Die britische Journalistin Felicity Arbuthnot äußert sich zum Irak

"Es wird ein Blutbad geben"

Von Barbara Slaughter
29. März 2003

Felicity Arbuthnot ist freischaffende Journalisten. Seit dem Golfkrieg von 1991 hat sie den Irak 26mal besucht. Sie war führend an dem Film Paying the Price - Killing the Children of Iraq beteiligt, in dem die verheerenden Auswirkungen der UN-Sanktionen auf das irakische Volk gezeigt werden.

Der Titel des Films spielt auf eine Äußerung der damaligen amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright von 1996 an, der zufolge der Tod von über einer halben Million Iraker durch das Embargo ein "hoher Preis (ist), aber wert, bezahlt zu werden".

Kurz vor ihrer Rückkehr in den Irak sprach Barbara Slaughter mit Arbuthnot.

Die USA und Großbritannien klagen Saddam Hussein an, die UN-Resolutionen nicht zu befolgen, obwohl sie selbst nicht einmal das Mandat des Sicherheitsrates haben. Der Sicherheitsrat hat sie nicht ermächtigt, die Flugverbotszonen zu überfliegen oder sie überhaupt einzurichten. Die andauernde Bombardierung des Irak durch amerikanische und britische Streitkräfte ist illegal.

Ich bin überzeugt davon, dass in diesem Krieg Nuklearwaffen zum Einsatz kommen werden. Ich glaube, dass Bush und Blair bereit sind, das heilige Versprechen des Hiroshima-Mahnmals zu brechen, das besagt: "Ruhe in Frieden. Der Fehler wird nicht wieder geschehen". Ein Grund für meine Befürchtung ist, dass der Sprecher der israelischen Armee bei einer Pressekonferenz 1991, kurz vor dem Golfkrieg, auf die Frage "Was geschieht, wenn der Irak Waffen auf Israel abfeuert?" antwortete: "Wir werden Bagdad in einen Scherbenhaufen verwandeln."

Israel hat das fünftgrößte Atomwaffenarsenal der Welt und besitzt 200 nukleare Sprengköpfe. Der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld und sein britischer Kollege Geoffrey Hoon haben auch klargemacht, dass sie nicht zögern werden, Atomwaffen einzusetzen.

Niemand hat sich wirklich damit beschäftigt, was Briten und Amerikaner eher zurückhaltend als "den Tag danach" bezeichnen. Jeder wird sich an den Film aus den achtziger Jahren über einen Nuklearkrieg unter Titel The Day After [Der Tag danach] erinnern. Wer wird dafür geradestehen?

Es wird ein Blutbad geben, worüber sich die Briten und Amerikaner nicht im klaren sind. Nicht, weil diese Länder so kriegslüstern wären. Aber stellen Sie sich vor, die Iraker oder sonst jemand würde sagen: "Okay, wir kommen und erledigen Tony Blair."

Man muss sich die Leute genau ansehen, die nicht im Irak leben, sich aber als irakische Opposition bezeichnen. Von denen meint George Bush, dass er mit Ihnen Geschäfte machen könne, abgesehen davon, dass sie ziemlich viel Geld von der CIA erhalten. Da ist zum Beispiel Ahmed Chalabi, der Sprecher des Irakischen Nationalkongresses (INC). Er ist in Jordanien zu insgesamt 34 Jahren Haft verurteilt worden, weil er die Petra Bank praktisch im Alleingang ruiniert hat. Diese Bank wurde gegründet, weil es in Jordanien und im Libanon keine schiitische Bank gab. Schiitische Kleinunternehmer, zum Beispiel viele Bauern, legten ihr Geld bei dieser Bank an. Das oberste jordanische Gericht sprach ihn schuldig, Gelder auf eine Genfer Bank abgezweigt zu haben. Die Petra Bank ging daran bankrott. Viele der Investoren begingen Selbstmord.

Im Westen hat man davon nichts gehört. Anfang der neunziger Jahre gab es einige Jahre lang einen internationalen Haftbefehl auf Chalabi. Ich weiß nicht, ob er aufgehoben wurde, weil Chalabi so gute Beziehungen zu Washington und Whitehall [Großbritannien] hat. Aber würden Sie diesem Mann 97 Millionen Dollar geben, wie es die CIA tut? Ich glaube nicht.

