Konfrontiert mit dem Widerstand der irakischen Öffentlichkeit

USA bereiten im Irak ein Blutbad vor

Von Bill Vann
28. März 2003

Angesichts des Scheiterns der Kriegsstrategie der Bush-Regierung, die auf einen schnellen Zusammenbruch des irakischen Regimes oder das Überlaufen des irakischen Volkes setzte, bereitet das Pentagon jetzt eine dramatische Eskalation seiner Angriffe auf die Zivilbevölkerung und die Armee vor.

Der britische Premierminister Tony Blair trifft am Donnerstag zu eintägigen Gesprächen mit Bush zusammen. Nach schweren Rückschlägen für die britischen und amerikanischen Truppen und im Vorfeld einer Schlacht um Bagdad, die Tausende ziviler Opfer kosten könnte, hat das Treffen in Camp David die Form eines Krisen-Kriegsrats angenommen. Die Logik der Ereignisse im Irak treibt die beiden imperialistischen Mächte in einen weit blutigeren Krieg, mit enormen politischen Auswirkungen.

Nach fünftägigen schweren Bombenangriffen und dem Vorrücken der amerikanischen Truppen bis auf neunzig Kilometer vor Bagdad deutete Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die wachsenden Schwierigkeiten der amerikanischen und britischen Invasoren an, als er vor der Presse sagte: "Es ist klar, dass wir immer noch näher am Beginn des Kriegs sind, als an seinem Ende. Dieser Feldzug wird in den nächsten Tage und Wochen wahrscheinlich noch viel gefährlicher werden."

Rumsfeld wurde mehrfach gefragt, ob die Regierung in der amerikanischen Bevölkerung nicht wider besseres Wissen die Erwartung auf einen schnellen "Befreiungs"-Krieg, fast ohne Blutvergießen, geweckt habe.

"Ich nicht," antwortete Rumsfeld und wies damit die Verantwortung für die "Schock und Schrecken"-Strategie von sich, die seine Mitarbeiter den Medien vermittelt hatten. Diese Strategie ging davon aus, dass eine intensive, gezielte Bombardierung zur Implosion der Regierung von Saddam Hussein führen werde, dass Hussein entweder ermordet oder durch eine Rebellion beseitigt, die irakische Armee dagegen weitgehend intakt bleiben und die Basis für ein US-dominiertes Regime abgeben werde.

Praktisch umgesetzt wurde sie durch zahlreiche Luftschlägen gegen Ziele, die als wichtige Schaltstellen und Machtzentren der Baath-Partei galten, und ergänzt durch eine psychologische Kriegsführung, die die irakische Bevölkerung und das Armeekommando überzeugen sollte, dass das Ende des Regimes unvermeidlich sei.

Im Rahmen dieser psychologischen Kriegsführung bemühte sich Washingtons, falsche Berichte über den Tod Saddam Husseins und den Tod oder das Überlaufen seines Stellvertreters Tariq Aziz zu verbreiten. Wiederholt wurde behauptet, hohe irakische Offiziere verhandelten über die Bedingungen ihrer Kapitulation. Zusätzlich wurden 25 Millionen Flugblätter über dem Land abgeworfen mit der Aufforderung an die Iraker, keinen Widerstand zu leisten.

Auch die "eingebetteten" Medien spielten ihre Rolle, indem sie das Bild einer nicht aufzuhaltenden amerikanischen Kriegsmaschine nach Bagdad übermittelten, die sich in halsbrecherischer Geschwindigkeit der irakischen Hauptstadt nähere. Das sollte mit Szenen von irakischen Zivilisten kombiniert werden, die im Süden des Landes die vorrückenden amerikanischen und britischen Truppen als Befreier begrüßen, und von der massenhaften Kapitulation irakischer Armeeeinheiten.

Propaganda und Realität

In weniger als einer Woche ist der Gegensatz zwischen den Vorstellungen, die dieser Strategie zugrunde lagen, und der Realität schmerzlich zu Tage getreten. Die Fehleinschätzung kam offenbar dadurch zustande, dass die politische Führung des Pentagon Opfer der eigenen Propaganda wurde. Mit den zahlreichen Vorwänden, die Washington für den Sturz des irakischen Regimes anführte, und der Dämonisierung seiner Führung wuchs auch die Überzeugung, dass das Regime nach dem ersten Stoß einfach zusammenbrechen werde.

