10.000 protestieren in Frankfurt gegen den Krieg

Von Marianne Arens
24. März 2003

Am ersten Samstag nach Kriegsbeginn demonstrierten wie in ganz Europa auch in der Frankfurter Innenstadt Tausende Menschen und forderten ein sofortiges Ende dieses Kriegs.

Wie schon seit den ersten Stunden des Bombenhagels auf Bagdad prägten vor allem sehr junge Menschen, Schüler und Jugendliche mit selbstgemalten Plakaten und bemalten T-Shirts das allgemeine Bild. "War is not the answer!" "Bush nach Den Haag!" "Wir sind die Toten von morgen" stand darauf. In Frankfurt waren seit Kriegsbeginn jeden Tag Tausende Schüler vom Unterricht weg in die Innenstadt und vor das US-Konsulat geströmt.

Für den Samstag hatte das Frankfurter Bündnis gegen Krieg zu Sternmärschen und einer zentralen Antikriegskundgebung auf dem Römerberg aufgerufen, an der rund 10.000 Menschen teilnahmen.

Mehrere Redner warnten vor einer humanitären Katastrophe und schilderten ausführlich die Bedingungen im Irak. Einige akzeptierten jedoch die Haltung der deutschen Bundesregierung, ohne darauf einzugehen, dass die SPD-Grüne Regierung der US-Armee nach wie vor Überflugsrechte und die Nutzung deutscher Militärbasen erlaubt.

Einer der Sprecher, der US-amerikanische Universitätsprofessor Michael Morrissey aus Kassel, erhielt starken Applaus, als er darauf hinwies, dass selbst nach offiziellen Statistiken ein Drittel der US-Bevölkerung, das sind hundert Millionen Menschen, den Krieg ablehnten.

"Dieser Krieg erlegt der Welt eine neue, barbarische, wahnsinnige Vorstellung auf: Der Wahnsinn heißt Präventivkrieg - Krieg, um Krieg zu vermeiden," sagte er. "Dieser Wahnsinn ist jetzt die offizielle Strategie der mächtigsten Nation der Erde." Die UNO-Politik habe versagt, und besonders in den USA hätten sich die Medien als willige Komplizen mitschuldig gemacht. "Wenn zwei Drittel der US-Bevölkerung wirklich noch hinter ihrem schießwütigen Präsidenten stehen, dann hauptsächlich dank des verheerenden Drucks der amerikanischen Massenmedien. Ich kann sie nicht mehr sehen, diese lächerlichen CNN-Hohlköpfe, die aus der Grausamkeit eines Kriegs eine glitzernde TV-Realityshow machen."

"Wie konnte es soweit kommen?" fuhr er fort, und erinnerte daran, dass George W. Bush im November 2000 die Wahl nicht gewonnen, sondern gestohlen hatte. "Wir hätten damals schon auf die Straße gehen sollen." Seit dem 11. September werde seither Schritt für Schritt das Gerüst eines veritablen Polizeistaats aufgebaut. Er schloss mit der Aufforderung: "Mit Regimewechsel fängt man am besten zu Hause an!" Viele Frankfurter Teilnehmer bezogen dies offensichtlich auch auf die Situation in Hessen und Deutschland und klatschten begeistert.

Die World Socialist Web Site hatte auf der Demonstration einen eigenen Stand, und als Michael Morrissey hier vorbeikam, erklärte er, er sei täglicher Leser der WSWS und halte sie für die beste Informationsquelle überhaupt. Er setze große Hoffnungen in die bevorstehende WSWS -Leserkonferenz in Ann Arbor, Michigan, und hoffe darauf, sie werde weltweit bekannt gemacht.

Auch andere Teilnehmer der Demonstration vom Samstag kannten die World Socialist Web Site bereits. Die 18-jährige, deutsch-algerische Gymnasiastin Nawel schrieb eigens für die WSWS -Leser folgende Botschaft auf: "Hallo, ich bin so traurig darüber, was zur Zeit in der Welt passiert. Ich denke wir müssen uns als Menschen dieser Welt verstehen und anerkennen, dass jeder in Frieden leben möchte.... Ich hasse Blair und Bush, aber das heißt nicht, dass ich die englische und amerikanische Bevölkerung hasse! Es tut mir so leid, ‚Hass’ zu fühlen, ich danke euch."

Timo, ein weiterer Teilnehmer, erklärte: "Die US-britische Invasion dient nur der Ausbeutung des irakischen Volkes. Niemals kann Demokratie mit undemokratischen Mitteln hergestellt werden. Ich bin hier, weil ich mit der irakischen Bevölkerung fühle. Diese Proteste müssen dazu führen, dass sich weltweit etwas verändert." Zur rot-grünen Bundesregierung meinte Timo: "Wer A sagt muss auch B sagen. Immer noch gewährt die Bundesregierung Überflugrechte und den Schutz der Militärbasen. Andere europäische Länder wie Österreich haben ihren Luftraum doch auch gesperrt."

Ein anderer Teilnehmer verteilte eine Reproduktion eines Flugblatts von Karl Liebknecht von 1915 aus dem ersten Weltkrieg, mit dem Titel "Alles lernen, nichts vergessen!" worin es heißt: "Wie lange noch sollen die Glücksspieler des Imperialismus die Geduld des Volkes missbrauchen? Genug und übergenug der Metzelei! Nieder mit den Kriegshetzern diesseits und jenseits der Grenze!" Er sagte uns, er habe gedacht, dieser Text sei heute so passend.

Eine türkische Teilnehmerin, die ein Schild trug mit der Aufschrift: "Bush, du hast auch mir den Krieg erklärt!", betonte, man müsse jetzt aus der Geschichte lernen und den Aufstieg des Faschismus aus der Weimarer Republik erneut studieren. Die Frau legte Wert darauf, den Einmarsch türkischer Truppen im Nordirak zu verurteilen, und sagte: "Die türkische Bevölkerung ist damit überhaupt nicht einverstanden!"

Am gleichen Tag, dem 22. März, reisten 30.000 Kurden aus ganz Europa zu einer weiteren Veranstaltung nach Frankfurt: Dem kurdischen Frühjahrsfest Newroz, das jedoch stark den Charakter eines Protestes gegen den türkischen Einmarsch in den Nordirak annahm. Die Stadt Frankfurt hatte diese Veranstaltung verboten, das Verwaltungsgericht Kassel hob das Verbot jedoch wieder auf. Mehrere Hundertschaften Polizei waren aufgeboten, errichteten Blockaden an den Einfallstraßen und kontrollierten die Teilnehmer minutiös. Die ganze Zeit kreisten Polizeihubschrauber über der Stadt.

Siehe auch:
Für eine internationale Arbeiterbewegung gegen den imperialistischen Krieg
(22. März 2003)