Ein anderer Kandidat ist Alaawi, der einst Husseins erster Redenschreiber war. Heute gibt er die Wochenzeitung des INC, The Congress, heraus. Vor zwei Monaten wurde er vom deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen interviewt. Im wesentlichen erklärte er, bei einer Machtübernahme der Opposition im Irak werde kein irakischer Exilant, der den jetzigen Krieg ablehnt, jemals wieder zurückkehren dürfen. Diejenigen, die im Irak jemals für das Regime gearbeitet hätten, würden an Händen und Füßen gefesselt nach Bagdad geschleift werden, um ihre gerechte Strafe zu erhalten. Etwa siebzig Prozent der irakischen Bevölkerung haben in der einen oder anderen Weise für das Regime gearbeitet - in den verstaatlichten Industrien, im öffentlichen Dienst, etc.

Vor einigen Monaten drehte ich einen Dokumentarfilm für Channel 4. Ich interviewte irakische Exilanten, die den Krieg ablehnen. Ich dachte, das wäre leicht, da ich die irakische Gemeinde seit langem kenne und viele mir vertrauen. Viele sagten mir: "Felicity, nein, entschuldige bitte, aber das nicht. Saddam ist zwar weit weg, aber dafür sind die hier." Sie meinten den INC.

In einem Artikel, der kürzlich auf der World Socialist Web Site erschien, wurde berichtet, dass Saddam vorgeworfen wird, militärisches Gerät in der Nähe von Moscheen und belebten Plätzen aufzustellen. Im Irak gibt es sehr viele Moscheen und belebte Innenstädte. Hier in Großbritannien dürfen sich Luftwaffenstützpunkte und Raketen in der Nähe großer Städte befinden. Nehmen Sie Faslane.

Ich habe eine ganze Reihe dieser Orte besucht. 1999 gingen wir nach Basra in den Süden. Dort ist ein größeres Gebiet völlig von Cruise Missiles zerstört worden. Ein Pentagon-Sprecher gab damals als Grund an, der Irak habe Panzer und Raketen in Wohngebieten versteckt.

Wir kamen in diese völlig verarmte Gegend, wo 47 Häuser und die meisten ihrer Bewohner ausgelöscht worden waren. Wir fuhren in zwei Autos der Marke Overlander und mussten fast zwei Kilometer weit entfernt parken und unser ganzes Gepäck mitschleppen, weil die Straßen so eng waren.

Mit einem Panzer wäre man gar nicht dort hingekommen, und was die Raketen angeht, nun, die Häuser stehen so eng zusammen, dass man kein Fahrrad dazwischen abstellen könnte. Als man unsere Aufnahmen jemandem im Pentagon zeigte, bemerkten sie nur, das sei wohl ein Fehler gewesen.

Als wir eintrafen, kamen Menschen aus allen Richtungen auf uns zu, darunter viele Kinder. Auf einmal ging die Tür eines wiederaufgebauten Hauses auf und ein etwa dreißigjähriger Mann trat heraus. Die Menge wurde still und ging auseinander. Er zog drei beschädigte und abgegriffene Fotografien aus seiner Hosentasche. Sie zeigten drei hübsche, lachende kleine Mädchen, alle unter sieben Jahren, die bei diesem "Fehler" ihr Leben verloren hatten. Später konnte ich von einem der Mädchen ein Foto finden, wie sie aussah, nachdem sie aus dem Schuttberg ausgegraben worden war - das nette, kleine blonde Mädchen mit Zöpfen, dessen Gesicht nun ganz mit Asche bedeckt war.

Bei meinen 26 Irak-Aufenthalten habe ich viele bombardierte Orte besucht. Die meisten liegen irgendwo im Niemandsland in den ärmsten Dörfern oder bloß Siedlungen. In 19 Monaten wurden elfmal Schafherden bombardiert, die von Kindern beaufsichtigt wurden, irgendwo in einer verlassenen Gegend. Das ist reiner Terror gegen die Bevölkerung. Es gibt zu viele Beispiele davon, als dass man es anders erklären könnte.

Die Waffeninspektoren der UNSCOM haben gesagt, sie verfügten jetzt über Spionagesatelliten, die so sensibel wären, dass sie eine Coca-Cola-Flasche in einem Mülleimer erkennen könnten. Diese Satelliten erfassen auch Gamma-Strahlung, die bei der Herstellung von Nuklearwaffen entstehen. Sie sagten auch, dass bei der Herstellung von chemischen oder biologischen Waffen ein sogenannter Äther entsteht, den sensible Satelliten ebenfalls registrieren könnten. Bisher haben diese Satelliten nichts davon registriert.

