Kinderarmut macht körperlich und seelisch krank

Von Werner Albrecht
24. April 2003

Die Armut unter Kindern in Deutschland wächst stetig. Dies führt zu schweren körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen und Krankheiten bei den Kleinsten in der Gesellschaft.

Die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) erklärte aus Anlass des Weltgesundheitstages, der in diesem Jahr unter dem Motto "Gesunde Umwelt - gesunde Kinder" stand, es müssten Lebensstile durchgesetzt werden, die die Gesundheit förderten. Einmal mehr kündigte sie ein Präventionsgesetz an und forderte, wirkungsvollere Gesundheitserziehung und Vorbeugung gegen Krankheiten schon im Kindesalter. An wen sie die Forderung stellte, blieb unklar. Schmidt wies darauf hin, dass soziale Ungleichheit Ursache für verminderte Gesundheitschancen von Kindern sei. Sie verschwieg aber, dass das wirksamste Präventionsgesetz gegen gesundheitliche Schäden bei Kindern daher ein "Gesetz" gegen Armut wäre. Ein solches kündigte sie nicht an.

Dass Armut krank macht, ist keine neue Erkenntnis. Es war daher in jedem Wahlprogramm der SPD zu finden, dass die Armut insbesondere unter Kindern bekämpft werden müsse. Aber was hat die rotgrüne Regierung auf diesem Gebiet bisher geleistet und wie wirken sich ihre in der Agenda 2010 angekündigten sozialen Kürzugsmaßnahmen auf Kinder und deren Gesundheit aus?

Ein kleiner Rückblick: Die Familienministerin der Kohl-Regierung, Claudia Nolte, hatte Ende August 1998 bei der Bekanntgabe des von ihre herausgegebenen "Zehnten Kinder- und Jugendberichts" das Problem einfach beiseite gewischt und erklärt, die Kindheit in der Bundesrepublik sei eine gute, denn es sei nicht gerechtfertigt, Sozialhilfebezug und Armut gleichzusetzen. Der Bericht beschrieb die Lage von 1995. Rund 860.000 Kindern und Jugendlichen befanden sich zu diesem Zeitpunkt in der Abhängigkeit von Sozialhilfe.

Wer nun geglaubt hatte, ein Regierungswechsel würde zumindest einiges positiv verändern, sah sich gründlich getäuscht. Der Ende April 2001 veröffentlichte erste Armuts- und Reichtumsbericht der rot-grünen Bundesregierung wies ein weiteres Wachstum der sozialen Ungleichheit in Deutschland nach. Dennoch bezeichneten auch SPD und Grüne die Armut als "Randphänomen", das auf "Problemgruppen" und auf "soziale Brennpunkte" begrenzt sei.

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2003. Die SPD und die Grünen sind seit 1998 in der Regierungsverantwortung. Durch ihre Politik - die Hartz-Reform, die Steuerreform, die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe sowie die Ausdehnung von Niedriglohnarbeit - verschärfen sich Verarmung und Überschuldung sowohl der Kommunen wie der Privathaushalte.

Noltes Nachfolgerin, Familienministerin Christine Bergmann, versprach anlässlich der Konferenz "Aufwachsen 2000" am 28. September 2000 in Berlin, die ungleichen Lebens- und Entwicklungschancen der Kinder zu überwinden. "Wir müssen den Kindern in unserem Land gleiche Entwicklungschancen eröffnen und für Familien Rahmenbedingungen schaffen, damit sie ihrer Verantwortung gerecht werden können", sagte sie. "Dazu brauchen sie neben besseren Rahmenbedingungen und einer entsprechenden Infrastruktur auch materielle Unterstützung. Kinderarmut gefährdet die Chancen von Kindern. Lebensverhältnisse in Armut bedeuten für Kinder eine Beschränkung ihrer Erfahrungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten."

Aber statt materielle Unterstützung zu geben, entzieht die Bundesregierung immer mehr armen Familien die elementarsten Lebensgrundlagen.

Neue Zahlen

Neue Zahlen vom Bundesamt für Statistik bestätigen einen Anstieg der Armut unter Kindern. "Die Armutsquote von Kindern bis zum Alter von 10 Jahren ist dreimal so hoch wie die der Älteren von mehr als 70 Jahren; mehr als die Hälfte der Kinder lebte im Jahr 2000 in prekären Einkommensverhältnissen", d. h. in Haushalten, die nicht mehr als 75 Prozent des Durchschnitteinkommens erzielen. Infolge der in den letzten Monaten rasant hochschnellenden Arbeitslosenzahlen dürfte die Zahl inzwischen noch erheblich gestiegen sein.

In dem 2002 herausgegebenen Buch Die vergessenen Kinder - Vernachlässigung, Armut und Unterversorgung in Deutschland zeigt Gerda Holz in einem Aufsatz mit dem Titel "Armut hat auch Kindergesichter", dass vor allem die jüngsten Altersgruppen von Armut betroffen sind.

"Ende 1999 gab es in Deutschland rund 14 Millionen Kinder und Jugendliche. Rund zwei Millionen Minderjährige lebten in Familien, die als einkommensarm zu bezeichnen sind, dass heißt, dass ihnen weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung steht. Mehr als eine Million der unter 18-jährigen bezog Sozialhilfe. Diese Gruppe setzt sich zusammen aus 227.000 Kleinkindern (unter 3 Jahre), 237.000 Kindern im Kindergartenalter (3 bis unter 7 Jahre), 445.000 Kindern im Schulalter (7 bis unter 15 Jahre) und 128.000 Jugendlichen (bis unter 18 Jahre). 554.000 dieser Minderjährigen (52,4 Prozent) lebten in einem Ein-Eltern-Haushalt mit alleinerziehender Mutter, 321.000 in einem Zwei-Eltern- Haushalt (Statistisches Bundesamt 2001)."

Gerda Holz erklärt: "Die großen gesellschaftlichen Ursachen sind in der Lebenswirklichkeit von Kindern und besonders von Jugendlichen,angekommen’, sie haben dort ihre spezifischen Auswirkungen und verlangen nach angemessenen Handlungsstrategien. Armut ist heute ein alltägliches Problem für Kinder und Jugendliche."

Die tragische Situation sozial benachteiligter Kinder werde stets mit den permanenten Forderungen der Regierenden nach Sparmaßnahmen kollidieren, trotz aller Bemühungen und Veröffentlichungen in Form von Studien, neuen Zahlen und Statistiken und Warnungen der Ärzteschaft, der Jugendhilfe sowie der Kirchen und Wohlfahrtsverbände.

Holz beschreibt dies konkret: "Flankierende Hilfsangebote, die bislang aus staatlichen Mitteln finanziert wurden und das Gefährdungspotential für die Kinder und deren Familien einigermaßen abfedern und eingrenzen konnten, fallen im Zuge moderner Sozialpolitik weg, oder werden bis auf ein Minimum reduziert (zum Beispiel Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Wohnraumbeschaffung, Sonderunterstützung wie Kleidergeld, Heizungsbeihilfen, kostenlose Ferienmaßnahmen oder betreute Freizeitangebote, Unterstützung von Selbsthilfegruppen, Einsatz sozialpädagogischer Familienhilfe und anderes mehr)."

Leben in Armut bedeutet eine Verringerung von Entwicklungsmöglichkeiten und Lebensperspektiven, mit anderen Worten also: Ein Leben ohne Aussicht, aus eigener Kraft seine Situation verändern zu können und ohne einen Plan aktiver Lebensführung. Es ist klar, dass das Leben in Armut nicht nur materielle Entbehrungen mit sich bringt, sondern das damit auch vielfach soziale Ausgrenzung, mangelndes Selbstwertgefühl, Hoffnungslosigkeit und Demoralisierung einhergehen, und diese wiegen umso schwerer, je länger die Armut dauert.

Auch Kinder empfinden materielle Armut, insbesondere durch Arbeitslosigkeit verursacht, als Demütigung und Deklassierung. Eltern, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder ausreichend kleiden und ernähren können, und Ängste vor der Zukunft haben, übertragen ihre eigene Unsicherheit unweigerlich auch auf ihre Kinder. Das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht verändert das Familienklima, Partnerschaften leiden darunter und ständige Konflikte überfordern die psychologische Belastbarkeit.

Armut und Krankheit

Aus einem Bericht der nationalen Armutskonferenz geht hervor, dass detaillierte Untersuchungen über den Zusammenhang von Armut und Krankheit bei sogenannten "Armutsrisikogruppen" (wie zum Beispiel Arbeitslosen, Wohnungslosen, Alleinerziehenden, Kindern und Ausländern) belegen, dass Arbeitslosigkeit mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko einhergeht. So erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer körperlichen Erkrankung von Arbeitslosen im Vergleich zu Beschäftigten um 30 bis 80 Prozent, bei psychischen Leiden sogar um ca. 100 Prozent.

Einer Studie der Universität Marburg zu Armutslebensläufen in Deutschland ist zu entnehmen, dass es sich beim Zusammenhang von Armut und Krankheit nicht um eine einseitige Beziehung, sondern um einen Teufelskreis handelt. Bei Erwachsenen mit chronisch schlechter Gesundheit erhöht sich gleichfalls das Risiko von Armut. Bei Kindern dagegen gilt, wer in Armut aufwächst, hat eine schlechte Gesundheit und dadurch von vornherein schlechte Startchancen im Leben.

Eine wichtige Rolle spielen hier insbesondere Infektionskrankheiten, Bronchialasthma, Zahnkrankheiten und sowie alle Arten von Kopf- und Rückenschmerzen. In Armut lebende und schlecht integrierte Kinder zeigen ein geringes Wohlbefinden, weniger Selbstvertrauen, Hilflosigkeit und psychosomatische Beschwerden.

Eine Studie des Gesundheitsamtes Göttingen zeigt weiter auf, dass bei fast jedem dritten Kind von arbeitslosen Eltern ein unzureichender Impfschutz vorlag, außerdem wurden Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch genommen. Soziale bzw. materielle Armut wirken sich in vielfacher Hinsicht auf Kleinkinder und Säuglinge und deren Entwicklungen aus: "So ist eine deutlich höhere postnatale Säuglingssterblichkeit als in den oberen sozialen Schichten festzustellen. Auch werden in den unteren sozialen Schichten deutlich mehr Kinder mit einem Gewicht von weniger als 2.500 Gramm geboren."

Einer Längsschnitt-Untersuchung aus Brandenburg zufolge sind Kinder aus ärmeren Familienverhältnissen häufiger an Unfällen im Straßenverkehr beteiligt als Kinder der Familien mit höherem Einkommen. Das Gleiche gilt bei Verletzungen durch Verbrühungsunfälle.

Das Kölner Sozial- und Gesundheitsdezernat weist auf den "Rückgang der Teilnahme an Krankheitsfrüherkennungs-Untersuchungen in sozial benachteiligten Stadtteilen" hin. "Auch Sprachauffälligkeiten, Sprachstörungen, Koordinierungsstörungen und Übergewicht treten bei diesen Kindern in diesen Stadtteilen vergleichsweise häufiger auf als bei Kindern, die in wohlhabenden Gegenden leben."

Der Leiter des "Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte", Dr. Med. Klaus Gritz, beklagt in der Gewerkschaftszeitung Ver.di Publik vom November 2002, dass in Deutschland aufgrund von sozialer Benachteiligung etwa 600.000 Kinder an Fehlernährung, Infektionen und Depressionen leiden.

Die "Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der frühen Kindheit e, V. (GAIMH)", die sich mit kritischen Lebenssituationen von Säuglingen und Kleinkindern in psychosozial belasteten Familien in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz auseinandersetzt, bezieht Stellung zu den Einsparungen im sozialen Bereich und deren Auswirkungen auf die seelische Gesundheit von Säuglingen, Kleinkindern und deren Familien. Sie konstatiert, dass Armut und soziale Not nicht isoliert, sondern in Wechselwirkung mit anderen psychosozialen Risikokonstellationen auftreten, so z. B. mit:

"1. verminderten Zugangsmöglichkeiten zu medizinischen, psychosozialen und pädagogischen Unterstützungsangeboten,

2. deutlich erhöhtem Risiko eines Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenmissbrauchs bei Jugendlichen und vielfach allein erziehenden Müttern,

3. organischen und psychosozialen Belastungen in der Schwangerschaft mit dem Risiko einer Frühgeburt und einer erhöhten psychosomatischen Empfindlichkeit des Säuglings und Kleinkindes,

4. beengten Wohnbedingungen,

5. konflikthaften Elternbeziehungen,

6. vermehrten elterlichen psychischen Belastungen und Störungen wie chronischer Depression, Überforderung und eingeschränktem Selbstwertgefühl."

Alle diese negativen Faktoren sind letztlich hinderlich für eine sozial-emotionale wie auch kognitive Entwicklung für Kinder, aus der nur schwer herauszukommen ist. So wurde nachgewiesen, dass zwei Drittel aller Dreijährigen, die starke Verhaltensauffälligkeiten zeigen, auch noch mit zwölf Jahren auffällig sind.

Dass Armut unter Kindern und deren Folgen in den letzten Jahren nicht abgenommen hat, bestätigt auch eine neue Studie, die das Frankfurter Institut für Sozialpädagogik und Sozialforschung (ISS) im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt ("Armut im frühen Grundschulalter") Ende Februar vorgelegt hatte. Das Fazit der Studie: Kinder, die heute in Armut leben, bleiben arm und auch ihre Kinder werden arm sein.

Die Kürzungsorgie der rot-grünen Regierung in allen sozialen Bereichen wird dies verschlimmern, begleitet von frommen Appellen und Forderungen in Sonntagsreden der Verantwortlichen wie Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt.

Siehe auch:
Kinderarmut in Deutschland
(30. Juni 2001)

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