Wie und warum die Vereinigten Staaten Plünderungen im Irak förderten

Von Patrick Martin
18. April 2003

Die ausgedehnten Plünderungen in Bagdad, Basra, Mosul, Kirkuk und anderen irakischen Städten nach dem Zusammenbruch des baathistischen Regimes von Präsident Saddam Hussein waren nicht nur eine zufällige Begleiterscheinung der Eroberung des Iraks durch das amerikanische Militär. Sie wurden von der Bush-rRegierung und dem Pentagon aus bestimmten politischen und wirtschaftlichen Gründen mit Absicht gefördert und begünstigt.

Tausende nahmen an den Plünderungen in Bagdad teil, die am 9. April begannen, als die Hussein-Regierung keine Kontrolle mehr über die Hauptstadt ausübte. Nicht nur die Regierungsstellen und die Häuser der baathistischen Elite wurden zum Ziel der Plünderungen sondern auch öffentliche Einrichtungen, die für die irakische Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind, wie Krankenhäuser, Schulen und Ausgabestellen für Lebensmittel. Aus den Kraftwerken wurden Geräte und Teile gestohlen, wodurch sich die Wiederherstellung der Stromversorgung für die Stadt mit 5 Millionen Einwohnern verzögerte.

Vielleicht der verheerendste Verlust für die irakische Bevölkerung ist die Plünderung des Nationalmuseums, das die größte Sammlung von archäologischen und historischen Artefakten des Mittleren Ostens beherbergte. Plünderer räumten die 28 Galerien des gewaltigen Museums leer und stahlen damit mehr als 50.000 unersetzliche Artefakte, Relikte vergangener Zivilisationen, die bis zu 5.000 Jahre alt waren. Der gesamte Katalog des Museums wurde zerstört und dadurch eine genaue Bestimmung der verloren gegangenen Schätze unmöglich gemacht.

Das amerikanische Militär stand daneben und ließ die Plünderung des Museums zu, die einen unermesslichen Schlag gegen die Kultur des Iraks und der Menschheit als Ganze darstellt. Ebenso erlaubten und begünstigten gar die Besatzungstruppen das Ausräumen von Krankenhäusern, Universitäten, Bibliotheken und staatlichen sozialen Einrichtungen und beschützten lediglich das Ölministerium mit seinem detaillierten Bestandskatalog zu den irakischen Ölreserven sowie das Innenministerium, in dem die Geheimpolizei des gestürzten Regimes ihr Hauptquartier hatte.

Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) mit Sitz in Genf erklärte in einer Stellungnahme, die Hilfsorganisation sei "zutiefst beunruhigt über das Chaos, das derzeit in Bagdad und anderen Teilen des Iraks herrscht." Das medizinische Versorgungssystem "ist buchstäblich zusammengebrochen", warnte das IKRK und erinnerte die Vereinigten Staaten und Großbritannien daran, dass sie nach dem Völkerrecht dazu verpflichtet seien, die grundlegende Sicherheit der irakischen Bevölkerung zu garantieren.

General Tommy Franks, der höchste Kommandoführer aller amerikanischen und britischen Streitkräfte im Irak, gab an die Kommandeure der einzelnen Einheiten einen Befehl heraus, der den Einsatz von Gewalt zur Verhinderung von Plünderungen ausdrücklich untersagte. Diese Anweisung wurde erst nach mehreren Tagen geändert, als sich Proteste von irakischen Bürgern gegen die Zerstörung ihrer sozialen Infrastruktur häuften.