Stattdessen zeigen sich die zentralen Figuren des irakischen Regimes recht lebendig und scheinbar zuversichtlich. Es hat keine Massenkapitulation gegeben - selbst das Pentagon spricht von nur ca. 3.500 irakischen Kriegsgefangenen. Und statt als "Befreier" begrüßt zu werden, haben amerikanische Truppen heftigen Widerstand seitens irregulärer Kräfte - unter ihnen auch zahlreiche bewaffnete Zivilisten - erfahren, die mehrfach Militärkonvois attackiert haben.

Dieser Widerstand gegen eine überwältigende militärische Übermacht haben eine heroische Seite. Das Geschrei des US-Militärs, die Aktivitäten der sogenannten Fedayin seien eine Verletzung zivilisierter Kriegsführung, klingen recht hohl. Schließlich haben sie selbst dem irakischen Volk die meisten Opfer mittels Cruise Missiles beigebracht, die aus einer Entfernung von mehreren hundert Kilometern abgeschossen werden, sowie mittels Kampfflugzeugen, die außerhalb der Reichweite irakischer Geschütze fliegen. Die Iraker kämpfen in ihrem eigenen Land gegen einen Feind, der ohne jede Provokation aus Tausenden Kilometern Entfernung gekommen ist, um sie zu erobern. Unter diesen Umständen kann man ihnen wohl kaum vorwerfen, sich mit allen verfügbaren Mitteln zu wehren.

In der kleinen Hafenstadt Umm Qasr, die die Briten angeblich schon in den ersten Stunden des Kriegs eingenommen hatten, ziehen sich die Kämpfe schon seit fünf Tagen hin und machen es unmöglich, den Hafen für das Entladen militärischer und humanitärer Güter zu nutzen. Um den Widerstand zu brechen, wurde Luftunterstützung und Artilleriebeschuss angefordert, wodurch die Stadt weitgehend zerstört wurde.

In Nasiriya, wo in den letzten 48 Stunden mindestens zehn amerikanische Soldaten getötet wurden, hält der Widerstand trotz intensiver Luftangriffe an.

Auch Basra, das die amerikanischen und britischen Kräfte auf ihrem schnellen Vormarsch auf Bagdad ursprünglich umgehen wollten, soll jetzt angegriffen werden, weil es dort zu irakischen Angriffen auf die Invasionstruppen gekommen ist. Das Pentagon hatte erwartet, dass Iraks zweitgrößte Stadt mit einer Bevölkerung von 1,5 Millionen Einwohnern die Invasoren freudig begrüßen werde, weil die schiitische Bevölkerung schon mehrere Male gegen das Regime von Saddam Hussein rebelliert hatte. Stattdessen musste ein amerikanischer Armeesprecher auch hier "Widerstandsnester" melden, wie der bevorzugte Ausdruck lautet.

Nach irakischen Quellen wurden von den amerikanisch-britischen Bombardements in Basra 77 Zivilisten getötet und mehrer hundert verwundet, die in die schlecht ausgerüsteten Krankenhäuser gebracht wurden.

UNO-Vertreter haben gewarnt, die Stadt könne am Rande einer humanitären Katastrophe stehen. Das Leben von mehr als 100.000 Kindern unter fünf Jahren sei wegen Mangel an sauberem Trinkwasser in Gefahr. Die Wasser- und die Stromversorgung der Stadt wurde durch die amerikanisch-britischen Angriffe unterbrochen.

Washington und London machen für die feindliche Reaktion in Basra und im übrigen Süden die Erinnerung an das Ende des Golfkriegs von 1991 verantwortlich, als der damalige US-Präsident George Bush die schiitische Bevölkerung zur Rebellion drängte, es sich dann aber anders überlegte und der irakischen Armee grünes Licht gab, die Rebellion brutal zu unterdrücken.

Als erste Berichte über erneute regierungsfeindliche Unruhen in Basra eintrafen, ließ Verteidigungsminister Rumsfeld keinen Zweifel daran, dass die Bush-Regierung über eine solche Entwicklung wenig begeistert wäre. "Ich zögere sehr, die Leute allerorten zu Aufständen zu ermutigen," sagte er. Washington ist sich darüber im Klaren, dass die Pläne für eine Besetzung des Landes nach Saddam die Unterdrückung jeder Volksbewegung erfordern.

Volkszorn

Unabhängige Beobachter im Irak betonen, dass die Invasion im irakischen Volk Wut und die Entschlossenheit geweckt hat, gegen die fremden Eroberer zu kämpfen, auch wenn das Regime in Bagdad verhasst ist. Die auffälligste Tatsache ist vielleicht, dass die erwartete Flucht über die Grenzen nicht stattgefunden hat. Stattdessen gibt es eine unübersehbare Bewegung in die andere Richtung; Iraker aus Jordanien, Syrien und andern Ländern streben nach Hause, um gegen die Amerikaner zu kämpfen.

