53. Berliner Filmfestival - Teil 2

Weitere Filme des Wettbewerbs

Von Stefan Steinberg
20. März 2003

Dies ist der zweite Teil einer Artikelserie zur 53. Berlinale

Rezervni Deli von Damjan Kozole, Lichter von Hans Christian Schmid

Neben dem Film In This World, der den Goldenen Bären gewann, beschäftigten sich noch zwei weitere Spielfilme im Wettbewerb der 53. Berlinale mit dem heutigen Elend von Menschen, die zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen werden: Rezervni Deli (Ersatzteile) vom slowenischen Regisseur Damjan Kozole und der beeindruckende Film Lichter vom deutschen Regisseur Hans Christian Schmidt.

In seinem Film In This World konzentriert sich der britische Regisseur Michael Winterbottom auf das Schicksal von zwei afghanischen Flüchtlingen. Der slowenische Regisseur Kozole erzählt die Geschichte von Flüchtlingen aus Afrika, dem Iran und der Türkei, die durch das kleine Territorium Sloweniens zu reisen versuchen, um Italien zu erreichen. Die Handlung spielt in Krsko, einer kleinen Industriestadt nahe der slowenisch-kroatischen Grenze.

Im Programmhinweis merkt der Regisseur an: "Im Jahre 2000 griff die slowenische Polizei rund 36.000 illegale Flüchtlinge auf, die auf dem Weg nach Italien waren. Die Flüchtlinge kamen aus Afrika, asiatischen Ländern, verschiedenen Ländern des ehemaligen Ostblocks, Pakistan, Afghanistan und China; es waren Kurden, Albaner, Mazedonier... Wenn nur jeder Vierte gefasst wurde, dann bedeutet dies, dass beinahe 150.000 Illegale versuchten, sich durch Slowenien zu schmuggeln! Etwa 400 pro Tag."

Rezervni Deli verfolgt den Schmuggelprozess aus dem Blickwinkel des jungen, arbeitslosen Rudi, der von dem älteren Schmuggler Ludvik angestellt wird, um dabei zu helfen, Gruppen von Flüchtlingen über die Grenze zu fahren. Menschenschmuggel ist ein gefährliches aber gleichzeitig enorm profitables Geschäft für die beteiligten Banden.

Wir sehen, wie Ludvik 1.000 Euro pro Person für den Transport von einem Dutzend Menschen in einem klapprigen Bulli zur italienischen Grenze verlangt. Bei einem Zwischenhalt auf dem Weg zur Grenze verlangt die Bande 50 Euro von jedem der ausgehungerten Flüchtlinge, der etwas zu essen haben möchte. Anstelle von Geld ist die Bande auch bereit, sexuelle Gefälligkeiten von verzweifelten weiblichen Flüchtlingen zu akzeptieren.

Bei einer anderen Tour ist der Bulli voll und eine Familie afrikanischer Flüchtlinge droht zurückzubleiben. Einer der Schmuggler willigt ein, sie alle mitzunehmen (nach angemessener Zahlung) - und der Mann, seine Frau und sein Sohn werden in den Kofferraum seines Autos gestopft. Sie ersticken auf der Strecke und werden ohne viel Aufhebens in einen Fluss geworfen, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen.

Rudi ist anfangs geschockt von der Skrupellosigkeit und Gewinnsüchtigkeit der Schmugglerbande, aber im Laufe des Film können wir beobachten, wie er sich an die Anforderungen der Bande anpasst. Schließlich erwartet die "Illegalen" auf der anderen Seite der Grenze, in Italien, eine noch schlimmere Behandlung. Während eines Transports erzählt Ludvik Rudi, dass die Hälfte der Flüchtlingsgruppe "als Ersatzteile enden" wird. Er erklärt, dass die Flüchtlinge in Italien kriminellen Banden ausgeliefert sind, die am Organhandel beteiligt sind: "Herz, Niere, Leber... Alles, was man transplantieren kann... Eine Niere 15.000 Euro... Wir sind Touristenführer im Vergleich zur anderen Seite."