Die New York Times berichtete über einen solchen Protest eines irakischen Mannes, der Wachmann des Al Kindi Krankenhauses in Bagdad war. Haider Daoud "sagte, er sei verärgert über seine Begegnungen mit amerikanischen Soldaten in der Nachbarschaft, und erwähnte einen Marine, den er vor zwei Tagen angefleht habe, das Krankenhaus zu bewachen. ‚Er sagte mir wortwörtlich: Er könne das Krankenhaus nicht beschützen‘, sagte Herr Daoud. ‚Eine große Armee wie die amerikanische kann kein Krankenhaus beschützen?‘"

Das US-Militär stand bei den Plünderungen nicht nur daneben und ließ sie geschehen, sondern förderte und erleichterte sie sogar. Nachdem das amerikanische Militär zwei Brücken über den Tigris für zivilen Verkehr geöffnet hatte, berichtete Die Washington Post, "war das unmittelbare Ergebnis, dass Plünderer herüber hasteten und ihr Treiben auf das Planungsminsterium und andere Gebäude ausdehnten, die verschont geblieben waren."

Die größte schwedische Tageszeitung, Dagens Nyheter, veröffentlichte am 11. April ein Interview mit einem schwedischen Forscher, der sich mit der Urgeschichte des Mittleren Ostens beschäftigt und als menschliches Schutzschild in den Irak gegangen war. Khaled Bayoumi sagte gegenüber der Zeitung: "Ich war zufällig gerade vor Ort, als die amerikanischen Truppen die Leute ermutigten, mit den Plünderungen zu beginnen."

Er beschrieb, wie US-Soldaten die Sicherheitsleute an einem Gebäude der Kommunalverwaltung an der Haifa Avenue am Westufer des Tigris erschossen und dann "die Türen des Gebäudes aufsprengten." Als nächstes, nach Aussage von Bayoumi, "kamen von den Panzern aufmunternde Aufforderungen in arabischer Sprache, die die Leute ermutigten, näher zu kommen."

Zunächst, sagte er, zögerten die Bewohner aus ihren Häusern zu kommen, weil am Morgen noch jeder, der die Straße zu überqueren versucht hatte, beschossen worden war. "Arabische Dolmetscher in den Panzern sagten den Menschen, sie sollten in das Gebäude gehen und mitnehmen, was sie wollten", fuhr Bayoumi fort. "Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und das Gebäude wurde geplündert. Ich stand etwa 300 Meter entfernt, als die Wachen ermordet wurden. Danach brachen die Panzer den Eingang zum Justizministerium auf, das sich in einem benachbarten Gebäude befand, und die Plünderungen gingen dort weiter."

"Ich stand in einer großen Menschenmenge und beobachtete dies gemeinsam mit ihr. Diese Leute nahmen an den Plünderungen nicht teil, wagten es aber auch nicht, dazwischen zu gehen. Viele hatten Tränen in den Augen vor Scham. Am nächsten Morgen gingen die Plünderungen auf das Moderne Museum über, dass ein paar hundert Meter weiter nördlich liegt. Auch dort gab es zwei Menschenmengen, die eine plünderte und die andere beobachtete dies mit Abscheu."

Kirkuk und Mosul

Es wurde von ähnlichen Szenen in Kirkuk und Mosul berichtet, den beiden großen Städten mit ethnisch gemischter Bevölkerung im Norden des Landes. Dort hatte das Plündern von öffentlichen Gebäuden einen direkten politischen Unterton, denn die Zerstörung von Eigentumsurkunden und anderen staatlichen Akten erleichtert ethnische Säuberungsaktionen gegen die arabische und turkmenische Bevölkerung von Seiten der kurdischen Kräfte, die jetzt in Zusammenarbeit mit den Spezialtruppen der Vereinigten Staaten die Region beherrschen.

In Kirkuk, wo das größte Ölfeld des Iraks liegt, hat die Patriotische Union Kurdistans bereits ihre Vertreter in den Häusern der früheren Führer der Baath-Partei untergebracht. US-Soldaten der 173. Fliegerbrigade hatten zwar die Kontrolle über einen irakischen Luftwaffenstützpunkt übernommen, aber erlaubt, dass Plünderer die Militärbasis mit ihren gestohlenen Gütern verlassen, ja ihnen sogar die Tore geöffnet, um sie durchzulassen.

