Berlin

Über 50.000 Schüler und Studenten demonstrieren gegen den Krieg

Von unserem Korrespondenten
21. März 2003

Insgesamt nahmen gestern mehrere hunderttausend Menschen überall in Deutschland an spontanen Demonstrationen teil, um gegen den Beginn des Irakkriegs zu protestieren.

Kaum war am Morgen die Nachricht vom amerikanischen Militärangriff auf den Irak bekannt geworden, da verließen zehntausende Schüler ihre Klassenzimmer und versammelten sich auf dem Alexanderplatz, um ihrer Wut Luft zu machen. Viele waren über den Angriff empört und besorgt.

Die Polizei war über das Ausmaß der Demonstration völlig überrascht und sprach in einigen Berichten sogar von 70 000 Teilnehmern. Viele Jugendliche hatten sich über Handy kurzfristig verabredet, als sie vom Kriegsbeginn hörten. In vielen Schulen fanden zum Unterrichtsbeginn Informationsveranstaltungen statt und daraufhin entschieden sich ganze Klassen samt Lehrer oder Lehrerin an dem Protestmarsch teilzunehmen. In anderen Schulen hatte die Schulleitung die Teilnahme verboten und mit Repressalien gedroht, doch viele Schüler setzten sich darüber hinweg.

Auf ihrem Zug vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor machten die Demonstranten vor der schwerbewachten amerikanischen Botschaft halt und einige legten sich minutenlang "wie tot" auf die Strasse. Viele hatten Friedenszeichen ins Gesicht oder auf die Kleidung gemalt. Auf improvisierten Transparenten und Plakaten wurde Präsident Bush als Kriegsverbrecher bezeichnet, während andere den unvermeidlichen Tot vieler irakischer Kinder anprangerten. Gleichzeitig war auf vielen Schildern zu lesen "Bush is not America!" und es wurde darauf hingewiesen, dass Bush nur durch Wahlbetrug an die Macht kam.

Nach einer kurzen Kundgebung mit einigen Reden und Musikeinlagen hatten die Veranstalter große Mühe die Aktion zu beenden. Immer wieder wurde "der letzte Song" angekündigt und die Jugendlichen nach Hause geschickt. Ein Teil der Demonstranten zog unbekümmert weiter zum Berliner Stern, der größten Kreuzung der Stadt und blockierten dort mit einer Menschenkette über längere Zeit den gesamten Autoverkehr. Interessant war, dass viele Autofahrer trotz erheblicher Verkehrsbehinderung den Protest unterstützten.

Am Abend versammelten sich erneut 50 000 Menschen, auf dem Alexanderplatz. Die Jugendlichen wurden nun auch von Arbeitern und Angestellten aus allen Bereichen unterstützt. Die zentrale Kundgebung stand unter dem Motto: "Keine Unterstützung für den Krieg!". Damit war vor allem die Bundesregierung angesprochen, die unmittelbar nach Kriegsbeginn der amerikanischen Führung Unterstützung signalisiert hatte. Nicht nur garantiert sie die Nutzung der amerikanischen Basen und erteilt Überflugrechte - obwohl der Krieg gegen das Völkerrecht verstößt - sie hat auch ausdrücklich betont, dass sie die Versorgung und die Sicherheit der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland verbessern werde.

Im Anschluss an einige Reden marschierten die Demonstranten zum Außenministerium und forderten von der rot-grünen Regierung eine konsequente Ablehnung des Krieges. Eine weitere Demonstration marschierte aus dem Stadtteil Kreuzberg zum "Willy-Brandt-Haus", um vor der SPD-Zentrale zu demonstrieren.

Die Handzettel des WSWS stießen auf großes Interesse und Reporter sprachen mit Teilnehmern.

Alan Jost hat eine doppelte Staatsbürgerschaft, außer deutsch auch kanadisch, und lebt und arbeitet in Berlin. Er sagte folgendes:

"Als ich heute Morgen vom Beginn der Bombardierung gehört habe, bestand meine erste Reaktion darin, Bush und die ganze amerikanische Regierung zu verabscheuen. Zwar ist der Kriegsbeginn wahrlich keine Überraschung, sie haben ihn seit Monaten vorbereitet, aber ihr Vorgehen ist trotzdem kriminell. Ungeachtet der vielen Worte von Bush über die Vermeidung ziviler Opfer, bin ich davon überzeugt, sie werden ein Blutbad anrichten, das hunderttausende von Menschenleben fordert. Die US-Regierung will die Irakische Armee vernichten, das wird unvermeidlich sehr viele zivile Opfer bedeuten.

Um die Gewalt ihrer Waffen zu zeigen und jeden einzuschüchtern, haben sie in der vergangenen Woche ihre Superbombe "Mutter aller Bomben" getestet. Sie ist mit Abstand die schlimmste konventionelle Waffe und liegt in ihrer Zerstörungskraft nur knapp hinter der Atombombe.

Wenn man über die wahren Kriegsgründe spricht, kann ich nur sagen, es geht um Öl, Öl und noch mal Öl. Ausgehend von geo-strategischen Überlegungen im Nahen Osten ist der Irak von außerordentlicher Bedeutung. Außer der Kontrolle über das Öl strebt die US-Politik auch eine Kontrolle der großen Gasreserven an. Gleichzeitig werden die Karten in Bezug auf andere Regionen, wie Kaukasien neu gemischt. Der Krieg zeigt, dass der konservative Flügel der amerikanischen Politik um Richard Perle und Paul Wolfowitz sich mit seiner extrem reaktionären Politik durchgesetzt hat. Dieser Entwicklung wird für den Nahen Osten und für Israel verheerende Auswirkungen haben.

