Passagierflugzeug einschlug.

"Ich musste einfach hierher kommen", sagte sie. "Es darf in unserem heutigen Zeitalter keine Kriege mehr geben; sie werden nur zu immer mehr Toten führen, und noch mehr Mütter werden ihre Söhne verlieren. Wenn mein Sohn noch am Leben wäre, dann wäre er auch hier. Sie dürfen diesen Krieg also nicht in seinem Namen führen."

Valerie Lucznikowska verlor bei dem Anschlag ihren Neffen Adam Arias, der für die Firma Eurobrokers in den Zwillingstürmen gearbeitet hatte. "Wir sind der Meinung, dass niemand so leiden sollte, wie wir gelitten haben, und dass unser Leiden nicht ausgenutzt werden darf, um einen ungerechten Krieg zu begründen", sagte sie. "Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem 11. September und einem Krieg gegen den Irak. Die meisten Passagiere in diesen Flugzeugen waren aus Saudi Arabien. Ihre Regierung weigert sich, an einer Untersuchung der Anschläge teilzunehmen, und unsere Regierung möchte keine genaue Untersuchung. Meiner Meinung nach wissen wir bis heute nicht, was an jenem Tag wirklich passiert ist."

Jamie, ein Veteran des Vietnamkriegs, war in seiner alten Uniform des Marine Corps zur Demonstration gekommen. "Die einzige Lehre aus Vietnam ist, dass man sich für Frieden, Akzeptanz und Zusammenarbeit einsetzen muss", sagte er. Er war ungehalten darüber, dass Bush und weitere Angehörige des Verteidigungsministeriums, die besonders lautstark für einen Krieg gegen den Irak trommeln, sich selbst vor dem Militärdienst in Vietnam in Sicherheit gebracht hatten.

"Wenn man im Krieg gewesen und den Tod gesehen hat, dann will man für den Frieden kämpfen", sagte er. "Wir nennen sie ‚feige Falken', weil sie damals, als sie zum Militär mussten, zu feige waren, aber jetzt wollen sie anderer Leute Kinder in den Kampf und in den Tod schicken."

Jamie, der selbst in Vietnam verwundet worden war, warnte vor den katastrophalen Folgen eines Irakkrieges für eine ganze Generation Amerikaner. "So kam es in Vietnam", sagte er. "Im letzten Golfkrieg fielen nur wenige, aber unzählige haben bleibende gesundheitliche Schäden davongetragen. Und dabei sind die emotionalen und psychologischen Folgeschäden noch gar nicht eingerechnet."

Joe, 40, aus Queens, schloss sich der Demonstration an: "Ich bin gekommen, weil zu befürchten ist, dass Tausende Unschuldige für falsche Ziele sterben", sagte er. "Das wirkliche Ziel ist die Kontrolle über das Öl, und das ist ein geopolitisches Mittel, um die ganze Welt zu beherrschen."

Carranza, Mitglied der lokalen Elektrikergewerkschaft, äußerte sich skeptisch, ob die massive Beteiligung an der Demonstration die Bush-Regierung in ihrer Politik beeinflussen werde. "Wir haben hier keine Demokratie", sagte er. "Sowohl die Innen- als auch die Außenpolitik werden stark von militärisch eingestellten Leuten beeinflusst, die unsere Regierung in der Tasche haben und die nationalen Medien manipulieren. Die Innenpolitik - z. B. Steuergeschenke an die Reichen, während die arbeitende Bevölkerung kaum über die Runden kommt - bringt die einfachen Amerikaner ziemlich in Rage.

Die USA werden Bagdad - eine moderne Stadt wie New York - bombardieren und dabei Tausende Zivilisten töten", sagte Bob, ein Arbeiter der Wasserwerke, der aus Boston zu der Demonstration gekommen war. "Das ist ein unglaublicher Terror, den sie dann Kollateralschaden nennen werden. Und das, nachdem sie dem irakischen Volk schon Nahrungsmittel und Medikamente verweigert haben.

In Amerika haben die Leute keine Arbeit", fuhr er fort. "Jedes Mal, wenn ich in die Zeitung schaue, baut wieder irgendein Unternehmen 20.000 oder 30.000 Stellen ab. Mütter mit zwei oder drei Kindern müssen erleben, wie nach zwei Jahren ihre Sozialhilfe ausläuft und sie ohne Einkommen auf der Straße landen. Das muss aufhören."

Die offiziellen Kundgebungsredner hatten keine Perspektive zu bieten, wie der Kampf gegen den Krieg weiter geführt werden könnte. Die meisten bemühten sich, Illusionen in die Demokratische Partei und in die Vereinten Nationen zu verbreiten.

Einer der Hauptredner war Erzbischof Desmond Tutu aus Südafrika, der erklärte, dass Demonstrationen den Krieg beenden könnten, weil sie schließlich auch den Kommunismus beendet hätten. Tutu, der den Friedensnobelpreis erhielt, weil er der schwarzen Mehrheit Südafrikas Gewaltverzicht im Kampf gegen das Apartheid-Regime gepredigt hatte, erklärte nun, ein "gerechter Krieg" gegen den Irak müsse vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sanktioniert werden, denn allein diesem gebühre die "legitime Autorität".

Mehrere Kongressabgeordnete von der Demokratischen Partei - Dennis Kucinich aus Ohio, Sheila Jackson Lee aus Texas und Nydia Velasques aus Brooklyn, New York - wandten sich ebenfalls an die Menge. Außerdem sprach Al Sharpton, der bereits angekündigt hat, sich für die Nominierung zum nächsten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten zu bewerben. Keiner von ihnen hatte einen ernsthaften Vorschlag, wie der bevorstehende Angriff auf den Irak abgewendet werden könnte. Die Unterstützung ihrer Parteiführung für den Krieg erwähnten sie nicht.

(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - März/April 2003 enthalten.)

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