Bei den riesigen Einrichtungen, die zur Produktion von Nuklearwaffen erforderlich sind - etwa Los Alamos in den USA - handelt es sich um Städte, die halb so groß wie Memphis sind. Diese Anlagen können nicht einfach im flachen, irakischen Gelände stehen, ohne bemerkt zu werden. Diese Behauptungen über mobile Labors, die chemische, biologische und nukleare Waffen herstellen, sind einfach schwachsinnig. Man kann dieses Zeug nicht in einem Anhänger in ein paar alten Kaffeedosen herstellen. Man braucht ausgesprochen komplizierte Anlagen dazu.

Zwei der Fabriken, die angeblich chemische und biologische Waffen produziert haben sollen, befinden sich in Ardour am Rande von Bagdad und in Malouija westlich von Bagdad. Die meisten glauben, es habe sich um Fabriken zur Herstellung von Veterinärmedikamenten gehandelt. Im Oktober 2002 besuchte ich beide Orte zusammen mit Hans von Sponeck, dem früheren UN-Koordinator im Irak, der im Februar 2000 von seinem Posten zurücktrat. Diese Anlagen hat die UNSCOM 1996 vollkommen zerstört. Sie gingen mit Feuerwehräxten vor, zerschlugen die Türen, Fenster, die Ausstattung, elektrische Einrichtungen und Belüftungsschächte.

Wir holten die Erlaubnis zum Besuch dieser Orte ein. Die Tore waren so verrostet, dass wir sie nicht öffnen konnten. Dann mussten wir uns durch das Gestrüpp kämpfen. Es gab dort gar nichts, keinen Strom, nichts. Ende 2002 behaupteten die Amerikaner, diese Fabriken seien wieder aufgebaut worden und würden wieder chemische und biologische Waffen produzieren. Ich rief Hans von Sponeck an und fragte ihn danach. Er sagte: "Felicity, sie sind im selben Zustand wie 1999, als wir dort waren. Der einzige Unterschied ist, dass das Gestrüpp noch höher gewachsen ist."

Wenn wir schon bei Lügen sind: Als Bagdad während des Vier-Tage-Blitzkriegs 1998 angegriffen wurde, stand Tony Blair im Unterhaus auf und behauptete, die Angriffe würden legitimen Zielen gelten. Er sagte, das Verteidigungsministerium sei bombardiert worden. Zwei Tage danach reiste ich in den Irak und stellte fest, dass das Verteidigungsministerium gar nicht bombardiert worden war. In Wirklichkeit hatten sie ein wunderbares osmanisches Gebäude am Ufer des Tigris angegriffen, das zur Zeit der Osmanen das Verteidigungsministerium gewesen war und seit sechzig Jahren nicht mehr dafür genutzt wird.

In derselben Erklärung sagte Blair, der Palast von Saddams Schwester sei bombardiert worden. Doch sie haben den Abbasid-Palast angegriffen, der fast 1200 Jahre alt ist und seit siebzig Jahren als Museum fungiert. Es gibt dort nicht einmal Strom oder Heizung.

Trotz all dieser Anti-Saddam-Rhetorik wissen wir doch, dass es bei diesem Krieg um Öl und um die strategische Position des Irak im Nahen Osten geht, die Brücke zum Fernen Osten, und um die Öl- und Erdgas- sowie die politischen Interessen von Amerika und Großbritannien.

Man sagt uns, das seien christliche Führer. Aber dabei geht es hier doch um Mesopotamien, wo in Ur die Geburtsstätte Abrahams liegt, des Vaters der Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum. Dort befindet sich heute noch die große Zikkurat von Nanna [stufenförmiger Tempel der sumerischen, babylonischen und assyrischen Baukunst; die Zikkurat von Nanna ist über 4000 Jahre alt]. Das ist immer noch die erste Hauptstadt der Welt, und es ist so schön, dass man Gänsehaut kriegt. Der Ausdruck: "Das Land, wo Milch und Honig fließen", stammt von hier. Ein Stück Wegs weiter, in Qurna, befindet sich ein weiteres antikes Gelände, und es wird vermutet, dass hier der Garten Eden geblüht hat. Ganz in der Nähe liegt Babylon, wo man noch heute das Gebiet der Hängenden Gärten besuchen und Teile des sechstausend Jahre alten Babylon sehen kann, den Ort, an dem einst Hammurapi die ersten Gesetze erließ, die den Schutz von Frauen und Kindern, ihre Sicherheit und ihre Besitzrechte regelten. Weiter südlich kommt man nach Basra, das auch als das Venedig des Nahen Ostens bekannt ist. Hier, wo Sindbad seine märchenhaften Reisen begann, treffen am Schatt el Arab Euphrat und Tigris zusammen.

