53. Berliner Filmfestival

Unterschiedliche Reaktionen auf den Zustand der Welt

Von Stefan Steinberg
19. März 2003

Die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse der vergangenen zwei Jahre, die derzeit einen Höhepunkt in den amerikanischen Kriegsvorbereitungen gegen den Irak finden, haben das diesjährigen Berliner Filmfestival sowohl direkt als auch indirekt beeinflusst und ihre Spur hinterlassen.

Die Filme, die am diesjährigen Wettbewerb der Berlinale teilnahmen, hätten kaum unterschiedlicher sein können. Eine Reihe von Regisseure präsentierten Werke, die drängende zeitgenössische Fragen ansprechen und sowohl durchdacht als auch sozial engagiert sind - In This World (Auf der Welt) von Michael Winterbottom, Rezervni Deli (Ersatzteile) von Damjan Kozole und Lichter vom deutschen Regisseur Hans Christian Schmid. Andere Regisseure dagegen scheinen sich beachtliche Mühe gegeben zu haben, um eine hermetisch abgeschlossene Welt zu erschaffen, die jede größere gesellschaftliche Realität ausschließt - Son Frère (Sein Bruder) von dem französischen Regisseur Patrice Chéreau und der sicherlich schlechteste Film des Festivals, Der Alte Affe Angst von dem deutschen Regisseur Oskar Roehler.

Das Festival begann und endete mit den Hollywood Blockbustern Chicago und Gangs of New York. Trotzdem vergab die Jury den Hauptpreis an einen Film, der mit einem minimalen Budget gedreht worden war. Winterbottoms In This World handelt vom Schicksal der Opfer des jüngsten imperialistischen Krieges in Afghanistan und war sicherlich einer der besseren Filme, die im Rahmen der Festspiele gezeigt wurden. Wenn man mit etwas Abstand auf das Festival schaut, so war es vermutlich kein Zufall, dass Winterbottoms Film am gleichen Tag den Goldenen Bären erhielt, an dem über eine halbe Million Menschen in Berlin gegen den geplanten Irakkrieg demonstrierten.

Als wollte die Jury der Berlinale ihre Verwegenheit, den ersten Preis an In This World vergeben zu haben, wieder wettmachen, ginge der zweite Preis an Son Frère und seine vollkommen resignierte und passive Behandlung eines Sterbeprozesses. Im Jahre 2001 hatte Chéreaus völlig selbstbezogener und nicht überzeugender Film Intimacy den Hauptpreis der Berlinale gewonnen.

Zwischen den Filmvorführungen gab es auf dem Festival Diskussionsforen zur aktuellen politischen Entwicklung und insbesondere zum bevorstehenden Angriff der Vereinigten Staaten auf den Irak. Eine Gruppe junger Regisseure auf der Berlinale beschloss eine Dokumentation zu machen, für die sie Festivalteilnehmer interviewten [freedom2speak.de]. Mit Erlaubnis der Organisatoren sprachen sie mit Festivalgästen und Mitarbeitern der Berlinale - sowohl mit den prominenten als auch mit den weniger bekannten. Eine geschnittene Version der vielen Dutzend Beiträge wurde eine Woche nach den Festspielen gezeigt. Während viele Künstler, Schauspieler und Mitarbeiter keinen Hehl aus ihrer Angst oder auch Abscheu vor einem solchen Krieg machten, blieben die Beiträge in ihrer Mehrzahl doch auf dem Niveau der moralischen Empörung und schenkten den grundlegenderen historischen Prozessen hinter dem erneuten Auftreten des Militarismus keine Beachtung.

Schauspieler aus verschiedenen Länder, vor allem aber amerikanische Darsteller, nutzten auch die UNICEF-Gala Cinema for Peace während des Festivals, um ihre Unzufriedenheit mit der Bush-Regierung zum Ausdruck zu bringen. Der amerikanische Schauspieler Dustin Hoffman hielt eine leidenschaftliche Rede gegen einen Krieg unter amerikanischer Führung, die den begeisterten Applaus des Publikums erhielt und über die am nächsten Tag groß in der deutschen Presse berichtet wurde. Leider - und dies sagt zweifellos auch viel über die tatsächlichen Beziehungen in der Filmindustrie aus - blieb Hoffman still und sagte nichts zur Kriegsfrage, als er eine Woche später bei der Grammy-Verleihung in Amerika vor einem wesentlich größeren Publikum stand.