Die Haltung der deutschen Regierung ist völlig inkonsequent. Sie behaupten den Krieg abzulehnen, aber durch die Erlaubnis zur Nutzung der US-Basen und des deutschen Luftraums machen sie ihn gerade möglich. Ich habe persönlich einen Strafantrag gegen Schröders Kriegsunterstützung eingebracht, weil er gegen Artikel 26 des Grundgesetzes und gegen Paragraph 80 des Strafgesetzes verstößt. Es ist Heuchelei, wenn man behauptet gegen den Krieg zu sein, aber hinten herum Unterstützung gibt und dabei gegen deutsche Gesetze verstößt.

Ich will nicht verheimlichen, dass ich ein regelmäßiger Leser der WSWS bin und das Niveau eurer Arbeit sehr schätze. Macht weiter so."

Klaus Zarbock lebt in Berlin und hat ausgedehnte Reisen in den Nahen Osten gemacht. Auch er ist ein regelmäßiger Leser der WSWS.

"Als ich heute Morgen die Nachricht vom Beginn des Krieges hörte, war ich tief beunruhigt. Der Verlust an Menschenleben wird entsetzlich sein. Neben Müttern, Kindern, unschuldigen Zivilisten, werden natürlich auch viele Soldaten ihr Leben verlieren, die gezwungen wurden diesen mörderischen Krieg zu führen. Ich habe heute Morgen den WSWS -Artikel über Bushs zwanzig Lügen gelesen und stimme völlig damit überein. Um sein Verbrechen zu rechtfertigen ist Bush gezwungen die Wahrheit auf den Kopf zu stellen und zu verdrehen. Er hielt nur eine kurze Rede, aber ich dachte, es waren sogar mehr als zwanzig Lügen darin. Aber euer Artikel deckt schon die wichtigsten auf. Dieser Krieg ist Bushs erster Präventivkrieg, aber ich befürchte, es wird nicht sein letzter sein. Es ist gut möglich, dass er sehr schnell weitere Länder angreift. Selbst heutige Verbündete sind morgen nicht mehr sicher.

Zur deutschen Regierung kann ich nur sagen, ich traue ihr nicht. Das sind derselbe Schröder und derselbe Fischer, die den Krieg im Kosovo führten. Damals war ich dagegen und beteiligte mich an Protesten und heute traue ich ihnen auch nicht. Ich halte es für richtig die sozialen Fragen mit aufzubringen, wie ihr es in euren Artikeln macht. Ein Ziel dieses Krieges besteht darin, von den tiefen sozialen Problemen in Amerika abzulenken. In dieser Frage besteht natürlich eine direkte Verbindung zur deutschen Situation. Schröder forderte in seiner Regierungserklärung am Freitag den Sozialstaat hier aufzubrechen und "amerikanische Verhältnisse" einzuführen. Gerade diese "amerikanischen Verhältnisse" spielten eine wichtige Rolle um Bush den Weg zu ebnen.

Jan F. Altenpfleger 37 Jahre alt, sagt uns:

"Ich bin wirklich empört. Fünfzig Jahre lang wurden die internationalen Beziehungen durch die Uno und das Völkerrecht geregelt und seit gestern Nacht ist das alles zerstört. Das macht mich wütend. Wo führt das hin? Wie kann es sein, dass eine Regierung sich zur Weltmacht erklärt und rücksichtslos ihren Willen durchsetzt? Die große Mehrheit der Bevölkerung in vielen Ländern hatte sich ausdrücklich gegen diesen Krieg ausgesprochen. Offensichtlich hat die Bevölkerung nicht mehr den geringsten Einfluss auf die Politik. Das ist deprimierend.

Natürlich ist es zu begrüßen, dass sich die Schröderregierung gegen den Krieg ausgesprochen hat, aber was bedeutet das schon, wenn sie gleichzeitig die amerikanischen Militärbasen frei gibt und die Überflugrechte garantiert? Sie unterstützt dann eben doch diesen Krieg, obwohl er eindeutig gegen das Völkerrecht verstößt und illegal ist.

Das verrückte ist ja, dass hier ein Land - nach der offiziellen Begründung - deshalb angegriffen wird, weil es gegen eine UN-Resolution verstoßen hat, und der Angreifer sich auch völlig rücksichtslos über die UN-Entscheidung hinwegsetzt.

Gut ist aber, dass heute Morgen derart viele Schülerinnen und Schüler gegen den Krieg demonstriert haben und auch heute Abend viele Menschen sich hier versammeln. Das zeigt, dass viele doch nicht nur an sich selbst denken, sondern sehr besorgt sind über die Zukunft. Das ist ermutigend."

Siehe auch:
Internationale Rechtsexperten halten Irakkrieg für illegal
(21. März 2003)
Die Bush-Regierung verstößt gegen das Völkerrecht
( 19. März 2003)
weitere Artikel und Analysen zum Krieg im Irak
weitere Berichte zu weltweiten Antikriegsdemonstrationen