Man glaubt, dass der heilige Matthäus in einem nach ihm benannten Kloster - auf arabisch Kloster Deirmatti - beerdigt wurde. Das ist ein sehr altes, auf einer Bergspitze gelegenes Kloster aus dem dreizehnten Jahrhundert. Ganz in der Nähe ist noch ein weiteres Kloster, Heiliger Georg. Hier findet jedes Jahr im Frühling ein feierliches Treffen verschiedener christlicher Glaubensrichtungen statt.

Wollen die beiden christlichen Führer dieses außergewöhnliche Land Mesopotamien zerstören? Wollen sie die historischen Schätze des Christentums auslöschen? Das ganze Land ist ein einziges Weltkulturerbe.

Uns wird auch viel über Saddams riesige Reservearmee gesagt. Bei näherer Betrachtung ist das einfach lächerlich: zwanzig Jahre Krieg, eine Million Tote im Krieg gegen den Iran, dann die schrecklichen Verluste im Golfkrieg, in dessen Verlauf schätzungsweise 250.000 Iraker den Tod fanden. Und nach alledem noch die Bombardierungen, einschließlich derer von 1998, die Tausenden das Leben kosteten.

Der Irak ist ein Land, in dem 46 Prozent der Bevölkerung 16 Jahre oder jünger sind. Als diese Sechzehnjährigen drei Jahre alt waren, begann das Embargo. Diese Jugendlichen wurden ihrer Kindheit vollständig beraubt - kein Spielzeug, keine Bücher, kein Schreibzeug, keine Normalität. Nichts als ständige Bombardierungen.

Es sind Kinder, wie sie in jedem Kriegsgebiet zu finden sind. Sie zittern jedes Mal krampfartig, wenn ein Gewitter aufzieht, weil sie sich immer noch vor den Bombenangriffen fürchten. Sie haben sich in einem ganz frühen Alter darauf eingestellt, dass ihre Eltern sie nicht beschützen können. Die üblichen angstvertreibenden Rituale, wie zärtliche Umarmungen oder bei den Eltern schlafen zu dürfen, können ihnen nicht mehr helfen. Und ihr Leben wird als Kanonenfutter in George Bushs Krieg für Öl enden. Mit wenigen Ausnahmen sind diese Kinder ohne Kindheit die einzigen, die noch für die Armee rekrutiert werden können. Daher haben wir es mit einem Krieg gegen Kinder zu tun.

Und auch gegen Frauen. Es ist kein Geheimnis - nachmittags nach 15 Uhr kann man auf jedem Schulgelände junge Mädchen sehen, die militärisch ausgebildet werden, und ihre Lehrer und Ärzte machen auch mit. Frauen und sechzehnjährige Kinder sind alles, was ihnen als Kämpfer übriggeblieben ist. Eine meiner Freundinnen ist Professorin an der Universität von Bagdad. Zum Zeitpunkt der Krise von 1998 waren ihre Töchter 16, 17 und 18 Jahre alt. Ihre sechzehnjährige Tochter wog ungefähr 42 kg und weinte, als sie von zu Hause wegging, weil sie nach der Schule zur Militärausbildung gehen musste. Man gab ihr ein Gewehr, eine alte AK 47, und man brachte ihr die entsprechenden Handgriffe bei. Sie aber konnte das Gewehr kaum hochheben.

So sieht der Gegner der amerikanischen und britischen Truppen aus, und dabei werden Cruise Missiles abgeschossen, die die Aufschrift "In Liebe für Saddam" tragen.

Oft hat man mir erzählt, die Iraker seien Nachtschwärmer. Der Irak war lang ein ganz weltliches Land; vor dem Embargo konnte man abends draußen sitzen und ein Glas Wein genießen. Dann strebte Saddam 1996 ein Bündnis mit den islamischen Staaten an und all das hatte ein Ende. Nach Einbruch der Dunkelheit war niemand mehr im Freien zu sehen, es begann eine Art kollektiver Depression. Man blieb zu Hause und konzentrierte sich auf den Überlebenskampf.