Der Tod und die Gefangennahme amerikanischer und britischer Soldaten im Süden des Landes, ein abgestürzter amerikanischer Apache-Kampfhubschrauber und schwere Kämpfe in mehreren Gegenden hatten scharfe Kritik aus führenden Militärkreisen an der Strategie des Pentagon zur Folge.

Ranghohe Kommandeure hatten von Anfang an für eine viel größere Streitmacht geworben - die gegenwärtige Truppenstärke ist gerade einmal halb so groß, wie diejenige vom Golfkrieg 1991. Rumsfeld und die zivilen Führer befürworteten dagegen die Entsendung einer viel kleineren Armee, die sich dafür stark auf Spezialeinsatzkräfte und hochentwickelte Militärtechnologie stützen sollte.

Diese Unterschiede waren großenteils ideologisch motiviert. Die extrem rechten Kräfte, die in der Bush-Regierung die Kontrolle über das Pentagon übernommen haben, argumentieren seit langem für den unbeschränkten Einsatz militärischer Gewalt, um die geopolitische Landkarte im Nahen und Mittleren Osten im imperialistischen Interesse der USA neu zu zeichnen. Ihre verrückte Vision, dass die militärische Macht der USA und die Politik des freien Marktes die ganze Welt verändern können, verstellt ihnen einen objektiven Blick auf die enorme Opposition der Bevölkerung.

Hohe Militärführer im Ruhestand wie General Barry McCaffrey, einer der wichtigsten Kommandeure im Golfkrieg von 1991, haben das Pentagon öffentlich kritisiert, weil es zu wenig Truppen entsandt habe. Aktive Offiziere tun dasselbe hinter vorgehaltener Hand. Einige sind der Meinung, für den überraschenden Hinterhalt, der zur Gefangennahme von fünf Soldaten einer Versorgungseinheit und zum Tod von einigen weiteren geführt hat, sei die zu geringe Truppenzahl verantwortlich, die es unmöglich mache, die langen Versorgungswege von Kuwait aus ausreichend zu schützen.

Der schnelle Vormarsch auf die irakische Hauptstadt, der von einigen Militärs ironischerweise als "Bagdad 500" bezeichnet wird, lässt einen großen Teil der Invasionstruppen gefährlich ungeschützt, weil sich in ihrem Rücken feindliche irakische Truppen in beträchtlicher Menge befinden.

Für den Mangel an zusätzlichen gepanzerten Einheiten ist auch die überwältigende internationale Opposition gegen den Krieg verantwortlich. In der Türkei verhinderte diese Opposition, dass die Regierung den US-Militärs erlaubte, die vierte Infanteriedivision vom Norden her in den Irak zu senden. Militärtransporter mit den Fahrzeugen und der Ausrüstung der Einheit schippern noch immer vom Mittelmeer ins Rote Meer, nachdem das türkische Parlament die Erlaubnis für eine Landinvasion von türkischem Boden aus verweigert hat.

Ein weiterer Streitpunkt zwischen den zivilen und uniformierten Führern besteht in ihrer unterschiedlichen Einschätzung vom "Schutz der Truppe". Seitdem die US-Armee im Vietnamkrieg 55.000 Soldaten verlor und einen katastrophalen Einbruch der Kampfmoral erleben musste, hat sie immer an einer Doktrin festgehalten, die auf dem Einsatz überwältigender Gewaltmittel beruht, um so amerikanische Verluste auf ein Minimum zu beschränken. Deshalb haben die USA 1991 einen sechswöchigen Luftkrieg geführt und die irakische Armee durch B-52-Bomber zusammengebombt, ehe sie Bodentruppen nach Kuwait entsandte.

"Vietnam-Syndrom"

Was Bush und die zivilen Pentagon-Führer betrifft, kann das Leben der US-Soldaten problemlos aufs Spiel gesetzt werden. Tote auf dem Schlachtfeld sind ihnen nicht einmal unwillkommen, da sie das "Vietnam-Syndrom" überwinden möchten, das ihrer Meinung nach in einer zimperlichen Abneigung gegen amerikanische Gefallene besteht. Verluste unter den amerikanischen Soldaten sind für diese Regierung natürlich und notwendig, damit sie ihre Politik des "Präventivkriegs" weltweit durchsetzen kann.

Die jungen Menschen, die in diesem Raubkrieg getötet werden, bereiten Bush buchstäblich keine schlaflosen Nächte. Laut Berichten aus dem Weißen Haus hält er seinen normalen Tagesablauf ein, schläft jede Nacht tief, absolviert weiterhin sein umfangreiches sportliches Trainingsprogramm und verbringt die Wochenenden auf Camp David. Die jungen Menschen, die jetzt sterben müssen, sind schließlich nicht die Kinder seiner korrupten und reichen Freunde.