Künstler stehen derzeit vor enormen gesellschaftlichen und politischen Veränderung, aber die Filme, die auf der Berlinale vorgeführt wurden, zeigten sehr unterschiedliche Reaktionen darauf. Eine Reihe von Arbeiten, die auf dem Festival zu sehen waren, zeigten das Bemühen der Filmemacher, bewusst unter der Oberfläche zu bohren, andere ein stures Verschließen der Sinne in Vogel-Strauß-Manier gegen alles, was um sie herum vorgeht. Letztere widmen sich stattdessen angeblich "ewigen Themen", die von der gesellschaftlichen Wirklichkeit völlig abgeschnitten sind.

In This World

Michael Winterbottom hat bislang eine Reihe von Filmen gemacht, die sich mit persönlichen (Butterfly Kiss, 1994; I Want You, 1997; Wonderland, 1999) und politischen (Welcome to Sarajevo, 1997) Fragen und Beziehungen auseinandersetzen. Winterbottom hat durchgängig versucht, sich in gewöhnliche Leute einzufühlen, die zum Extremen getrieben werden; aber während er eine gewisse Sympathie mit seinen Charakteren bekundet, sind seine Filme immer dann ins Schwanken geraten, wenn es darauf ankam, die Linien zwischen persönlicher und gesellschaftlicher Verantwortung herauszuarbeiten.

In Welcome to Sarajevo versuchte er größere politische Fragen aufzugreifen und ist daran erbärmlich gescheitert: Er stellte einen Film her, der - ähnlich wie der jüngst herausgekommene No-Mans Land - darauf hinauslief, von den europäischen Ländern eine aggressivere Intervention im Balkankrieg zu verlangen. Sein letzter Film The Claim, der auf dem Berlinale 2001 gezeigt wurde, war ein ehrgeiziger aber nicht vollkommen erfolgloser Versuch, den Geist des kalifornischen Gold Rush im Jahre 1849 heraufzubeschwören.

Meiner Ansicht nach bedeutet Winterbottoms jüngster Film In This World für sein Schaffen einen bedeutenden Schritt nach vorne. Es ist eine bewegende, konzentrierte und starke Anklage gegen ein politisches System, dass Dutzende Millionen Menschen auf der ganzen Welt dazu zwingt, aus ihrer Heimat zu fliehen und sich in fremde Länder zu retten.

Der Film beginnt, indem die gewaltigen Summen aufgeführt werden, die die westlichen Mächte in die kürzlich erfolgte großflächige und zerstörerische Bombardierung Afghanistans zu investieren bereit waren, und stellt sie den erbärmlichen Summen entgegen, die die Regierungen und internationalen Institutionen für die notleidenden Kriegsflüchtlinge übrig haben. In This World spürt dem Elend einer Handvoll afghanischer Flüchtlinge nach, das typisch ist für das Schicksal der mehr als eine Million Menschen, die während des Krieges aus dem Land flohen und nun verarmt in Behelfslagern im pakistanischen Peschewar leben. Der Film zeichnet die Reise von zwei Cousins nach - Jamal, ein Waise, und der ältere Enayat, der zu dem Schluss kommt, dass er im Lager absolut keine Zukunft hat, und sich zu dem Versuch entschließt, nach Großbritannien zu gelangen. Jamal, der ein paar Brocken Englisch kann, darf ihn begleiten.

Ihre Verwandten und Freunde sammeln so viel Geld wie irgend möglich und geben es professionellen Menschenschmugglern, die eine Überlandreise von Pakistan über den Iran, die Türkei und schließlich durch Westeuropa planen. Tatsächlich werden die Beiden schon an der ersten Hürde zurückgeworfen - sie werden im Iran als illegale Flüchtlinge erkannt und zurück nach Pakistan abgeschoben. Sie machen sich wieder auf den Weg und schaffen es diesmal, in den Iran zu gelangen. Sie reisen zum Teil über die jahrhundertealte Seidenstraße, und die Widerwärtigkeiten und Provokationen, denen sie auf dem Weg begegnen, haben mehr mit den mittelalterlichen Gesellschaftsbeziehungen und Reiseformen gemein als mit dem 20. Jahrhundert.