Vergangenen Oktober dann schien es plötzlich ein ganz neues Land zu sein. Jedes Gässchen war voller Leute, die beim Brettspiel saßen, Speisen auf abgenutzten Zinnplatten verkauften und bis spät in die Nacht hinein durch die Stadt bummelten. Es schien, als wollten sie sagen: "Zum Teufel mit alledem, lasst uns einfach leben." Fragte man sie nach ihrer Meinung, bekam man manchmal zur Antwort: "Wir machen uns keine Sorgen mehr. Wir sind einfach zu müde dazu. Wir leben jetzt einfach in den Tag hinein, lassen sie kommen und uns bombardieren. Wir machen uns keine Sorgen mehr." Andere aber konnten sagen: "Jedes Mal, wenn ich an das nächste Bombardement denke, sterbe ich innerlich."

Mir ist bekannt, dass sich amerikanische und britische Soldaten sehr oft im privaten Kreis beunruhigt darüber geäußert haben, dass dieser Krieg keine öffentliche Unterstützung findet. Schon die Massendemonstrationen vom 15. Februar auf der ganzen Welt zeigen, dass die Welt diesen Krieg nicht gutheißt. Aber den Soldaten wird eingeredet, dass sie, wenn sie Bagdad, Basra, Mosul oder sonst einen Ort besetzen, oder wenn sie die jordanische oder die türkische Grenze überschreiten, mit Blumen und Girlanden empfangen werden. Ich glaube das nicht.

Man kann die wirkliche Haltung der Menschen erfahren, wenn ein vertrauensvolles Verhältnis besteht. Wenn man die Familien fragt, die am entschiedensten gegen Saddam sind, ob sie froh darüber seien, wenn die Amerikaner und Briten kämen, um sie zu befreien, dann bekommt man zur Antwort: "Nur über meine Leiche. 700 Jahre lang wurden wir immer von anderen Mächten unterworfen. Das wird uns nicht mehr passieren."

Ich denke, diese armen Jungs in der amerikanischen Armee werden arg getäuscht, denn sind sie erst einmal dort, werden sie mit einem Aufruhr gegen die amerikanischen und britischen Truppen konfrontiert sein. In einer gänzlich fremden, ihnen unbekannten Kultur werden sie irgendwo schlafen und irgend etwas essen müssen. Was wissen diese jungen Leute aus Cincinnati schon über die irakische Kultur? Die Situation ist komplex. Im Süden die Schiiten mit ihren Bindungen an den Iran. Im Norden die Kurden. Die Assyrer, die Turkmenen und die Christen, zusätzlich ein undurchschaubares Muster von Stammesbeziehungen. Der Irak ist nicht mit Afghanistan vergleichbar. Man erinnere sich nur an 1990/91, als die USA die Bevölkerung im Norden und im Süden zur Rebellion ermutigten und dann im Stich ließen.

Das alte blutige Spiel, das mit Saddam nichts zu tun hat, wird wieder seinen Lauf nehmen. Die jungen Soldaten, die nicht einmal die Sprache beherrschen, werden im Zentrum eines Konfliktes stehen, der den Nahen Osten nach 1850 und in den zwanziger, dreißiger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder erschütterte. Man sollte niemals vergessen, dass der letzte Premierminister, der von Großbritannien eingesetzt worden war, durch die Straßen Bagdads geschleift wurde. Das ist noch nicht lange her, und alles, was von ihm übrig blieb, sah aus wie shish kebab, wie man auf arabisch sagt. Das sollten wir nie vergessen.

Das Land ist erhalten worden. Nicht ohne Fehler, aber es war doch geschlossener als jemals zuvor in seiner Geschichte. Wäre das Embargo aufgehoben worden, dann wäre wieder Normalität eingekehrt; dann hätte es Fortschritte gegeben und die Situation hätte sich klären können. Saddam ist nur eine kurze Episode im Lauf der historischen Etappen. Die Iraker sind gut ausgebildet, gelehrt und urban. Ähnlich wie die Palästinenser haben sie weltweit prozentual die meisten Doktortitel.