Während Rezervni Deli bei der Darstellung der unmenschlichen Praxis der Menschenschmuggler nichts beschönigt, weist der Film dennoch Defizite auf. Witterbottom zeigt uns ein größeres Bild und sein Film verweist darauf, wie die offizielle Regierungspolitik auf einer übergeordneten Ebene für den Anstieg der Flüchtlingszahlen verantwortlich ist (nach jüngsten offiziellen Zahlen von Menschenrechtsorganisationen sind es 30 Millionen weltweit).

Dieses Element eines größeren Bildes fehlt in Damjan Kozoles Film. Indem er sich auf die üblen Aktivitäten der Bande konzentriert, neigt der Regisseur dazu, die Handlungen der slowenischen und italienischen Polizei zu legitimieren. Besteht jedoch irgendein qualitativer Unterschied zwischen den Aktivitäten der Schmuggler und der unmenschlichen Praktiken der bürgerlichen Regierungen (auch der Sloweniens) mit ihrer offiziellen staatlichen Unterdrückung von Flüchtlingen? Diese Frage wird in Kozoles Film weder beantwortet noch überhaupt erst gestellt.

In Lichter bringt Hans Christian Schmid die Frage des Menschenschmuggels als einen Punkt in einer Reihe von Themen auf. Sein Werk untersucht das Leben an der deutsch-polnischen Grenze, insbesondere in der Stadt Frankfurt/Oder - die nicht weit von der Hauptstadt Berlin liegt (und wo auch Andreas Dresens Film Halbe Treppe spielt, der im letzten Jahr auf dem Festival vorgestellt wurde) - und in der benachbarten Stadt Slubice auf der polnischen Seite.

Während der deutschen Wiedervereinigung zu Beginn der 1990-er Jahre versprach der damalige Kanzler Helmut Kohl der ostdeutschen Bevölkerung "blühende Landschaften". Mehr als ein Jahrzehnt später macht Schmids Film deutlich, dass für die große Mehrheit der Deutschen das Unkraut im Garten längst alle Knospen erstickt hat. Arbeitslosigkeit oder die Alternative - schlecht bezahlte, niedere Arbeit - herrschen vor. Dennoch wird die Lage noch schlimmer, je weiter man nach Osten reist. Auf der anderen Seite der Grenze, in Polen, sind die Lebensbedingungen noch schlechter und noch eine Grenze weiter nach Osten, in der Ukraine, ist die Lage so übel, dass das von Rezession bedrohte Deutschland sich im Vergleich dazu wie ein Land ausnimmt, in dem Milch und Honig fließen.

Schmid zeigt uns in einer Momentaufnahme einige Tagen im Leben einer Reihe von Figuren mit sehr verschiedenem sozialem Hintergrund und unterschiedlicher Nationalität. Ein Filmstrang konzentriert sich auf den Versuch einer Gruppe Ukrainer, der Armut ihres Landes zu entfliehen und Deutschland auf dem Landweg zu erreichen. Kolja, Anna und Dimitri gehören zu der Sorte Flüchtling, für die die bürgerlichen Politiker des Westens nur Verachtung übrig haben - so genannte "Wirtschaftsflüchtlinge", die von der Armut gezwungen werden, sich in einem anderen Land nach einem besseren Leben umzuschauen. Solchen Flüchtlingen wird automatisch jede legale Möglichkeit zur Niederlassung in einem anderen Land verweigert.

Die Gruppe zahlt eine enorme Summe an Schmuggler, die ihnen einen Transport durch Polen nach Berlin zusagen. Als sie nachts aus dem Transporter aussteigen, werden ihnen die entfernten Lichter einer Stadt gezeigt und ihnen gesagt, dass sie sich am Rande Berlins befinden. Sie sollen zum nächstgelegenen Haus gehen, wo sie einen Kontaktmann treffen, der ihnen weiterhilft. Sie gehen zum nächsten Haus und klopfen an die Tür, wo ihnen eine alte Frau auf Polnisch antwortet, die den Flüchtlingen nicht helfen kann. Die Schmuggler sind längst verschwunden - die Gruppe ist gestrandet, ihr Geld weg, aber an wen können sich illegale Immigranten wenden, wenn ihnen Unrecht widerfährt? Später im Film endet der verzweifelte Versuch einer Familie, die Oder zu überqueren und Deutschland zu erreichen, tragisch.