Sie reisen zu Fuß über die schneebedeckten Berge durch den kurdischen Teil der Türkei und arbeiten in Istanbul für eine Weile als Billiglohnarbeiter in einer Metallfabrik. Der nächste Abschnitt ihrer Reise ist eine 40-stündige Schifffahrt nach Italien in einem Container mit vielen Anderen - nur einer der beiden Cousins wird diese Reise überleben. Der junge Jamal bringt eine außerordentliche Entschlossenheit auf, um die nördliche Küste Frankreichs zu erreichen. Sein Endpunkt ist das umstrittene Flüchtlingslager Sangatte, das kürzlich von der französischen Regierung geschlossen wurde. Es braucht noch mehr Findigkeit und ein weiteres Mal die Bereitschaft sein Leben zu riskieren, damit Jamal schließlich London erreicht, wo er für einen Hungerlohn Arbeit als Tellerwäscher in einem Restaurant findet.

Die Film schließt mit einer Texttafel, die erklärt, dass Jamal ein befristetes Aufenthaltsrecht für Großbritannien erhalten hat, aber verpflichtet ist, an seinem achtzehnten Geburtstag das Land wieder zu verlassen. Im Laufe des Films bringen Enayat und Jamal allgemeine und alltägliche Hoffnungen und ihr Streben nach der Aussicht auf ein besseres Leben zum Ausdruck - sie möchten ihren Horizont erweitern und eine Ausbildung erhalten. Gelegentlich werden sie von gewöhnlichen Familien, die sie im Verlauf der Reise treffen, warm und großzügig behandelt - von Menschen, die auf Grund ihrer eigenen Erfahrung nicht anders können, als Sympathie zu empfinden mit Jamals und Enayats Sehnsucht nach einem Entkommen aus der Aussicht auf lebenslange Armut.

Die professionellen Menschenschmuggler und die Staatsdiener in der Türkei, Italien und Frankreich auf der anderen Seite behandeln die zwei Flüchtlinge, als handelte es sich um Tiere. Winterbottoms Film ist halbdokumentarisch, wurde an den Originalschauplätzen und mit Laiendarstellern gedreht. Es erfordert keine große Vorstellungskraft, um das traurige Schicksal von Jamal und Enayat in Verbindung zu setzen mit den Zehntausenden irakischen Flüchtlingen, die demnächst durch den Krieg zur Flucht aus ihrem Land gezwungen werden.

Der alte Affe Angst, Son Frère

Winterbottoms Umgang mit seinem Material ist karg und sparsam - in der Behandlung seiner Charaktere ist keine Spur von Pathos zu finden. Das neue Werk des deutschen Regisseurs Oskar Roehler, Der alte Affe Angst, beginnt mit einem hysterischen Schreiduell zwischen einem Paar und bleibt den gesamten Film lang auf dem Niveau der Hysterie. In seinem neuen Film ist absolut gar nichts überzeugend.

Roehler wurde im Jahre 2000 durch seinen Film Die Unberührbare bekannt, in dem er die Geschichte seiner eigenen Mutter erzählte, deren persönlicher Verfall vor dem Hintergrund des Niedergangs und Falls der stalinistischen DDR geschildert wurde. Bei seinem neuen Film hat man den Eindruck, dass Roehler sich große Mühe gegeben hat sicherzustellen, dass keine Spur des gesellschaftlichen Lebens in die Studie der psychologischen und persönlichen Defizite seiner zwei Charaktere eindringt.