Als die Briten vor etwas über dreißig Jahren abzogen, lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 26 Jahren, und nur etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung konnten lesen und schreiben. Zum Zeitpunkt des Golfkriegs lag die Lebenserwartung der Frauen bei 74 Jahren und die der Männer leicht darunter, neunzig Prozent konnten lesen und schreiben. 93 Prozent hatten Zugang zu Trinkwasser und zu einer medizinischen Versorgung auf hohem Niveau. Das sind die Angaben der WHO.

Die Iraker sind politisch interessiert. Jeder hat ein Radio, man hört BBC World Service und arabische Sender, alle wichtigen Ereignisse sind bekannt. Auch wenn sie im Fernsehen nur eingeschränkte Informationen bekommen, wissen sie trotzdem, was in der Welt los ist. Es ist wirklich erstaunlich, wie Auslandskorrespondenten, auch die von der BBC, auftreten und behaupten können, dass diese armen Menschen überhaupt nichts vom Weltgeschehen mitbekämen. Wie im ganzen Nahen Osten, leben auch die Iraker unter einem sehr unterdrückerischen Regime. Aber man muss doch die Bevölkerung von den Herrschern unterscheiden können.

Die jungen amerikanischen und britischen Soldaten kommen in ein vergiftetes Land. Was geschah damals mit den Veteranen des Golfkrieges, und was geschieht jetzt den Irakern? Was die Veteranen des Golfkriegs angeht, so wurden die Besatzungen der Lazarette, die länger als drei Monate dort weilten, wegen des vorherrschenden Windes am meisten in Mitleidenschaft gezogen, selbst wenn sie sich in Saudi-Arabien oder in Kuwait aufhielten. Diesmal werden die amerikanischen Truppenangehörigen sich dort viel länger aufhalten. Ihre Kinder werden ähnliche Missbildungen haben. Und sie werden das gleiche Schicksal erleiden.

Kein Mensch hat die Probleme der Golfkriegsveteranen, der Opfer der Nukleartests im Pazifik, der Veteranen des Vietnamkrieges oder des vietnamesischen Volkes, das unter Agent Orange litt, angesprochen. Nun werden Kinder als eine Art Kanonenfutter in den Irak geschickt und ihre genetische Unversehrtheit wird zerstört werden.

Es muss auch daran erinnert werden, dass Bagdad am stärksten bombardiert wurde, aber nur im südlichen Basra Untersuchungen über die radioaktive Belastung durchgeführt wurden. In Bagdad gab es niemals solche Erhebungen. In Basra waren die Spitzen einiger Bomben mit abgereichertem Uran versehen, einige hatten eine radioaktive Ummantelung und einige einen radioaktiven Kern. Nach Jane‘s enthalten einige der bunkerbrechenden Bomben ungefähr zwei Tonnen reines Uran. Es wurde jetzt auch enthüllt, dass es nicht einmal abgereichert wurde. Das wäre fürchterlich - es ist chemisch toxisch und radioaktiv, mit einer Halbwertszeit von viereinhalb Milliarden Jahren. Man fand Bomben, die auf Basra abgeworfen worden waren, die angereichertes Uran enthielten, d. h. Neptunium. Alles, was im nuklearen Zerfallszyklus auftreten kann, wurde gefunden, einschließlich der drei verschiedenen Plutoniumarten.

Israel wird die Gelegenheit zur Säuberung, das heißt zur ethnischen Säuberung des Gazastreifens und der West Bank nutzen. Es ist bekannt, dass ein Lagerplatz namens Ashraq im östlichen Gebiet Jordaniens, einem ganz unbewohnten Gebiet in geringer Entfernung vom Irak ausgesucht wurde. Es handelt sich um einen völlig verlassenen Ort, aber viele gut informierte Jordanier - auch Journalisten - sagten mir, dass es dort eine Reihe amerikanischer Aktivitäten gebe. Ich kenne die gesamte 1200 km lange Strecke zwischen Jordanien und Bagdad. Plötzlich stand da ein aus dem Boden gestampftes, riesiges amerikanisches Militärlager auf der jordanischen Seite der Grenze. Ich fragte den Fahrer, mit dem ich immer unterwegs bin, was das wohl sei. Er sagte, dies sei der neue amerikanische Stützpunkt für die Verschickung der Palästinenser.

Siehe auch:
Die Irakpolitik der USA: Zurück zum Kolonialismus
(16. Oktober 2002)
Die furchtbaren Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen auf den Irak
( 27. April 1999)

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