Nach den Verlusten der US-Kräfte im Süden gibt es wachsende Anzeichen dafür, dass das Pentagon eine militärstrategische Wende vorbereitet und die Regeln für die Invasionskräfte lockert, soweit sie Opfer auf irakischer Seite unter Soldaten und Zivilisten betreffen. B-52-Bomber, die aus England kommen, werden immer häufiger eingesetzt, um Truppenkonzentrationen südlich von Bagdad zu bombardieren. Am Dienstag waren etwa 1.400 Raketenabschüsse geplant. Aus dem Pentagon verlautete, dass Teile der 7. motorisierten Armee in einem einzigen Gefecht dreihundert oder mehr Iraker töteten, ohne dass näher erläutert wurde, ob es sich bei den Toten um reguläre Truppen oder bewaffnete Zivilisten handelte.

Inzwischen kündigte Rumsfeld an, die US würden als Vergeltung für die Fernsehberichte über amerikanische Verluste und für die Präsentation amerikanischer Kriegsgefangener im Fernsehen mit Angriffen auf irakische TV- und Radiostationen beginnen.

Washington bereitet schon die Argumente vor, um massenhaft Tote zu rechtfertigen. Es hat alle Zivilisten, die amerikanischen Truppen Widerstand leisten, als irakische Soldaten in Zivil oder als "Terroristen" kategorisiert, wie Rumsfeld es am Dienstag ausdrückte. Viele amerikanische Soldaten, denen gesagt worden war, man würde sie mit Blumen begrüßen, fühlen sich verraten. Während einige beginnen werden, die Gründe in Frage zu stellen, die ihnen von ihren Kommandeuren und der Bush-Regierung für ihre Anwesenheit im Irak gegeben wurden, werden andere ihren Zorn an der Zivilbevölkerung auslassen.

US-Vertreter zitieren auch ungenannte Geheimdienstquellen, laut denen die irakischen Truppen bereit seien, Chemiewaffen einzusetzen, sobald die Invasoren eine Linie südlich von Bagdad überqueren. Militärische Quellen haben durchblicken lassen, dass das US-Militär im Fall von Angriffen mit Chemiewaffen jede Zurückhaltung bei Angriffen auf zivile Ziele fallen lassen werde. So wie "Massenvernichtungswaffen" den Vorwand für die Invasion lieferten, so dient die Behauptung, dass solche Waffen gegen amerikanische Truppen eingesetzt werden könnten, als Rechtfertigung für den hemmungslosen Einsatz der Feuerkraft gegen dicht besiedelte städtische Gebiete.

Selbst die sogenannten "Präzisionsbomben" haben Dutzenden, wenn nicht Hunderten irakischer Zivilisten das Leben gekostet. Korrespondenten in Bagdad berichten, dass mit jedem getöteten Zivilisten und jedem zerstörten Wohnhaus der Zorn auf die amerikanischen und britischen Truppen wächst. Sie bestätigen, dass die Einwohner der Stadt nicht in der Stimmung sind, die Invasoren als Befreier zu begrüßen.

Das Scheitern der US-Militärstrategie in nur fünf Kriegstagen ist Ausdruck eines kolossalen Scheiterns der politischen Perspektiven der Bush-Regierung. Krieg ist nach Clausewitzens berühmtem Ausspruch "die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln." Für diese Regierung ist er die Fortsetzung ihres Gangstertums mit anderen Mitteln. Die ökonomische Ausplünderung und das kriminelle Verhalten der Konzerne im eigenen Land findet seine Fortsetzung in einem räuberischen Angriffskrieg nach außen. In beiden Fällen führt die Verfolgung des beschränkten Eigeninteresses einer korrupten Elite in die Katastrophe.

Der Angriff Washingtons und Londons auf Bagdad, eine Stadt mit fünf Millionen Einwohnern und ein historisches Zentrum der arabischen Welt, wird als Akt der Barbarei in einer Reihe mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki, den Bombenteppichen und dem Abwurf von Napalm auf Vietnam und den Kriegsverbrechen der Nazis im zweiten Weltkrieg stehen.

Die bevorstehenden Militäraktionen werden nur die Abscheu verdoppeln, die breite Schichten der Weltbevölkerung, auch in den USA, gegenüber dem Raubkrieg Bushs und Blairs empfinden.

Siehe auch:
Die Krise des amerikanischen Kapitalismus und der Irakkrieg
(25.. März 2003)
eine nicht-gehaltene Rede
( 25. März 2003)