Der Film beginnt mit einem Streit des Paares über die Zukunft ihrer Beziehung in einem Berliner Hochhaus - die Aussichten für die Beziehung scheinen nicht gerade gut. Der Mann ist älter und ein Bühnenautor - wie sehen ihn bei der Probe für sein neustes Stück. Nackt und zitternd stolpern männliche und weibliche Figuren auf der Bühne nach vorne, murmeln, dass ihnen kalt ist, und platzen im Chor mit ihrer Unzufriedenheit mit der Welt heraus. Die Hauptdarstellerin, die vom Bühnenrand aus die Handlung kommentiert, trägt eine Sauerstoffmaske, weil sie an einer nicht weiter erklärte Krankheit leidet, die sie später zur Aufgabe der Rolle zwingt. Krankheit, Gebrechen, Tod, enttäuschte Liebe und gewaltsamer Sex sind die allgegenwärtigen Themen des Films.

Zu Beginn des Films zeigt Maria die Wunde von ihrem versuchten Selbstmord. Ihr Partner, der Stückeschreiber Robert, droht ebenfalls mehrfach mit Selbstmord. Roberts Vater, von dem er sich entfremdet hat und der auch ein Autor ist, leidet plötzlich an Krebs und bittet seinen Sohn in einer Szene, ihm eine tödliche Dosis an Medikamenten zu verabreichen, wenn die Schmerzen unerträglich werden sollten. Der Vater umreißt den Plot seines neuen Romans, der eine auffallende Ähnlichkeit mit dem mystischen Ozean der Erinnerung in einem anderen Berlinale-Film - Solaris - aufweist.

Die Handlung spielt fast ausschließlich im Hochhausapartment der zwei Hauptcharaktere und es ist kein Zufall, dass die Blicke auf die Welt hinter dem ermüdenden Paar Maria und Robert beiläufige Schwenks durch das Fenster sind, die weder ein Detail noch die Komplexität des Lebens auf dem Grund zeigen. Der alte Affe Angst ist zum Erbrechen schwach, und keiner von Roehlers Charakteren kann auch nur ein bisschen Sympathie hervorrufen. Absurderweise endet der Film mit der Versöhnung der beiden Hauptcharaktere (nachdem Marias Selbstmordversuch mit akribischer Genauigkeit gezeigt wurde), und die zwei tanzen wie im Delirium miteinander. Roberts Kopf ist mit Butterblumen geschmückt, die sie ihm ins Haar geflochten hat. Vielleicht das schlimmste an dem Film ist die Bereitschaft einige Kritiker, solchen Schwachsinn hochzuloben.

Son Frère von dem französischen Regisseur Patrice Chéreau vermeidet solche Exzesse wie Der alte Affe Angst, zeigt aber die gleiche Verzweiflung, die man bei Roehler entdecken kann - das systematische Ausblenden jeglicher Untersuchung der sozialen Wirklichkeit. Der Film handelt vom Tod eines jungen Mannes, der an einer seltenen Blutkrankheit leidet, die Ähnlichkeit mit AIDS hat, und der Art, wie er von seinem Bruder durch den letzten Abschnitts seines Lebens begleitet wird.

Während Roehler versucht, seinen Film von der "Unordnung" des alltäglichen Lebens freizuhalten, um sich auf die Unmöglichkeit wahrer Liebe zu konzentrieren, setzt Chéreau seine Kamera ein, um den Sterbensprozess detailliert und frei von jedem größeren Zusammenhang darzustellen. Wie das Resümee des Films erklärt: "Dieser Tod wird das größte Ereignis. (...) Son Frère ist ein Film über den Körper. (...) Er ist eine Erkundung der Haut, der Falten, der Furchen, der feinen Härchen und des Schweißes. Eine Erkundung der Blutergüsse, der geröteten Narben, der Eiterungen, der Flecken auf der Bettwäsche. Er ist ein Stillleben, eine Nature Morte."

Zu einem historischen Zeitpunkt, an dem der verfrühte und grausame Tod Hunderttausender Menschen von der amerikanischen Regierung und ihrem Militär vorbereitet wird, zieht Chéreau es vor, uns mit einer fotografischen Reise zur Unvermeidbarkeit von Verfall und Tod zu versorgen - der Tod als Stillleben. Es gibt kein besseres Bild für die Kluft zwischen den Aufgaben, die das Leben derzeit stellt, und dem müden Zynismus und der Resignation, die manche Schichten der kleinbürgerlichen Künstlerkreise zur Schau stellen.

Siehe auch:
52. Berliner Filmfestspiele
(2. März 2002)