Die Stärke von Schmids Film liegt in der Fähigkeit, mit der er die Charaktere zeichnet und im großen Blickwinkel seines Films, der das moderne kapitalistische Leben auf der Grenze eines expandierenden Europas aus verschiedenen gesellschaftlichen Perspektiven erhellt. Wir lernen den jungen Zigarettenschmuggler Andreas kennen, der sich ein haarsträubendes Katz-und-Maus-Spiel mit der deutschen und polnischen Polizei liefert. Da ist Ingo, der sich die Worte des Kanzlers Kohl zu Herzen genommen hat und verzweifelt versucht Geld aufzutreiben, um einen billigen Matratzen-Vertrieb aufzubauen. Und da ist Philip, der als junger, ehrgeiziger Architekt für ein Unternehmen aus Frankfurt/Main arbeitet, dessen Pläne für eine neue Fabrik - Ergebnis einer enormen Anstrengung - in dem Gerangel und den korrupten Abmachungen zwischen Planern, habgierigen Lokalpolitikern und skrupellosen Investoren ohne viel Federlesens zerfetzt werden.

Schmids Film ist ein eindringliches Porträt der modernen europäischen Gesellschaft, die immer noch von einem erstickenden Netz aus nationalen Grenzen, Gesetzen und Polizei geprägt ist. Selbst ein durch und durch beschränkter und gewinnsüchtiger Charakter wie der Matratzenverkäufer Ingo verdient unser Mitgefühl, wenn man die Widrigkeiten zur Kenntnis nimmt, die ihn von einem anständigen Leben fernhalten.

La Fleur du Mal von Claude Chabrol, Hero von Zhang Yimou, Pure von Gillies MacKinnon

Andere Filme im Wettbewerb enttäuschten. Der erfahrene französische Regisseur Claude Chabrol hat ein aktuelles und zeitkritisches Thema für seinen neuen Film La Fleur du Mal (Die Blume des Bösen) gewählt. Einer seiner Hauptcharaktere ist ein rechter Kandidat in einer französischen Kommunalwahl, und das "Verbrechen", das im Zentrum seines Filmes steht, ist der Mord an einem politischen Kollaborateur des faschistischen Vichy-Regimes nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotz allem Bemühen um politische Relevanz scheint Chabrol doch den gleichen Acker zu bearbeiten wie seit langem - unlösbare Fragen der Schuld und andere Probleme der Mittelklasse, die für den Regisseur ihre Faszination behalten mögen, aber zunehmend ergebnislos sind, wenn der Punkt zu häufig gemacht wird.

Hero, der neue Film des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou (Rote Laterne, 1991; Happy Times, 2000) fällt in die abgedroschene Kategorie der hochgerüsteten Martial-Arts-Filme, die vor einem feudalen Hintergrund spielen (siehe auch Tiger & Dragon von Ang Lee). Solche Filme von Regisseuren, die zuvor interessante Werke produziert haben, scheinen derzeit nichts weiter darzustellen als einen Aufnahmeritus, um von den vorherrschenden Mächten in der Politik (die Bürokratie in Peking) und den Medien (Hollywood) vollständig akzeptiert zu werden.

Pure vom britische Regisseur Gillies MacKinnon (Regeneration, 1997) nahm nicht am Wettbewerb teil, verdient aber eine Erwähnung wegen seiner erschütternden Darstellung der Versuche einer Mutter, sich von ihrer Heroinabhängigkeit zu befreien. MacKinnons Bild des Leben der Arbeiterklasse in East London ist akkurat und seine Charakterporträts in dem Film sowie das Zusammenspiel von der Mutter und ihrem jungen Sohn sind beeindruckend.

Am Ende schlägt der Regisseur jedoch über die Stränge - der liebende Sohn ist zu gut, um wahr zu sein, der hartherzige Polizist hat schließlich doch, wie es vorauszusehen war, einen weichen Kern. Und die Auflösung des Films - die clean gewordene Mutter ist schließlich in der Lage, den Sohn zum fieberhaft erwarteten Fußballspiel mitzunehmen - erinnert zu sehr an die simplen Happy Ends, die eine ganze Reihe von jüngeren britischen Filmen kennzeichnen, die sich mit dem Leben der Arbeiterklasse beschäftigen.

Siehe auch:
http://www.wsws.org/de/2003/mar2003/ber1-m19.shtml
(19. März 2003)