Es gab keine ernsthaften Versuche, die Brandstiftungen an der Baumwollfabrik oder Amtsgebäuden der Stadt zu verhindern, aber die amerikanischen Truppen besetzten umgehend die Einrichtungen der North Oil Company, des staatlichen Betriebs, der die gewaltigen Ölfelder des Nordens verwaltet. Colonel William Mayville, der Kommandeur der Brigade, entsandte Soldaten zu drei Schlüsseleinrichtungen der Ölindustrie, während amerikanische Spezialtruppen die vier Anlagen zur Trennung von Öl und Gas bewachten. Mayville sagte gegenüber den amerikanischen Medien, dass er damit folgende Nachricht aussenden wollte: "Hey, vergreift euch nicht am Öl."

In Mosul, der größten Stadt im Nordirak, wurden Krankenhäuser, Universitäten, Labore, Hotels, Kliniken und Fabriken all ihrer Einrichtungen und Sachen beraubt. Die 700 amerikanischen Soldaten, die nach Mosul gesandt wurden, blieben länger als einen Tag vor der Stadt stehen, während die Diebstähle und der Vandalismus um sich griffen. Dies führte zu zahlreichen Beschwerden von Stadtbewohnern - über die sogar die amerikanische Presse berichtete - dass die Vereinigten Staaten die Raubzüge zulassen würden.

Rettet das Öl - und nichts weiter

Robert Fisk wies am 14. April in der britischen Tageszeitung Independent auf ein Muster hin, das in der Reaktion der amerikanischen Streitkräfte auf die Plünderungen in Bagdad zu entdecken ist. Diese, schrieb er, "zeigt deutlich, was die Vereinigten Staaten beschützen wollen." Er fährt fort: "Hier ein kurzer, aber aufschlussreicher Zwischenstand nach Tagen der Brandstiftung und Plünderung. Amerikanische Truppen haben sich zurückgehalten und erlaubt, dass Mobs das Planungsministerium, das Bildungsministerium, das Bewässerungsministerium, das Handelsministerium, das Industrieministerium, das Außenministerium, das Kulturministerium und das Informationsministerium zerstörten und in Brand setzten. Sie hielten Plünderer nicht davon ab, unbezahlbare Schätze der irakischen Geschichte im Archäologischen Museum Bagdad und im Museum der nördlichen Stadt Mosul zu zerstören, ebensowenig wie sie die Plünderung von drei Krankenhäusern verhinderten."

"Die Amerikaner haben allerdings Hunderte von Soldaten in zwei irakische Ministerien gesteckt, die unberührt - und unberührbar - blieben, weil Panzer und bewaffnetes Personentransporter und Militärjeeps in und vor den Einrichtungen platziert wurden. Und welche Ministerien erwiesen sich als so wichtig für die Amerikaner? Das Innenministerium natürlich - mit seinem großen Reichtum an geheimdienstlichen Informationen über den Irak - und das Ölministerium. Die Archive und Datenbestände des größten irakischen Aktivpostens - seine Ölfelder und, noch wichtiger, seine gewaltigen Reserven - sind intakt und unversehrt, vom Mob und den Plünderern abgeschirmt und in sicheren Händen, um - wie es Washington mit Sicherheit vorhat - mit amerikanischen Ölunternehmen geteilt zu werden."

Eine solche Gewichtung war in den Handlungen des amerikanischen Militärs bereits zu Beginn des Kriegs erkennbar. Der gleiche General Franks, der die US-Truppen anwies, nichts gegen die Plünderungen in Bagdad und anderen Städten zu unternehmen, hatte am 20. März dem Ersten Marineexpeditionskorps den Befehl gegeben, einen Tag früher als geplant mit der Invasion des Irak zu beginnen. Der Grund hierfür waren Gerüchte, die sich später größtenteils als falsch herausstellten, dass irakische Truppen die südlichen Ölfelder des Landes in Rumaila in Brand stecken würden.

Der Chef des Zentralkommandos legte seine vorherigen Operationspläne beiseite und nahm damit eine höhere Gefährdung des Lebens der Soldaten in Kauf, die vor dem Beginn der Luftangriffe in Aktion traten. All dies geschah, um das wirkliche Ziel des amerikanischen Kriegs zu beschützen: die gewaltigen Ölreserven des Iraks.

Die Politik der Plünderung

Der auffälligste Aspekt am Ausbrechen der Plünderungen war die gleichgültige Haltung der amerikanischen Regierungsvertreter in Washington.

Auf einer Pressekonferenz des Pentagons am vergangenen Freitag warf Verteidigungsminister Donald Rumsfeld den Medien vor, sie würden das Ausmaß des Chaos hochspielen, und argumentierte, dass die Plünderungen ein natürlicher und vielleicht sogar gesunder Ausdruck der angestauten Feindschaft gegen das alte Regime seien. "Es ist Unordentlichkeit", sagte Rumsfeld, "und Freiheit ist unordentlich. Und freien Menschen steht es frei, Fehler zu machen und Verbrechen zu begehen."

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Bush-Regierung weniger wohlwollend auf die "Freiheit" zum Plündern blicken würden, wenn Mobs in die Unternehmensbüros der Innenstädte von Houston, Washington oder New York einbrechen würden.

Wie bei jeder Handlung der Bush-Regierung spielen auch hier persönliche Habsucht und Profitgier eine wichtige Rolle. Das Plündern der staatlichen Einrichtungen des Iraks, das zu den Verwüstungen durch die amerikanischen Bombardements noch hinzukommt, ist Teil des Prozesses, den großen staatlichen Sektor in der irakischen Wirtschaft zum Wohle von amerikanischen Unternehmen zu zerstören. Es wurden bereits Aufträge an private amerikanische Firmen vergeben, neue Schulbücher zu liefern, das ausgeräumte medizinische Gerät zu ersetzen und sogar neue irakische Polizeikräfte auszubilden.

In der Orwellschen Sprache des New York Times -Kolumnisten William Safire, besteht das Ziel der Vereinigten Staaten darin "freies Unternehmertum und die Herrschaft des Gesetzes einzuführen" - durch die Mittel des verbrecherischen Angriffskriegs und nachfolgende umfassende Plünderungen. Diese bereiten den Boden für einen noch viel größeren Raub: die Privatisierung der gewaltigen irakischen Ölreserven und ihre direkte oder indirekte Ausbeutung durch amerikanische und britische Ölkonzerne.

Es geht hier allerdings um mehr als nur um Heuchelei oder auch den Hunger nach dem irakischen Ölreichtum. Die Plünderungen im Irak dienen direkt den politischen Interessen des amerikanischen Imperialismus, indem sie seine Herrschaft über das eroberte Land zementieren.

Die Bush-Regierung möchte die Entstehung einer neuen herrschenden Elite im Irak fördern, die sich aus den habgierigsten, reaktionärsten und egoistischsten Elementen zusammensetzt und sich als halbkrimineller Verband von Kompradoren vollkommen unterwürfig gegenüber den Vereinigten Staaten verhält. Die Aneignung von Eigentum durch den Raub des irakischen Staatsvermögens dient dazu, diese Kräfte durch ihre wirtschaftlichen Eigeninteressen an die amerikanischen Besatzungstruppen zu binden. Wie ein Armeeoffizier gegenüber der Times sagte, während er den Plünderungen zustimmend zusah: "Dies ist das neue Programm zur Umverteilung der Einkommen."

Es gibt ein Vorbild für eine solche Operation, das noch nicht sehr alt ist. Die Regierung von Bush dem Älteren ging auf gleiche Weise vor, als sie die Herausbildung einer neuen kapitalistischen Elite in Russland aus der sowjetischen Mafia und ehemaligen stalinistischen Bürokraten förderte, die sich Staatseigentum durch großangelegten und massenhaften Diebstahl zu eigen machten. Was der amerikanische Imperialismus in den 1990-er Jahren unter dem Etikett der "Schocktherapie" in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion vorantrieb, wird nun nach der Militäroperation "Schock und Entsetzen" auf den verwüsteten Irak angewandt.

Siehe auch:
Weitere Berichte und Analysen zum Krieg im Irak
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - Mai bis August 2003 enthalten.)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen